Vorstellung und Instandsetzung der Kundo Minitatur "ATO" Drehpendeluhr

Diskutiere Vorstellung und Instandsetzung der Kundo Minitatur "ATO" Drehpendeluhr im Uhrenwerkstatt Forum im Bereich Uhren-Forum; Es handelt sich um eine Elektro-mechanische Drehpendeluhr (DPU) bzw. Jahresuhr nach dem Junghans ATO-MAT Prinzip mit elektromagnetisch...

collector

Themenstarter
Dabei seit
18.03.2012
Beiträge
69
Es handelt sich um eine Elektro-mechanische Drehpendeluhr (DPU) bzw. Jahresuhr nach dem Junghans ATO-MAT Prinzip
mit elektromagnetisch angetriebener Unruh und Antriebspule aus kombinierter Steuer- und Antriebswicklung.
Das Modell kam in der Übergangszeit, wie die kürzlich vorgestellte Kundo Junior „Motor“, zwischen den rein mechanischen DPU
und den Quarz Pendlern auf den Markt. Hergestellt wurde die Uhr vermutlich Mitte der 70er Jahre („Miniatur 73? / 77?“).
Defekt war mir diese Uhr 10€ aufgrund der nicht mehr oft zu findenden „ato“ Bauart (und des Glasdoms) auf jeden Fall wert.

Daten:
Größe: Höhe 22,5cm, Sockel 15cm (identisch Kundo Miniatur DPU Modelle)
Gewicht: 975 Gramm mit Dom (ohne 580 Gramm)
Ausführung: größtenteils Messing (Werkgehäuse Kunststoff gelb, goldfarben lackiert)
Ausrichtung der Uhr: durch 3 einstellbare Füße im Sockel
Stromversorgung: 1,5V Mignon (AA) Batterie
Werk: Bezeichnung unbekannt, „ATO-MAT“ Art, 1 Stein
Zifferblatt: Kunststoff mit Perlmutt Design, Durchmesser 7cm
Pendel: echtes 4-Kugel-Messingpendel wie bei mechanischen DPU
Pendelfeder: Stärke 0,056mm / Länge 92-93mm (Abstand Befestigungslöscher)
Pendelfederausführung: Horolovar mit vergossenen Aufhängungen /Mitnehmer
(s. Terwilliger - 400 Day Clock Repair Guide, 10. Auflage, Seite 187, Feder 52A)
Pendel(halb)schwingung (Beat): ca. 360 Grad (für den Gang nicht relevant)
Pendel(halb)schwingungen/Minute: ca. 10 (dto.)
Schwingungen Unruh: 3Hz bzw. 180/Minute (s. Text)


1.jpg
Die Uhr mit Glasdom

2.jpg
Gesamtansichten


Aufbau und Funktionsweise:
Die Stromversorgung erfolgt durch eine AA Batterie die sich auf der Oberseite des Werkgehäuses
unter einem Deckel im Batteriefach befindet.

5.jpg

Batterieplus gelangt über einen Federbügel (A), Minus über die Kontaktplatte und Schraube (B) an die Elektronikplatine (C)
mit daran befestigter Spule (D). Die Spule treibt die Unruh (E) und darüber das Räderwerk (F) an.
Oben befindet sich in F eine Aussparung in die der Mitnehmer (G) der Pendelfeder eingreift und dort durch
eine „Nockenscheibe“ bewegt wird und dadurch die Pendelfeder (H) in Schwingung versetzt.

7a.jpg

Die Elektronik ist einfach gehalten und besteht lediglich aus einem IC (TAA780), zwei Kondensatoren, einem Widerstand
(T, C und R) sowie der Spule und ist somit ähnlich der Steuerung der Kundo „Elektronik“ Magnetpendeluhren.

8k.jpg

Die Elektronikplatine mit Spule kann zur Reparatur durch lösen der Schraube B aus dem Werk entnommen werden.
Das sollte sehr vorsichtig gemacht werden um die haarfeinen Drähte der Spule dabei nicht zu beschädigen.
Allein beim Ausbau gegen die Magnete der Unruh stoßen oder daran zu verkanten reicht oft schon aus um die Spule kaputt zu machen.

Die Spule mit ihrer Steuer- und Antriebswicklung versetzt die „Unruh“ mit ihren vier Permanent-Magneten (M), wovon auf dem Bild
nur zwei sichtbar sind (das andere Paar befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite der Unruh und wird von der Spule verdeckt),
selbstständig in Bewegung. Das Werk ist also im Gegensatz zu den ersten Junghans ATO-MAT Werken selbstanlaufend.
Die Schwingungsfrequenz der Unruh liegt m.E. bei 3Hz oder 180 Schwingungen pro Minute (bpm).
Da die Uhr im www oder eine Beschreibung des Werks wegen der nicht bekannten Werkausführung (Nummer) nicht zu finden war
habe ich diese mit einem akustischen BPM „Zähler“ ermittelt, die diesen Wert ergab. Eine Vergleichsmessung mit einem Junghans
ATO-MAT 726 Werk ergab 150 bpm was zu den dort bekannten 2,5Hz passte. Falls aber dennoch falsch bitte ggf. berichtigen.

