Unruhwellentasuch: Doxa Taschenuhr (FHF 2144)

Diskutiere Unruhwellentasuch: Doxa Taschenuhr (FHF 2144) im Uhrenwerkstatt Forum im Bereich Uhren-Forum; Hallo zusammen, ich möchte hier einen kleinen Bericht zu meiner (ersten vollständigen) Reparatur einer alten Taschenuhr berichten. Vorneweg aber...

Beda_81

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Hallo zusammen,

ich möchte hier einen kleinen Bericht zu meiner (ersten vollständigen) Reparatur einer alten Taschenuhr berichten.

Vorneweg aber ein paar Worte … ich bin kein gelernter Uhrmacher, und maße mir auch nicht es trotzdem zu sein, und bitte vorab schon um Nachsicht wenn ich nicht alles perfekt gemacht habe, oder ich Begrifflichkeiten falsch verwendet habe. Ich mach das nur als Hobby und zum Spaß (hab vor ca. 6 Monaten damit angefangen), hab mir nach und nach Werkzeuge gekauft (am liebsten alte), einiges gelesen, unzählige youtube Videos geguckt und hier im Forum einen ebenfalls uhrenbegeisternden Mitstreiter gefunden, welcher mir stets (und auch bei diesem Projekt) mit Rat und Tat zu Seite stand (Markus, Danke dafür).

Ausgangslage: Hab mir zwei alte, defekte Doxa Taschenuhren (TU) gekauft. Bei beiden war ich mir beim Kauf aufgrund der Beschreibung des Defekts bereits sicher dass jeweils die Unruhwelle (U-Welle) gebrochen ist.

Vorneweg sei gesagt, dass ich beide TUs natürlich komplett zerlegt habe, gereinigt habe, geölt habe und das Gehäuse poliert habe und das Glas (noch) ersetzen werde, was ich hier nicht zeige.

Hier geht es ausschließlich um den U-Wellentausch und den damit verbundenen Herausforderungen.

Technische Daten:
Auch noch möchte ich anmerken, dass ich mit Doxa #1 angefangen habe, und die unten stehende Reparatur total vermasselt habe (Details: Da hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens drüber ;-)), so dass ich nun auf Ersatzteile angewiesen bin, und ich eine Woche gebraucht habe um rauszufinden, dass die Teile vom 2144 auch für 1 passen …

Nun aber Schritt für Schritt:

1. Zu aller erst habe ich natürlich die Uhr komplett zerlegt etc und die U-Welle begutachtet.
Wie vermutet waren die Zapfen abgebrochen.
Wie immer viele Fotos gemacht und natürlich vor zerlegen der Unruh markiert / dokumentiert Position Hebelstein und Position Feder.
Da ich weder Drehbank noch ein Molfres besitze (Stadtwohnung, wäre zu laut) blieb mir nur die U-Welle auszuschlagen (und ja ich weiß, dass ist nicht die eleganteste und schonendste Lösung). Habe dazu einen Punzensatz benutzt.

Bild 1.JPG

Bild 2.JPG

2. Nun gut, neue U-Welle gesucht. Blick in den Flume. Erste Unsicherheit.
Bei Doxa wird auf U1117 verwiesen und bei FHF 1 bzw 2144 auf U1107. Ranfft gibt auch U1107 an.
Vergleich der beiden (im grünen Flume nachgeguckt):

U1107: 440 / 220 / 125 / 61 / 82
U1117: 440 / 220 / 125 / 60 / 80

Nun gut 10-20µm Unterschied das wird nicht die Welt ausmachen (wundert mich eh dass es da so zwei fast gleiche Typen gibt). Dachte mit lieber 20µm mehr als zu wenig … eBay … 2x U1107 bestellt. (Glaub 16€ oder so)
Nach Ankunft am Feintaster „alt“ vs „neu“ vermessen. Passt.

Bild 3.JPG

3. Bis hierher lief noch alles glatt, jetzt wurds dann spannend.
Neue Welle eingesetzt, und dann … Mist … Welle zu dünn … hält nicht im Unruhreif (U-Reif) :-(
Naja, da kleben definitiv keine Option ist, und Ersatzteile teuer sind, musste eine andere Lösung her.
Also das Loch im U-Reif muss enger werden.
Dazu mit nem großen Kugelpunzen, gaaanz leicht vorne und hinten am Reif geklöppelt um das Loch minimal zu verengen. (sieht man gut auf dem Foto der „glänzende“ Ring. Nachm Klöppeln sah er noch glänzender aus. Hab aber kein gutes Foto davon.)
Welle rein … vieel besser hält schonmal :-)

Bild 4.JPG

Bild 5.JPG

4. Erster Test (ohne Vernieten) aufm Rundlaufzirkel. Nix gut. Welle liegt ned sauber auf Schenkel auf (kleiner Spalt erkennbar).

Bild 6.JPG

Bild 7.JPG

5. Welle nochmal raus, geguckt ob iwo Grat, kurz drüber gefeilt, Welle wieder rein.
Ab auf den Rundlaufzirkel. Vieeel besser.

