Was macht die Qualität eines Werks aus? Warum gibt es so viele Kaliber?

Diskutiere Was macht die Qualität eines Werks aus? Warum gibt es so viele Kaliber? im Uhrencafé Forum im Bereich Uhren-Forum; Hallo zusammen, ich habe mich gerade durch zahllose Seiten der Diskussion "Manufakturwerk vs. ETA-Werk" geklickt und fand es gleichermaßen...
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supertobi

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Hallo zusammen,

ich habe mich gerade durch zahllose Seiten der Diskussion "Manufakturwerk vs. ETA-Werk" geklickt und fand es gleichermaßen lehrreich und erheiternd. Bei dieser Diskussion geht es ja gar nicht um die Qualität der Uhrwerke, sondern um die Art und Weise, von wem sie konstruiert und gebaut werden. Mich würde darüber hinaus aber folgende grundlegende Frage interessieren: Was genau macht ein Uhrwerk zum guten Uhrwerk, ganz unabhängig ob Manufaktur oder nicht? Das konnte ich leider auch mit Hilfe der Suchfunktion (überraschenderweise?!) nicht klären. Mir als Laie würden da die Kriterien "Genauigkeit" (in all seinen Facetten wie z.B. auch Temperaturempfindlichkeit) und "Haltbarkeit" (Langlebigkeit/Robustheit) einfallen, beim Handaufzug auch noch "Gangreserve". Dann gibt es natürlich noch irgendwelche abenteuerlichen Komplikationen, aber die wollen wir mal außen vor lassen, weil die allermeisten Uhren doch mit ähnlichen Ausstattungsmerkmalen daherkommen.

Mit diesen wenigen Kriterien lässt sich ja kaum erklären, dass es sooo viele verschiedene Werke in so vielen Preislagen gibt. Ich frage mich vor allem, wie die Luxushersteller die zugekauften ETA-Werke noch "verbessern"? Wenn es da technische Defizite = Verbesserungspotenzial gibt, warum kommt ETA nicht darauf, diese Verbesserungen zukünftig selbst vorzunehmen? Mich beschleicht der Verdacht, dass die Technologie der Uhrenwerke (anders als bei Verbrennungsmotoren) bereits ausgereift ist und es gar keine echten Verbesserungen mehr gibt. Denn meine beiden HAU liegen 50 Jahre auseinander, haben die gleiche Gangreserve und die Alte (ETA-Werk) läuft genauer als die Junge (Nomos Alpha)... (was man vielleicht durch eine Regulierung ändern könnte)

Eure Meinung und technische Details zu diesem Thema würden mich sehr interessieren.

Schöne Osterfeiertage
Tobi
 
l´iffes

l´iffes

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Ich denke bei den "Manufakturwerken" spielen sicher andere (teurere,langlebigere?) Materialien eine Rolle. Meine Laienmeinung. ;-)
 
roter.papagei

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Es geht immer um Prestige und Marketing: Ein Manufakturwerk verschafft dem Besitzer einen höheren sozialen Nutzen. Mit der Qualität hat das nichts zu tun, aber das hast Du ja schon selbst herausgefunden.
 
Baumaxe

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Wo ich mich gut fühle
Es gibt so viele Abstufungen, die nicht unbesingt etwas mit der Technik, sonder auch mit der Optik zu tun haben: Finissagen, die sehr aufwändig sind, perlierte Teile, Genfer Streifen, Sonnenschliff, facetierte Kanten, rhodinierte Teile, und vieles mehr, was Ausbeit ist und Spezialisten erfordert, und sich natürlich auch im Preis niederschlägt. Dann werden unterschiedliche Materialien verwendet (z.B. Beim Werkhaltering), oder auch im Werk selber (Metall statt Kunststoff), und so weiter.

Nimm zum Beispiel einmal die Werke der Moonwatch mit und ohne Glasboden - da kann man selbst als totaler Laie erkennen, dass mit dem Werk unter dem Glasboden noch Weiterverarbeitung, eine optische Aufwertung passiert ist.
 