Die Regulierung erfolgt über die Stellwelle (S) welche die Spannung der Unruhfeder (Fe) verändert.
Eine ganze Umdrehung im Uhrzeigersinn bewirkt eine Verlangsamung um ca. 1Min./Tag, entgegen dem UZS + ca. 1 Min./Tag.
(Auf der Werkabdeckung befind sich außen eine Abbildung zur Justierung.)

4a.jpg


Das Pendel ist in Größe, Gewicht und Ausführung absolut identisch der bisherigen Pendel und aus massivem Messing.
Bei den späteren (Quarz-) Uhren wurden dann nur noch die sehr leichten (Deko-) Plastik Pendel verwendet.

3d.jpg

Oben am Pendel ist auch eine Einstellscheibe (S) zur Gangregulierung vorhanden, die aber auf die Genauigkeit der Uhr
keinen Einfluss mehr hat aber dennoch funktionsfähig ist. Durch Verdrehen kann, wozu auch immer, die Schwingung um etwa
+/- 45 Grad verändert werden, was jedoch m.W. nur einen rein optischen Effekt hat.
Das Pendel kann wie bei den mechanischen Uhren mit einem Hebel (He) zum Transport an der Grundplatte des Werks
arretiert werden damit die Pendelfeder keinen Schaden nimmt.

Die Pendelfeder ist noch eine „echte“ Horolovar Feder bei der die Befestigungen jedoch nicht aus angeschraubten Messing-
sondern aus Kunststoffteilen bestehen und mit der Feder vergossen sind. Gleiches gilt für den Mitnehmer
der ebenfalls fest an der Feder angebracht ist, Art und Abmessung s. Abbildung. Die Feder besitzt auch keine Gabel sondern nur einen „Stift“
und kann aber leicht wie sonst ersetzt bzw. selbst aus einer Feder und den üblichen Pendelfeder Messingteilen hergestellt werden.
Siehe auch: Terwilliger - 400 Day Clock Repair Guide, dort sind die orig. Feder als 52A und auch die Ersatzfeder als 52B abgebildet.

6nd.jpg

Die obere Befestigung ist identisch der bei mech. DPU. Oben kann die Ausrichtung der Feder/des Mitnehmer durch Verstellen
der Halterung verändert werden um den Mitnehmer in die richtige Position zum Nockenrad zu bringen.
Unten ist die Feder wie sonst im Pendelkopf befestigt.

Instandsetzung:
Als erstes fiel mir das Pendel mit den Resten der Pendelfeder aus der Uhr, als zweites ein blauer Kondensator.
Gut, das Pendel war nicht arretiert, konnte also beim Transport passiert sein, war jedoch beim genaueren Ansehen
dann so wie fast immer bei defekten mechanischen Drehpendeluhren.

6d.jpg

Getreu dem Motto „Wenn eine Jahresuhr nicht läuft muss man das Pendel aufziehen“ (vermutlich war nur die Batterie leer)
war das auch hier passiert und dadurch natürlich irgendwann die Feder gerissen.
Also, musste eine neue Feder her, und da man manchmal Glück hat, hatte ich genau so eine noch in meinem Pendelfeder „Fundus“.
Schnell eingebaut, grob eingestellt, Batterie rein und, es passierte… nichts bzw. nur ein leichtes Zucken der Unruh.
Eigentlich logisch, der Tantal-Kondensator lag hier ja noch ganz allein und auf Wiedervereinigung wartend auf dem Tisch herum.
Warum und wie er die Trennung mit der Platine vollzogen hatte, unklar. Wahrscheinlich dachte jemand „blau passt überhaupt nicht
ins Gesamtbild, raus damit“ und hat diesen abgebrochen aber zum Glück nicht weg geworfen.
Nach dem Ausbau der Platine und da die Anschlüsse noch ausreichend lang waren, die Position und + / - waren anhand des einfachen
Platinen Layouts auch gut nachvollziehbar, konnte dieser problemlos wieder eingelötet werden.
Zweiter Versuch, die Unruh fing sofort an zu schwingen und es war ein deutliches, schnelles (nicht im Sekundentakt -> 3Hz) Ticken zu hören.
Das Pendel wollte allerdings noch nicht so wie es soll und schwang nach dem Anschubsen schnell wieder aus.

