Wyler Incassable (ca. 1935): Aussen Bauhaus-Stilikone, innen technisch eigenwillig

Diskutiere Wyler Incassable (ca. 1935): Aussen Bauhaus-Stilikone, innen technisch eigenwillig im Taschenuhren Forum im Bereich Taschenuhren; Noch vor wenigen Monaten dümpelte der Taschenuhrbereich hier im Forum so vor sich hin. Nur selten gab es etwas Neues zu entdecken. Doch dann hat...
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andi2

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Noch vor wenigen Monaten dümpelte der Taschenuhrbereich hier im Forum so vor sich hin. Nur selten gab es etwas Neues zu entdecken. Doch dann hat Frank (@kater7) hier die Moderation übernommen und seither ist wieder ordentlich was los hier. Sozusagen vom weitgehend still liegenden Nebengleis mit gelegentlichem Rangierbetrieb zur viel befahrenen Hauptstrecke…

Das ist ein guter Ansporn für mich, einmal ein paar Altschulden abzuarbeiten, d.h. ein paar Uhren endlich zu zeigen, die ich schon eine Weile habe und die ich für interessant halte. Ausserdem kann man um diese Jahreszeit, die wohl hauptsächlich dazu da ist, um alle anderen Zeiten im Jahr besser schätzen zu können, sowieso kaum etwas anderes tun, als sich zuhause beschäftigen.

Heute möchte ich einmal meine ‘Wyler Incassable’ zeigen. In meinem Augen ist sie regelrecht eine Bauhaus-Stilikone. Dabei steht der Begriff Bauhaus als Synonym für den schlichten, minimalistischen, rein geometrischen Stil des Art-Deco, der sich im Lauf der zweiten Hälfte der ‘30er Jahre bei den Uhren durchsetzte und den vorher herrschenden floralen, oft überladenen Art-Deco-Stil mit schnörkligen Ziermustern auf Zifferblättern und Gehäusen ablöste.

Dass mir die Uhr damals über den Weg lief, daran war Silke (@Ruebennase) schuld, die in einem Thread ihre beiden Wyler-Taschenuhren zeigte und auch die sehr ungewöhnliche Wyler’sche Incaflex-Stosssicherung erklärte, garniert mit schönen Fotos von dem Uhrwerk:

https://uhrforum.de/threads/zwei-etwas-andere-aus-den-1930ern-paul-wyler-bruchsicher.247834/

So hielt ich die Augen nach Wyler offen und schon kurz danach fand ich meine Uhr, in ziemlich bescheidenem Zustand und reparaturbedürftig. Zum Glück gab es gleichzeitig anderswo noch ein funktionstüchtiges Werk zu kaufen. Mit Hilfe der beiden Werke und mit umfangreichen Reparaturen konnte @FritzP, der auch schon Silkes beide Uhren revidiert hatte, meine Wyler wieder zum Leben erwecken. Dazu gibt es weiter unten noch mehr zu lesen.

Das Äussere der Uhr: Die Bauhau-Stilikone

Das Besondere an der Uhr ist das kompromisslose Design aller Teile, des Zifferblattes, der Zeiger und des Uhrgehäuses, in einem extremen Stil, der damals ultramodern gewesen sein muss und sicher nicht jedermanns Geschmack.

Um einmal zu zeigen, was ich mit ‘Stilikone’ meine, habe ich ein fiktives Werbeplakat meiner Uhr im Stil der damaligen Zeit entworfen, als Basis des Hintergrunds diente mir ein historisches Architekturfoto eines Flugzeughangars:

Test3.png


So überirdisch schön sähe meine Wyler aus, wenn die Welt ein Ponyhof und das Leben ein Wunschkonzert wäre…

In der schnöden Realität sieht die Uhr, die die Zeiten nicht ganz ohne Spuren überstanden hat, so aus. Sie kann aber m.E. immer noch überzeugen:

