Vorstellung: Jaeger-LeCoultre Master Minute Repeater in Titan (164T450)

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donizetti

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Liebe Kollegen,



nach längerer Abwesenheit von diesem Forum wollte ich den nun zunächst letzten Feiertag nutzen, um etwas beizutragen und meinen letztlich einzigen Neuzugang 2020 vorzustellen, einen Jaeger-LeCoultre Master Minute Repeater in Titan (limitierte Serie von 200).

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Warum diese Uhr?
Eigentlich habe ich mich schon vor über zehn Jahren zu einem Kauf entschlossen. 2009 stellte in einem amerikanischen Forum (timezone) ein User namens Craig (96TTx50) in rascher Folge drei seiner Neuanschaffungen vor, bei denen ich sofort dachte: die willst Du auch. Die letzte davon war der MMR (allerdings in einem anderen Metall). Dass es über 10 Jahre gedauert hat, bis es geklappt hat, liegt daran, dass andere Uhren hatten mehr Priorität hatten und die Beträge, die ich für dieses Hobby aufwenden will, leider begrenzt sind.



Was ist eine Minutenrepetition?
Das werden die meisten hier sicher wissen, also nur zur Auffrischung: eine Minutenrepetition wird durch einen Schieber (meistens) aktiviert und setzt dann die momentane Uhrzeit um in eine Tonfolge. Diese klassische „haute complication“ wurde ca. 1750 von Thomas Mudge entwickelt, nachdem es schon im ausgehenden 17. Jahrhundert (z.B. von Daniel Quare) Viertelstundenreptitionen gab. Motivation war natürlich die oft vollständige Dunkelheit nachts in dieser Zeit. Kein Luminova und keine Glühbirne. Zunächst wurden dabei Glöckchen verwandt. Das wurde (mal wieder) von Breguet deutlich verbessert, der die Glocken durch um das Werk herumgeführte Stahldrähte ersetzte. Klassisch, und so auch bei dieser Uhr, schlagen also zwei Hämmer auf zwei übereinanderliegende Tomfedern unterschiedlicher Tonhöhe, zunächst die Stunden (tiefer Ton), dann die Viertelstunden (hoher, dann tiefer Ton als Doppelschlag) und dann die Minuten (hoher Ton). Die maximale Anzahl an Tönen ist also 12:59 (12 mal „dong“, 3 mal „ding-dong“ und 14 mal „ding“). Direkt danach kommt um 13 Uhr die minimale Anzahl von einem „dong“. Hier sieht man es bei meiner Uhr bei 11:51 (anklicken und nicht vergessen, den Ton des Videos - oben rechtes - anzuschalten!)



Während es bei den meisten anderen Komplikationen egal ist, wann man sie benutzt, braucht man für die Minutenrepetition einen mechanischen Computer, der die momentane Uhrzeit abtastet und in Klangfolgen umrechnet. Das führt zu einer mechanisch und für den Uhrmacher, der das Werk konstruiert, wartet oder justiert sehr aufwendigen Komplikation. Grob gesagt wird die Uhrzeit durch Staffelscheiben für die Stunden, Viertelstunden und Minuten repräsentiert, die kontinuierlich mitgeführt werden (die Stundenstaffel sitzt auf dem Stundenrad) und die momentane Uhrzeit durch unterschiedlich tiefe Einkerbungen kodieren, um so tiefer, je mehr Stunden, Viertelstunden und Minuten geschlagen werden müssen. Aktiviert der Benutzer die Funktion, fallen drei Rechen (Kreissegmente) unterschiedlich weit auf diese Vertiefungen und lesen so die Zeit ab. Diese Rechen kehren dann nacheinander langsam in ihre Ausgangsposition zurück. Dabei lösen sie mit einer Reihe von Zähnen die Hammerschläge aus. Im Gegensatz von Schlaguhren (Sonnerie) stammt die mechanische Energie für diesen Vorgang vom Benutzer, der beim Bedienen des Schiebers ein Federhaus spannt. Für dieses mechanische Ballett sind mindestens 250 Teile und eine erhebliche Arbeit beim Justieren notwendig. Verschiedene Sonderbedingungen, z.B. beim Übergang von einer Viertelstunde zur nächsten, müssen durch spezielle Konstruktionen behandelt werden (mit interessanten Namen wie der Alles-oder-Nichts-Feder oder dem „Überraschungsteil“). Um die Geschwindigkeit des Ganzen gleichmäßig zu halten, braucht es noch ein Regulationssystem, das klassisch wie bei der Uhr selber (also mit Unruhe, Anker etc.) funktioniert. Wer sich das alles noch mal ansehen will und Englisch spricht, dem kann ich dieses Video empfehlen:


