Uhrenbestimmung Zwei Taschenuhren aus Familienbesitz mit unbekannter Herkunft/Historie

Diskutiere Zwei Taschenuhren aus Familienbesitz mit unbekannter Herkunft/Historie im Taschenuhren Forum im Bereich Uhrentypen; Hallo zusammen, kürzlich tauchten bei Aufräumarbeiten auf dem elterlichen Dachboden (ich weiß, Klischee...) ein paar alte Uhren auf. Darunter...
Mr. Hadley

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Hallo zusammen,

kürzlich tauchten bei Aufräumarbeiten auf dem elterlichen Dachboden (ich weiß, Klischee...) ein paar alte Uhren auf.
Darunter drei Taschenuhren, eine davon vermutlich ein Totalschaden, zwei weitere mit reichlich Patina und Gebrauchspuren, aber voll funktionsfähig.
Laut meinem Vater waren die Uhren ein Geschenk eines befreundeten Kunstsammlers, der diese zuvor auf einem Trödelmarkt in Frankreich erstanden haben soll (Paris, je présume, le prochain cliché). Da meine Eltern dem Geschenk wohl wenig abgewinnen konnten, wanderten die Uhren ziemlich unmittelbar auf den Dachboden. Dort lagen sie seit den späten 60er / frühen 70er Jahren unbenutzt und unbeachtet.

Gleich vorweg: Es geht mir hier NICHT um eine Wertermittlung!
Ich möchte beide Uhren vom Uhrmacher revidieren lassen und in Ehren halten.
Da ich mich mit Taschenuhren bisher noch gar nicht beschäftigt habe, möchte ich euch hier um Unterstützung bitten:
Mich interessiert, woher und vor allem aus welcher Zeit die Uhren stammen, ob es sich um Handwerkskunst aus dem 18. Jahrhundert oder um Industrieware aus dem 20. Jahrhundert handelt etc.
Ich hätte auch gern eure Einschätzung/Meinung gehört, ob man hier nur das Nötigste (Gläser wieder einsetzen, Werksrevision) machen sollte, oder ob Ihr auch Gehäuse und Zifferblatt wieder ausbreiten lassen würdet...?

Ich lasse jetzt einfach mal Bilder folgen und freue mich auf eure Rückmeldungen und natürlich auch auf eure Fragen.

Uhr Nr. 1:
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Uhr Nr. 2:
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Mr. Hadley

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Interessant! Die Uhren scheinen bis auf das fehlende Herstellerlogo und die abweichende Gravur/Zieselierung des Bodens unserer Uhr identisch zu sein. Kann es sein, dass schon damals verschiedene Uhrmacher fertige Uhren / Rohlinge zugekauft und veredelt/individualisiert haben?

Uhr Nr. 1 also 1. Hälfte 20. Jahrhundert?

Uhr Nr. 2. ist übrigens deutlich kleiner und hat unzählige Punzen im Rückendeckel. Das Zifferblatt ist zweifarbig und aufwändiger gestaltet.
Meiner laienhaften Einschätzung nach ist Uhr Nr. 2 deutlich älter. Oder täusche ich mich und die Uhr wurde nur länger und intensiver genutzt?

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IMG_4961.jpg
 
Oelfinger

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Älter ja, alleine schon wegen des Schlüsselaufzuges. Wie alt kann ich nicht sagen. Für die Einschätzung der Columbus für Ende des 19., Anfang des 20. Jh. spricht auch die Zeigerverstellung über einen separaten Drücker. Irgendwann (man korrigiere mich wenn falsch) in den 1880ern ging es dann mit einer Übergangszeit über die gezogene Krone, wie heute noch üblich. Meiner Meinung nach ist die Columbus alleine schon wegen der Schwanenhalsregulierung nicht gerade als Brot- und Butteruhr zu bezeichnen.
 
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Mr. Hadley

Mr. Hadley

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Die Columbus läuft jetzt seit 24 Stunden, seither mit ca. 45 Sekunden im Plus.
Respekt!
Uhr Nummer 2 ist leider noch immer namenlos, hält sich mit + 80 Sek./24h aber auch wacker!
 
Ruebennase

Ruebennase

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Ich würde sagen die Eterna ist mit dem Emailblatt und den großen arabischen Zahlen um 1910 hergestellt und eindeutig mit einem Manufakturkaliber versehen. Falls sie flach ist, sollte es das Kaliber 165 sein http://www.schild-eterna.de/ (s. unter Taschenuhren). Eterna Werke sind ein Phänomen. Selbst bei vollkommen gerockten Uhren der Zeit laufen sie fast immer noch tacko.An ihr wirst Du noch viel Freude nach einer Reinigung haben. Ein bissel das Silber mit einem Tüchlein vom Oxyd befreienb und es ist eine schlichte, schlanke wunderbare Taschenuhr mit super solidem Manufakturwerk so wie sie sein soll.

Der Schlüsselaufzug ist älter und wohl aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Auf Grund der Blatt und Werksmerkmale würde ich sie um 1880/90 ein ordnen. Du hast vollkommen recht, die Basiswerke/Ebouche/Rohwerke stammen aus entsprechenden Fabriken/Blantiers und würden bereits 100 Jahre zuvor in nennenswerten Stückzahlen produziert. Für das Basiswerk brauchte man Maschienen und als sehr rares Gut der Zeit: Energie. Vorreiter war für Europa war Japy /Beaucourt/Frankreich, der lange Zeit den Markt beherrschte. Durch den exorbitanten Marktanteil war Japy auch Trentsetter in Sachen Werksdesign. Dein Werk wird als spätes Lepine IV mit Zylinderhemmung bezeichnet und wurde noch bis ca. 1900 verwendet. Alle Rohwerke waren grundsätzlich ohne Unruhe und Hemmung. Sie konnten in verschiedenen Finessierungsstufen geordert werden wobei sie zum ausgehenden Jahrundert immer "fertiger" wurden.
Nicht abwertend, sondern im Zeitkontext gesehen, hat deine Uhe phantastische Gangwerte. Sie ging vermutlich niemals wesentlich genauer. Es ist eine gute voll besteinte aber einfache Gebrauchsuhr (versus High-end bzw. goldenen Edeluhren) mit einer Zylinderhemmung. Damals kein einfaches billig Ding sondern wie jede gute Uhr teuer und der Stolz des Besitzers. Der gute Gang zeigt, dass die Substanz noch erhalten ist.

Grüße Rübe

Hier zur Verdeutlichung eine leide schlechte Kopie des aus dem Japiemuseumsheft mit einigen fertigen Werken des entsprechenden Types:

japykatalog.jpg
 
Mr. Hadley

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Hallo Rübe,

herzlichen Dank für Deine sehr aufschluss- und umfangreichen Informationen.
Du hast mir sehr geholfen.

Wenn ich das jetzt im Kontext mit dem Post von oelfinger richtig verstehe, ist die Uhr mit den arabischen Ziffern von Eterna und das Werk heißt Columbus? Und (Erst-)Verkäufer war König in Saarbrücken?

Schade, dass man die Historie vor dem Trödelmarktkauf nicht mehr rekonstruieren kann.
Immerhin hat zumindest eine der beiden zwei Weltkriege er- und überlebt!

Gruß

Hadley
 
Oelfinger

Oelfinger

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Eines der Probleme der genauen Altersbestimmung ist, das unterschiedliche Systeme eine Zeitlang parallel gebaut wurden. Schlüsselaufzug und Kronenaufzug oder auch Zeigerverstellung über einen separaten Drücker oder mit gezogener Krone. Das können schon mal 10 oder 15 Jahre Überschneidung sein.
 
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