Mueller27

Mueller27

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Hallo Tobi,

letztlich geht es bei mechanischen Uhren und ihren Werken immer um Liebhaberei, ab einer bestimmten Preisklasse primär um Luxus. Und Luxus fordert nun einmal Unterscheidung. Weshalb die Hersteller viel Know-How, Entwicklung, Meisterschaft und Liebe in ihre Werke investieren.
"Qualität" definiert sich in dieser Klasse ( die grob bei > 2.000 € anfängt) darin, was technisch und handwerklich machbar ist um etwas Außergewöhnliches zu Schafen und schon lange nicht mehr im Sinne von "Qualität" als messbares Ergebnis von Ganggenauigkeit und Langlebigkeit.

Wie Du selbst schon beim Einlesen in das Thema herausgefunden hast: Ein günstiges gangstabiles Werk mit +/- 1 Sek. am Tag zu bauen, dass kann man seit >30 Jahren ;-)

Und seitdem es Quarz-Werke gibt, reden wir hier sowieso nur von Liebhaberei.

Gruss, Carsten
 
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nitrox

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Ich verbinde die Qualität eines Werkes vor Allem mit der Ganggenauigkeit in verschiedenen Lagen.
 
Skletti

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Ja, ich habe mich das auch schon gefragt. Die Erklärung, die ich für mich gefunden habe, und die für mich zufriedenstellend war, brachte ein Vergleich mit einem Automotor.

Ich dachte mir, warum ist der eine zufrieden mit einem Quarzantrieb, oder wenn's denn mechanisch sein soll, mit einem Standard-China-Traktor, und der andere besteht auf ein Manufakturwerk.

Ich denke, es spielt sich vieles im Kopf ab. Nun zum Vegleich mit einem Automotor... Der eine gibt sich zufrieden mit dem Grundmodell, kleiner robuster Vierzylinder, mit 85 PS, der zuverlässig Zweihunderttausend oder mehr Kilometer schafft.

Der Andere mag einen Italiener mit Sound, der behutsam warmgefahren werden will, damit man lange Freude an ihm hat, der gut am Gas hängt, einen super Sound hat und auch noch schön aussieht.

Ein anderer wiederum steht auf Sechszylinder, (dabei Glaubensfrage V6 oder Reihenmotor) obwohl ein moderner Vierzylinder durchaus mehr Leistung und Drehmoment bringt.

Ein anderer wiederum bevorzugt Achtzylinder, mit allen Nachteilen, die er eventuell mit sich bringt. Da wiederum muss es für den Einen ein Amerikaner sein, der Andere schwört auf einen Deutschen und der Dritte zerfliest bei einem Italiener.

Kurz... man entscheidet sich, "weiss" was man hat und hat ein gutes Gefühl dabei. Alles andere wäre unbefriedigend. Qualität spielt eine Rolle, jedoch eine untergeordnete.

Wie gesagt... dies ist die Erklärung, die für MICH passt :-)

Sonnige Grüsse,
Ivo
 
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BSBV

BSBV

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Qualitativ gibt es Unterschiede. Schau dir die Bilder an und verstehst was ich meine.
Alle Werke laufen und zeigen die Zeit an, nur der Eine oder Andere findet diesen oder jenen "Motor" besser oder schöner.
Und je nach Fertigung gibt es doch sehr unterschiedliche Preise.
 

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Frediboh

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.......

Und seitdem es Quarz-Werke gibt, reden wir hier sowieso nur von Liebhaberei.....
So sehe ich das auch. Für mich sind mechanische Uhren kleine, schöne Meisterwerke. Ich schaue mir die Uhrwerke immer wieder gerne an. Deshalb möchte ich auch nicht auf den Glasboden verzichten. Erst recht nicht bei meinen Nomossen. :-)


Aber ich achte auch auf die Gangwerte. ;-)
 
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marfil

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Ich glaub, da gibt es tatsaechlich Erklärungsbedarf. Meld mich dazu wenn ich wieder eine Computertastatur unter den Fingern habe..
 
Mueller27

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Ich verbinde die Qualität eines Werkes vor Allem mit der Ganggenauigkeit in verschiedenen Lagen.
Hallo Mario,

ich denke das bringt uns nicht weiter: Ich weiss zwar was Du meinst, folgt man dem aber wörtlich, dann wäre ein gutes Quarzwerk oder eine Funkuhr mit Anbindung an die Atomzeit das qualitativ beste Werk aller Zeiten und all die Edel-Schmieden in der Schweiz hätten schon vor Jahrzehnten ihre Werk-Entwicklung einstellen können.

Was sie aber ja nicht getan haben, weil es einen Markt gibt der inzwischen nach anderen inneren Werten verlangt.

