Tellurium mit Glashütteantrieb, ein Werkstattbericht.

Diskutiere Tellurium mit Glashütteantrieb, ein Werkstattbericht. im Sonstige Uhren Forum im Bereich Sonstige Uhren; Der Begriff Planetarium ist wohl den allermeisten hier geläufig. Es ist ein Gerät, welches mechanisch die Stellung / den Lauf der Planeten...
#1
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Pommes

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Der Begriff Planetarium ist wohl den allermeisten hier geläufig. Es ist ein Gerät, welches mechanisch die Stellung / den Lauf der Planeten anzeigen kann.
Der Begriff Tellurium ist schon nicht mehr so geläufig.

Ein Tellurium ist im Prinzip ein Planetarium, welches auf die drei Himmelskörper Sonne, Erde und Mond reduziert wurde. (im Lateinischen wird der Planet Erde als "tellus" bezeichnet)

Solch ein Tellurium gab es vor nicht allzulanger Zeit als Bausatz (zu einem erschwinglichen Preis) zu kaufen.
Hier muß ich aber gleich dazuschreiben, daß es ein relativ großer Aufwand war, das Gerät zum problemlosen Laufen zu bringen. Dazu waren viele Teile neu zu fertigen, da die chinesische Genauigkeit viel zu wüschen übrig ließ.
Nachdem ich diese Hürde übersprungen hatte, war mein Wunsch, das Gerät mit einem Antrieb auszustatten, der es in Originalzeit ablaufen lässt.
Das mag für viele langweilig sein, denn dann tut sich ja scheinbar nichts, aber so kann ich an der Erde die (echte) Zeit ablesen, und am Stand des Mondes die Mondphase.
Nun erstmal Bilder.

01 Tellurium.JPG



02 Tellurium.JPG

An diesem Tellurium kann nicht nur der Stand der Erde und die Mondphase abgelesen werden, hier dreht sich die Erde auch um eine geneigte Achse, somit kann auch die Jahreszeit gesehen werden.
Der Mond läuft auf einer schiefen Ebene, somit können auch Mond- und Sonnenfinsternisse vorhergesagt werden.
Am äußeren Rand der Grundplatte kann über einen Zeiger (hier noch nicht montiert) das Datum abgelesen werden, auf einer vierstelligen Anzeige wird das Jahr angezeigt.



03 Originalantrieb.JPG

In dem originalen Gerät treibt ein Elektromotor das Getriebe an, wobei die Geschwindigkeit etwa ein Tag pro Sekunde beträgt. Zur Anschauung der Bewegungen und zur Erklärung mag das geeignet sein, für mich allerdings nicht. Über einen Potentiometer lässt sich die Geschwindigkeit in einem kleinen Bereich verstellen.

04 Glashüttemotor.JPG

Deshalb wollte ich ein Uhrwerk einbauen, um das Gerät in Originalgeschwindigkeit zu betreiben.
Als Antrieb habe ich ein Uhrwerk aus einer Schaltuhr vom VEB Uhrenwerk Glashütte ausgewählt.
Zum Einen sind diese Werke relativ günstig zu bekommen, zum Anderen hat es Kraft, es muß ja schließlich Schalter bewegen.




05 originaler und umgebauter Antrieb.JPG

Hier sieht man links das originale Werk, rechts das Umgebaute, da ich für den Antrieb noch eine Übersetzung der Drehzahl von 1:3 benötigte. Auf der 24-Stundenwelle ist ein Zahnrad montiert (z=15).



06 Grundplatte original und umgebaut.JPG

Links das Original, rechts der umgebaute Antrieb. Das Uhrwerk musste leider unter das Gehäuse, denn innen war dafür nicht genügend Bauraum.

07 Bodenansicht.JPG

Die Bodenansicht mit dem Umbau für den Antrieb.

08 Umbauteile.JPG

Dazu musste das Lagergehäuse für die Antriebswelle gefertigt werden. Dünnringlager sind meine Lieblingslager.



09 mit Glashütteantrieb.JPG

Hier ist das Uhrwerk bereits an die Antriebswelle gekoppelt.
-Ja, ich weiß, Lichtstrom ist gefährlich. Das ist lediglich ein Prototyp, den fasst niemand an, außer ich. Allerdings ist alles isoliert, und Schutzkontakt ist auch angeschlossen.

