Wir Konsumenten haben die Macht!

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RiGa

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Liebe Freunde!

Anbei ein sehr interessanter Artikel (ungekürzt entnommen) - nehmt Euch ein wenig Zeit, auch wenn's mühevoll erscheint.
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© P.M. Magazin, 09/2007

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Sie wollen die Welt verändern? Warten Sie nicht auf die nächsten Wahlen – votieren Sie jetzt mit ihrem Einkaufszettel für fairen Handel. Jede Stimme zählt!

Wie Kathedralen des Konsums inszenieren viele Kaufhäuser ihre Waren. Schon fast überirdisch schön und edel entfalten die Marken ihr Flair; der »Spirit«, der »Glamour« und die »Solutions« der eleganten Modewelt suggerieren einen attraktiven, großzügigen »Way of living«. Auch wer nichts braucht, soll vom trendigen Lifestyle verführt werden und irgendwann den Versuchungen erliegen.

Um die Konsumenten in einen Kaufrausch zu versetzen, geben Unternehmen Milliarden aus: im Jahr 2005 allein in Deutschland 29 Milliarden Euro – damit wir glauben, dass Autos erotisch sind, Schuhe Freiheit vermitteln und irgendwelche Klamotten uns wie Stars aussehen lassen. Deshalb kommen wir auch nicht mehr auf die Idee, uns zu fragen, wie die Dinge, die wir kaufen, eigentlich hergestellt wurden, von wem und unter welchen Umständen. Die Antwort wäre bitter: In den nach Asien oder Osteuropa verlagerten Produktionsstätten herrschen oft Zustände, die wir unmittelbar vor unseren Augen niemals dulden – für die wir uns schämen würden.

Doch müssen wir auf ewig die Unmündigen bleiben, die an die modernen Märchen der Werbeindustrie glauben? So wie vor 150 Jahren aus verängstigten Untertanen informierte Bürger wurden, können heute aus verführten Käufern aufgeklärte, verantwortungsbewusste Konsumenten werden.

Der Anfang ist gemacht: Eine Vielzahl von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Verbraucherverbänden schaut der Wirtschaft heute genauer auf die Finger als früher. Was sie berichten, ist geeignet, uns aus unseren Träumen aufzuschrecken: Wollen wir Waren, an denen Schweiß und Blut von Kindern kleben? Waren, die in 18-Stunden-Arbeitstagen hergestellt wurden – zu Löhnen, von denen die Arbeiter nicht leben, geschweige denn ihre Kinder in die Schule schicken können? Wollen wir, dass Bauern in Südamerika keine Anbauflächen mehr für Nahrungspflanzen haben, weil sie für uns Biosprit-Pflanzen anbauen – oder dass durch unseren Konsum ganze Landstriche versteppen, Regenwälder abgeholzt werden oder kostbares Trinkwasser verschwendet wird? Natürlich wollen wir das alles nicht. Warum kaufen wir dann aber Erdbeeren im Winter, Fleisch beim Discounter oder allzu billige Sportkleidung?

• Eine Antwort lautet: weil wir das Unrecht nicht sehen. Wir sehen nicht, wie unsere Kleidung in Bangladesh, Vietnam oder Indien, in Osteuropa oder Nordafrika in Exportproduktions- und Freihandelszonen hinter hohen Zäunen unter Bewachung produziert wird. »Das sind riesige Indus-triegebiete in armen Ländern, die mit Steuer- und Zollvergünstigungen Investoren anlocken. Ein ideales Gelände für staats- und gesetzesfreien Wildwestkapitalismus, der allen Unternehmen, die zu akzeptablen Bedingungen produzieren, die Preise verdirbt. Mehr als fünftausend solcher Zonen gibt es auf der ganzen Welt, fast 42 Millionen Menschen arbeiten dort, der größte Teil von ihnen in China«: So beschreibt Tanja Busse in ihrem Buch »Die Einkaufsrevolution« die Warenproduktion unter den Bedingungen der Globalisierung.

