Revision Und wieder eine echte "Antiquität": Eine Jahresuhr von Kienzle, 1909

Diskutiere Und wieder eine echte "Antiquität": Eine Jahresuhr von Kienzle, 1909 im Sonstige Uhren Forum im Bereich Uhren-Forum; Nachdem die Uhr bei mir angekommen war, folgte auch gleich die Ernüchterung: Nichts gehörte bei diesem "Werk" zusammen. Der Sockel dünnes...
Der Stromer

Der Stromer

Themenstarter
Dabei seit
14.03.2011
Beiträge
1.838
Ort
92272 Hiltersdorf
Nachdem die Uhr bei mir angekommen war, folgte auch gleich die Ernüchterung: Nichts gehörte bei diesem "Werk" zusammen. Der Sockel dünnes Messingblech und die Säulen zu kurz. Die Krone des Werkes stammt von der BADUF und eigentlich sollte das Werk von Kienzle in einem mindestens 45 cm hohen Gehäuse sein werk verrichten.
5057-Viel-Arbeit.JPG
20170322_0002.JPG

Nun ja, man(n) kann ja nicht alles haben und das (Uhren)leben ist kein Wunschkonzert, was sich der Konstrukteur dieser Marriage wohl auch gedacht hat. Es wurden alle möglichen und unmöglichen Teile aus Schubladen, etc. zu einer Uhr zusammen gebastelt.
5071-Es-wird.JPG

Mein eigentliches Problem war nun, diese unterschiedlichen Teile zum "miteinander die Zeit anzeigen" zu bringen.
5066-Polierte-Teile.JPG

Ein Blick auf die Platinen ließ mich böses ahnen: Der letzte Reparateur hat alle - wirklich alle - Lager ersetzt. Wahrscheinlich, weil er nach ca. 1 Jahr Reparaturversuchen wie mir der Besitzer verriet, nicht mehr weiter wusste. Das Ersetzen wäre ja nicht so dramatisch, wenn er (der Uhrmacherlehrling nehme ich an) auf die Worte seines Meisters gehört hätte. Lager dürfen nie über die Zapfen hinaus gehen (Ausnahme: Tonnenzapfen bei Schwarzwalduhren). Wenn die Zapfen nämlich IM Lager laufen, graben sie sich ein und klemmen dann. Uhr steht!

Besondere Beachtung verdiente dann das Ankerlager. Dieses Lager wird generell bei der Herstellung auf den richtigen Eingriff justiert und dann vernietet. Es KANN sich nicht selbst verstellen, und trotzdem wird an diesem Lager immer als Erstes gedreht, was der Schraubendreher an Kraft hergibt. Bei dieser Uhr war das exemplarisch, wie man sehen kann.
20170322_0004.JPG
20170322_0007.JPG
20170322_0001.JPG

Nun ja. Lange Schreibe, kurze Erklärung: Alle Lager nach gearbeitet, die Ölsenkungen so hergestellt, dass die Zapfen richtig laufen konnten, Zapfen Poliert, etc., was man(n) halt so machen muss.


Zähne geputzt, Platinen poliert und versiegelt, Lager nochmals gereinigt und alles wieder an seinen Platz montiert. Jetzt die Pendelfeder. Natürlich den Terwilliger gefragt und die nach dieser Tabelle Passende aus dem Fundus.....
5069-Neue-Pendelfeder.JPG

Ehy, die Uhr rennt ja! Also, diese Uhr hat 8 Schläge pro Minute. Mit der angegebenen Feder machte sie aber gut und gerne 10! Mir selbst ans Hirn geklopft. Vor Arbeiten und Zuschneiden Hirn einschalten! Das Gehäuse war doch nicht original und die Pendelfeder daher zu kurz, oder? Also muss die neue Pendelfeder doch schwächer sein, damit das Pendel wieder aus seine 8 Schläge kommt. Leider war ich in meinem Alter bis heute zu faul, mir eine Methode zur Berechnung von Pendelfedern aus zu denken. Probieren ist ja einfacher, kostet nur Geld :oops: . Na ja, mit der Zeit habe ich so einiges an Erfahrungen gesammelt und aus diesem meinem Schatz habe ich dann ohne weitere Schnippelei die passende Pendelfeder gefunden und eingebaut.
Nun ist es ja so, dass nicht einfach die Pendelfeder schwächer gemacht werden kann und alles Andere so bleibt, wie es ist. Eine schwache Feder neigt gewaltig zum "Galoppieren". Dann muss man eben die weiteren Kriterien auch noch anpassen, um dieses Problem zu beseitigen. In meinem Fall war das mit einer Veränderung zwischen Gabel und Ankerstab zu regeln. Dachte ich. Denn: der Ankerstab wurde auch mal durch einen gehärteten Stab ersetzt, weiß der Geier, warum. Mein Biegeversuch endete mit einem leisen "Knack"! Zum Glück war der verbliebene Rest im Anker noch lang genug um ihn entfernen zu können und ein neuer, weicher Tamponstahl war schnell eingeschlagen. Jetzt war auch das Galoppieren abgeschafft und der Gang stimmte - fast :? . Eine genaue Beobachtung der Hemmung und ihrer Paletten förderte zu Tage, dass auch hier gestellt und geschliffen wurde, was das Metall so her gab.
5071-Es-wird.JPG

Nun gut. Die Paletten hatten noch genügend Material und das demontieren von Uhrwerken beherrsche ich ja auch ganz gut :shock: . Paletten neu geschliffen und den Eingriff eingestellt, alles nur zur Übung, nicht zur Strafe.
5068-Probelauf.JPG

Mit 1 1/2 monatiger Verspätung habe ich die Uhr dann ins Münsterland gebracht und ich hoffe, dass der Besitzer mit meinem "Werk" zufrieden ist. Ich jedenfalls, bin es :mrgreen:
5072-und-sie-bewegt-sich-do.JPG
 
D

Dille

Dabei seit
11.10.2014
Beiträge
5.301
Schöner Reparaturbericht, toll bebildert und exzellent beschrieben. Danke, jetzt weiß ich, was ich alles nicht weiß. ;)
 
P

Peter.B

Dabei seit
07.01.2014
Beiträge
255
Hallo Rolf-Dieter,

vielen Dank für Deinen Bericht! Die Uhr ist toll geworden (und ich wünsche mir Deine Geduld).

Die Infos zu den Lagern waren für mich neu, Dank dafür!

Gruß,

Peter
 
pearl.harbour

pearl.harbour

Dabei seit
30.08.2008
Beiträge
1.351
Ort
Bavaria
Servus Rolf-Dieter,

Wie immer ein toll geschriebener und interessanter Bericht! :super:

Vielen Dank und viele Grüße

Markus
 
Perpendikel

Perpendikel

Dabei seit
28.11.2014
Beiträge
171
Ort
dem schönen Sauerland
Hallo Rolf-Dieter,

Drehpendeluhren faszinieren mich auch. Aber nur wenn sie einen mechanischen Antrieb haben! Habe mich allerdings bei Weitem nicht so viel mit diesem Thema beschäftigt und deshalb auch nicht so viel Ahnung davon wie Du. Ist wieder ein sehr interessanter Bericht von Dir. Danke dafür.

Gruß von Peter
 
Thema:

Und wieder eine echte "Antiquität": Eine Jahresuhr von Kienzle, 1909

Oben