10 Glashütteantrieb.JPG

Die Übersetzung von 1:3. Die Räder werden wohl noch schmäler werden.

11 baldiger Sonnenuntergang.JPG

Gleich ist Sonnenuntergang. Der rote Stift ist mein Standpunkt, bzw. der (24) Stundenzeiger. Und es ist Winter.

12 Antrieb von unten gesehen.JPG

Dies ist ein Blick unter das Gerät. Der neue Antrieb aus Glashütte.
Jetzt muß das Ganze noch ein paar Wochen probelaufen. Mond und Mondbahn sind jetzt noch nicht montiert. Das braucht es für den Probelauf nicht, und macht das Gerät schlecht transportierbar, denn diese beiden Zahnräder sind nur aufgelegt.

Wenn es Fragen zu diesem Gerät gibt, nur her damit.

Wenn das Wetter es zulässt, draußen schöne Bilder zu machen, werde ich die hier noch anhängen.
Das war jetzt nur der Werkstattbericht mit dem Stand von heute.
 
Zuletzt bearbeitet:
#5
sifu

sifu

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Hätte ich auch nur ansatzweise den Hauch einer Ahnung von feinmechanischen Berechnungen, so würde ich jetzt einen fachlichen, fundierten Kommentar abgeben. Da das nun gar nicht der Fall ist, möchte ich mich einfach @fantomaz anschließen. Voll geil!
 
#6
Hands

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Ich bewundere solche Fähigkeiten, das ist ganz große Klasse:super:
Gut, die Bewegung hält sich in Grenzen dennoch würde ich das Tellurium gerne mal live sehen.
 
#7
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Pommes

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Der erste Glashütteantrieb läuft ja noch zur Probe.
So habe ich einen Zweiten gebaut, und mit einer Rutschkupplung ausgestattet, damit sich die Zeit auch während des Betriebes verstellen lässt.
Die Zahnräder wurden auch schmäler, indem ich sie in der Mitte durchgesägt habe.

So sieht der abgeänderte Antrieb aus.
DSCF0059.JPG

Die Rutschkupplung besteht aus diesen Bauteilen.
DSCF0057.JPG

DSCF0060.JPG
Dieser Antrieb darf jetzt auch noch probelaufen. Ist ja alles noch im Prototypenstadium.
 
#9
Westminster

Westminster

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Tellurien kenne ich nur mit Kurbel aus der Zeit der "Feuerzangenbowle".
Eine selten gewordene Spezies. Da machst Du Dir viel Arbeit, meinen Respekt!
Und die Rutschkupplung mit der selbstgedengelten Tellerfeder ist auch eine gute Idee.
 
Zustimmungen: sifu
#11
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Pommes

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Neues aus der Werkstatt.
Nachdem das bestellte Material (Automatenstahl, kaltgezogen, 10 mm) angekommen ist, wurden die Antriebswellen mit den Zahnrädern neu gefertigt.
neue Wellen.JPG

Diese sind vom Aussehen her gefälliger.
Hier im eingebauten Zustand zu sehen.
Welle eingebaut.JPG



Jetzt kam mir aber ein neuer Gedanke. Da es diese Schaltuhren auch in einer Quarzversion gibt, und ich zwei davon schon hier liegen hatte, wird jetzt auf Quarz umgerüstet.
Dies aus folgendem Grund. Das mechanische Werk wird über einen Synchronmotor mit Netzspannung aufgezogen. Es muß also immer am Netz hängen, außerdem ist Netzspannung am Gerät angeschaltet. Man könnte es über einen Netztrenntransformator entschärfen, dies ist aber wieder mit Kosten verbunden.
Anders bei einem Quarzwerk, dies kann mit Batterien betrieben werden.
Quarzuhr aus Glashütte.JPG Diese Schaltuhr wird zwar auch über die Netzspannung betrieben, diese hält aber nur einen Akkumulator auf Spannung, sodaß dieser immer voll geladen ist. Der Akkumulator hat eine Spannung von 2,4 Volt (zwei Zellen), und eine Kapazität von 0,225 Ah. Angegeben ist eine Gangreserve von 120 Stunden.
Demnach würde für eine Betriebsdauer von einem Jahr eine Kapazität von 16,5 Ah notwendig sein.
Ein früherer Versuch mit einer solchen Uhr ergab aber eine Laufdauer von sechs Monaten mit zwei Mignonzellen.
Daraus folgere ich, daß ein Jahr Laufdauer mit zwei Monozellen (locker) erreicht werden kann.

