Zugfeder-Ersatz bei Großuhren

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Ich habe neulich bei einem alten Gustav Becker Silesia Großuhrwerk die Zugfeder des Schlagwerks ersetzen müssen. Die alte war am inneren Ende mehrfach gebrochen. Glücklicherweise gab es durch den Bruch keine weiteren Beschädigungen im Uhrwerk.
Neue Zugfeder nach Maßen bestellt, es gab allerdings nur eine in 0,45mm Stärke, statt 0,5mm wie die Originalfeder. Aber besser als eine anfertigen lassen.
Die neue Feder aus dem Draht geholt, Federende in Form gebracht, eingeölt und eingewunden. Holla die Waldfee, das war ein Stück Arbeit! Die Feder war sehr kräftig, deutlich kräftiger als die intakte des Gehwerks und auch kräftiger als die alte, gebrochene. Und das, obwohl sie 0,05mm dünner ist. Die Uhr läuft mittlerweile wieder und schlägt auch gut und nicht zu schnell.
Aber offensichtlich ist die neue Zugfeder kräftiger als die alte, trotz geringerer Stärke. Anscheinend ist der moderne Federstahl härter als bei der alten originalen Feder. Nun ist diese natürlich gut 100 Jahre alt und sicherlich etwas erschlafft. Aber der Unterschied war so deutlich, dass ich nicht glaube, dass die alte Feder jemals so kräftig war wie die modern gefertigte.

Nun meine Frage: wie geht Ihr vor, wenn Ihr eine Zugfeder ersetzen müsst?
Setzt Ihr eine Feder in der alten Stärke ein, auch wenn sie kräftiger ist? Bestellt Ihr neue Federn bewusst etwas dünner als die zu ersetzende Feder? Gibt es da vielleicht eine Faustregel, wie stark die Ersatzfeder gewählt werden sollte?
Oder war das nur ein Einzelfall und normalerweise sind moderne Federn nicht nennenswert kräftiger als alte?
Ich bin gespannt auf Eure Meinungen und Erfahrungen und würde mich freuen, wenn Ihr sie teilt.

Bis dann:
der Schraubendreher
 
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Hi,
Heikles Thema, die Zugfedern.
Dazu mal folgendes: Deine "GB-Uhr" ist eine Uhr, hergestellt sicherlich von der VFU AG in Freiburg. Es kann möglich sein, dass die Zugfeder schon mal gewechselt wurde und daher ist es vollkommen ungewiss, ob bei diesem Wechsel eine Feder mit den originalen Werten eingebaut wurde, oder eine die eben so "Passt" aus dem Fundus.
Ich würde daher mal bei Flume oder auch bei Ranfft schauen, ob Deine Uhr da gelistet ist.
Wenn da keine Feder zu finden ist, bleibt nur noch selbst rechnen. Maßgabe ist der Federhaus-Innendurchmesser.

Der Durchmesser des Federpaketes im aufgezogenen Zustand soll gleich dem inneren Durchmesser des Paketes im abgelaufen Zustand sein. Wenn diese beiden Werte stimmen, hast Du automatisch auch die richtige Klingenstärke, da sonst das Federpaket nicht ins Haus passt (Durchmesser im Draht zu groß). Bei der Klingenbreite ausgehend von der Höhe im Federhaus (Lager des Kerns abziehen, bzw. Berücksichtigen) bis zum Deckel minus 0,5 mm annehmen, immer den kleineren Wert nehmen!

Der Durchmesser der Packung (aufgewickelt) entspricht dem Innendurchmesser des Federhauses. Dann hast Du auch schon die Klingenstärke und die Feder entspricht fast sicher dem Original.

Das neue Federn stärker sind, als die alten, verbaute, ist klar.
Anmerkung: Bei Uhren mit Schlossscheiben-Schlagwerken ist die Schlagwerkfeder immer die stärkere und längere. Man kann sie also nicht miteinander vergleichen. Bei Rechenschlagwerken ist das nicht mehr so gravierend.

Aber eine Frage bleibt mir:
Warum nimmst Du die Feder aus den Draht? Und warum "arbeitest" Du die Ösen nach? Auch Ölen oder Fetten braucht man neue, original verpackte Federn nicht. Die sind vom Hersteller her einbaufertig konfektioniert.

Du schreibst, es war eine "Holla die Waldfee, das war ein Stück Arbeit! " Verwendest Du keinen Federwinder? Dann sei gewiss, dass sich die Feder beim händischen Einwinden verzogen hat und ggf. klemmen wird 🥴.