Wyler.A.2.png


Wyler.B.1.png


Wyler.B.4.png


Wyler.B.5.png


Das Metall-Zifferblatt ist matt silberfarben und schwarz bedruckt, das vertiefte Sekundenzifferblatt ist durch einen konzentrischen Schliff seidenmatt und ein Ring zwischen der aussen liegenden Minuterie und dem innen liegenden Stundenkreis ist hochglänzend und spiegelblank. Dort sind die Stunden 9, 12 und 3 arabisch in einer einfachen serifenlosen Schrifttype dargestellt, die übrigen Stunden durch einfache Strichindices. Innen ist der Stundenkreis durch einen dünnen Strich von der inneren Scheibe abgrenzt. Das Zifferblatt hat schon Alterspatina (es wurde von mir gereinigt).

Die breiten, parallelen Stabzeiger mit dreieckigen Spitzen haben keine runde Basis, sondern eine quadratische, beide sind sehr schön gebläut, was leider auf meinen Fotos nicht so gut zur Geltung kommt.

Das Design des Zifferblatts ist als solches nicht so aussergewöhnlich, sondern zeittypisch. Interessanterweise gibt es (fast) genau das gleiche Zifferblatt auch von Doxa, wie diese Uhr aus dem Archiv des Auktionshauses Ranfft zeigt:

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?02&ranfft&0&2ustu&1461769204

Bemerkenswerter ist das Gehäuse der Wyler. Mit 47 mm Durchmesser und 10,6 mm Dicke ist sie schon recht gross (aber schlank) für die damalige Zeit. Sie wirkt nicht zierlich, sondern eher wuchtig. Es wird sehr konsequent auf Rundungen verzichtet, die einzelnen Flächen sind durch Kanten gegeneinander abgegrenzt und die Flächen treffen jeweils durch rechte Winkel aufeinander, was dem Gehäuse ein eigentümlich dosenartiges, eckiges Aussehen gibt. Der Korpus der Uhr hat einen senkrechten Seitenrand und ist vorn und hinten eben abgeflacht. Das parallelseitige, breite Pendant trägt einen dreieckigen Bügel, der an seinen Aussenseiten durch Schrauben mit dem Gehäuse verbunden ist. Dadurch kann man den festen Sitz des Bügels immer wieder nachstellen. Die kleine, flache Krone wird von Pendant und Bügel seitlich umschlossen. Beide Deckel, der vordere Glasrand, ein Sprengdeckel, der sich ganz vom Gehäuse löst, und der hintere Klappdeckel mit Scharnier, haben einen kleineren Durchmesser als der breitere Korpus, aber auch sie haben einen senkrechten Seitenrand und sind auf der Oberseite ganz abgeflacht. Das Gehäuse besteht aus verchromtem Nickel. Auf der Innenseite des Rückendeckels ist eingepunzt ‘Nickel Chromium’. Auf der Vorderseite sieht das Gehäuse zum Glück noch gut aus.

Wyler.C.1.png


Der Rückendeckel hat leider mehr gelitten und ist stark zerkratzt. Viele Kratzer gehen durch die Verchromung hindurch bis ins Basismetall und man sieht, dass irgendwann einmal jemand, vermutlich ein Uhrmacher (!) auf die Idee kam, auf der Deckelaussenseite eine Gravur einzuritzen.

Wyler.C.3.png


Es gibt noch einen inneren Staubklappdeckel. Wenn man den auch öffnet, sieht man das endlich das Uhrwerk.

Wyler.C.4.png



Und das ist wirklich ein optisches Sahnestück und ausserdem auch noch technisch interessant.

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Das Uhrwerk Wyler 17’’’, das Incaflex-Stosssicherungssystem

Hier zunächst einmal einige Fotos. Das Werk ist vernickelt und hat einen Zierschliff aus breiten irisierenden Parallelstreifen. Es gibt 15 Jewels, alle Lagerrubine, vorn und hinten, sitzen in verpressten Chatons.