Was ist nun an dieser Minutenrepetition besonders?
In dieser Uhr schlägt das Kaliber 937, dass JLC anläßlich seines 175-jährigen Jubiläums 2005 vorstellte. Für die über 3 Jahre dauernde Entwicklung wurden ambitionierte Ziele ausgegeben: bestmöglicher Klang, Wasserdichtigkeit, 15-tägige Gangreserve. Durchgeführt wurde das Projekt von dem damals Mitte 20-jährigen David Candaux, der inzwischen eine eigene Manufaktur betreibt. Zahlreiche Materialien und Konfigurationen wurden ausprobiert und externer Rat, z.B. vom berühmten Dirigenten der Pariser Oper Georges Pretre, herangezogen.
„Normale“ Minutenrepetitionen sind leise (um die 40-45 dB in 50 cm Entfernung). Das macht nach dem ursprünglichen Gebrauch auch Sinn, denn man will ja nicht, dass der Partner aus dem Bett fällt oder der Nachbar im Konzert sich ärgert, wenn man die Funktion auslöst. Wenn man Uhren aber als Hobby hat, würde man den Klang gerne deutlicher genießen und nicht, wie man es bei Sammlertreffen oder Baselworld häufig sieht, die Uhr ans Ohr pressen oder auf einen Teller legen müssen, um überhaupt etwas zu hören.
Grund für die mangelnde Lautstärke ist die Lokalisation der Klangfedern im Uhrengehäuse, einem abgeschlossenen Raum, der schlecht Klang abstrahlt, besonders wenn er auf dem Handrücken sitzt. Metalle leiten den Schall auch nicht besonders gut, am besten noch Stahl oder Titan, Gold und Platin nur knapp halb so gut. Candaux hatte nun die Idee, die Klangfedern mit dem Deckglas zu verschweißen. Die Stelle ist bei 5:45 zu sehen und mit einer Notenfolge dekoriert. Saphirglas leitet den Schall knapp doppelt so gut wie das beste Metall. Das hat dramatische Effekte: der MMR ist mindestens doppelt so laut (55dB) wie jeder andere Repeater, den ich kenne, und auch in mehreren Metern Entfernung und am Handgelenk problemlos hörbar. Die Qualität des Klanges würde ich mit kristallin beschreiben, er ist sehr rein, obertonreich und langdauernd (700ms für einen Abfall von 20 dB). Es gibt Repetitionen von Patek, die runder klingen, aber in dieser Kombination ist das Klangerlebnis für mich subjektiv optimal.

