TU aus der Hansestadt Amsterdam für den Adel in Flandern

Diskutiere TU aus der Hansestadt Amsterdam für den Adel in Flandern im Taschenuhren Forum im Bereich Vintage-Uhren; Hallo liebe Sammlerfreunde, die heutige Vorstellung einer Taschenuhr macht einen kleinen Umweg über die Stationen Bordeaux - Hansestadt...
husky

husky

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Hallo liebe Sammlerfreunde,
die heutige Vorstellung einer Taschenuhr macht einen kleinen Umweg
über die Stationen Bordeaux - Hansestadt Amsterdam bis nach Flandern
zu einer alten Adelsfamilie, deren Name Programm zu sein scheint.

Uhrmacher Pieter (Pierre) Yver

Geboren 1677 in Bordeaux als Sohn des Uhrmachers Abraham Yver.
Er stammt aus einer Hugenottenfamilie, die als Uhrmacher neben Angouleme auch in Amsterdam arbeitete.

Wasser bildete von Anfang an auch die wirtschaftliche Basis der Stadt. Vom Fischerdorf stieg Amsterdam im späten Mittelalter zur Hansestadt auf, schließlich verfügte die Stadt über einen relativ sicheren Zugang zur Nordsee, Wasserwege verbanden sie außerdem mit den wichtigsten niederländischen Städten.

aaPelgroms11.jpg

Stadtwappen Amsterdam

Während des 17. und 18. Jahrhunderts war Amsterdam eine Stadt, in der viele Immigranten lebten. Die meisten Zuwanderer waren Deutsche. Nach Berechnungen machten sie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts fast ein Drittel der Bevölkerung aus. Die Integration der Einwanderer verlief relativ reibungslos – sogar im Stadtrat saßen Ratsmitglieder aus verschiedenen Nationen wie Flandern, Deutschland, Frankreich und Schottland.

aaPelgroms8.jpg

Aus dem Flandern der Zeit um 1700 kam der Besteller/Auftraggeber der
Spindeluhr mit Stahlgehäuse und Goldwappen
Pierre (Pieter) Yver, Amsterdam ca. 1700

Gehäuse:
Einzigartige Ausfertigung eines Stahlgehäuses einer niederländischen Sackuhr mit glattem Rand, Lünette und gesamtes Gehäuse belegt mit floralen Goldmotiven, mittig ein großes Adelswappen der Pelgroms, innen Staubschutz für das Aufzugsloch, Werk im Gehäuse mit Scharnier bei der Zwölf befestigt.

aaPelgroms1.jpg

aaPelgroms3.jpg

aaPelgroms2.jpg

Zifferblatt:

goldenes Champlevé-Zifferblatt mit gebläute Stahlzeigern, römischen Stundenzahlen, Halbstundenmarkierung in Pfeilform und arabischen Minutenzahlen 5-60, bei der Zwölf Fenster für das Tagesdatum, im Zentrum erhabenes Rankenwerk mit Inschriftkartuschen und Uhrmachersignatur Yver und Amsterdam.

aaPelgroms4.jpg

Werk:
feuervergoldetes Vollplatinenwerk aus Messing mit Tulpenpfeilern, fein gesägte, große Spindelbrücke,
filigran gestaltet und graviert mit verschlungenem Besitzermonogramm PP für Pierre Pelgrom und darüber Adelskrone, mit gebläuten Schrauben an Füßen befestigt, dreispitzähnliche Eisenunruh mit gekürztem Fuß, um dem Aufzugsvierkant Platz zu geben, dieser befindet sich innerhalb des Unruhreifes,
silberne Regulierscheibe, Antrieb über Feder, Kette und Schnecke, Spindelhemmung,
Federvorspannung über Vierkant zwischen den Platinen unter dem Federhaus, Aufzug von hinten.
Signatur P. Yver Amsterdam.