6. Da man beim Ausschlagen und Verengen die Schenkel leicht verbiegen kann, habe ich diese vor Welleneinbau wieder sauber ausgerichtet. Erst geprüft wos fehlt, dann „kopfüber“ auf den Amboss des Punzensatzes und vorsichtig gedrückt, prüfen, drücken, … solange bis ok und Spalt gleichmäßig.

Bild 11.JPG

7. Nun gings ans Vernieten. Welle hat ja so ca. 800µm Durchmesser an der Stelle. In meinem Punzensatz habe ich 800µm und 900µm Lochpunzen. Der 800er war verdammt eng, daher entschied ich mich für den 900er Punzen (mit gewölbter Spitze … domed punch).
2x fein klöppeln, dann Reif und Punzen gegenläufig ca. 30 Grad drehen, wieder klöppeln, usw bis man einmal rum ist.

Bild 8.JPG

Bild 9.JPG

8. Rundlaufzirkel. All ok.

9. Nun Flachpunzen (1mm hab ich genommen) benutzen um Nietung flach zu machen. Vorgehen wie bei 7).

Bild 10.JPG

10. Plateau drauf gesteckt mit großem Lochpunzen festgedrückt. Auf Hebelstein aufpassen!

11. Ab auf die Unruhwaage … wuchten …
Da ich leider (noch) keine Regulierscheiben besitze, und mir das feilen zuwider war, habe ich einfach folgendes getan.
Aufgelegt, angeblasen und geguckt wo es sich einpendelt. Die Schraube welche dann nach oben zeigte 180° rausgedreht, aufgelegt, anblasen, usw … solange bis ich zufrieden war.
Auch habe ich da mal den Einfluss der Position des Hebelsteins geprüft (rein interessehalber. Final war er dann natürlich genau 90° zu den Schenkeln und nicht wie auf dem Foto.).

Bild 12.JPG

12. Auf den Rundlaufzirkel, Mist warum eiert das Ding auf einmal. Geprüft, U-Welle hats leicht rausgeschoben beim auf- und abmachen Plateau. War wohl ned sauber vernietet.

13. Also 7) bis 12) nochmal. Jetzt passt es. Puhh Glück gehabt.
(Zur Sicherheit habe ich die Welle einmal in einen Stiftenklöbchen eingespannt und versucht ob ich sie drehen kann. Nein, geht nicht. Sitzt also gut fest.)

Bild 13.JPG

14. Spirale drauf und im Kloben am Spiralklötzchenträger (SKT) verschraubt. Ging schnell, aber mir war klar, dass werde ich jetzt noch ein paar mal machen müssen, da der SKT ja nicht verstellbar ist und ich den Beat Error (Abfallfehler) nur über Position der Spirale korrigieren / einstellen kann.

15. Eingebaut ins Werk, läuft … Juhu … Freude pur 8-)
Aber nein, was ist denn hier los. Bleibt nach kurzer Zeit stehen. WTF?!
OK, Problem schnell gefunden … Ein Schenkel schleift am Rücker.

Bild 14.JPG

16. Hmm, was tun. Den Rücker biegen würde wohl unweigerlich zum Bruch führen.
Also Feile ausgepackt und den Rücker (da wo man die äußerste Windung der Spirale einklemmt) etwas abgeschliffen, solange bis es schön frei schwingen konnte.

17. Nun wurde es aber mal Zeit für die Zeitwaage um zu sehen was die spricht.
Hier jetzt alles genau zu beschreiben ist schwierig, da es sich über mehrere Tage hinzog und mich einiges an Nerven gekostet hat.

Problem 1, welches ich gefunden hatte war das Zifferblatt (ZB) unten gut war, aber ZB oben war das Bild „grieselig“. Sprich da hemmt oder stört irgendwas.

Bild 15.JPG

Ok, gesucht was sein könnte und was gefunden. Spirale schief. Vermute mal aufgrund der ZB oben Situation schleifte diese dann am Werk da die Schwerkraft den Rest tat.
Also Spirale ab auf nen Zahnstocher und vorsichtig gerade gebogen (mit Pinzette)

Bild 16.JPG

Bild 17.JPG

Wieder auf die Zeitwaage. ZB oben und unten nun viel besser beisammen. Aber immer noch nicht gut.
Weiter gesucht und wieder was gefunden. Wenn man den kleinen Stift an der Spirale zu tief in den SKT einsteckt reibt die Spirale am SKT, was nicht förderlich ist. Also nicht mehr ganz rein.
Und siehe da, ZB oben und unten passen nun vieeel besser zusammen :-)

Naja, ich dachte nun sei ich am Ende … nur noch den Beat Error gut einregeln und dann wars das … aber der Reihe nach …

Zuerst habe ich ca. 10x die Spirale ab und wieder leicht versetzt rangebaut um den Beat Error (Abfallfehler) bestmöglich einzustellen. (Ziel war es unter 1ms zu kommen, da ich mal gelesen hatte das wäre für Uhren ohne verstellbaren SKT akzeptabel).
Irgendwann sahs dann auch gut aus … Juhu … Freude …

Aber der Beat Error war mal ok du dann wieder nicht. Wieder Fehlersuche. Und siehe da, dass Plateau sitzt ziemlich locker auf der U-Welle. Hmm, das geht so nicht.
Da ich wieder absolut gegen Klebstoff war, musste ne andre Lösung her, und da man das Plateau nicht verengen kann … pragmatischer Ansatz muss her … also kurzer Griff an den Kopf und ein Haar geopfert (sind noch reichlich vorhanden :-D). Haar durch das Loch im Plateau und auf die Welle gesteckt mit Punzen. Sitzt wie Bombe. Zuletzt oben und unten das Haar abgerissen, Problem gelöst.