Diese Klangleistung ermöglichte dann auch, die Uhr tatsächlich für 5 bar Wasserfestigkeit abzudichten, was sich normalerweise allein schon wegen der zusätzlichen Verschlechterung der Klangleistung verbietet. Der MMR ist also tatsächlich die einzige wasserdichte Minutenrepetition am Markt. Tauchen gehen würde ich dennoch nicht damit.
Auch in anderen Aspekten des Kalibers zeigt sich die außergewöhnliche technische Fähigkeit der Grande Maison: die 15 Tage (eigentlich 16 Tage) lange Gangreserve ist die längste in meiner Sammlung. Die Anzeige der verbleibenden Tage bei 8 Uhr wird visuell balanciert durch eine ungewöhnliche Funktion, einen Drehmomentmesser (torque) bei 4 Uhr, der die von den beiden großen in Serie geschalteten Federhäusern (auf der Werksseite durch die zwei Dreifachchatons sichtbar) abgegebene Energie zeigt. So kann man gegebenenfalls der Uhr durch einige Drehungen der Krone nachhelfen, wenn sie zuwenig „Saft“ hat – was aber nur am letzten Tag der sehr langen Gangreserve vorkommt.



Ästhetische und praktische Aspekte
JLC brachte die Uhr erstmals 2005 mit einem Platingehäuse und einem Zifferblatt heraus, das bei 12, 4 und 8 Uhr Einblicke erlaubte. Dieses Blatt gefiel und gefällt mir nicht. Was mich neben der oben dargestellten Funktion an meiner Version der Uhr besonders fasziniert, ist das völlig offene Zifferblatt, dass dem Benutzer die Beobachtung des ganzen Schlagablaufs erlaubt. Man kann tiefe Einblicke in das durchgehend hervorragend finissierte Werk nehmen. Für mich hat das eine Sogwirkung und eine plastische Dreidimensionalität wie sonst nur die Werksseite des Double Split von Lange. Auch die skelettierte Form der Zeiger gefällt mir sehr. Die Ablesbarkeit ist natürlich nicht so toll, ist aber bei einer Minutenrepetition definitionsgemäß auch nicht das Thema. Im Werk gibt es viel Schönes zu entdecken, als Beispiel sei die Dekoration des zur Repetition gehörenden Federhauses bei 8:30 genannt, es ist skelettiert mit einem dreifachen JLC-Logo (das ja wiederum die Ankerhemmung darstellt).

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Auf der Werksseite ist dem gegenüber weniger los. Im Wesentlichen sieht man eine sehr schön finissierte Deckplatte, interessanterweise aus (rhodiniertem) Neusilber, was auf mich fast wie ein Zitat der Glashütter Tradition wirkt, allerdings mit einer moderneren und attraktiven Dekoration mit strahlförmig auf die Unruhe zulaufenden Côtes de Soleil. Die Unruhe ist, der langen Gangreserve geschuldet, klein, aber tadellos reguliert (bei regelmäßigem Tragen 20 Sekunden Vorgang in 2 Wochen).

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Mit einer Größe von 44.5 mm und einer Höhe von 15.5 mm bewegt sich der MMR in Panerai-artigen Dimensionen. Das hat natürlich akustischen Sinn – größere Fläche, die Klang abstrahlt -, ist aber nichts für die engsitzende Manschette. Die Form des Gehäuses ist ein Kind des ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts und entspricht der Master Compressor-Serie. Das muß man mögen (ich tu’s) – es geht sicher eleganter. Durch die Verwendung von durchgehend poliertem Grad 5-Titan für das Gehäuse ist die Uhr erstaunlich leicht und trägt sich sehr angenehm. Insgesamt ist die Uhr deutlich technischer, maskuliner – wenn man so sagen darf – als die meisten Minutenrepetitionen. Obwohl sie auf einem wirklich sehr schönen grauen Alligatorband kommt, trage ich sie deshalb im Moment mit einem grauen Nubukband, ich finde, das passt besser. Eine Faltschließe komplettiert das Ganze. In der großen Box findet man daneben noch eine Lupe und eine Klanganalyse der Uhr.



Fazit
Sicher keine Uhr für jede und jeden. Ich habe mich bemüht, die Pro- und Kontra-Aspekte darzustellen. Ich selber bin sehr glücklich, dass ich nun ein schönes Exemplar gefunden habe (ich hatte vorher eine Uhr mit technischen Schwierigkeiten, die ich erfreulicherweise problemlos wieder zurückgeben konnte). Seit ich sie im Dezember bekommen habe, ist sie kontinuierlich am Arm. Danke fürs Lesen!

