Vorstellung Blancpain Kaliber R55 Damenuhrwerk

Diskutiere Vorstellung Blancpain Kaliber R55 Damenuhrwerk im Damenuhren Forum im Bereich Sonstige Uhren; Moin moin die Damen und mitlesenden Herren, heute habe ich auch mal einen Grund, hier ein Uhrwerk vorzustellen. Leider nur das Werk, weil das...
Unruhgeist

Unruhgeist

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Moin moin die Damen und mitlesenden Herren,

heute habe ich auch mal einen Grund, hier ein Uhrwerk vorzustellen. Leider nur das Werk, weil das Gehäuse vermutlich einem Goldschmelzer zum Opfer fiel.
Eigentlich wollte ich es auch etwas flapsig vorstellen (mit der mir zugeschriebenen Ironie), bis ich bei den Recherchen feststellte, was ich da eigentlich in der Hand habe. Daher nun doch eine etwas ernsthaftere Vorstellung.

Es handelt sich um das ZENITH Kaliber 12, ein Damenuhrkaliber. Mit der Hilfe des Members Badener, der mir freundlicherweise den tatsächlichen Produzenten des Werkes bestimmte, konnte ich einige interessante Details herausfinden. Dass es sich um kein Zenith Manufakturwerk handelt, war eigentlich schon klar, als ich es bei ebay fand. Da ich das Kaliber aber nicht zuordnen konnte, an der Echtheit aber keine Zweifel hatte und der Preis annehmbar war, habe ich es gekauft.

Tatsächlich handelt es sich um das Rayville / Blancpain Kaliber R55 aus den 40’er Jahren (Danke Badener!) :super:


Die technischen Daten sind:
Durchmesser: 11,85 mm
Bauhöhe: 3,85 mm
Schwingungszahl: 21.600 A/h (Als Kaliber R520 hatte es 18.000 A/h, das Kaliber war aber nur sehr kurz auf dem Markt)

Damit konnte Blancpain die kleinste runde Uhr der Welt bauen (Aussage Blancpain)
Das Modell wurde „Ladybird“ genannt.

Anscheinend gab es aber Probleme mit der Robustheit des Räderwerks und der eingeleiteten Kraft durch die Zugfeder. Blancpain löste das Problem durch ein zusätzliches Rad innerhalb des Getriebes. Dem Anker-, Sekunden-, Kleinboden- und Minutenrad wurde also ein zusätzliches Rad eingefügt. Das hat natürlich zur Folge, dass das letzte Rad dann in die entgegengesetzte Richtung läuft. Die Uhr würde also rückwärts laufen. Dieses Problem wurde mit einer umgekehrten Hemmung gelöst.
Und tatsächlich ist das Ankerrad auch spiegelverkehrt aufgebaut und läuft gegen den Uhrzeigersinn.
Ich habe versucht, das mit einer Makroaufnahme darzustellen, aber es ist alles so winzig, dass man es nicht wirklich gut erkennen kann.
Durch dieses zusätzliche Rad hat das Werk 17 Funktionssteine, obwohl das Minutenrad nicht in Lagersteinen läuft

Nebenbei nahm Blancpain dann auch gleich den Weltrekord für die kleinste gebaute Unruh mit. Es ist tatsächlich eine Schraubenunruh mit 22 Schrauben! Um eine nennenswerte und wohl auch justierbare Masse aufzubauen, wurden Unruh und Schrauben aus Gold gefertigt. Leider kenne ich die Abmessungen der Unruh nicht.

Von diesem Uhrwerk gab es 2 Versionen: das vorgestellte R55 und das R550. Das R55 hat die Aufzugkrone an der bekannten 3 Uhr Position, das R550 hatte für den Aufzug einen Knopf auf dem Gehäuseboden. Die Zeigerstellung erfolgte auch über diesen Knopf, der hierfür angehoben wurde. Dieser Aufzugknopf saß nicht mittig, sondern gehäuseaußermittig auf der Achse des Federhauses. Dies bedingt, dass besagter Knopf erheblich kleiner als der Gehäusedurchmesser von 12 mm (Angabe Blancpain) gewesen sein muss. (Muss eine mächtige Fummelei gewesen sein)
Jaeger LeCoultre hatte in den 50’er Jahren eine ähnliche Konstruktion in der Futurematic, dort diente die Flachkrone aber nur für die Zeiteinstellung. Der Aufzug erfolgte ausschließlich über das Automatikgetriebe.

Das vorliegende Werk wurde der Seriennummer nach zu schließen Anfang der 60’er Jahre von Zenith verbaut. Die Verbindung Blancpain / Zenith existierte ja schon seit den 30’er Jahren, als Blancpain Zenith mit den 12‘‘‘ Werken belieferte (die Vorläufer der Kaliber 126 und 40), die zum großen Teil auch in Militäruhren verbaut wurden.
Die Bezeichnungen 12‘‘‘ und Kaliber 12 sind zum Verwechseln ähnlich, bezeichnen im ersten Fall aber den Werkdurchmesser in Linien, im zweiten Fall in (aufgerundeten) Millimetern.