Wyler.D.1.png


Wyler.D.2.png


Wyler.D.3.png


Wyler.D.4.png


Es gibt auch eine Wyler-eigene, schöne Feinregulierung. Durch Verdrehen des Pfeilzeigers auf der Regulierskala des Klobens (man beachte auch die schöne Typographie der Beschriftung A und R) verdreht man den Rücker auf der gebläuten Breguet-Spirale. Die Basis am Drehgelenk des Pfeilzeigers (unsichtbar unten an dem darunterliegenden ringförmigen Plättchen) und der drehbare Ring mit dem Rücker sind durch eine feine Zähnelung verbunden.

Wyler.E.2.png


Man erkennt auch die geschwungenen Speichen der bimetallischen Kompensations-Unruh, den Messingring-Käfig um die Unruh und den queren Schlitz im Ankerkloben unter der Unruh. Dies sind Bestandteile des einzigartigen Incaflex-Stosssicherungssystems.

Wyler.E.1.png


Paul Wyler meldete in den Jahren 1927 (Patent CH120553) und 1930 (Patent CH146039) zwei Schweizer Patente an, in denen er sein ‘Incaflex’-Stosssicherungssystem beschrieb. Am Anfang nannte er sein System noch nicht ‘Incaflex’, sondern meldete drei Markennamen an, die auf deutsch, französisch und englisch auf die Bruchsicherheit hinwiesen: Wyler Bruchsicher, Wyler Incassable und Wyler Unbreakable.

Seine Methode, Uhren vor Stössen zu schützen, hatte einen völlig anderen Ansatz, als die üblichen, bekannten Stosssicherungen. Diese übrigen, wie etwa der bekannte ‘Incabloc’ sitzen an den Lagern der Unruhwelle und sorgen dafür, dass bei einem Stoss die Welle aus den Lagern springen kann, anstatt zu brechen, sie gleichen dem ‘Urvater’ der Stosssicherungen, dem ‘Parachute’ des 19. Jahrhunderts.

Bei Wylers Incaflex-System ruht die Unruhwelle in herkömmlichen starren Lagern ohne Sicherungen. Dafür ist der Unruhreif durch zwei sehr filigrane, lange, geschwungene Speichen mit der Achse verbunden. Der Reif hängt dadurch nicht starr, sondern federnd flexibel an der Achse. Man kann ihn durch leichte Berührung zum Vibrieren bringen. Bei einem Stoss soll der Unruhreif federnd die Kräfte auffangen und von der Welle ableiten, bzw. abhalten.

Ich habe hier eine halbschematische Abbildung des Unruhreifs meiner Uhr erstellt, da der Grossteil bei der im Werk eingebauten Unruh verdeckt ist:

Wyler.Unruh.png


Die Speichen der Unruh sind im äusseren Bereich gerade, nur ihr innere Bereich ist u-förmig geschwungen. Es handelt sich um eine eingeschnittene bimetallische Kompensationsunruh. Der dicke äussere und der dünne innere Ring (Messinglegierung und Stahl) sind durch 16 Schrauben verbunden, durch Einschnitte ist der Unruhreif in zwei Teile geteilt, jede Hälfte ist durch eine Speiche mit der Welle verbunden. Der zweigeteilte Reif aus zwei Metallschichten mit unterschiedlichen Dehnkoeffizienten dient der Temperaturkompensation.

Die Spirale dieser Unruh ist eine gebläute Breguetspirale mit aufgebogener Endkurve.

Wyler.Patente.png


Im ersten Patent ist der Aufbau des Unruhreifs detailliert beschrieben, die abgebildete Unruh entspricht im Aussehen nicht genau der realen Unruh der Taschenuhr (beigegebene Abbildungen links im Bild). Im zweiten Patent beschreibt Wyler den Aufbau des ‘Käfigs’, der die Unruh nach allen Seiten umgibt, um die Weite der Auslenkung des Unruhreifs gegenüber der Welle zu begrenzen und so irreversible Verformungen zu verhindern (beigegebene Abbildungen rechts im Bild).