Dann wieder Spirale auf und ab solange bis Beat Error unter 1ms war. Endlich, nun dachte ich bin ich aber wirklich am Ende, aber …

… Es gibt da ja auch die ZB rechts u ZB links Lagen. Puhh auf der einen Seite ein hohes Plus (+84s/Tag) auf der anderen ein hohes Minus (-27s/Tag) incl. niedrigerer Amplitude. Hmm, das kann ja nur mit Unwucht erklärbar sein.
Also zurück zu Punkt 11) und wieder wuchten. Iwann war ich dann zufrieden.

Also Spirale wieder drauf, bis Beat Error akzeptabel, dann Gang ZB oben eingeregelt, und alle anderen Lagen geprüft.
Hier das Endergebnis: (Reihenfolge: ZB oben, ZB unten, ZB rechts, ZB links)

Bild 18.JPGBild 19.JPG

Bild 20.JPG


Ahh, man darf nur 20 Dateien anhängen ... [Bild 21]: -3s/d 191° 0.8ms

Für mein ersten größeres Projekt bin ich (sehr) zufrieden mit dem Ergebnis. Auch wenn ich bedenke dass die Lady ja bereits gute 100 Jahre auf dem Buckel hat.
Bin mir aber voll bewusst, dass ich nicht alles perfekt und sauber gemacht habe und die Profis/Experten hier sicher mehr rausholen würden …

Zu guter letzte hoffe ich der Bericht hat Euch gefallen und ich habe alles verständlich erklärt. Für Fragen, Verbesserungsvorschläge, Tipps und sonstige Kritiken bin ich stets offen … nur so lernt man ;-)

Peter
 
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Beda_81

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Stimmt, sorry beim schnellen tippen ganz durchgerutscht ...

Oh, so schlimm 🙈?

P.S.: Ich ziehe den Hut vor jedem Uhrmacher. Das will gelernt sein ...
 

JackDaniels83

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Ein super Bericht. Damit dürfte die Uhr wieder ein paar Jahre laufen und nur darum geht es ja bei so alten, meist "wertlosen", Dingern.
 

ing-liebl

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Bavarian Forrest
Servus Beda,
vielen Dank, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, den „Bericht“ zu schreiben.
Bei einer Uhr, die sonst ein wirtschaftlicher Totalschaden wäre und wohl in irgendeiner Schublade oder womöglich sogar im Müll gelandet wäre, ist das Ergebnis meiner Meinung nach voll in Ordnung.
Zur Info für alle Mitleser: ich durfte Dich dabei immer wieder begleiten.
Ziel war es ja nicht, hier ein Ergebnis zu erzielen, dass einer vollumfänglichen Reparatur gleichkommt.
Vielmehr sollte einer sonst „toten“ Uhr wieder Leben eingehaucht werden und dabei auf dem Weg so viel wie möglich zu lernen.
Dass hierbei an viele Stellen „Kompromisse“ gemacht werden mussten, ist überwiegend der begrenzten Werkzeugausstattung zuzuschreiben.
Natürlich hat ein Anfänger (noch) nicht die Fertigkeiten eines Profis, wobei ich oft positiv überrascht war, wie schnell Du das nach der kurzen Zeit hinbekommen hast - Unruh wuchten, Höhenschlag der Spirale richten, Abfall einstellen, etc.
Interesse und Ehrgeiz machen da einiges an Wissen und Erfahrung wett - natürlich nicht alles!
Ich habe immer wieder gemerkt, welchen Spaß Du dabei hattest und nie (oder wenn, dann nur ganz kurz) verzweifelt bist.
Deshalb finde ich den Bericht hier im Werkstattforum genau richtig. Ich hoffe viele Profis werden Dir noch den einen oder anderen Tip geben und für die meisten Mitleser zeigt es, was für ein schönes aber auch anspruchsvolles Hobby Du Dir ausgesucht hast.
Gruß Markus
 

Harpye

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Also ich finds klasse. Dass eine Uhrmacherausbildung kein Zuckerschlecken ist, duerften die die sie hinter sich haben am ehesten wissen. Und manche Sachen kann man erst beurteilen, wenn man sie getan hat, ob gut oder schlecht. Dazulernen kann jeder ausser er will nicht, also ist alles was dazu führt, das man seinen Horizont erweitert gut. Meine Meinung. Und auf jeden Fall besser, als sich alles zum eigenen Projekt als Dienstleistung zusammenzukaufen. Und nächstes Mal wirds besser...
 
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