Selbst wenn wir hier explizit von mechanischen Werken sprechen wollen, können aus meiner Sicht und wenn ich mir den Markt so anschaue, die Kriterien für ein tolles mechanisches Werk doch nicht Gangwerte und Lagenstabiltät sein. ( Das sind heute in der Mittel- und Oberklasse doch Selbstverständlichkeiten).
Dann würde es doch keine Käufer für Werke zu 5.000 oder 50.000 € geben, und wir würden nie die wunderbaren Werk-Makros von "A. Lange" hier im Forum sehen.

Aber Marfil wird sich ja gleich melden.

Gruss, Carsten
 
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Badener

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Diese Diskussionen kann man endlos führen. Zunächst ist es ja so, dass "Qualität" nichts ist, was universell definiert wäre. "Qualität" bedeutet zunächst völlig wertfrei die Beschaffenheit eines Gutes. Ob die Qualität als gut oder schlecht bewertet wird, hängt davon ob, in wie weit diese der spezifischen Erwartungshaltung oder den definierten Kriterien entspricht. Und hier kann jeder Uhrenliebhaber für sich als Erwartung/Kriterien definieren, was immer er will. Für den Einen ist es der genau Gang, für den Anderen die aufwendige Verziehrung, die Robustheit im Alltag oder das gefühlte Preis-/Leistungsverhältnis.

Tja, zwischen all den denkbaren Erwartungshaltungen tummeln sich beliebig viele Hersteller mit vielen Kalibern. Und das ist gut so!
Bei den Herstellern von Luxusuhren würde ich davon ausgehen, dass sie primär versuchen, in vielen denkbaren Kriterien nach Perfektion zu streben. Angefangen vom technischen Design, über die Verwendung hochwertiger, teils auch innovativer Materialien, die Beachtung minimalster Toleranzen sowie eine optisch herausragende Veredelung des Werkes.

Gruß
Badener
 
marfil

marfil

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Was genau macht ein Uhrwerk zum guten Uhrwerk, ganz unabhängig ob Manufaktur oder nicht? Das konnte ich leider auch mit Hilfe der Suchfunktion (überraschenderweise?!) nicht klären. Mir als Laie würden da die Kriterien "Genauigkeit" (in all seinen Facetten wie z.B. auch Temperaturempfindlichkeit) und "Haltbarkeit" (Langlebigkeit/Robustheit) einfallen, beim Handaufzug auch noch "Gangreserve". Dann gibt es natürlich noch irgendwelche abenteuerlichen Komplikationen, aber die wollen wir mal außen vor lassen, weil die allermeisten Uhren doch mit ähnlichen Ausstattungsmerkmalen daherkommen.

Mit diesen wenigen Kriterien lässt sich ja kaum erklären, dass es sooo viele verschiedene Werke in so vielen Preislagen gibt.
Schöne Osterfeiertage
Tobi
Hallo,

ganz genau...mit diesen einfachen Kriterien lässt sich die Qualität eines Uhrwerks ganz sicher nicht definieren.

Ich nehme diese Frage zum Anlass, vielleicht einmal allgemein verständlich die Unterschiede in der Qualität von mechanischen Uhrwerken zu definieren. Eine Frage, die schon oft in ähnlicher Form aufgetaucht ist, die sich aber -endgültig- nicht wirklich klären lässt.

Zuallererst die Feststellung, dass es tatsächlich so ist, dass die "Mechanische Uhr" an sich ein Anachronismus ist. Jede Quarzuhr im Eurobereich lässt die teuerste mechanische Uhr hinsichtlich der Gangwerte alt aussehen.

Es geht also um "Liebhaberei", wie hier schon so schön festgestellt wurde.

Allerdings ist die Liebhaberei an hochwertiger Mechanik sicher nicht nur Selbstzweck, sondern auch mit dem Ethos der Uhrmacher, die sich redlich bemühen, eine möglichst perfekte mechanische Umsetzung der genauen Zeitmessung zu erreichen, direkt verbunden.

Deshalb unterscheiden sich Großserienuhrwerke auch maßgeblich von Manufakturwerken (wobei ich Manufakturwerke hier als HighEnd-Uhrwerke definieren möchte- egal, von wem sie konstruiert oder gebaut wurden).


Soviel zur Einleitung.