Hier, in diesem Buch gibt es übrigens Anhaltspunkte und Hinweise zum Ersetzen der Zugfedern bei Großuhren: Kapitel 4, Der Federantrieb aus dem Buch von Prof. Dipl.-Ing. Ludwig Lehotzky, ISBN 978-39809557-3-7, Verlag Historische Uhrenbücher Florian Stern.
 
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Schraubendreher

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Hallo Rolf-Dieter,

Danke für Deine Antwort. Und für den Tipp mit dem Lehotzky, an den hatte ich gar nicht mehr gedacht. Es ist halt doch schon 25 Jahre her, dass ich in die Lehre gegangen bin. Die Eckmaße der Feder kamen aber hin, auch die Durchmesser der Federpakete im abgelaufenen und aufgezogenen Zustand stimmten überein. Ich glaube auch, dass die Feder noch original war, nenn es Instinkt. Ich achte auch darauf, die beiden Federn nicht zu vertauschen.
Lehotzky berücksichtigt aber auch nicht unterschiedliche Kräfte der Zugfedern, vermutlich weil er vom seinerzeit üblichen Federstahl ausgegangen ist.

Tjaaa, erwischt, der fehlende Federwinder ist mein wunder Punkt. Er steht ganz oben auf meiner Wunschliste was Werkzeug angeht. Ich habe in meiner Lehrzeit aber Zugfedern auch immer von Hand eingewunden, so gesehen kenne ich es nicht anders. Mit klemmenden Zugfedern hatte ich nach Handeinwinden bislang auch noch keine Probleme. Aber ein Federwinder soll trotzdem her, Blut auf den Zähnen des Federhauses ist einfach unsexy. ;-)

Ich bekam die Feder nicht aus dem Draht direkt ins Federhaus gedrückt, weil Herr Boley sie wohl etwas zu groß gewickelt hatte. Ich bekam sie nicht am Endhaken vorbei. Deshalb habe ich sie rausgenommen und von Hand eingehängt und eingewunden. Ich habe aber auch schon erlebt, dass Zugfedern direkt aus dem Draht nicht ordentlich einhakten und ich sie nochmal wieder raus nehmen musste.

Aber ich entnehme Deiner Antwort, dass Du die Zugfedern auch nach Federhausmaßen ersetzt und nicht bewusst eine dünnere Klingenstärke wählst als die alte Zugfeder, auch wenn die moderne Feder vermutlich kräftiger ist als die alte?
Okay. Vielleicht mache ich mir einfach auch zu viele Gedanken. Aber ich fand den Unterschied in der Federkraft so auffällig, dass ich mich wirklich gefragt habe, ob man da etwas beachten sollte.

Auf jeden Fall vielen Dank für die Hinweise. Es freut mich, dass dieses Forum ein Ort ist, an dem man auch über so fachspezifische Fragen diskutieren kann. Ich glaube, ich werde mich hier wohlfühlen.

Bis dann:
Marcus (der Schraubendreher)
 
Der Stromer

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Hallo, Markus.

Danke für Deine ausführliche Antwort. Was mich aber stutzig macht, ist der zu große Durchmesser des Paketes. Ich beziehe meine Federn meist aus USA (in Deutschland gibt es keine Passenden Federn für Jahresuhren, warum auch immer!). Die sind dann auch mit einem Draht gewickelt, passen aber immer mit mindestens 1 mm Luft in das Federhaus. Paket also ins Federhaus und dann den Draht abnehmen, Feder etwas nachdrücken und mit dem Schlüssel vorsichtig drehen, bis das Auge am Federhaus einrastet.

Zur Klingenstärke noch eine Anmerkung: Wenn man den Formeln von Lehotzky folgt, ergibt sich bei den angegebenen Maßen - FH-Innendurchmesser und den Durchmessern vom Federpaket Aufgezogen und Abgelassen generell die Passende Klingensträrke. Eine große Auswahl an Klingenstärke oder Länge gibt es da eigentlich nicht. Es sind ja Standard- Abmessungen. Ob das im Laufe der Jahrzehnte so entstanden ist, oder aus Berechnungen der Konstrukteure hervor gegangen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber es hat bisher - bis auf ein mal - immer gepasst. Und das eine Mal war ein Kauf hier in Deutschland und das Paket war im Durchmesser um 3 mm zu groß. Es wurde aber anstandslos umgetauscht.

Blut auf den Zähnen? So lange es nicht meins ist... :ok:🥴

Nach dem mir mal eine Feder 19 x 38 x 0,41 samt Federhaus durchs Zimmer geflogen ist, wurde der Federwinder angeschafft! Federhaus war dann Schrott und die Hand 7 Tage nur sehr eingeschränkt brauchbar:wand:.
 
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Harpye

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Ist schon Dampf dahinter.. selbst wenn beim Ablassen der Knaufgriff vom Werkzeug durch die Hand dreht oder?
 
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