• Eine andere Antwort lautet: weil wir es nicht wissen wollen! Ein handgewebter Ikea-Teppich für 1,89 Euro, Turnschuhe für 3,50 Euro, ein Schweineschnitzel für 99 Cent oder Aldi-Blumensträuße für 1,50 Euro – wie wurden die wohl produziert? Mit unserem Kauf rechtfertigen wir die Arbeitsbedingungen und halten sie am Leben.

Aber kann man in einer hochkomplexen globalisierten Welt überhaupt noch etwas bewirken? Und ob! Nicht der Einzelne – aber die Gesamtheit der Konsumenten hat die Macht zu erzwingen, dass die Menschenwürde bei der Herstellung von Produkten nicht unter die Räder kommt.

»Einen schlafenden Riesen« nennt der Soziologe Ulrich Beck, Entdecker der »Risikogesellschaft«, den politischen Konsumenten. Dieser Riese könnte erwachen und seine Kaufentscheidung in einen Stimmzettel verwandeln, mit dem er über die Politik der Konzerne abstimmt. Vor dieser potenziellen Macht zittern die Global Player, denn es gibt keine Gegenstrategie. »Selbst allmächtige Weltkonzerne können ihre Konsumenten nicht entlassen«, schreibt Ulrich Beck.

»Auch die Drohung, in andere Länder auszuwandern, wo die Verbraucher noch brav sind, ist selbstmörderisch. Transnational vernetzt und mobilisiert kann der Konsument also zu einem scharfen Gegeninstrument geformt werden.« Seine Waffe: nicht kaufen oder ein anderes Produkt kaufen. Seit der Greenpeace-Aktion gegen die Versenkung der Shell-Ölplattform Brent Spar in der Nordsee wissen die Konzernlenker: Eine globalisierte Kritikerszene kann einem Großunternehmen mit Boykotts die Geschäftsgrundlage entziehen.

»Übrigens ist es nicht unmoralisch, negative Nachrichten über den Konzern bewusst zu verbreiten«, schreibt die globalisierungskritische Organation attac in ihrer Broschüre »Konzern, Kritik, Kampagne«. »Denn nicht böswillige Konkurrenten haben sie erdacht, sondern besorgte BürgerInnen sorgfältig recherchiert. Die Konzernleitung kann von den öffentlich gewordenen schlechten Nachrichten nicht einfach durch Gegenvorwürfe ablenken, denn die Kampagnenorganisation kann auf eine andere Glaubwürdigkeit setzen. Sie arbeitet nicht aufgrund privater Profitinteressen, sondern vertritt gesellschaftliche Werte wie Menschenrechte, Umweltschutz oder Frieden. Der Beweggrund des Konzerns hingegen ist ökonomischer Natur und zwangsläufig der Sicherung und Vermehrung seine Profits unterworfen.«

Am weitesten entwickelt ist das Konsumentenbewusstsein bei den Nahrungsmitteln. Denn im Agrarsektor konzentriert sich der gesamte Vertriebsweg von der Ernte bis zum Verkauf zunehmend in den Händen weniger Konzerne. Deshalb sind vor allem die europaweit agierenden Billigmärkte wie Lidl und Aldi den kritischen Verbrauchern ein Dorn im Auge.

Die Discounter setzen auf hohe Umsätze mit extrem wenig Personal. Nach Zahlen der Gewerkschaft ver.di verschwinden für einen – besonders schlecht bezahlten – Arbeitsplatz bei Lidl drei im übrigen Einzelhandel. Durch das Zusammenspiel von Marktmacht und rücksichtsloser Kostensenkung ist besonders Lidl zum Negativ-Trendsetter für die gesamte Einzelhandelsbranche geworden.

»Lidl ist nicht zu billigen«, schrieben die Demonstranten im Herbst 2005 auf ihre Transparente, als sie zusammen mit attac, ver.di, der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft, dem Bananenimporteur Banafair und der entwicklungspolitischen Organisation Weed zur bundesweiten Lidl-Kampagne aufriefen. »Sie verlassen den demokratischen Sektor«, stand auf Absperrbändern, mit denen Mitstreiter einzelne Lidl-Filialen markierten. Vom Dach entrollten sie Transparente mit der Aufschrift»Stoppt Preis-, Umwelt- und Sozialdumping«, und vor den Läden zeigten sie gleichzeitig kritisches Theater, das die Unternehmenspolitik des Konzerns drastisch vor Augen führte. 25 Ortsgruppen von Kiel bis Konstanz verteilten Flugblätter, auf denen im Klartext stand, warum die Waren so billig sind.

