ZENITH Uhren mit Bankenbezug

Diskutiere ZENITH Uhren mit Bankenbezug im Taschenuhren Forum im Bereich Vintage-Uhren; Moin moin zusammen, da hier in letzter Zeit so einige interessante Taschenuhren vorgestellt wurden, möchte ich auch mal wieder meinen Senf dazu...
Unruhgeist

Unruhgeist

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Moin moin zusammen,

da hier in letzter Zeit so einige interessante Taschenuhren vorgestellt wurden, möchte ich auch mal wieder meinen Senf dazu geben. Allerdings stammen diese Uhren nicht aus irgendwelchen Erbschaften und sind (leider) auch nicht in meinem Besitz. Sie gehören einem Sammler, der auch dem Zenith-Virus verfallen ist, der aber das Licht der Öffentlichkeit und somit auch dieses Forums etwas scheut. Dennoch durfte ich zwei Exemplaren, von denen ich schwer begeistert war, mit der Kameralinse zu Leibe rücken. Das eine Modell kannte ich bereits aus Büchern und Internet, habe es aber selten in einem so guten Zustand gesehen. Die andere Uhr war mir völlig unbekannt. Hatte ich noch nie gesehen mit dem Rückdeckel.
Beide Uhren haben ein Thema gemeinsam: Die schweizerischen Banken. Die eine Uhr wurde vermutlich an sehr solvente Kunden / Geschäftspartner und / oder die Vorstände oder Aufsichtsräte der Banken vergeben, während die zweite ein Mysterium bezüglich Herkunft im Sinne „wer war der Auftraggeber und wer die Zielgruppe" darstellt. Aber dazu später mehr.
Und auf welchem Hintergrund sollte man solche Uhren schon fotografieren, wenn nicht auf Kies!? Denn um nichts Anderes ging (geht) es ja. Und das damalige Hin- und Herschaufeln von Kies brachte so nebenbei diese Uhren hervor.

Fangen wir mit der bekannteren Uhr an:
Sie wurde 1922 von dem schweizerischen Bankenverein anlässlich des 50. Jubiläums herausgegeben. Dieser wurde 1872 von sechs etablierten Basler Privatbanken als „Basler Bankverein“ gegründet. In den Jahren 1890 bis 1897 stießen die Basler Depositenbank, der Zürcher Bankverein und die Schweizerische Unionbank hinzu. Ab 1897 nannte sich das Konglomerat „Schweizerischer Bankverein“.
Dieser Verein ist eine von drei parallel verlaufenden Hauptlinien verschiedener Bankenvereine, zu denen im Laufe der Jahrzehnte noch weitere Banken hinzustießen, bis all diese Vereine im Jahre 1998 in der heutigen UBS AG fusionierten.

Die Uhr ist (natürlich) von Zenith und in einem aufwändigen Tulagehäuse ausgeliefert worden.
Den Glasring ziert die Inschrift „SOCIETE DE BANQUE SUISSE * 1872 * 1922*“
Auf der Rückseite findet sich die Helvetia umgeben von Getreideähren. Die extrem feine Linierung durch die der Kopf dargestellt ist führten bei anderen Uhren sehr häufig zu starkem Abrieb, sodass die Darstellung nur noch schlecht erhalten blieb. Die verhältnismäßig sehr großen Tulaflächen rechts und links des Kopfes neigen zudem zu großen Abplatzungen des Tulas, sofern die Uhren im täglichen Gebrauch waren. Wirklich gut erhaltene Rückseiten dieser Uhr sind daher sehr selten. Diese ist zwar auch nicht perfekt, aber doch in einem außergewöhnlich guten Zustand.