Nach unten wird die Auslenkung durch ein ringförmiges Plateau aus zwei Bauteilen rings um die Welle begrenzt. Die eine Hälfte des Plateaus wird durch den halbkreisförmigen Unruhkloben gebildet, die andere Kreishälfte besteht aus einem gleich hohen Plateau (Bauteil b in der Patentzeichnung), das mit zwei Schrauben (a in der Patentzeichnung) eingeschraubt ist. Nach den Seiten wird die Auslenkung des Reifs durch einen Messingring (c in der Patentzeichnung) begrenzt, der die Unruh aussen umgibt, dieser Ring ist der augenfälligste Teil des Käfigs. Aber das Schwingen des Unruhreifs muss auch nach oben begrenzt werden. Zum Teil erledigt das der Unruhkloben, bei der Werksmitte bildet der Reif des zentralen Minutenrades eine obere Begrenzung. Damit der Unruhreif auch auf der Seite gegenüber dem Unruhkloben nicht zu weit ausgelenkt werden kann, schreibt Wyler vor, dass der Rand der Räderwerksbrücke (f in der Patentzeichnung) mindestens an einer Stelle so weit über den Rand des Unruhreifs ragen muss, dass dieser beim starken Schwingen dort anstösst. Auf der Patentzeichnung hat die Räderwerksbrücke f am Rand zwei halbrunde Vorwölbungen (e in der Patentzeichnung).

Die Form der Räderwerksbrücke im Uhrwerk ist also in diesem Fall nicht nur eine gestalterische Laune, sondern verfolgt auch einen funktionellen Zweck. Wyler stattete seit den frühen ‘30er Jahren jahrzehntelang alle seine Uhren mit dem Incaflex-System aus (bis mindestens in die ‘70er Jahre hinein). Dabei wurden die Rohwerke zahlreicher Hersteller umfangreich umgebaut und mit einer eigenen Kalibernummer versehen. Bei einigen erkennt man gegenüber dem ursprünglichen Design umgeformte Räderwerkbrücken mit eben solchen Vorwölbungen des Randes zur Unruh hin. Bei späteren Incaflex-Uhren erkennt man keinen schützenden Käfig mehr. Bei vielen Wyler-Werken kennt man die Rohwerke, bei manchen anderen nicht. Wie man sieht, ist das reale Wyler-Taschenuhrwerk in meiner Uhr (bzw. das gleiche Kaliber in den beiden Uhren von Silke / @Ruebennase) optisch völlig identisch mit dem Werk in der Patentzeichnung. Es dürfte zu den ersten Wyler-Werken gehören, das mit der hauseigenen Stosssicherung ausgestattet wurde, oder sogar das erste Werk damit sein.

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Es wurde schon darüber diskutiert, ob dieses Taschenuhrwerk ein Eigenwerk von Wyler ist, oder auf einem fremden, bisher unbekannten Rohwerk basiert.

Dabei kam ein interessantes, viel kleineres Wyler-Armbanduhr-Handaufzugkaliber ins Gespräch, das in Paulson’s Master Key (1950) als Wyler 10-80 verzeichnet ist. @Falco, der ein solches Werk zur Reparatur auf dem Werkstisch hatte, erkannte, dass das Rohwerk ein Aurore-Villeret 110 ist:

https://uhrforum.de/threads/wyler-unbreakable-von-1930-ein-spezieller-flohmarktkauf.228884/



Im Ranfft-Uhrwerkarchiv ist ein frühes, etwa von 1925 stammendes Taschenuhrkaliber Wyler 16’’’ verzeichnet, das noch nicht die später entwickelte Stosssicherung hat.