Attac forderte faire Preise, vor allem für Bananen, Wasser und Milch; bereits 2004 hatten wütende Bauern Milch vor Lidl-Filialen ausgegossen, um darauf aufmerksam zu machen, dass die von Lidl bezahlten Dumpingpreise weit unter dem Selbstkostenpreis liegen. Zum Forderungskatalog gehörten auch demokratische Rechte für die Lidl-Mitarbeiter, die zu Überstunden gezwungen würden und mit Entlassung rechnen müssten, wenn sie einen Betriebsrat auch nur vorschlügen. Außerdem solle offengelegt werden, woher eine Ware komme, wer sie produziert habe und welche Stoffe darin enthalten seien.

Während Lidl zunächst nicht reagierte, war das Medienecho groß. Dann fanden Tester einer Greenpeace-Initiative auch noch besonders viele giftige Pestizide im Frischobst von Lidl und veröffentlichten die Messwerte. Schließlich reagierte Lidl – allerdings anders als erwartet: Der Konzern führt seit Juni 2006 acht Produkte aus fairem Handel im Sortiment. Ist das nun ein Erfolg? Die Meinungen sind geteilt. Immerhin hat die Lidl-Kampagne mit einem Budget von nur 15000 Euro sehr viele Menschen erreicht – auch solche, die sich sonst nicht mit globalisierungskritischen Themen befassen. Und sie hat gezeigt, dass öffentlicher Druck etwas bewegen kann; Millionen von Kunden haben jetzt die Möglichkeit, an einem fairen Welthandel teilzunehmen, der die Bauern in den Produktionsländern schützt. Andererseits hat sich mit Ausnahme der acht zusätzlichen Produkte im Sortiment kaum etwas an Lidls Dumping-Politik geändert.

Jubeln können einstweilen die Produzenten von »TransFair«-Produkten: Nicht nur Lidl und Aldi, auch immer mehr andere Läden bieten ihre Erzeugnisse an. 80 Prozent der Fair-Trade-Produkte sind außerdem biologisch angebaut, da muss man nicht befürchten, gentechnisch veränderte Nahrung zu kaufen. Das ist bei »normalen« Industrieprodukten keineswegs sicher. Seit April 2004 muss zwar Gentechnik in Lebens- und Futtermitteln gekennzeichnet werden – aber nicht in Fleisch, Milch oder Eiern, selbst wenn die Tiere ihr Leben lang gentechnisch verändertes Soja gefressen haben. Obwohl die Bevölkerung solche Nahrung mehrheitlich eindeutig ablehnt, wird also ein Zwang zur indirekten, unwissentlichen Unterstützung von Gentechnik in der Landwirtschaft ausgeübt. Das wollen sich viele Menschen nicht mehr bieten lassen.

Wer einen Balkon oder Garten hat, kann mit einer eigenen gentechnikfreien Zone ein Zeichen setzen. Am 15. Februar 2007 startete die von der Initiative Save Our Seeds gestartete Aktion »Bantam Mais«, die sich gegen die Bedrohung der Artenvielfalt und die weltweite Monopolisierung des Saatguts durch die Agro-Gentechnik wehrt. 50000 Menschen aus 40 Organisationen, von Greenpeace bis zum katholischen Frauenbund, pflanzten, wo immer es ging, »Golden Bantam«-Mais an – unter dem Motto: »Wo Bantam steht, wächst keine Gentechnik.«

Denn wer selbst Mais anbaut, ist laut Gen-Novelle nicht nur berechtigt zu erfahren, wer in seiner Nachbarschaft Gentechnikmais erzeugt – er muss auch vor dem Pollenflug geschützt werden. Immerhin wird in Deutschland bereits auf rund 4000 Hektar Genmais angebaut, vor allem in den neuen Bundesländern. »Wenn wir heute nicht ›Bantam‹ sagen, ist es morgen mit der freien Vermehrung von Saatgut vorbei«, meint Benny Haerlin von Save Our Seeds. »Dann gibt es nur noch patentierte Hybride von Monsanto, Bayer, BASF und Co.« So viel ist sicher: Ohne kritische Medienberichte, nachfragende Kunden, erzürnte Wähler sowie Kampagnen bewegen sich weder Konzerne noch Politiker – vor allem, wenn die geforderten Veränderungen etwas kosten oder in anderer Form aufwendig sind.