Um die "Qualität" einer mechanischen Uhr überhaupt begreifen zu können (oder einzuschätzen, worum es dabei geht), muss man wissen, wie einzelne Bauteile gefertigt werden, und welche Auswirkung deren Fertigungsunterschiede nach sich ziehen.

Die Hauptbestandteile eines Uhrwerkes sind also:

1) Platinen und Brücken, die den "Rahmen" für alle bewegten Bauteile bilden.

2) Zahnräder und Triebe

3) Feder(n) und Spiralen

4) Lagersteine


Schon die Herstellung von Platinen und Brücken hat maßgeblichen Einfluss auf das Endergebnis. Hauptanforderung an dieses Bauteil ist die präzise Aufnahme der bewegten Teile in deren Lagerstellen. Um das zu gewährleisten, ist nicht nur höchst präzise Fertigung, sondern auch das Material von essentieller Bedeutung. Der Einfluss von Wärme und das weitgehende Fehlen einer Materialspannung sind ausschlaggebend für den späteren konstanten Lauf einer Uhr.

Um das zu Bewerkstelligen, werden Platinen und Brücken bei hochwertigen Uhrwerken aus Rohlingen gefräst- mit einer Toleranz von typischerweise 5/1000mm. So wird sichergestellt, dass bei fachgerechter Montage kein Verzug auftreten kann. Gleiches gilt für die angebrachten Bohrungen.


(Hier eine CNC-Fräse mit Platinenrohlingen)


(hier eine Mustersammlung von Platinen mit unterschiedlichen Perlagen)

Als Material kommt vorzugsweise Messing oder Neusilber zum Einsatz, bei extrem teuren Uhren auch Massivgold.

Die Fertigung auf diesem Niveau dauert rund 6 Stunden pro Platinenseite, also 12 Stunden für eine Platine.

Hat man die Rohlinge erst mal in Form gebracht, werden in mehreren Prüfverfahren über 100 Messpunkte pro Platine nachgemessen (einzeln bei jedem Stück), notfalls nachgearbeitet, oder überhaupt aussortiert.


(Nachbearbeiten des Werkstücks)

Je nach Aufwand erfolgt nun das Aufbringen von Perlagen und sonstigen Zierschliffen (die keinen technischen Einfluss auf die Qualität haben, sondern nur der besseren Optik dienen).


(Aufbringen der Perlage)


(Anglieren der Kanten)

Ist die Platine/Brücke letztlich "fertig" für die Weiterverarbeitung, geht es ans Galvanisieren. Das ist deshalb notwendig, um eine spätere Oxidation zu verhindern, die die Toleranzen wiederum verschieben würde.

Im einfachsten Fall wird die Platine nur vernickelt. Normalerweise ist das jedoch nur die "Grundierung" für ein weiteres Vergolden oder Rhodinieren, oder beide Verfahren- indem Schutzlack auf die jeweiligen Stellen aufgebracht wird und so unterschiedliche Oberflächen hergestellt werden.


(Muster in unterschiedlichen Galvanisationszuständen)

Ist alles fertig, werden die Lagersteine gesetzt. Üblicherweise im Highend-Bereich jeder Stein einzeln- jeweils mit anschließender Messung. Die Schweizer setzen die Lagersteine üblicherweise direkt in den Platinen/Brücken, die Glashütter Betriebe (je nach Modell) in Goldchatons.


(Setzen der Lagersteine)

Das Fassen der Lagersteine in Chatons ist jetzt nicht unbedingt besser, aber zumindest deutlich aufwändiger und letztlich schöner. Den Ursprung hat die Technik darin, dass man kleinere Fehler der Platine nochmals ausgleichen konnte. Mit der heutigen Fertigungsgenauigkeit würde sich dieser Vorgang jedoch erübrigen.


(Genaues Anpassen des Chatons an die Bohrung der Platine)


(Einpressen der Lagersteine in Glashütte)

Das Endergebnis ist letztlich in beiden Fällen eine nahezu "optimal" abgestimmte Platine des Werkes, mit minimalsten Toleranzen und besten Voraussetzungen für einen dauerhaften, genauen Betrieb der Uhr.

Dass das im Großserienuhrwerk so nicht funktioniert, sollte klar sein. Man hat also die Möglichkeit, die Toleranz zu vergrößern, oder das Herstellungsverfahren. Beide Varianten wirken sich negativ auf das spätere Laufverhalten der Uhr aus.