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&Wyler_16

Roland Ranfft schreibt dort: «wohl das einzige wirklich hauseigene Kaliber von Wyler». Das dort abgebildete Werk hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem späteren Wyler-Werk mit Stosssicherung aus meiner Uhr und den beiden Uhren von @Ruebennase.
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Ich möchte auch noch ein Schema des Wyler-Taschenuhrwerks 17''' mit Incaflex-Stosssicherung von beiden Seiten zeigen. Die verwendete Abbildung der Zifferblattseite stammt nicht von mir, sondern von @Ruebennase bzw. Silke, die mir die Verwendung erlaubte, dafür nochmals vielen Dank, Silke!
Wyler.Z.Schema1.png

Wyler 17’’’, Gesamtdurchmesser ca. 38,2 mm, Durchmesser Dn (ohne Basisplatine) 36 mm

Abkürzungen:
gelb: U = Unruh, A = Anker (vorderes Ankerlager rundherum ausgeschnitten), AR = Ankerrad, S = Sekundenrad, K = Kleinbodenrad, M = Minutenrad, FH = Federhaus.
rot: AD = Aufzugdecke mit Winkelhebelfeder, SR = Stundenrohr, x = Winkelhebelschraube am Winkelhebel, z = Zifferblattfuss bzw. dessen Loch.
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Interessant ist das Werk in dieser ‘Chronometre Mowy’ (eine Marke von Paul Wyler):
https://uhrforum.de/threads/wer-kennt-die-taschenuhr-chronometre-mowy.124503/#post-1591287

Es handelt sich offenbar um das gleiche Kaliber, hat auch die charakteristische Feinregulierung, aber es ist ohne Incaflex-Stossicherung. Die bimetallische Kompensationsunruh hat normale Speichen, der Käfig fehlt und die Räderwerkbrücke ist anders geformt, ohne die gerundeten Vorwölbungen am Rand zur Unruh hin.

Wyler.Z.Schema2.png


@FritzP, der die beiden Uhren von @Ruebennase und auch meine Uhr revidierte, wies auch schon in den oben zitierten Fäden auf zwei weitere Konstruktionsmerkmale bei dem Werk hin, die in den Patenten nicht genannt werden und die auch den Anker vor Stössen schützen sollen:

1) Der halbkreisförmige Ankerkloben ist etwa in der Mitte tief quer geschlitzt, die Klobenspitze mit dem hinteren Ankerlager kann dadurch bei einem Stoss etwas gegenüber der Klobenbasis mit der Befestigungsschraube schwingen.

2) Die Basisplatine des Werks ist um das vordere Ankerlager (gelb A) herum weit kreisförmig ausgeschnitten, nur ein Steg von ca. 30° verbindet das Ankerlager mit dem Rest des Werks, was man gut auf dem Foto der Werksvorderseite erkennen kann. Das vordere Lager kann dadurch bei einem Stoss etwas gegenüber der Basisplatine schwingen.

Dass meine Wyler wieder funktioniert, habe ich nur @FritzP zu verdanken, der mir die Uhr umfangreich reparierte und revidierte. Als die Uhr zu mir kam, lief sie nicht (ausser in Rückenlage). Es war das passiert, was die Stosssicherung verhindern soll: Der vordere Zapfen der Unruhwelle war gebrochen und noch dazu war auch der vordere Lagerrubin zerbrochen. Ausserdem war die Uhr unvollständig, es fehlte der Käfig für die Unruh (bzw. das halbkreisförmige Plateau und der Messingring). Zum Glück gab es gerade auf Ebay ein laufendes, vollständiges Werk, das ich ebenfalls kaufte. Auch dieses Werk wäre im Ursprungszustand nicht nutzbar gewesen.