Seit 2004 prüft auch die Stiftung Warentest bei einigen Produkten neben der Qualität die ökologischen und sozialen Bedingungen ihrer Herstellung. Im Herrenhemdentest 2006 war nur eines von 21 getesteten Hemden aus Biobaumwolle; es wird von »Hess Natur« produziert. Konventionelle Baumwolle ist – entgegen ihrem Image – extrem umweltschädlich: Da sie anfällig gegen Insekten ist, werden große Mengen hochgiftiger Insektizide eingesetzt. Circa 25 Prozent des weltweiten Insektizid- und zehn Prozent des globalen Pestizidmarktes entfallen auf Baumwolle. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jedes Jahr 28000 Menschen durch den massiven Pestizideinsatz im Baumwollanbau.

Auch für den Träger der Baumwollkleidung ist das nicht ungefährlich: Chemierückstände an einem Baumwollshirt können ein Drittel seines Gewichts ausmachen. Dazu kommt noch der immense Wasserbedarf der Baumwollpflanzen: 25000 Liter für ein Kilogramm spinnfähige Fasern! Das bedeutet für die ohnehin schon trockenen Anbaugebiete in China, Indien, den USA und Usbekistan, dass die Böden versalzen und der Grundwasserspiegel sinkt. Diese Zusammenhänge sind allerdings kaum bekannt: Mangels Nachfrage macht Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau erst 0,1 Prozent der gesamten Baumwollproduktion aus. Entsprechend gering ist bisher auch das Angebot an schicker Kleidung aus Bio-Fasern.

Um die sozialen Bedingungen der Hemdenproduktion zu kontrollieren, besuchten die Experten der Stiftung Warentest 15 Konfektionsbetriebe in neun Ländern. Holger Brackemann schildert die Probleme, die es dabei gibt: »Bei vielen Waren beschränkt sich die Fertigung nicht auf einen Zulieferer, sondern es kann mehrere geben, und diese haben wiederum Zulieferer für bestimmte Vorprodukte usw. Spätestens bei komplexeren Produkten kann diese Wertschöpfungskette mit vertretbarem Aufwand kaum mehr untersucht werden.« Doch vor Ort gibt es glücklicherweise bereits einige NGOs wie »Terre des femmes« (TDF) und »Clean Clothes Campain« (CCC), die sich für die Rechte der Textilarbeiterinnen einsetzen. Diese leiden unter besonders miserablen Arbeitsbedingungen – die versprochenen Mindestlöhne reichen nicht zum Leben, Überstunden sind obligatorisch und werden oft nicht oder kaum bezahlt.

»Das Verrückte ist: Es gibt eigentlich keine Notwendigkeit für diese Not«, schreibt Tanja Busse. »Man kann gerade nicht argumentieren, dass es unbezahlbar wäre, die Näherinnen, die für uns arbeiten, angemessen zu entlohnen. Denn der Anteil der Lohnkosten am Ladenpreis ist so gering, dass selbst auf eine Vervierfachung des Lohns kein Verkaufseinbruch folgen würde, schon gar nicht bei teuren Markenprodukten.« CCC hat errechnet, dass die Lohnkosten für einen 100-Euro-Schuh bei 50 Cent liegen, Puma geht von 1,5 bis zwei Prozent des Ladenpreises aus. »Faire Erzeugerpreise wirken sich auf den Preis im Laden kaum aus«, bestätigt auch Rolf Heimann vom Naturtextilienhersteller Hess Natur.

