ZENITH und der gallische Hahn (Kaliber 278)

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Unruhgeist

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Wohl kaum ein anderes Motiv der rückseitigen Uhrenschalenverzierungen trug um die Jahrhundertwende dermaßen zum Erfolg der Firma Georges Favre-Jacot (respektive Zenith) bei wie der gallische Hahn. Heute fast schon in Vergessenheit geraten, war dieses Motiv zwar nicht allein, aber maßgeblich ein Grund für die Verleihung des Grand Prix der Weltausstellung 1900 in Paris an die Firma Georges Favre-Jacot.
Der Hahn, eines der französischen Nationalsymbole, trug auf der Rückseite der Taschenuhren zusätzlich dazu bei, dass Zenith schlagartig auf dem französischen Markt nationale Bekanntheit erlangte.
Verliehen wurde der Grand Prix in der Kategorie „Künstlerische Gestaltung von Uhrenschalen“, wobei die Gesamtheit der ausgestellten Uhren der jeweiligen Hersteller bewertet wurde. Der „Gazette du Valais“ vom 20. Oktober 1900 zufolge hat die Firma Georges Favre-Jacot damit einen weiteren Rekord aufgestellt.
Angetreten sind in der genannten Disziplin insgesamt neun Hersteller.

Die französische Uhrengehäuseindustrie war durch folgende Aussteller vertreten:
  • Societé Anonyme des monteurs de boites d’or de Besançon
  • La Générale de Besançon
  • Lévy fréres de Besançon
  • Frainier père & fils de Morteau
Die Schweiz wurde auf der Ausstellung durch folgende fünf Firmen vertreten:
  • Servet de Genève
  • Dérobert de Genève
  • Ecabert de Les Bois
  • Brandt & frère de Bienne
  • Georges Favre-Jacot du Locle


Zur Einordnung der Bedeutung der industriellen Gehäusefertigung schrieb die „Solidarité horlogère“ am 9. Februar 1901 unter Bezugnahme auf die Weltausstellung:

„Die Herstellung von Uhrengehäusen ist eine echte Industrie, die in Besançon sehr viele Mitarbeiter beschäftigt, verteilt auf mehrere große Fabriken, die mit Dampf oder Wasserkraft betrieben werden. In der Schweiz beschäftigt diese Branche mehr als 2000 Arbeiter, verteilt auf die verschiedenen Städte und Dörfer: Chaux-de-Fonds, Locle, Biel, Genf, Granges, Solothurn, Schaffhausen, Fleurier, Travers, St. Imier, Villeret, Renan, Saignelégier, Noirmont, Tramelan, Breuleux, Porrentruy, Murten usw.
Die Société Anonyme de Besançon beschäftigt mehr als 250 Arbeiter und verwendet pro Jahr in etwa 1200 Kilo Gold im Wert von 3.200.000 Francs. Sie produziert sowohl für inländische als auch für ausländische Zwecke ca. 200.000 Goldgehäuse.
Der Wert des Silbers, das in der Société Anonyme sowie weiteren Werkstätten in der Region Besançon für die Herstellung von Silbergehäusen verwendet wird, beläuft sich auf etwa 1 Million Francs.“


Zum Vergleich wurden im Jahr 1900 laut historischen Quellen in der Schweiz 682.000 Goldgehäuse und 3.353.000 Silbergehäuse für Uhren produziert / gestempelt.

Die Verleihung des Grand Prix 1900 erachtete Zenith für so wichtig, dass dieser Preis noch mehrere Jahrzehnte nach der Verleihung auf vielen Staubdeckeln ihrer Taschenuhren erwähnt wurde. Mal in der Kombination mit der Goldmedaille der schweizerischen Nationalausstellung 1896 in Genf und der Medaille der Pariser Weltausstellung 1889, später dann nur noch mit der Erwähnung der Weltausstellung 1900.