Wyler.Fritz.1.png


Aber Fritz konnte daraus wieder eine gut laufende Uhr machen. Er hat seine Arbeit auch fotografisch dokumentiert:

Wyler.Fritz.2.png


Auf dem linken Foto (beide @FritzP) sieht man den Ursprungszustand des vorderen Unruhlagers. Der in einem Chaton eingepresste Lagerstein ist zerbrochen. Der halbkreisförmige Ankerkloben mit Anker ist noch eingebaut, aber das gleich hohe halbkreisförmige Plateau b fehlt. Man erkennt auf dem Foto auf Bildposition 2 Uhr die Schraube, mit der der Kloben befestigt ist, auf Bildposition 4 Uhr sieht man deutlich den queren Schlitz, der vom Innenrand des Klobens ausgeht und den Kloben fast in zwei Teile teilt, auf Bildposition 5:30 sieht man das hintere Ankerlager (mit Chaton) auf dem Kloben, rechts und links davon erkennt man die beiden Ankerpaletten. Man sieht am Rand der Räderwerkbrücke (in oberster Bildebene, das übrige teils überdeckend), etwa bei Bildposition 4 Uhr und 6:30 Uhr die beiden halbrunden Vorsprünge, die das Ausschwingen des Unruhreifs nach oben begrenzen sollen.

Auf dem rechten Foto ist ein neues Unruhlager eingesetzt. Das halbkreisförmige Plateau auf der linken Bildseite ist angebracht, dafür fehlt auf diesem Bild der Ankerkloben mit dem Anker.
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So, das ist alles, was ich über das Wyler-Werk weiss. Vielleicht ist es ein Eigenwerk Wylers, vielleicht aber auch ein unbekanntes Kaliber eines Fremdherstellers. Vielleicht kann dieser Thread ja sogar dazu helfen, es zu erkennen.

Die Spuren der Firma Wyler verlieren sich in den ‘70er Jahren. Eine spätere Wiederbelebung des Namens wurde versucht, scheiterte aber.
Bis zum Ende wurden die Wyler-Uhren mit dem eigenwilligen Incaflex-System ausgestattet. Heute ist das System vergessen. Es gab aber mindestens einen Schweizer Hersteller von Stiftankerwerken (EB, Baumgartner, Ronda?), der in den ‘60er und ‘70er Jahren seine Unruh ganz ähnlich – durch geschwungene, federnde Speichen am Unruhreif- gegen Stösse sicherte. Nur finde ich das jetzt gerade nicht, irgendwo im Ranfft-Uhrwerkarchiv ist das beschrieben, vielleicht findet es ja einer von euch…

Gruss Andi
 
Zuletzt bearbeitet:
#2
kater7

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Wow, die Uhr ist wieder richtig schick geworden, da hat @FritzP wirklich gute Arbeit geleistet :super: Danke für die wirklich gelungene Vorstellung. :super:

LG, Frank
 
#3
Ruebennase

Ruebennase

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Vielen Dank Andy für die wunderschöne interessante umfangreiche Vorstellung der besonderen Uhr. Sie ist wirklich ein Highlight der Zeit als sie strukturelle Konformität der schweizer Uhrwerke quasie erreicht war und es wimmelt von Innovationen. Soweit ich weiß ist das Werk eine Eigenkonstruktion das ja auch in der Patentschrift mit diesen Brückenformen auf taucht. Auch dieses ausgeschnittene Ankerlager habe ich nie wieder gesehen. Bei den Armbanduhren, außer bei seiner berühmten ebenfalls innovativen "Pump Action" (WYLER Automatic) hat er allerdings auf fremde Basiskaliber zurück gegriffen. Neben Aurore-Villeret habe ich des öfteren AS ausmachen können.

Danke für die Vorstellung und Jetzt gibt es bestimmt vorerst nur noch Wyler zu Höchspreisen in der Bucht, wenn denn eine da ist :-)

Grüße Rübe
 
#4
Königswelle

Königswelle

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Danke für die hochinteressante Vorstelllung einer Taschenuhr, die es weit mehr in sich hat, als der Laie vermuten möchte. Und die Optik passt auch! :super:

Eigentlich habe ich Taschenuhren so gar nicht auf dem Schirm, aber... ;-)
 
#5
andi2

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Danke! Schön dass es euch gefallen hat.