Das Versandhaus lässt eigene Biobaumwolle im westafrikanischen Burkina Faso anbauen und zahlt den Bauern zusätzlich zu den regionalen Preisen 20 Prozent Bio-Prämie und 20 Prozent Fair-Trade-Zuschlag – das macht nur 27 Cent pro T-Shirt. Tanja Busse fragt sich deshalb: »Was ist das für ein merkwürdiges System, das sich auf so brutale Weise der Vernunft und Moral entzieht? Die Antwort ist einfach: Es widerspricht der Marktlogik, auch nur einen Cent mehr zu bezahlen als unbedingt nötig.«

Das Bewusstsein der Unternehmer, dass sie als Auftraggeber unter den neuen Bedingungen der Globalisierung auch für die Beschäftigten der Zulieferbetriebe verantwortlich sind, wächst erst langsam. Oder, wie es der Philosoph Günther Anders ausdrückte: Die Manager sind ihrer eigenen Produktionsweise und deren Folgen fantasie- und gefühlsmäßig nicht gewachsen.
Die Berichterstattung der Medien über die teilweise skandalösen Produktionsbedingungen vor allem in Ländern, in denen es kaum Sozial- und Umweltgesetze gibt, veranlasste Konzerne zu einer Reihe von Selbstverpflichtungen: So sollte das Konzept der »Corporate Social Responsibility« ihre soziale Verantwortung betonen. Doch der Versuch, in diesem Kontext verbindliche politische Vereinbarungen zu treffen, scheiterte immer wieder. Zuletzt 1992, als der ambitionierte »Verhaltenskodex für transnationale Unternehmen« der UN auf Druck der USA in der Schublade verschwand.

Nichtsdestotrotz produzieren die Ethikabteilungen großer Firmen teure Hochglanzbroschüren, die die Einhaltung von Mindeststandards versprechen. Allerdings hat sich dadurch an den Arbeitsbedingungen der meisten Zulieferbetriebe kaum etwas verbessert, so eine Studie der Londoner »Ethical Trading Initiative«, einer Kodex-Kontroll-Einrichtung, der neben Gewerkschaften und NGOs auch 34 Unternehmen angehören. Der Grund für den Stillstand: Die Einhaltung des Kodex ist freiwillig, es finden keine externen Kontrollen statt, und Sanktionen sind nicht vorgesehen. Solange es aber keine durchsetzbaren Sozialklauseln gibt, bleibt öffentlicher Druck die einzige Möglichkeit, etwas zu verändern.

Tanja Busse: »So absurd das klingt: Solange die UNO und ihre Unterorganisationen machtlos sind und die Staaten ebenso, müssen die Konsumenten die Menschenrechte durchsetzen.«

Doch einige clevere Firmen nutzen inzwischen die Chance, sich durch soziales und ökologisches Wirtschaften langfristig einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Nachdem der Otto-Versand Mitte der 1990er Jahre wegen menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen seiner Zulieferer am Pranger stand, gilt er heute als sozialer Betrieb: Gezahlt wird nicht der gesetzliche Mindestlohn, sondern ein existenzsicherndes Gehalt; Arbeitnehmer dürfen auch mit Überstunden nicht mehr als sechzig Stunden die Woche arbeiten; ein Tag pro Woche muss frei sein. Diese Standards gelten für die ganze Wertschöpfungskette bis hin zum letzten Heimarbeiter.

Der Name Ritter steht ebenfalls für fairen Umgang mit den Mitarbeitern. Der schwäbische Schokoladenhersteller betreibt in Nicaragua eine landwirtschaftliche Genossenschaft, in der 400 Menschen in Mischkulturen Öko-Kakao, Bananen, Mais, Bohnen und Pfeffer anbauen: Sie sind ebenso wie die deutschen Mitarbeiter dank bester Arbeitsbedingungen hochmotiviert. Die amerikanische Firma American Apparel wurde durch ihre Sozialpolitik sogar zum größten Hersteller von T-Shirts: Die in Los Angeles produzierende Firma beschäftigt meist mexikanische Einwanderer, und sie zahlt mit 12,50 Dollar pro Stunde mehr als das Doppelte des gesetzlichen Mindestlohns. Zudem bietet die Firma eine Krankenversicherung, kostenlosen Englisch-Unterricht – und ein Dienstfahrrad gegen Smog und Stau.