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Der Staubdeckel wurde individuell für den Kunden gestaltet, ohne die üblichen Hinweise auf Medaillen und Grand Prix Teilnahmen:
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Das Werk ist ein Zenith Standardwerk der damaligen Zeit in gehobener Ausführung mit mindestens 16 Steinen und Feinreglage nach Hermann Roost.
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Kommen wir zur zweiten Uhr:
Diese wurde, von wem auch immer, zur „Reunion des Banques Cantonales Suisses“ herausgegeben und datiert auf 1918 mit der Ortsangabe Neuchatel. Da es sich bei Kantonalbanken auch damals um öffentlich-rechtliche Einrichtungen handelte, ist kaum vorstellbar, dass die Bank selber der Auftraggeber dieser Zeitmesser war. Zumal es sich in diesem Fall nicht um Standarduhren handelte, sondern um Taschenuhrwecker mit einem Reliefdeckel.
Zwar konnte ich nichts zu einer Re-Union schweizerischer Kantonalbanken im Jahre 1918 finden, dennoch ergaben sich erstaunliche Einblicke in die damaligen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Schweiz, in der diese und natürlich auch alle anderen Uhren, die wir heute des Sammelns wert betrachten, entstanden.
Für einen kurzen Einblick in die damalige Zeit kopiere ich hier die ersten zwei Absätze aus einem Artikel über die Entstehung der Basler Bankenvereinigung rein:

Erster Jubiläumsbeitrag von Felix Erbacher erschienen in der Basler Zeitung vom 29. Januar 2018.

Die Basler Bankenvereinigung ist vor 100 Jahren gegründet worden. 1918, das letzte Jahr des Ersten Weltkrieges, war schrecklich, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Die Schweiz stand am Rande eines Bürgerkrieges. Bourgeoisie und Arbeiterschaft standen sich gegenüber. Die Folgen des Weltkrieges: Die Preise stiegen ins Unerträgliche, die Lebensmittel wurden knapp. Die Zahl der Notstandsberechtigten betrug fast 700’000 Personen, bei einer Gesamtbevölkerung von 3,8 Millionen. Brot, Fett, Käse und Milch wurden nacheinander rationiert. «Alles wird beständig teurer. Aber schlimmer als alle tatsächliche Teuerung wirkt jene rücksichtslose industrielle Gewinnsucht», schrieb die Neue Zürcher Zeitung, wahrlich kein Blatt der Linken, am 28. April 1918.


Soziales Tauziehen
So kam es schweizweit zu massiven Protestaktionen. Ende Oktober streikten ausgerechnet die Zürcher Bankangestellten während zwei Tagen. Dies war ein deutliches Fanal für die Bürgerlichen. Vom 11. bis 14. November kam es schliesslich zum Generalstreik. 250’000 Arbeiter und Gewerkschafter beteiligten sich daran. Auch in Basel wurde gestreikt. Immerhin sorgten Regierung und Streikführung zusammen für einen geordneten Ablauf des Aufstandes. Diese gewaltige Manifestation gehört zu den einschneidendsten sozialen Tauziehen in der Schweizer Geschichte. Natürlich lähmte sie die Wirtschaft.


Für Interessierte geht es hier zum ganzen Artikel.
Weitere Quellen zu den damaligen sozialen Verhältnissen der Schweiz finden sich problemlos bei Google und Wikipedia.

Angesichts solcher Umstände, die sich sicherlich nicht nur auf das Jahr 1918 bezogen, stellt sich schon die Frage wer der Auftraggeber dieser Uhr war. Die Kantonalbank Neuchâtel wird es wohl nicht gewesen sein. Kann ich mir jedenfalls schon deshalb nicht vorstellen, weil in den Kantonalbanken ja auch staatliche Gelder eine nicht unwesentliche Rolle spielten.
Vielleicht klären sich ja die Entstehungsumstände irgendwann noch auf.

Nun aber zur Uhr: Natürlich auch eine Zenith.

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Das Werk ist wie zu erwarten das Weckerkaliber von Le Phare, die damals zu Zenith gehörten. Zu dem Kaliber gibt es im Forum schon ausführliche Vorstellungen, weshalb ich nicht weiter auf die Technik des Uhrwerks eingehe.
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Ich hoffe, etwas zur Tageskurzweil beigetragen zu haben. Vielleicht kann ja auch jemand noch etwas historisch Aufhellendes zur zweiten Uhr beitragen?

