UNICUM Taschenwecker

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monozelle

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Ich zeige euch hier kurz einen kleinen UNICUM Taschenwecker, der mich dazu brachte, meine angesammelten Vorurteile über Zylinderhemmungen - anfällig, unzuverlässig, ungenau, überholt, insgesamt einfach "von gestern" - zumindest ein bisschen zu korrigieren. Der läuft nämlich nach der Reinigung erstaunlich genau und der Klang der Hemmung ist entgegen meiner Erwartung überraschend hart und definiert, weniger das klassische "tick-tack-tick-tack", sondern viel eher ein helles "ding-ding-ding-ding".

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Technisch interessant, kann man sagen! Der Aufzug spannt zwei Federhäuser und erfolgt in zwei Richtungen: "M" für "Montre" und "R" für "Reveil". Die Mechanik dahinter ist simpel: Das Hin- und Her-Drehen der Krone betätigt eine Wippe, die zwischen den Kronrädern hin- und herschaltet und die Zahnradverbindung herstellt. Clever.

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Einen Schalter für "Alarm An/Aus" sucht man vergeblich. Möchte man nicht geweckt werden, zieht man einfach das Alarm-Federhaus nicht mehr auf und dreht die Krone nur in eine Richtung. Entsprechend unterschiedlich ermüdet (wenn auch intakt und rostfrei) zeigten sich die Zugfedern: Die aus dem Werkfederhaus ringelt sich um einiges enger als die aus dem kleineren Weckerfederhaus. Die Klingenbreite ist identisch und ich hätte kurzerhand über einen Tausch nachgedacht, aaaaber - die Stärke der Hauptzugfeder ist leider wesentlich höher.

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Uhrzeit einstellen? Drücker, Hebel oder Kronenschaltung sucht man auch vergebens - die Zeiger werden über einen kleinen drehbaren Knauf auf der Rückseite in der Mitte der Glocke gestellt.

Besonders servicefreundlich ist er nicht - möchte man die Glocke entfernen, um einen Blick auf das Werk zu werfen, muss man diesen Knauf mitsamt der Minutenradwelle ziehen. Falls es einen anderen Weg gibt, gerne Info und Aufklärung, ich habe keinen anderen finden können. Das Minutenrohr bleibt trotzdem in Position, da das durchbohrte Trieb nicht nur ein Trieb, sondern ein Rohr ist und in einer entsprechend passenden Bohrung sitzt. Dennoch - will man das wieder zusammenbauen, muss das Zifferblatt runter und das Viertelrohr muss wieder festgesteckt werden, was ohne Triebnietmaschine eine eher unangenehme Aufgabe ist.
Auch zum Abspannen des Werks muss man unter das Zifferblatt, denn hier im Verborgenen sitzen auch die zwei Sperrkegel. Das Zifferblatt hat im "amerikanischen Stil" drei Füße und wird mit drei Schrauben fixiert, die seitlich am Werk sitzen. Die Kronwelle wird von einer Schraube im Pendanten gehalten, auch die Werkhalteschrauben sitzen zifferblattseitig.

Der Weckzeiger ist abgebrochen oder wurde abgekniffen, die Manschette ist bombenfest mit der eingekerbten Scheibe auf der Rückseite des Zifferblatts vernietet worden und lässt sich nicht vom Zifferblatt trennen. War das so ab Werk gedacht? Hm. Glas fehlt noch, ein neues wird gerade organisiert. 🙂

Technisch habe ich einiges gelernt, ansonsten weiß ich nichts über diesen Wecker oder die Marke "Unicum" - vielleicht kann jemand von euch was beisteuern?
 
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Ruebennase

Ruebennase

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Ich kenne Unikum als deutschen Großhändler der eventuell auch selbst eingeschalt hat. Ich denke aber die Uhren wurden komplett so geordert mit eigenem Label. Ich besitze selber Eine mit einem Zenithwerk. Moritz Kohn hatte einige Eintragungen bei Mikrolisk.
Ein sehr schöner einfacher Wecker mit Charme. Ich habe eine Schwäche für robuste pragmatische Lösungen.

Gratulation zur Restaurierung
Rübe
 
gsl

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anfällig, unzuverlässig, ungenau,
Also, ich beobachte hier meine 6-Steine Wiener "Auland". Sie liegt vor mir am Schreibtisch, und läuft seit genau vier Wochen ununterbrochen. Ich ziehe sie jeden Morgen auf, lasse sie sonst in Ruhe (also zugegeben nur ZB oben, außer beim Aufziehen). Ich habe sie nicht nachgestellt. Sie geht nach vier Wochen sagenhafte 2,5 Minuten nach. Das sind 5 Sekunden am Tag! Ich bin beeindruckt und Zylinderhemmungen wachsen mir immer mehr an's Herz.