Doch kein Konsument kann erst alle Hersteller auf ihre soziale und ökologische Verantwortung hin prüfen, bevor er etwas kauft. Vorläufig bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich an Gütesiegeln zu orientieren, die inzwischen wie Pilze aus dem Boden schießen. Sie sind zunächst entstanden, um die Qualität einer Ware zu garantieren – inzwischen werden sie immer mehr zum ökologischen oder sozialverantwortlichen Markenzeichen. Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Je stärker die Bewegung der politischen Konsumenten wird, desto größer wird auch die Gefahr von Täuschungsmanövern.

So gibt es immer wieder Label, die wenig bringen, da sie nicht mehr als die ohnehin gesetzlich vorgeschriebenen Kont-rollen garantieren: etwa das Qualitätszeichen QS (Qualität und Sicherheit) bei landwirtschaftlichen Produkten oder das Holz-Siegel MTCC (Malaysian Timber Certification Council). Grundsätzlich gilt, dass ein empfehlenswertes Label nicht allein von Unternehmensseite aufgebaut werden darf: Es müssen immer auch unabhängige Organisationen daran beteiligt sein. Klarheit verschafft eine Datenbank der Verbraucher-Initiative, die Label erklärt und bewertet (www.label-online.de).

Die Informationen, die man zum verantwortungsvollen Kauf braucht, gibt es also, sie sind nur etwas verstreut. Doch die Suche im Internet lohnt sich – auch deshalb, weil sie automatisch zu Gleichgesinnten führt und aus einzelnen kritischen Konsumenten einen »Konsumentenschwarm« macht. Laut dem US-Soziologen Howard Rheingold wird das Schwarmprinzip zunehmend den Alltag unserer global vernetzten Gesellschaft prägen. Der Medientheoretiker schuf den Begriff »Smart Mobs« – die »schlaue Meute« ist eine größere Anzahl Menschen, die ähnlich einem Sardinenschwarm gemeinsam ein Ziel verfolgen, ohne dass sie sich näher kennen.

Das kostenlose Internetlexikon Wikipedia ist ein Beispiel menschlicher Schwarmintelligenz. Auch virtuelle Marktplätze, Online-Netzwerke, Bewertungsseiten, Rankings und Blogs basieren auf dem Schwarmprinzip: Die Benutzer hinterlassen eine Datenspur, die von anderen gelesen und ergänzt wird. Was so entsteht, kann Gesellschaft und Wirtschaft revolutionieren: »Bürger und Konsumenten werden als Masse smarter als die Spezialisten in Management und Politik«, sagt der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann voraus.

Inzwischen ist auch meine Lust gewachsen, den schlafenden Riesen zu wecken und meine Konsumentenmacht anzuwenden. Ich habe mich einem »Schwarm« angeschlossen, dem Aktionsbündnis »Atomausstieg selber machen«. Es ist entstanden aus Empörung darüber, dass die vier großen Stromkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall angekündigt haben, ihre auslaufenden Atomkraftwerke nun doch nicht abschalten zu wollen. 17 Umweltverbände, Verbraucherschutzorganisationen und Anti-Atomkraft-Initiativen haben sich zu dem Aktionsbündnis zusammengeschlossen.

Sein Appell an die Konsumenten: »Hierzulande ist niemand gezwungen, Atomstrom zu kaufen. Machen Sie Atomstrom zu einer immer schwerer verkäuflichen Ware. Wechseln Sie noch heute zu Ökostrom-Versorgern, die Elektrizität ausschließlich aus den erneuerbaren Energien Sonne, Wind, Wasser und Biomasse und hocheffizienter Energieumwandlung (gasbetriebene Kraft-Wärme-Kopplung) bereitstellen.«

Es war wirklich ganz einfach, ich musste nur zwischen den vier zertifizierten Ökostromanbietern wählen. Ich entschied mich schließlich für den Marktführer »Lichtblick« – wie schon 35000 neue Kunden in den ersten drei Monaten des Jahres vor mir. Das Gefühl, das ich jetzt habe, ist eigentlich viel schöner als ein Kaufrausch: Ich fühle mich aufgeklärter, aktiver – und mit vielen Schwarmgenossen verbunden!