Grüße,
Unruhgeist
 
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Ruebennase

Ruebennase

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Moin Unruhegeist, ich habe gesucht und gewühlt.Ich finde auf Teufel komm raus nicht das zweite Wappen das auf dem Wecker abgebildet ist. Ich hoffte das das ein möglicher Weg sein könnte heraus zu bekommen wer wieder vereint wurde ("reunion"). Heraldik ist echt etwas für Andere. Diese Uhr ist in jedem Fall nicht in einer größeren Auflage heraus gekommen. Im Gegensatz zu der zuerst gezeigten, ist Sie mir noch nicht durch das Durchforsten der gängigen Verkaufsplattformen nach "Zenith" und Co. unter gekommen. Da ich das schon ein paar Jährchen regelmäßig mit unterschiedlicher Intensität tue, hat das schon eine gewisse Aussagekraft. 1918 einen aufwändig invidualisierten Zenithwecker für Werbezwecke im weitesten Sinne zu ordern wo das ganze Land in der Kriese steckt ist schon merkwürdig.
Die zuerst gezeigt Helvetia der SOCIETE DE BANQUE SUISSE zum 50 Jährigen Jubeilläum wurde laut Staubdeckel an die Mitarbeiter aus gegeben. Tatsächlich gibt es sie mit Deutsch-, Englisch und Französisch sprachigem Staubdeckel. Ich stimme Dir vollkommen zu. Entweder gibt es diese Uhren in sehr gebrauchtem Zustand oder sehr selten als Fullset zu entsprechendem Preis. Im Komplettset ist dann neben einer Garantiekarte sogar ein Bulletein de marche vorhanden. Ob es ein externes oder hausinternes ist habe ich vergessen. In jedem Fall war das schon eine sehr feine Zenith und das plastisch erscheinende Gesicht der Helvetia ist wirklich bemerkenswert. Kies umschaufeln scheint ein lohnendes Geschäft zu sein :-).

Fein fein
Rübe
 
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Unruhgeist

Unruhgeist

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Hallo Rübe,

der Ansatz mit den Wappen ist gut! Das Neuenburger Wappen habe ich auch erkannt, aber das andere nicht. Ich habe da jetzt mal tiefer gebuddelt.
Es ist das Wappen der Gemeinde Neuchatel im Kanton Neuenburg. Der Ort, in dem auch die Kantonalbank ansässig ist. Ich dachte ja auch, dass das zweite Wappen dasjenige des Ortes sein könnte, mit welchem die Neuenburger sich wiedervereinigten. Scheint aber ein Irrweg zu sein.
3191115

Aber es scheint auch eine Lösung zu geben: Nachdem ich nun stundenlang Wiki, Google, bing und sonstige Informationsspender erfolglos gequält habe, immer in dem Glauben, dass "Reunion" so etwas wie "Wiedervereinigung" bedeutet, habe ich das Wort mal bei einem Übersetzer eingegeben. Und der warf mir "Treffen" aus. Folglich habe ich das mal gegoogelt und gleich unter den ersten 10 Treffern fand ich einen Artikel über die "13. Generalversammlung der Kantonalbanken am 6. Juli 1918 in Neuchatel".

Und weil das so schön einfach war, gab es auch gleich ein datiertes und gerahmtes Gruppenfoto dazu:

3191139
Bild entliehen bei der Zürcher Kantonalbank

Aber wenn ich mir vorstelle, dass vielleicht jedem dieser Herren eine solche Uhr übergeben wurde und es vielleicht viel mehr auch gar nicht gibt - und wenn ich das in Zusammenhang setze mit dem Artikelausschnitt den ich weiter oben reinkopiert habe, dann kriege ich auch 102 Jahre später noch Blutdruck.
Aber das weite ich besser nicht aus, sonst geht hier der Thread zu. Und es ist ja auch nur eine Vorstellung - also reine Phantasie...

Zurück zum Thema:
Das Rätsel um „Reunion des Banques Cantonales Suisses“ ist damit gelöst. Und wenn die Phantasie ansatzweise zutreffen sollte, dann kann man auch den Auftraggeber erahnen.

Grüße,
Unruhgeist
 
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