Dank heutiger moderne Präzisionsmaschinen, die vollautomatisch sehr hohe Genauigkeiten liefern, ist der Unterschied zu früher nicht mehr so gewaltig, aber immer noch messbar vorhanden.

Dass die optische Finissage eine ganz andere (einfachere) ist, ist auch klar. Perlagen werden nicht händisch aufgebracht, sondern vollautomatisch, Kanten werden vollautomatisch gebrochen/geschliffen...alles geschieht auf industriellem Niveau (wenn überhaupt). Sind Platinen von Manufakturwerken jeweils individuell, so sind solche aus der Serienproduktion vollkommen identisch.


2) Zahnräder und Triebe

Wie schon in einem anderen Thread geschrieben, gibt es hier erhebliche Unterschiede in der Qualität der Produktion und letztlich im Endergebnis.

Im Idealfall werden Zahnräder und Triebe aus dem Vollmaterial geschnitten und in ganz geringer Menge die Zahnprofile geschnitten. Je geringer die Menge und je exakter das Werkzeug arbeiten (das schnellstmöglich im Bedarfsfall ersetzt wird), desto besser das Endergebnis.


(Schneiden der Zahnprofile)


(Werkstückhalter mit Rohlingen und Werkzeug)

Anschließend werden die fertigen Rohlinge vermessen, geglättet und die Zahnflanken poliert.

Im Großserienwerk erfolgt das Nachbearbeiten der Rohlinge in stark reduzierter Form (falls überhaupt), Zahnflanken werden nicht poliert, da sehr aufwändig und zeitintensiv (mit Buchsbaumholzscheiben!!).

Der sich so ergebende Qualitätsunterschied ist verantwortlich für den späteren reibungsarmen Ablauf der Uhren. Die voll behandelten Zahnräder weisen kaum Verschleiss über einen sehr langen Zeitraum auf, wodurch das Gangverhalten der Uhr deutlich konstanter während der gesamten Lebensdauer (jedenfalls zwischen den Serviceintervallen ist- unabhängig von der eigentlichen Regulierung). Großserienzahnräder nützen sich im Betrieb deutlich stärker ab, verschleissen durch die höhere Reibung also schneller- und beeinflussen so das Ergebnis der späteren Reglage maßgeblich. Zudem verursacht der Abrieb eine Verschleisserhöhung, da sich in den Schmiermitteln durch den eingelagerten Abrieb eine "Polierpaste" bildet, anstatt anständig zu schmieren.

Die Achsen der Zahnräder werden bei hochwertigen Uhren ebenfalls nicht nur einfach aus dem Stahl gearbeitet, sondern die Lagerstellen rolliert und poliert. Ersteres verdichtet das Material mechanisch und glättet die Oberfläche, das Polieren sorgt sozusagen für den letzten Schliff. Es entsteht also eine sehr harte, glatte Lagerfläche, die ebenfalls der Verschleissreduktion, der Haltbarkeit an sich und der möglichst geringen Beeinflussung des Ganges dient.


3) Federn und Spiralen

Diese Bauteile beeinflussen das Gangverhalten am nachhaltigsten. Sie sind sozusagen das Herz des Uhrwerks. Die Feder im Federhaus sorgt für den nötigen Kraftfluss zur Hemmung. Hier bestimmt das Material und die Wicklung, wie konstant die Kraft abgegeben wird. Trotzdem kann nicht verhindert werden, dass die Kraftübertragung bei voll gespannter Feder anders ist, als bei halb oder fast abgelaufener Feder. Der Kraftfluss wird stetig geringer.

Im günstigsten Fall variiert er so wenig, dass es dem Träger im Alltag kaum auffällt, oder bei abgelegter Uhr sogar den Gangfehler beim Tragen kompensiert. Hier gibt es unterschiedliche Herstellerphilosophien, wie die Abstimmung erfolgt.
Bei langen Gangreserven über 40 Stunden ist es sinnvoll, mehrere Federhäuser zu verbauen, die sich gegenseitig unterstützen und so einen möglichst steten Kraftfluss sicherstellen. Maximal werden bis zu 7 Federhäuser in einer Armbanduhr verbaut.

Ist die Kraft nun endlich am Unruhreif, respektive der Spirale angekommen, liegt es an der Abstimmung dieser Komponenten, wie genau die Uhr geht.

