Zenith Kaliber 1724 oder das Planetengetriebe um die Ansprüche der Damenwelt zu befrieden

Diskutiere Zenith Kaliber 1724 oder das Planetengetriebe um die Ansprüche der Damenwelt zu befrieden im Damenuhren Forum im Bereich Sonstige Uhren; Wir befinden uns Mitte bis Ende der 1960'er. Stand der Technik für Armbanduhren waren die Automatikwerke. Die Damenwerke, ob Ihrer Winzigkeit...
Ruebennase

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Wir befinden uns Mitte bis Ende der 1960'er. Stand der Technik für Armbanduhren waren die Automatikwerke. Die Damenwerke, ob Ihrer Winzigkeit, stellten eine große Herausforderung an die Uhrwerkshersteller. Die "berühmsteste" Automatik ist sicherlich die 1966 erschienene Eterna matic golden heart: bidfun-db Archiv: Armbanduhren: 689: DAU Eterna-Matic Golden Heart, Miniatur-Automatic, 1966. Auch im Hause Zenith setzte man einiges in Bewegung um ein eigenes Damenuhrwerk zu entwickeln. Klein macht die Sache nun einmal kompliziert. Das Herrenuhrwerk 2522P auf Basis der Martelautomatik hatte man bereits seit 1960 im Markt lanciert. 1967 kam das erste Automatikwerk für Damenuhren mit 7,35 Linien ( 17,2x4,35 mm ) auf den Markt:
1724werkuhr.jpg


Feinregulage, Inca-bloc Stoßsicherung und ein Rotor also soweit alles unauffällig und zeitgemäß. Mit Datum hieß das Kaliber dann 1724C :

1724crespirator.jpg

Dieses tickt in diesem Fall in dem recht bekannten Serienmodell "Respirator". Zum Größenvergleich habe ich die Uhr mal mit neben einem "Leichenrest" vom FM einer fast gleichaltrigen Herrenuhr gelegt:
Respiratoren.jpg

Das Werk wurde auch mit kleiner Sekunde als 1725 und 1725c bezeichnet und ebenfalls ab 1967 gebaut.

Soweit ist kein Grund zu erkennen warum dieses Werk eine eigene Vorstellung verdient :-). Dann wagen wir uns mal in das Innerste, was ein Peter ein guter und extremst uhrwerksneugieriger Freund beim Reinigen sehr gut dokumentiert hat. Die Bilder hat er extra für uns gemacht :-). Ich hoffe ich gebe das alles korrekt wieder aber @JackDaniels83 hier aus dem Forum kennt sich bestens mit der Technik aus und hat sich bereit erklärt mich ggf. korrigieren bzw. zu ergänzen.
Üblicher Weise nutzt ein Automatikwerk die kinetische Energie des Rotors um über ein Reduktionssystem den Kraftspeicher, sprich: die Feder im Federhaus, auf zu ziehen. Diese gibt ihre Kraft dann gehemmt an das Räderwerk weiter. Warum auch immer, vermutlich um Teile ein zu sparen, ist man bei Zenith bei diesem Damenuhrwerk und nur bei Diesen auf die Idee gekommen die Rotorkraft je nach Bedarf an das Räderwerk oder an die Feder weiter zu geben.

Peterdefiorotor.jpg

Ohne Rotor und Unruhe erscheint noch Alles dem üblichen Aufbau zu folgen . Baut man etwas weiter ab

Peterdefiounruh.jpg


bleibt immer noch alles unauffällig. Man erkennt nun das kleine Wechselrad dessen Zapfen in das Spannrad greift. Entfernt man weitere Brücken wird es eigenwillig:

Petererklärdefi.jpg


Was geschieht hier ? Ich kopiere mal Peters Text um nichts zu verdrehen: Das Minutenrad ist durch ein eigenartig gestaltetes Rad ersetzt worden. Das ist das Differential, das die Aufgabe hat, die Kraft von Automatic und Zugfeder zum Laufwerk zu verteilen. Außerdem haben wir ein extra Rad zwischen Differential und Federhaus. (DIFF= Differential; EXTRA= Extrarad; KBR= Kleinbodenrad; SEK= Sekundenrad) Beim Autoaufzug bekommen wir die sonderbare Situation, dass das Federhaus sich rückwärts bewegt, und die Uhr trotzdem weiter läuft
Petersbilder.jpg


Die zwei Spannräder, das eine mit einem langen Trieb, das im oberen Zahnkranz des Differentials eingreift. Das Differential und das Extrarad von der Seite auf genommen. Das obere Diff-Rad (rot) wird vom Auto-Aufzug immer im Uhrensinn aufgedreht. Die Kraft von der Zugfeder kommt durch das Extrarad zum unteren Rad des Diff's (blau) und strebt immer dieses Rad im Gegenuhrsinn zu bewegen. Das blaue Rad bewegt sich auch in dieser Richtung wenn der Autoaufzug nicht arbeitet. Immerhin kann dieser Kraft durch den Autoaufzug überwunden werden und das Rad bewegt sich dann rückwärts. Das grüne Rad in der Mitte, ist wo die Kraft zum Laufwerk hinauskommt, und dieses Rad bewegt sich immer im gegen den Uhrzeigersinn.