Autor(in): Marianne Oertl

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schredder66

schredder66

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Meine Worte sollen sich nicht zynischer lesen als sie sind, aber wenn ich obige Zeilen lese, überkommen mich unbestimmte Gefühle:

- Vieles was oben zu lesen ist, mag stimmen und muss geändert werden!

- Andererseits hege ich Gefühle gegen diese maulheldigen Gutmenschen, die mich mindestens lebenslang hinter Gittern bringen würden!

Ohne Internet und andere Segnungen einer globalisierten Welt wären die Attac-er keine gutmenschigen Weltenretter, sondern unbeachtete Seitenstrassenrevoluzzer.

Warum möchte man den Menschen einreden, keine "billigen" Schuhe und Teppiche aus Ländern haben zu müssen, in denen die Menschen ausgebeutet werden? Will man den ärmsten der Armen auch noch die letzte Möglichkeit nehmen, Geld - auch wenn es nur wenig ist - zu verdienen?

Ich habe vor längerer Zeit einen interessanten Bericht über die Verwertung von Altkleidern gelesen: Meiner bescheidenen Meinung nach ein gutes Beispiel dafür, wie die Wegwerfgesellschaft mit ihrem "Müll" es Menschen in den Dritte-Welt-Ländern ermöglicht, Geld zu verdienen und anständige Kleidung für kleines Geld erwerben.

Es gibt viel Unrecht auf der Welt - keine Frage. Aber es gibt auch viel Marketing, das uns einseitig beeinflussen soll - und zwar nicht nur das milliardenschwere der Konsumgötter.
 
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uhrmensch

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vieles von dem, was da oben geschrieben steht, mag zutreffend sein. klar sollte jedoch inzwischen sein, daß sich die globalisierte welt zumindest zweiteilt: in billig-märkte, die preiswert waren für die westliche welt produzieren, und in hochpreismärkte, die die billigwaren konsumieren und ihre altprodukte in die billig-märkte abstoßen, die dort die nachfrage stillen sollen (mein alter golf rollt mittlerweile in bulgarien). solange eine entwicklungs- und wirtschaftshilfe geleistet wird, die im grunde nicht zur selbsttragenden stabilisierung armer regionen einen beitrag leistet und dort einkommen und kaufkraft stärkt, wird es bei uns immer trödelmarkt-pullis aus indischer kinderhand geben.

uhrmensch
 
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jazzcrab

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Ich stimme vielen der Aussagen zu, jedoch nicht allen. Leider wird hier auch vieles durcheinander in einen Topf geworfen. Was hat Ausbeutung im Zuge der Globalisierung mit Genmais und Atomkraft zu tun? Ein prägnanteres Statement wäre weitaus hilfreicher gewesen.
 
Caffrey

Caffrey

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Da muss ich Jazzy recht geben, was ist jetzt eigentlich die Kernaussage? Das wir Konsumenten mit unserem Kaufverhalten Druck ausüben können? Wow, was für eine Erkenntnis!

Wer kontrolliert eigentlich solche Gruppen, wie attac oder Greenpeace?

Ich denke, dass bereits genug Bürger bewusst nur heimische Produkte kaufen....
 
striehl

striehl

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Hm, der Bericht klingt für mich wie eine grosse General-Anklage, ohne jedoch wirkliche Lösungswege zu nennen. Gut, das kann man von Boulevard-Journalismus auch nicht erwarten, wie so oft steckt in vielen Ausagen auch eine Wahrheit, aber einer Anklage sollte auch ein schlüssiges Plädoyer folgen, das fehlt mir hier. Grundsätzlich sind Denkenstösse, die zu Diskussionen anregen wichtig!

Hier ist nochwas zum nachdenken:

www.zeitgeistmovie.com
 
Thema:

Wir Konsumenten haben die Macht!

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