Tipp zum Polieren alter Uhrgläser aus Zelluloid (Celluloid)

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andi2

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Vor einiger Zeit ersteigerte ich günstig bei Ebay eine defekte Ingraham "Sentinel"-Taschenuhr, eine so genannte "Dollar Pocket Watch" von 1948 mit einfachem Stiftankerwerk und digitaler Scheibensekunde. Nach einer sehr einfachen Reparatur (2 Spiralwindungen im Regulierschlüssel) und Ölen lief sie nicht mehr mit 50 min Vorlauf, sondern wieder erstaunlich genau.

Der kosmetische Zustand der Uhr war gut, bis auf das Glas. Dieses war leicht gelblich (was aber bei diesem Modell mit +- einfarbigem goldfarbenem Zifferblatt darunter nicht gestört hätte). Leider war das gesamte Glas auch durch Berieb rauh und milchig (halb durchsichtig) geworden. Es handelt sich um ein besonders kleines Glas, da der Stundenindex aussen auf dem breiten Glasring steht, und es hat eine spezielle Wölbung. Also wollte ich es aufpolieren.

Kein Problem, dachte ich mir, ich hab ja die gute Polywatch-Polierpaste für Plexi-Uhrglas. Ich erlebte dasselbe wie mein Kollege in diesem Thread: https://uhrforum.de/uhrenglas-mit-eukalyptus-flavour-t134954
Der Abrieb des Uhrglases verband sich mit dem Polywatch zu einer zähen, harzartigen Rotze. Den starken, sofort entstehenden aromatischen Geruch würde ich mit Nadelbaumharz oder Franzbranntwein vergleichen.
Ich wusste sofort, dass dies kein normales Plexiglas war und dass ich so keine Chance hatte. Das Glas war nun weisslich wie Milchglas und fast ganz undurchsichtig.

Bei dem Material handelt es sich um Celluloid (Zelluloid), aus dem auch Film- und Fotomaterial hergestellt wurde (gefilmt = "auf Zelluloid gebannt"). Es ist leicht brennbar und war für manchen Projektoren- und Kinobrand verantwortlich.

Weil ich etwas Wissen über die Probleme beim Polierverhalten von Bernstein (fossiles Harz, unlöslich, hart, polierbar) und Kopal (subfossiles Harz, noch löslich, weich, schwer polierbar) hatte, liess ich mich nicht gleich entmutigen, sondern probierte einen Trick der Kopal-Polierer von Madagascar (leicht abgewandelt):

Man nehme ein grobes Baumwoll-Tuch (z.B. Geschirrtuch) und benetze es (gut feucht, aber nicht nass oder gar tropfend) an der Stelle des Tuchs, mit der man polieren will, mit Alkohol (Ethanol, z.B. Brennspiritus).
Dann reibe man mit kreisenden Bewegungen mit Druck recht schnell über das Glas. Dabei entsteht wieder der aromatische Geruch. Man fahre nun immer weiter damit fort, während der schnell flüchtige Alkohol trocknet. Dadurch wird zunächst der Widerstand beim Reiben grösser. Man muss nun weiter polieren, ohne neu mit Alkohol zu benetzen. Sehr schnell wird der Widerstand beim immer trockener werdenden Tuch wieder kleiner, denn die Oberfläche wird durch Abrieb des vorher angelösten Celluloids geglättet. Falls das Ergebnis noch nicht befriedigend ist, wiederholt man diese Prozedur mehrmals. es ist wichtig, mit der angefeuchteten Stelle des Tuchs jeweils so lange zu polieren, bis dieses nahezu trocken ist.
Das Ganze dauert pro Durchgang etwa 3 Minuten.

Diese Prozedur muss auch (aber i.d.R. sicher nur einmal) auf der Glasinnenseite erfolgen.

Man erhält ein perfekt poliertes und ganz durchsichtiges Glas (im Rahmen des Möglichen bei dem Werkstoff Celluloid, der nicht die gleiche Qualität wie Plexi bzw. Hesalit erreicht).
Auch der Gilb-Effekt wird merklich gemindert, das Glas bleibt aber leicht gelblich.

Falls ihr auch solche Zelluloid-Gläser habt, probiert es mal aus und postet hier eure Erfahrung damit.
Falls Interesse besteht, kann ich auch die Uhr und das Glas mal fotografieren und das Ergebnis hier zeigen.

Viel Erfolg!
Gruss Andi
 
batery_99

batery_99

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Hallo Andi,
Vielen Dank auch von mir für diesen Tipp.
Fotos würden mich dennoch interessieren. Wäre schön, wenn Du welche vom Endergebnis Posten würdest. Ich bin bisher an diesen Gläsern verzweifelt.
Viele Grüße
Marco
 
andi2

andi2

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derTeichfloh

derTeichfloh

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Hallo,
ich hab vor kurzen auch eine Uhr mit Zellulit-Glas erwischt. Leider hatte ich deinen Beitrag nicht gelesen - so erwischte es mich auch.

Aber es gibt noch eine Lösung:
Voraussetzung:
1) das Glas ist mechanisch noch stabil
2) es gibt nur Mikrorisse - grobe Risse oder Kratzer gehen nicht hinaus
3) du hast nichts mehr zu verlieren

was ist zu tun:
man nehme Zahnpaste als feines Schleifmittel und ein nasses Tuch (oder so ein Pad...)
dann reibe man mit geringen bis mäßigen Druck auf dem Glas. Besser, von unten zu stützen. Immer schön gleichmäßig und kreisförmig - sonst wird es später sichtbar
nach einer Weile abspülen und - ganz wichtig - trocken lassen!!

Das Zellulit nimmt leider Wasser auf und wird weicher und dehnt sich aus. Deshalb zwischen den Schritten schön trocknen lassen.
Vorteil:
es findet keine chemische Veränderung statt, kein anlösen (dabei können Faster eindringen...) oder so
die Vergilbung scheind, laut den Berichten hier und meiner Erfahrung, sich nur auf der Oberfläche zu befinden. Durch das Schleifen wird sie abgerieben. Das Glas wird also heller und durchsichtiger
Nachteil:
es dauert lange, sehr lange
es wird , wenn auch nur wenig, Material abgetragen

aber... überzeugt euch doch selbst:

DSCN8293a.jpg
DSCN8299.JPG
DSCN8300.JPG

Gruß,
derTeichfloh
 
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