@rübe: Ich habe oben mal meine Meinung weggelassen zur Frage, ob das Kaliber ein Eigenwerk von Wyler ist. Ich bin aber auch ziemlich sicher, dass dieses Werk von Wyler selbst stammt.
Dafür spricht m.E. vor allem das Werk ohne Incaflex-Umbau aus der Chronometre Mowy. Dies dürfte wohl das ursprüngliche Aussehen des Kalibers sein, denn ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, dass Wyler irgendein Fremdwerk nahm und dieses dann auf zwei verschiedene Arten so umbaute, dass man das ursprüngliche Kaliber nicht mehr erkennt, zumal es für eine Umgestaltung keinen Grund gab, wenn kein Incaflex-System eingebaut werden sollte.
Der Umschaltmechanismus auf der Zifferblattseite sieht ziemlich speziell aus, finde ich, vor allem die Form des Kupplungshebels. Das müsste man doch wiedererkennen können, wenn das ein Fremdkaliber wäre...

Andererseits mutet es aber auch ein wenig seltsam an, dass Wyler ein frühes Taschenuhrwerk konstruierte, das Wyler 16''' aus dem Ranfft-Uhrwerkarchiv, und dann ein paar Jahre später ein anderes Werk, das in allen Teilen ganz anders zu sein scheint, da wurde nichts übernommen.

Ein anderes interessantes Thema ist m.E. auch die Effektivität des Incaflex-Stosssicherungssystems, bzw. der Einfluss einer bei Erschütterungen vibrierenden Unruh auf den Gang der Uhr...

Gruss Andi
 
#6
Ruebennase

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Also ich habe bisher vier Wyler in den Händen gehabt. Zwei sind bei mir und eine die bei Fritz war hatte einen schweren Hemmungsschaden. Der Anker war, wie auch immer zerbrochen. Die anderen sind inzwischen bei David bzw. in Schweden bei Peter und liefen astrein auch wenn sie optisch vom Leben gezeichnet sind. Ich denke das System funktioniert fast immer. Bei Dir war genau hier der Schaden aber es kommt ja leider nicht selten vor das ein Troll ersteinmal am großen "Rad" herumfuhrwerkt weil eine Uhr nicht tickt.Ausgangspunkt war dann eine gerissene Zugfeder die zu einem kapitalen Unruhzapfenbruch mutiert. Ich finde zumindest erstaunlich wie oft eine gebrochene Unruhwelle mit einem Riss der Aufzugsfeder bei einem "Non runner" gepaart ist. Ich habe keine vernünftige Erklärung dafür als Vandalismus verursacht durch Dummheit.
Es gibt ja auch die Geschichte, dass der umtriebige Paul Wyler zu Werbezwecken ein paar Uhren vom Eifelturm runter geworfen hat um zu demonstrieren, dass sein System funktioniert. Diese liefen tatsächlich noch.
So überraschend ist die komplette Neuonstruktion nicht. Das findet man auch bei Anderen und das styling des "urwerkes" war ja auch ein bissel altbacken trotz der schon recht flachen Bauartvon 4,3 mm.

Grüße Rübe
 
#7
husky

husky

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Hochinteressanter Bericht mit schönen Belegfotos, der uns hier mit wohlgesetzten Worten "geliefert" wird.
Ich bin beeindruckt, obwohl es sich um ein Teil handelt, das nun gar nicht in mein Sammelgebiet passt.
Aber solche Dokus machen einfach Freude! :klatsch::klatsch:
Mit freundlichen Sammlergrüßen
Michael
 
Thema:

Wyler Incassable (ca. 1935): Aussen Bauhaus-Stilikone, innen technisch eigenwillig

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