aaPelgroms5.jpg

aaPelgroms6.jpg

Maße:
Höhe 62 mm (ohne Pendant 48 mm), Breite 48 mm, Dicke 27 mm

Darstellung des Wappens des flandrischen Geschlechts der 1681 geadelten Familie Pelgroms unter einer Fruchtgirlande.
Im 1. Feld ist der Adler, im 2. Feld sind zwei Böcke, im 3. Feld drei Räder mit sechs Speichen und im 4. Feld eine Pinie zu sehen.
Darüber befindet sich die Helmzier mit dem Symbol des Pilgers (Pelgroms) mit dem Pilgerstab.

aaPelgroms10.jpg

Darstellung der Wappen des Utrechter Geschlechts van Rynevelt (links) sowie
das der 1681 geadelten flandrischen Familie Pelgroms (rechts) unter einer Fruchtgirlande.
Zwei Putti tragen ein Spruchband mit dem Wahlspruch "Soli Deo Gloria".
Das Pelgroms-Wappen wurde auch von der ebenfalls flandrischen Familie de Heuvel geführt, die wohl mit den Pelgroms eines Stammes ist. Allerdings besitzt das Pelgroms/Heuvel Wappen in der Literatur eine andere Helmzier, die in diesem Fall vielleicht aus gegebenem Anlass durch einen Pilger ersetzt worden ist, oder aber um ein Gegengewicht zur Rynevelt-Helmzier herzustellen.

aaPelgroms1.jpg



Die Familie ist dokumentiert, lest aber selbst:

aaPelgroms9.jpg

Für mich war es sehr ungewöhnlich, daß so ein aufwändig gestaltetes Gehäuse aus Stahl gefertigt wurde:

Von hier >>>>

aaPelgroms7.jpg

nach dort >>>

aaPelgroms12.jpg

Allen Lesern ein Danke für die Aufmerksamkeit und die Geduld,
bis zum Ende durchgehalten zu haben.
Mit freundlichen Sammlergrüßen
Michael
 
H

holli

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Hallo Michael,
hab sie ja vor ein paar Tagen schon im "PWF" bewundern können,
trotzdem auch hier mein Kommentar:-)
Du schafft es immer wieder noch einen drauf zu setzen,
ich bin echt sprachlos ,da kann man nur sagen :super: :super: :super: :super: :super:
Danke für's zeigen und die super Dokumentation dazu.;-)
 
husky

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Ja Danke für den Kommentar,
ich dachte mir, dass auch in diesem Forum einige Leser daran ihren Spaß haben könnten.
Mit freundlichen Sammlergrüßen
Michael
 
Faisaval

Faisaval

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Hallo Michael,

immer wieder aufs Neue bin ich überwältigt von den Ausnahmestücken, die Du uns zeigst, nebst toller kurzweiliger Vorstellung. :-P
Deine Uhren zeigen uns in beeindruckender Weise, mit welch Einfallsreichtum, technischer Finesse und Kunstfertigkeit jene Zeit wahre Kulturschätze hervorbrachte.

Viele Grüße
valentin
 
MikeHH

MikeHH

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Moin Michael

Wieder eine Uhr, bei der mir echt die Worte fehlen. Ich habe privat öfter mal deine Webseite offen, nur um etwas zu "spannen" (ich glaube das es in dieser Beziehung ein treffender Begriff ist). Mit dieser Uhr hast du einen weiteren Vogel abgeschossen. Es ist wirklich faszinierend, mit welcher Hingabe früher an den Spindelbrücken usw. gearbeitet wurde. Dazu noch dieses aufwändige Gehäuse, einfach faszinierend. Vom Werk mit Datum mal ganz zu schweigen.

Deine begleitende Geschichte der Uhr und ihres Erschaffers dürfen natürlich auch nicht außer Acht gelassen werden. Du hast die Geschichte sauber und lesenswert dokumentiert. Wer etwas Fantasie hat, kann sich mal versuchen vorzustellen, was die Uhr damals sicher schon für ein Prestigeobjekt war. Was sie wohl an Empfängen gesehen hat und wie oft sie dem Besitzer bei wichtigen Dingen die Zeit angezeigt hat.

Ich gratuliere dir zur Uhr und werde mich sicher noch öfter an ihrem Anblick berauschen...

Mike
 
Shirocco

Shirocco

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Moin Michael,

Seit langen Jahren verfolge ich Deine Vorstellungen - sprachlos!