Hier noch eine schematische Darstellung des Plaetengetriebes in der die Räder von Peter identisch zu den Abbildungen markiert wurden:
Peterplatenenrotor.jpg


Falls tatsächlich die ursprüngliche Grundidee war, durch den Verzicht zweier Reduktionsräder Platz zu sparen, ist dieses in der Ausführung schief gegangen. Durch das Extrarad und dem Kronrad, das zusätzlich für den Kronenaufzug benötigt wird, um die eigentlich falsche Drehrichtung zu erhalten, ist es ein Nullsummenspiel. Allerdings sind die Ausgangsüberlegungen dieses Konzeptes mir nicht bekannt. Interessant wird es auch, wenn man diese Uhr auf die Zeitwaage legt. Peter hat im technischen Datenblatt einen äußerst interessanten Zusatz gefunden. Hier wird beschrieben, dass sich bogen - und wellenförmige Linien zeigen auch wenn das reale Gangverhalten hervorragend ist. Er erklärt es sich dadurch, dass es durch die Verzahnung der kleinen Räder im Differential bedingt ist. Diese Räder arbeiten ja immer im Kraftfluss und "zacken" sich voran. Bei den winzigen Dimensionen und den gegebenen Spiel der Teile zueinander wird trotz präziser Fertigung keine absolute Genauigkeit erreicht.

Ich kann jedoch bestätigen das meine beiden funktionierenden Uhren im Alltag hervorragend die Zeit halten und ich sie gerne trage. Leider wurde dieses ungewöhnliche Werk nur in den Zenith Damenuhren bis 1969 verbaut und dann, wie bei vielen anderen Herstellern, auf das kleine ETA umgestellt. Nach der Quarzkriese ist die ETA, wohl der einzige verbliebene schweizer Hersteller, der kleinere mechanische und automatische Damenuhrwerke als Volumenprodukt produziert. Gerne lasse ich mich eines besseren belehren. Findet man eine automatische Zenithdamenuhr unabhängig von dem Model, so muß es aus dem Jahren 1968/69 sein, um dieses Werk zu enthalten. Das ist dann Modellunabhängig. Jüngere automatische Vintage Damenuhren werden immer von einem ETA angetrieben. Ich weiß schon, warum die Hersteller große Damenuhren als die große Mode lancieren :ok: und es gefällt Vielen ja auch. Zum Abschluß noch meine schönste Kleinigkeit mit diesem Werk:

DEfi1969.jpg



Vielen Dank Peter für deine große Mühe die Du Dir für mich und die Damenwelt gemacht hast um zu lernen und die blitzsaubere Defi. Ich mag diese eigenwilligen Sackgassenentwicklungen !!!

Silke

Danke auch im Vorraus an Daniel als mein Backup
 
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Baumeister

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Wow! Ganz vielen Dank für diesen Beitrag.
Für mich sind die vielen verschiedenen mechanischen Lösungen für das Problem der Zeitmessung es ein ganz wesentlicher Aspekt bei der Faszination für mechanische Uhren. Und eine Uhr mit Differentialgetriebe ist da echt eines der Highlights!
 
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RIM

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Allerdings sind die Ausgangsüberlegungen dieses Konzeptes mir nicht bekannt.
Gedanken eines Nichtuhrmachers dazu:
  • das Planetengetriebe ist eine platzsparende Lösung, um eine hohe Untersetzung (=Drehmoment für den Aufzug) zu realisieren.
  • "Standard"-einbau wäre Antrieb über Sonnenrad (blau), Abtrieb über Steg der Planeten (rot) , Hohlrad (grün) gehäusefest.
  • eine "echte" Differentialanwendung liegt hier nicht vor, da die Geschwindigkeit des Hohlrads nahe Null liegt, gegen die Hemmung.

Langer Rede kurzer Sinn, vielleicht war der Eingriff des Hohlrads zur Hemmung die simpelste Lösung, es quasi gehäusefest zu machen?
 
bachmanns

bachmanns

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Ich verstehe zwar überhaupt nichts von der Technik, aber dennoch vielen herzlichen Dank für diese sehr detaillierte Vorstellung! Gerade zu Damenuhrenwerken habe ich bisher praktisch nirgendwo etwas lesen können.
 