Gruß Michael
 
Ruebennase

Ruebennase

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Sie sind auch besser als ihr Ruf nur derartige Gangwerte sind tatsächlich nicht immer erreichbar. Da muß man ein wenig Lässigkeit an den Tag legen. Als Präzisionsuhren wurde sie nicht gebaut. Das schwierige im Umgang mit Zyinderuhren ist, dass man quasie keine Uhrmacher mehr findet. In den 1950'er Jahren war das tamponieren von Zylindern noch Tagesgeschäft. Ich kenne Leute die es knnen aber Sie sagen alle samt das es eine fummelige nicht wirklich Spaß bringende Arbeit ist. Von Uhrmacher habe ich gehört, dass es Kunden gibt, die eben Gangwerte bei einer einfachen Gebrauchsuhr erwarten, wie bei einer aktuellen frisch eingestellten Uhr. Das ist schlichtweg in den meißten Fälle nicht möglich da die Uhren zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens so genau liefen. Um Ärger zu vermeiden, lehnen sie solche Aufträge ab.
Natürlich kann man Glück haben, aber man sollte die Kirche im Dorf lassen. Es reicht vollkommen wenn so eine Uhr genau genug läuft das man bei täglichen Aufziehen und ggf. stellen den Zug bekommt. So wie sie damals verwendet wurden und wie der Anspruch an Sie war.

Grüße Rübe
 
M

Matthias MUC

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Das typische singende ding ding ding kommt sicher daher, daß das Hemmungrad direkt mit Schwung und Masse auf den Zylinder "draufknallt" und dann die gesamte Unruh wie eine Stimmgabel anschlägt. Hab aus meinen 2 1/2 Nachlässen eine Zylinder-TU, die macht, ans Ohr gehalten, tsching dong tsching dong... mit 18000 bph....

lG Matthias
 
gsl

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derartige Gangwerte sind tatsächlich nicht immer erreichbar. Da muß man ein wenig Lässigkeit an den Tag legen.
Hahaha, natürlich! Deswegen erwähne ich das hier als Kuriosum. Ich bin nicht nur beeindruckt, vielmehr bin ich baff.
Was die Lässigkeit angeht, ich gehe so weit und sage, dass eine Uhr die zuverlässig 5 Minuten am Tag vor, oder nachgeht als Gebrauchsuhr, wie Du sie beschrieben hast, völlig in Ordnung ist. Beim Aufziehen in der Früh stellt man sie -jenachdem- 2 Minuten vor oder nach, weiß bis zum frühen Nachmittag, dass sie leicht vor/nachgeht und ab dem frühen Nachnittag immer weiter nach/vor geht und in der Nacht schläft man meistens eh. Und morgen geht das Spiel von vorne los.

Ich habe es noch irgendwie aus früheren Zeiten intus, bin ja in den frühen 60ern geboren, dass man immer, wenn man an einer öffentlichen Uhr vorbeigeht, die eigene kontrolliert/nachstellt. Ist ja kein Längenchronometer (Paar).

Gruß Michael
 
monozelle

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Sie geht nach vier Wochen sagenhafte 2,5 Minuten nach. Das sind 5 Sekunden am Tag! Ich bin beeindruckt und Zylinderhemmungen wachsen mir immer mehr an's Herz.

Glaub ich dir. Wie ich schon sagte, ich musste meine Vorurteile über Zylinderhemmungen auch ein ganzes Stück weit zurücknehmen. Und mit neuem Glas sieht der Wecker wieder durchaus vorzeigbar aus. 👍 Mit gefällt sogar der Rost auf dem Gehäuse. 😂 Passt irgendwie ins Gesamtbild.

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In der Tasche hat er auch schon gute Dienste geleistet. Ich gehöre auch nicht zu denen, die die Uhrzeit auf die Sekunde genau wissen müssen.
 
gsl

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Da ich jetzt seit einigen Wochen zweimal täglich in die Augen tropfen muss und es dauernd vergesse, bin ich aktiv auf der Suche nach einem Taschenwecker. Wo bekommt man sowas?

Liebe Grüße
Michael
 
Ruebennase

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In den jetzigen Zeiten bleibt Dir wohl nur die Bucht übrig. Neben Wecker in der Rubrik "Taschenuhren" lohnt es sich auch als Suchbegriff das französische Réveil oder Alarm durch zu forsten. Leider sind die ausgerufene Kurse intakter Wecker verdammt hoch. Ich schreib Dir noch eine PIN.

Grüße Rübe
 
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