Im Idealfall wird jede einzelne Spirale exakt an den Unruhreif hinsichtlich Schwingungsverhalten -manuell- durch Nachbiegen angepasst. Dass die Unruh selbst optimal ausgewuchtet sein muss, versteht sich von selbst.

Optimale Spiralen ermöglichen ohne weitere Korrektur Gangwerte von plus/minus 1 bis zwei Sekunden, Siliziumspiralen sogar noch darunter (bei einer optimal abgestimmten Konstruktion).

Das Material der Spirale und deren Produktion sind die bestgehüteten Geheimnisse der Uhrenindustrie- und hochwertige Spiralen werden nur von einer winzigen Zahl an Herstellern weltweit gefertigt. Das Temperaturverhalten, Resistenz gegen Magnetismus, Bruchfestigkeit, Oxidationssicherheit, Form, Materialstärke...all das beeinflusst den Lauf der Uhr.

Für Spitzenuhren kommen nur ausgesuchte Spiralen zum Einsatz, für Serienuhren solche aus der Serienproduktion, die zwar in einem gewissen Rahmen ebenso gut sein können, jedoch eine große Toleranz aufweisen.

Erst seit Einführung von Silizium als Material ist es auch für kleinere Betriebe möglich, hochwertige Spiralen anzufertigen (bzw anfertigen zu lassen).

Bei Siliziumspiralen kommt es vor allem auf den Materialaufbau (Poly/Monokristallin) und das anschließende Oxidationsverfahren an. Die künstlich aufgebrachte Oxidschicht im Mikrometerbereich ist verantwortlich für das optimale Schwingungsverhalten der Siliziumspirale und eine Wissenschaft für sich.


(höchstwertige Zylinderspirale im Tourbillon, Gold mit Eisenpartikel PVD beschichtet, Gangwerte plus/minus 0,5 Sekunden)

Damasko Manufaktur-12.jpg
(monokristalline Siliziumspirale)

4) Lagersteine

Heute kommen vorwiegend synthetische Lagersteine aus künstlichem Rubin zum Einsatz. Obwohl schon der Standard bei Serienuhren sehr hoch ist, kann man die Qualität noch deutlich steigern. Sowohl in der Produktion (Reinheit des Materials), dem Schliff, als auch dem Material (Easium, Diamant) kann man die reibungsreduzierenden Eigenschaften weiter verbessern.



So....das waren einmal die grundlegenden Materiellen Eigenschaften.

Wird eine Uhr nach den besten Methoden produziert, ergibt das ein extrem langlebiges, hochgenaues Produkt....sofern die Konstruktion stimmt.

Und da gibt es dann natürlich Steigerungsmöglichkeiten ohne jedes Limit.

Die aktuelle Krönung der mechanischen Uhrmacherei (was Präzision, Genauigkeit) anbelangt, seht ihr hier....


(Gyrotourbillon III), etwa 400.000,- Euro


(Vierfachhemmung, 4x4 Hz), ca. 1 Mio Euro


(Vierfach-Tourbillon)
 
Bernie_Rain

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@ Martin: Toller Beitrag, wirklich lesenswert.
 
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Super Beitrag :super::super::super::super::super::super:

Die Definition von Manufaktur würde ich aber weiter fassen, für mich ist da nicht der Preis entscheidend. Zur Erklärung im Segment bis ca. 300,-- € findet man zum Großteil Miyota, Seiko und China-Werke, Orient würde ich da schon als "Manufaktur" bezeichnen weil die selbst entwickelte Werke verwenden eben nicht von der Stange, d.h. aber nicht das die besser sind als ein Miyota, Seiko in der gleichen Preislage. So ist es wie ich es mit meinem begrenzten Wissen zur Zeit einschätzen würde.
 
marfil

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Danke für die Blumen!

Die Definition "Manufaktur" wird heute leider vollkommen missbräuchlich verwendet....weshalb ich auch einleitend geschrieben habe, dass ich den Begriff für meinem Beitrag mit "HighEnd" definiere.

"Manufaktur" ist ein Industriebetrieb, der ein Produkt vom Entwurf bis zum fertigen Endprodukt -industriell- herstellt. Mit Qualität hat der Begriff überhaupt nichts zu tun, auch nicht mit dem Produkt an sich (das kann eine Glomuschel genauso sein, wie ein Filzhut, oder eben eine Uhr).