Für diese Vorstellung lagen nun zwei Uhren mit der Darstellung des gallischen Hahns vor. Eine davon in Tula-Silber, von der bisher nicht bekannt war, dass es diese Ausführung überhaupt gibt, die andere in der klassischen Reliefausführung, wie sie gelegentlich in Büchern, Berichten, Auktionshäusern etc. auftauchen.

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Auf der Weltausstellung soll den Quellen zufolge die Reliefausführung ausgestellt gewesen sein. Zu der Variante in Tula fanden sich keine Erwähnungen. Das Ausstellungsstück soll zudem mit dem Motto „RÉVEILLONS NOUS“ (Lasset uns erwachen) verziert gewesen sein. Jedoch ist nicht bekannt, ob sich das Motto außen auf dem Deckel in dem Band das sich hinter dem Hahnenkopf quer über das Gehäuse zieht befand, oder ob es auf dem Staubdeckel eingraviert war.
In späteren Ausführungen, lange nach der Weltausstellung, war in dem Band der Ausruf „VIVE LA FRANCE“ in Reliefbuchstaben zu lesen. Bedingt durch die Feinheit der Buchstaben haben diese sich aber durch den Gebrauch der Uhr in den Taschen sehr schnell abgerieben. Gut erhaltene Stücke, bei denen der Spruch noch gut lesbar ist, sind kaum noch zu finden. Auch bei der vorliegenden Uhr stand der Spruch auf dem Band, er ist aber selbst unter Verwendung einer Lupe nur noch zu erahnen. Das „E“ von „VIVE“ ist zwischen den Ähren auf der linken Gehäuseseite gerade noch erkennbar, und die Buchstaben „CE“ von „FRANCE“ finden sich auch nur noch schemenhaft ganz rechts außen auf dem Deckel.

Der Staubdeckel dieser Reliefuhr ist nur mit der Gravur „Grand Prix Paris 1900“ an der unteren Kante des Deckels versehen. Üblicherweise wurde diese dezente Art des Hinweises verwendet, um dem Käufer die Möglichkeit zu geben, den Staubdeckel mit einer persönlichen Widmung gravieren zu lassen, was bei dieser Uhr aber nicht geschah.
Dagegen ist der Staubdeckel der Tula-Uhr aus historischer Sicht um ein Vielfaches interessanter, weil dort der Grand Prix 1900 noch gar nicht erwähnt ist!
Es finden sich nur die Medaillen der Pariser Ausstellung von 1889 und der Genfer Ausstellung von 1896. Es ist einer der typischen Staubdeckel des Hauses, wie sie zwischen 1896 und 1900 VOR der Verleihung des Grand Prix Verwendung fanden.

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Auf der Innenseite des Deckels ist die Zenith-Bildmarke zu sehen, die am 12. März 1897 eingetragen wurde, und die bis heute in unveränderter Form von Zenith verwendet wird.
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Zwar ist der Staubdeckel ein starkes Indiz für eine Produktion vor oder gar während der Weltausstellung, für sich allein betrachtet aber zu schwach, um dies mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit zu behaupten. Die weitere Suche erstreckt sich daher auch auf das Werk. Verwendet wurde in beiden Fällen das Kaliber 278, mit 15 Steinen und einer einfachen Regulierung mittels Rückerzeiger. Ein im Verhältnis zum aufwändigen Gehäuse relativ einfaches Uhrwerk ist aber (nicht nur bei Zenith) nichts Außergewöhnliches. Uhren mit Relief- oder Tulagehäuse waren in den meisten Fällen mit Standardwerken ausgestattet. Nur selten gab es sie mit 17 oder mehr Steinen oder auch mit Schwanenhalsregulierungseinrichtungen. Dies hängt vermutlich mit dem damals erzielbaren Endpreis zusammen. Aufwändige Silbergehäuse mit sehr feinen Uhrwerken dürften nahe an den Preis einer Golduhr gekommen sein, was den Verkauf vermutlich erschwert hätte.