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  • Andreas
 
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jd17

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Grandiose Vorstellung einer grandiosen Uhr, vielen Dank! 👌

Lustigerweise musste ich beim ersten Bild sofort an den genialen Watchfinder YT-Kanal denken, weil ich fast jedes Video davon schaue.
Allerdings dachte ich an ein etwas jüngeres Video, was sogar eine JLC behandelt, die deiner sehr ähnlich ist:


Kennst du das schon? Das Modell ist glaube ich etwas jünger, aber zweifellos aus der gleichen Familie. 🙃
 

denohh

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Wunderbare Uhr und eine würdige Vorstellung, welche ich sehr gerne gelesen habe. Vielen Dank dafür.
 

woodworker

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Unglaublich faszinierende Uhr, echt Hammer und tolle Beschreibung! Danke fürs Vorstellen und Glückwunsch zur Uhr!!! :klatsch:
 

CFG

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Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für die interessante Vorstellung. Ich, bekennender JLC-Freund, finde die Uhr leider überhaupt nicht hübsch, aber die Repetition ist natürlich der Knaller und Hauptsache, sie gefällt Dir. Vielleicht hast Du ja noch ein paar Bilder in anderem Licht, in dem die Zeiger etc. besser rauskommen.
 

BBouvier

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... wa-wa-wa-wa-wa !!! :winken:


(sprachlos vor atemberaubender Bewunderung, ob dieses einmalig ästhetisch-mechanischen Wunderwerkes!)

BB
 

Terence

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Ach du dickes Ei 😂... perfekte Vorstellung und einfach nur eine grandiose Uhr von der Funktion und von der Marke.
 

Steven Rogers Capt

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Eine gelungene Vorstellung einer Uhr aus der ganz großen Uhrmacherkunst.
Das Video ist ausserordentlich aufschlußreich!
Jedoch schwingt bei dieser Komplikation, wie von Dir beschrieben, eine menge Nostalgie mit.
Diese muss einem auch die 80k erst mal Wert sein. Wirklich Spaß haben kann man mit der Uhr wohl
auch nur im stillen Kämmerlein? ;-)

Würde mich über die Vorstellung weitere Schätze freuen. Gangwerte sind wohl bei solchen Uhren egal,
daher viel Freude beim "Bimmeln".
 

Daintree

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Faszinierend ! Vielen Dank für die Vorstellung und die sehr gut verständlichen technischen Erklärungen.
Die Beobachtung des Schlagablaufs würde mir auch Freude bereiten.
 

Leopard

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Man möge mich als Banause betiteln, aber beim ersten Bild (was ja das ist, was man mal als erstes sucht) dachte ich nur: "Boah ist die ........*" (*ich traue es mich nicht zu schreiben, aber wer raten möchte kann gerne die Punkte zählen. Umlaute in einem😃).

Aber zur Vorstellung:
Sehr ansprechend geschrieben, extrem interessant und unglaublich spannende Komplikation.

Dennoch. Keine Uhr die ich tragen würde...
und vor allem preislich könnte😃
 

Devilfish

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:shock: Ich melde mich hier wieder, wenn ich wieder atmen kann


...



Wow, so einen unfassbaren Kracher sieht man hier oder eigentlich auch anderswo so gut wie nie.

Herzlichen Dank, dass Du uns daran teilhaben lässt.
 

mcapple

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16.01.2014
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116
Genial, gratuliere!

Mein Exitplan sieht eine Uhr mit Schnecke und als krönenden Abschluss eine Minutenrepetition vor.
 

Uhren_Freund

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Danke dir für die interessante Vorstellung, immer wieder schön ein paar außergewöhnliche Uhren zu sehen.
 
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