Das Zifferblatt hat übrigens einen Durchmesser von 9,81 mm, wobei davon durchaus noch 1 mm bis 1,5 mm abgezogen werden kann, weil das ZB noch auf der Gehäusekante auflag. („Rehaut“ – der oder das??)
Der Minutenzeiger ist sagenhafte 3,52 mm lang!

Letztlich also ein winziges Schmuckührchen für die Oper oder den Ball, wo man in den Pausen trefflich den Wettbewerb über die „dezenteste“ Armbanduhr eröffnen kann. Also nur zum Herzeigen, aber nicht zum Zeit ablesen.

Und wer es bis hierhin geschafft hat, darf sich nun auch die Bilder ansehen. Ach ja, das ganze Werk wiegt 2,0 Gramm! Das 1 Cent Stück wiegt 2,3 Gramm.

Grüße,
Unruhgeist

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Links zum Vergleich eine Unruh aus einer Junghans Herrenarmabnuhr, Kaliber 93S1, 10,7 mm Durchmesser

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Ruebennase

Ruebennase

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Danke für die feine Vorstellung des Winzlings mit dem eigenen Dreh. Eine spiegelerkehrte Hemmung ist definitiv eine spannende Lösung.

Da haben wir ja Gück gehabt, dass der Schmelzer die 0,001g Gold der Schraubenunruhe übersehen hat

Grüße Rübe
 
fantomaz

fantomaz

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Der Wahnsinn! Was bekommt man denn für eine Gangreserve hin bei so einer kleinen Feder? 24 Stunden?
Oder sogar eher noch weniger – also gerade ausreichend für den Besuch in der Oper.....

Hammer!
 
Unruhgeist

Unruhgeist

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Moin Rübe und fantomaz,

ja, das war wirklich ein Glückstreffer. Interessant wäre jetzt noch zu wissen, welche Stückzahlen Blancpain produziert hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da eine Massenfertigung lief, weil auch die Nachfrage eher dürftig gewesen sein dürfte. Man kann da wirklich kaum die Zeit ablesen. Das Werk ist alles, nur nicht alltagstauglich.

Gangreserve - auch so ein Thema. Kann ich leider auch nichts zu sagen. Zwar ist das Uhrwerk in Ordnung, aber leider auch verharzt bzw. verdreckt. Sie läuft also nur mit gutem Zureden wenn man das Werk "überzieht" und zusätzlich die Spannung an der Aufzugkrone hält.
Wenn das Federhaus separat ausbaubar wäre, würde ich ja das Federhaus und die Unruh ausbauen und das Werk einer Pfuscherreinigng unterziehen (also das Räderwerk zusammengebaut lassen). Aber da das nicht geht, belasse ich es mal bei der Dokumentation.

Grüße,
Unruhgeist
 
uhrenbastler

uhrenbastler

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Vielen Dank für die Vorstellung, und was für ein Glück, dass dieses seltene Werk der Nachwelt erhalten werden konnte!
 
Unruhgeist

Unruhgeist

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Moin moin,

zu dem Werk habe ich noch zusätzliche Infos gefunden. In den Tiefen des "Archivs" fand sich ein originaler Zenith-Prospekt aus dem Jahre 1958! Da waren schon Uhren mit dem Kaliber 12 abgebildet. Dennoch ist das gezeigte Werk aus Anfang der 60'er, weil es die Seriennummer nicht anders zulässt. Es könnte aber durchaus sein, dass es sich um ein Werk aus den 40'ern / Anfang 50'ern handelt, welches später eingeschalt wurde. Das war ja leider üblich bei Zenith. Sehr zum Leidwesen der Zenith-Sammler, weil dadurch die Altersbestimmung erschwert wird.

In der Prospektbeschreibung ist zu lesen, dass der Außendurchmesser der Uhr lediglich 13 mm betrug. Abzüglich des Werkdurchmessers von 11,85 mm ergibt sich dann eine Gehäusewandungsstärke von nur 0,575 mm!!
Das ist ja fast schon Aluminiumfolie! Da kam dann nur noch ein Goldboden dazu, der zwar wohl etwas dicker war, aber auch nur 13 mm im Durchmesser hatte und 4 Anstoßhörnchen . Da fragt man sich, welcher Schwachmat das Gehäuse einschmelzen ließ! Das können kaum mehr als 3 Gramm gewesen sein. Und dann wohl auch "nur" 18 Karat. Mehr als 2,2 Gramm Gold netto war das nicht. Und für die paar Kröten (auch bei heutigen Goldpreisen) wird dann so eine Uhr zerstört. Da kann man doch irre werden als Sammler!

So, genug aufgeregt - hier die Prospektbilder

Grüße,
Unruhgeist

3011592
3011595
 
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bachmanns

bachmanns

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Ein tolles Beispiel für ein Uhrwerk aus einer Zeit, in der man in der Uhrmacherei noch danach strebte, die Miniaturisierung immer weiter voranzutreiben. Quasi das Gegenteil dessen, was dann in den 2000er und 2010er Jahren stattgefunden hat.
 
Thema:

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