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Ruebennase

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@bachmanns Es geht mir fast genau so. Mir fehlen einfach die verdrahteten Gehirnwindungen für Physik und Drehbewegungen. Ich brauche immer ziemlich lange bis ich mich hinendenke so das ich etwas verstanden habe. Echt irre diese Menschen die sich so etwas an schauen, maximal zweimal Hmm Hmm brummeln und dann wissend grinsen. Ich bin wirklich froh das es Einige gibt die auch ihr Wissen gerne vermitteln.
Zu Damenuhrwerken gibt es tatsächlich in der Breite relativ wenig Informationen. Das liegt natürlich daran, dass in der überwiegenen Mehrzahl tragbare Herrenuhren gesammelt werden und zu allen Zeiten der Markt für Herrenuhren deutlich größer war. Dort fanden die technischen Entwicklungen zuerst statt. Klein ist eben schwierig und wird von wenigen wert geschätzt. Inzwischen kenne ich aber einige Sammler die insbesondere auch Damenuhren wegen ihrer Technik sammeln. Ein Sammler aus Frankfurt besitzt inzwischen sogar reichlich Damentaschenuhren mit Komplikationen. Das sind echte Raritäten. In der "post Quarzkriesenaera" in der wir uns befinden, ist m.W. im Sektor Damenuhren auch nichts mehr technisch innovatives passiert.

@RIM Du magst recht haben. In jedem Fall sollte ein möglichst flaches kleines Werk mit Rotor konstruiert werden. Der Unruhgeist war so freundlich und hat das deutsche Patent, dass im November 1965 eingereicht wurde, herraus gesucht : DE 1523868 https://depatisnet.dpma.de/DepatisNet/depatisnet?action=pdf&docid=DE000001523868A&xxxfull=1.

Ich hatte die Platz und Radsparende Lösung für das Datumsmodul im Thead unterschlagen, da ich die ungewöhnlichen Wege der Rotorkraftnutzung zeigen wollte. Daher als Nachschlag die simple Lösung. Der Antrieb erfolgt direkt über ein Trieb des Wechselrades:
2997006

2997009


Grüße Silke
 
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JackDaniels83

JackDaniels83

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Gedanken eines Nichtuhrmachers dazu:
  • das Planetengetriebe ist eine platzsparende Lösung, um eine hohe Untersetzung (=Drehmoment für den Aufzug) zu realisieren.
  • "Standard"-einbau wäre Antrieb über Sonnenrad (blau), Abtrieb über Steg der Planeten (rot) , Hohlrad (grün) gehäusefest.
  • eine "echte" Differentialanwendung liegt hier nicht vor, da die Geschwindigkeit des Hohlrads nahe Null liegt, gegen die Hemmung.

Langer Rede kurzer Sinn, vielleicht war der Eingriff des Hohlrads zur Hemmung die simpelste Lösung, es quasi gehäusefest zu machen?
Gedanken eines Maschinenbauingenieurs dazu:
  • einen "Standard"-einbau für einen Planetenradsatz gibt es nicht. Es gibt sie z.B. in Automatikgetriebe sowohl, wie von dir aufgeführt mit gehäusefestem Hohlrad, aber auch mit losem Rad, das über Kupplungen und Bremsen geschaltet werden kann um die unterschiedlichen Gänge zu realisieren, oder in Achsdifferenzialen zum Ausgleich der unterschiedlichen Raddrehzahlen von kurveninnerem und kurvenäußerem Rad, oder bei hohen Untersetzungen und vieles mehr.
  • Im Falle des Zenith handelt es sich um einen flachen Planetenradsatz. Ein Differenzial ist eine Sonderform des Planetenradsatzes mit um 90° versetzten Achsen. Nur weil die Drehzahl eines Rades nahe 0 geht (gerade in einer Uhr) kann man ihm seine fundamentale Funktion nicht absprechen und feststellen es wäre "gehäusefest". Es ist ein Planetensatz, der die Kraft auf drei Wellen verteilt, Automatik, Hemmung und Federhaus. Beim klassischen Achsdifferenzial wären das z.B. Kardanwelle, Rad links und Rad rechts.
Gruß,
Daniel
 
R

RIM

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Hallo Daniel, die Info dass wir denselben Beruf haben hätte Dir vielleicht einiges an Text erspart. 8-)
Ich benutze Anführungszeichen durchaus bewusst.

Leider gehst Du nicht auf den möglichen Sinn der Verbindung zur Hemmung ein. Sind wir uns einig, dass der Antrieb bei Rotorbewegung dem Werk keinerlei Nutzen bringt? Warum also?
 
JackDaniels83

JackDaniels83

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Ich verstehe nicht, was du mit "der Antrieb" meinst. Es gibt drei Möglichkeiten der Kraftübertragung im Zenith:
  1. Automatic -> Federhaus
  2. Automatic -> Hemmung
  3. Federhaus -> Hemmung
Nicht mehr und nicht weniger.
 
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