Für einen groben Vergleich lassen sich die Preise aus Anfang der 1930’er Jahre für derartige Uhren heranziehen:

Alle Fabrikate Zenith, alle Ausführungen als Lepine Herrenuhr 18 – 19‘‘‘

Relief: 40,25 CHF
Tula: 45,50 CHF
Gold (14k) 79,50 CHF


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Das Werk der linken Abbildung zeigt das Kaliber 278 wie es ab etwa 1905 produziert wurde. Der Unruhkloben hat schon die breitere geschwungene Form und die Federhausplatine ist links vom Kronrad einigen Materials beraubt.
Im Vergleich dazu hat der Unruhkloben auf der rechten Abbildung die alte gerade Form, wie sie schon in den 1880’er Jahren verwendet wurde. Auch kommt die Räderwerksplatine im Bereich der Ausschweifungen etwas huckeliger daher als die jüngere Bauform. Das Kaliber wurde etwa zwischen 1895 und 1899 entwickelt und wurde über die Jahre mehrfach modifiziert. So gibt es dieses Kaliber beispielsweise auch mit separatem Ankerradkloben oder auch mit modifizierten Platinenformen.



Als drittes und letztes Indiz für eine Produktion vor oder während der Weltausstellung, in jedem Fall aber vor der Verleihung des Grand Prix, ist die Seriennummer: Bei beiden Werken steht diese auf der Zifferblattseite des Uhrwerks, wie es bei Zenith damals üblich war. Der Unterschied, der die „alten“ von den „neuen“ Seriennummern ausmacht ist der, dass bis etwa 1900 die Werknummern und die Gehäusenummern identisch waren. Die Nummerngleichheit trifft auch bei der Tulaversion zu, nicht aber bei der Reliefuhr. Und mit der Nummer 403738 ist sie verhältnismäßig dicht an den Nummern 330xxx dran, von denen verbrieft ist, dass diese 1898 produziert wurden.
Um 1900 war die Fabrik in der Lage, ca. 500 Uhren täglich zu produzieren. Bei einer damals üblichen 6-Tage Woche ergibt das ca. 150.000 Uhren pro Jahr.

In Anbetracht aller drei Indizien, Staubdeckel, Werksaufbau und Seriennummer, lässt sich daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass diese Tulaversion tatsächlich vor oder während der Weltausstellung produziert wurde – was sie damit, neben der Ausführung in Tula, zu einer außergewöhnlichen Sammlungsuhr macht.

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Einer Anekdote zufolge soll der französische Staatspräsident Émile Loubet während des Besuchs des GFJ-Standes außerhalb des Protokolls den Wunsch geäußert haben, dass eine solche Uhr in seiner Tasche ticken möge. Ob diesem Wunsch nachgekommen wurde ist nicht bekannt.




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CFG

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Eine tolle Taschenuhr. Vielen Dank für die Vorstellung und viel Freude mit ihr.
 
steinhummer

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Vielen Dank für diese außergewöhnliche und sehr informative Vorstellung von Uhren einer Marke, die mich auch schon lange anspricht.

Pitt
 
illhunterz

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Danke für deine Vorstellung. Wieder etwas neues über die Details an den Staubdeckeln gelernt!
 
Unruhgeist

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@Mapa : Es ist der Versuch, etwas Ursprünglichkeit in das heutige bunte Allerlei zu bringen.

@CFG : Danke, werde ich haben. Aber getragen werden diese Uhren nicht mehr. Jedenfalls nicht von mir. Von Zeit zu Zeit werden sie aber mal aufgezogen.

@steinhummer : Och, es gibt auch noch spannendere Zeniths. Wenn zur Historie auch noch Präzision und Technik hinzu kommt ;-)

@illhunterz : Wenn es noch detailreicher sein soll mit den Staubdeckeln geht es hier weiter. Richtig tief wird es dann im Diskussionsfaden, wo die Gebäude auf den Medaillen seziert werden.

Grüße,
Unruhgeist
 
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