Einstellung Pendelfeder: Das Nockenrad ist „gleitend“ mit dem Räderwerk verbunden, heißt, steht der Mitnehmer zu weit nach rechts
(am Rand der Aussparung) , reicht die Kraft des Rades (Werks) nicht aus den Mitnehmer weiter zu bewegen und das Rad bleibt stehen,
folglich ist keine Kraftübertragung möglich. Steht er zu weit links wird der Mitnehmer nicht oder nur zu wenig bewegt.

9b.jpg

Es muss also der Punkt gefunden werden (bei dieser Uhr bei stehendem Pendel) wo das Rad eine noch ausreichend Kraft aufbringt
ohne selbst durch den zu großen Wiederstand stehen zu bleiben und der Mitnehmer möglich viel nach links bewegt wird.
Der Mitnehmerstift sollte sich bei stehendem Pendel von hinten gesehen gerade nach vorn in der Aussparung der Platine befinden
und steht dabei fast an deren rechten Rand.

9a.jpg

Diese Position ist durch leichtes Verstellen der oberen Pendelfeder Halterung schnell zu finden.
Hierzu die Schraube oben (-> Abbildung Batteriefach), die die Halterung sichert, etwas lösen, die richtige Stellung
durch verdrehen der Halterung suchen und danach wieder festziehen. Da dieses Pendel danach aber wegen des
hohen Gewichts nicht von selbst hochschwingt und sich nur leicht hin und her bewegt das Pendel durch „Anschieben“,
wie bei den mechanischen Uhren um etwa eine ½ Drehung, in Drehung versetzten und das Pendel schwingt dann weiter.

Anmerkung: Der Mitnehmer muss bei richtiger Einstellung und Schwingung beim Zurückschwingen eine Nocke überspringen um
die Feder nicht wieder auszubremsen. Hier ist dann meist alle paar Sekunden ein „Klicken“ hörbar wenn er über die Nocke rutscht
bzw. beim Zurückspringen gegen den rechten Rand des Ausschnitts der Platine kommt.


Fazit:
Keine extrem seltene oder hochpreisige DPU die aber noch wie die früheren rein mechanischen Kundo Jahresuhren,
bis auf das Werkgehäuse, durch die Messingteile aufwendig, massiv und gut verarbeitet ist.
Ganggenaues Werk mit einfacher Justierung das aber wegen der der kleineren AA Batterie mit bis zu einem Jahr
nicht die Laufzeiten der Junghans ATO-MAT Werke mit Baby Zelle erreicht.
Für Sammler von (elektro-) mechanischen Uhren interessant wegen des nicht mehr sehr oft zu findenden Uhrwerks aus
der Übergangszeit vor 50 Jahren zwischen den rein mechanischen und immer noch massenhaft gebraucht angebotenen
Quarz DPU mit Kunststoffpendel ohne jeglichen Sammlerwert.
 
Zuletzt bearbeitet:

AHVintage

Dabei seit
09.02.2017
Beiträge
323
Ort
Karlsruhe
Die Elektronik ist einfach gehalten und besteht lediglich aus einem Transistor, zwei Kondensatoren, einem Widerstand (T, C und R)
Nicht ganz so einfach ;-). Der 'Transistor' ist das IC TAA780. Sonst könnte sie auch nicht von selbst anlaufen.

Frank
 
Thema:

Vorstellung und Instandsetzung der Kundo Minitatur "ATO" Drehpendeluhr

Vorstellung und Instandsetzung der Kundo Minitatur "ATO" Drehpendeluhr - Ähnliche Themen

Vorstellung und Revision der Kundo "motordrive" Drehpendeluhr: Nach länger Zeit der Foren Abstinenz möchte ich Euch hier eine seltene mechanische Drehpendeluhr (nach 1945) und die wohl letzte mechanische DPU...
Vorstellung und Beschreibung der Elgin-Haller Drehpendeluhr: …und ein weiterer Jahresuhren Exot: diesmal von Elgin-Haller. Ebenfalls eine hier seltene, mechanische Drehpendeluhr und eine der letzten...
KUNDO Electronic-Baustelle fertig gestellt: Ja, eine wahre Baustelle ist da auf meinem Tisch gelandet. Ich bin mir noch immer nicht ganz klar darüber, ob das nicht ein Blechschlosser war...
Eine JUNGHANS ATO mit Mittelsekunde im Schneckengang...: Ja, diese Uhr hat den Weg zu mir gefunden, weil sie (die Uhr) einfach nicht mehr die Zeit anzeigen wollte. Es handelt sich dabei um eine Uhr mit...
Junghans ATO mit Transistorsteuerung: Ja, es gibt sie: Die Junghans ATO (nach Leon Hatot) mit Transistorsteuerung an Stelle des mechanischen Kontakts. Die Schaltung, in einem kleinen...
Oben