Also sämtliche Kosten und Mühen gescheut, und zwei Quarzschaltuhren aus der Glashüttemanufaktur gekauft (ebay), und gleich umgebaut.
Werkplatinen umgebaut.JPG
Die Werkplatinen müssen etwas geändert werden (Aussparung für die Antriebswelle), damit man sie an die Antriebswellen anbauen kann.
Leider kein Bild von vorher.

Hier läuft das Werk bereits zur Probe. seit zwei Tagen ohne Probleme.
Quarzwerk eingebaut.JPG
Ich hätte mit diesem Werk 18 Millimeter an Bauhöhe (größere Bodenfreiheit) einsparen können, dafür wären aber neue Lagergehäuse und neue Antriebswellen nötig gewesen. Das war mir, ehrlich gesagt, zuviel Arbeit.

Soviel für heute aus der Werkstatt.
 
#12
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Pommes

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Auf dem letzten Bild im letzten Beitrag ist im Vordergrund noch die fliegende Verdrahtung und die Steuerplatine zu sehen.
Daß das nicht so bleiben kann, ist ja klar.

Deshalb habe ich heute die Energie- und Informationsversorgungseinheit gebaut (ja, es waren drei Stück).
Dazu habe ich der Originalplatine alle Bauteile entnommen, die für einen Batteriebetrieb nicht notwendig sind.
Wie ich schon geschrieben habe, wird das Werk im originalen Einsatz mit Lichtstrom betrieben, der dann noch einen Akkumulator lädt, der im Falle eines Stromausfalles dann die Energie für eine Gangreserve von 120 Stunden bereitstellt.
Die mittlere Platine zeigt sich im ausgeweidetem Zustand.
01-Dezimierung der Bauteile.JPG

Danach wurde die Platine in ihrer Größe beschnitten, um komfortabel auf die Rückseite einer Batteriehalterung zu passen.
02-Reduzierung der Platine.JPG

Dann noch alles verschrauben, eine Acrylglasscheibe drauf, und schon ist alles fertig.
03-Powerpack.JPG
04-Powerpacks.JPG

Den "Glashütte"-Schriftzug wollte ich dann doch nicht von der Platine entfernen, sonst wäre die Platine noch kleiner ausgefallen.
05- Platine.JPG

Tagwerk vollbracht.

ps. "Energie- und Informationsversorgungseinheit" deshalb, weil die Steuerplatine sich ja auf der Batterie befindet, und diese Einheit Steuersignale an die Uhr sendet. An der Uhr / dem Tellurium befindet sich nur der Elektromagnet des Schrittmotors.
 
#13
Der Stromer

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Also eine wirklich tolle Arbeit, die Du da ablieferst und uns hier zeigst.
Schade nur, dass wir wohl die Bewegung des Tellurium nicht so wirklich sehen werden.
 
#14
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Pommes

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Wenn das Telluriumprojekt mal abgeschlossen ist, dann ist mein Plan, es im Freien aufzustellen. In einem Aquarium unter Schutzgasatmosphäre. Dann werde ich Bilder zeigen, zu besonderen Ereignissen, wozu der Vollmond schon zählt.
Bis jetzt laufen die Geräte nur zur Probe, und ohne die Komplikationen Mondphase und Mondekliptik. (nennt man das so?)

Bei dem Probelauf kontrolliere ich immer Sonnenaufgang und Untergang. Wenn man sich Zeit lässt, dann tut sich schon etwas.
 
#15
Der Stromer

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Da bin ich richtig gespannt:klatsch:. Vorgestern war bei uns relativ gut ein sog. "Blutmond" zu sehen. Nur ein paar Schleierwolken haben das Ereignis "Verschleiert".

?Wenn man sich Zeit lässt...? Genau das kann ab einem gewissen Alter - die Einschläge kommen immer näher - schon zum Problem werden:ok:
 
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