Daher wird es Zeit Dir meine neidlose Bewunderung auszusprechen, Für die Uhren, die Bilder, und die kompetenten Texte.

Selber bin ich seit meiner Jugend aktiver Taschenuhrträger, wenn auch mit, vergleichsweise, unbedeutender Sammlung.

Und dennoch letztendlich wieder sprachlos!

hochachtungsvolle Grüße

Heiner
 
husky

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@ Valentin, Mike und Heiner,
vielen Dank für die wohlwollenden Kommentare zur Uhr und der Erklärung dazu.
Aber wie es so meine Art ist, möchte ich auch das Umfeld der Herkunft und der Verwendung ein bißchen beleuchten.
Und gerade dieser Teil der Historie einer alten Uhr bringt oft viel Neues für mich hervor.
Mit freundlichen Sammlergrüßen
Michael
 
husky

husky

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Fast 5 Jahre "geruht" und nun mal wieder ans Tageslicht befördert!
💫💫💫😍😍😏😏
Michael
 
CFG

CFG

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Tolle Aufarbeitung einer herrlichen Uhr. Du musst eine museumsreife Sammlung haben bzw. viele Museen würden sich danach und nach den Forschungsergebnissen die Finger lecken.
 
batery_99

batery_99

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Ich bin immer wieder erstaunt, welche Schätze in so mancher Sammlung vertreten sind.
Was Du so alles zeigst ist top:klatsch:.
Glückwunsch zu Deiner wirklich hochkarätigen Sammlung.
Viele Grüße
Marco
 
Tiktakbrasil

Tiktakbrasil

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Hallo Michael

Wie gelingt es , " Stahl " aus diesen längst vergangenen Zeiten ins Heute hinüber zu retten ? Rein Äußerlich ist das Gehäuse laut den Bildern ja ziemlich korrodiert.

Grüße aus einer ziemlich Rost anfälligen Gegend dieses Globus,
Tiktakbrasil :super:
 
husky

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@ tiktakbrasil
Danke für den Kommentar. Aber fachlich kann ich zu den chemischen Vorgängen nichts beitragen.
Lediglich ist zu erkennen, dass auf der Oberfläche des Gehäuses Vertiefungen "gegraben" wurden, um
anschließend das Gold einzubringen. Ob im geschmolzenen Zustand oder gehämmert, weiß ich nicht.
Leider gibt es auch schon minimale Ausplatzungen:

2644359

Mit freundlichen Sammlergrüßen
Michael
 
husky

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Auf eine Besonderheit möchte ich noch hinweisen, die aufmerksame Beobachter sicherlich schon
bemerkt haben: der Vierkant für den Aufzug liegt tatsächlich im Bereich des Unruh-Reifes. Der übliche
Schenkel ist verkürzt, damit die Unruh ausreichend Bewegungsfreiheit hat.

2644536

Mit freundlichen Sammlergrüßen
Michael
 
Tiktakbrasil

Tiktakbrasil

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@ tiktakbrasil
Danke für den Kommentar. Aber fachlich kann ich zu den chemischen Vorgängen nichts beitragen.
Lediglich ist zu erkennen, dass auf der Oberfläche des Gehäuses Vertiefungen "gegraben" wurden, um
anschließend das Gold einzubringen. Ob im geschmolzenen Zustand oder gehämmert, weiß ich nicht.
Leider gibt es auch schon minimale Ausplatzungen:
Ich gehe mal davon aus, dass die gewünschten Formen der Verzierungen als Vertiefungen mit dem Handstichel eingraviert wurden und danach ,wie auch immer, mit dem Gold ausgelegt wurden. Das war aber nicht meine Frage.

Meine Frage war, was machst du eigentlich gegen die Korrosion des Eisengehäuses, die ja immer am Fortschreiten ist. Man kann doch die Gehäuse nicht immer einölen und nachträglich brünieren dürfte wohl auch nicht möglich sein....

Vielleicht ein Werkstofftechniker hier unterwegs ?

Grüße aus der Ferne, Tiktakbrasil :super:
 
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