Heute wird dieser Begriff mit "Handarbeit, HighEnd usw." gleichgesetzt...was aber vollkommen falsch ist.

Zur Erklärung im Segment bis ca. 300,-- € findet man zum Großteil Miyota, Seiko und China-Werke, Orient würde ich da schon als "Manufaktur" bezeichnen weil die selbst entwickelte Werke verwenden eben nicht von der Stange, d.h. aber nicht das die besser sind als ein Miyota, Seiko in der gleichen Preislage.
Seiko und Miyota bauen beide Manufakturkaliber, Orient prinzipiell NICHT. Orient bezieht einen großen Teil der Komponenten von Seiko, oder auch ganze Werke. Lediglich die Konstruktion älterer Kaliber basiert auf eigenen Berechnungen.
Qualitativ nehmen sie sich (in der gleichen Preisklasse) wenig.

Man darf aber nicht übersehen, dass diese Hersteller einen Preisbereich von wenigen Cent für Quarzwerke, bis über 350.000,- Euro für HighEnd Uhren abdecken.
 
Sampox

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@ marfil -- Danke für die Aufklärung war mir bisher so nicht bekannt!

Jo Handarbeit bedeutet nicht unbedingt Highend.

Auch hab ich das mit Seiko Miyota falsch gesehen nur weil man die Werke auch in anderen Uhren ticken hört können die ja trotzdem Manfakturwerke sein, stimmt das so?

Ich hab zB eine Dugena wo ein Miyota Werk drin ist Manufakturwerk aber für Dugena keine Manufaktur in dieser Uhr? Oder doch? Die Ungenauigkeit wie viele Begriffe heute, nicht nur in der Uhrenwelt, verwendet werden verwirrt zunehmend :-).

Ich persönlich liebe die Vielfältigkeit und eben nicht das 100. Miyota in der 100. Uhr, das ist ja auch keine Aussage über die Qualität.

Nochmal zu Orient woran kann man erkennen das in der Uhr ein "Orient-werk", zumindest von der Konstruktion, verbaut ist?
 
marfil

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Das Miyota ist ein Manufakturwerk. Die Dugena aber keine "Manufaktur-Uhr"....Sonst müsste sowohl das Werk, als auch der Rest der Uhr im gleichen Betrieb gefertigt werden.

Die erste "echte" Uhrenmanufaktur war übrigens Jaeger-LeCoultre, was diesem Hersteller noch immer einen Sonderstatus (auch bei der Konkurrenz) verleiht. Allerdings traf dort von Beginn an auch alles zusammen, was wir heute als "Manufaktur" bezeichnen würden, also höchste Qualitätsmaßstäbe sowohl bei industrieller, als auch manueller Fertigung, einschließlich aller Komponenten. Heute liegt die Fertigungstiefe dort bei rund 98%.

Die "originalen" Orientwerke verfügen zumeist über eine Gangreserveanzeige. Auch das Kaliber der "Deep" ist von Orient selber entwickelt. Die genauen Bezeichnungen habe ich jetzt leider nicht im Kopf....aber hier im Forum gibt es genügend Spezialisten zu diesem Hersteller (einfach mal einen eigenen Thread aufmachen).
 
BSBV

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Ich hab zB eine Dugena wo ein Miyota Werk drin ist Manufakturwerk aber für Dugena keine Manufaktur in dieser Uhr? Oder doch?
Dugena kauft Werke zu. Demnach kommt das Werk nicht aus dem Hause Dugena. Aber das Miyota 9015 ist ein Manufaktur-Werk aus dem Hause Miyota/Citizen.
So gesehen, wurde ein Manu.-Werk in ein fremdes Gehäuse eingebaut.

Anders ausgedrückt: In einer Mido (z.B) arbeitet ein Manufatur-Werk aus dem Hause ETA.
Wenn man den Faden noch weiter spinnen würde....Mido ist eine Tochter/Nebenbaustelle von ETA.....jetzt könnte man mit sehr spitzer Zunge sagen (Manufakturwerk in einer Mido), aber......in einer Mido arbeitet ein Manu-Werk aus dem Mutterhaus.

Oder noch anders, weil Autos gerne hinzugezogen werden.
Ich fahre ein Seat. Seat ist Tochter von VW. Im Seat ist ein VW-Motor. Also was fahre ich ? Einen Spanier mit Genen aus WOB.
 
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