Uhrenbestimmung Spindel-Taschenuhr Bamsted, London aus dem Jahr 1767 (?) Kann das sein?

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Liebe Spindelwerk-Spezialisten unter Euch Taschenuhren-Liebhabern,

die im Folgenden abgebildete Uhr habe ich von einem Sammler und Uhrmacher erworben. Er hat mir versichert, sie wäre aufgrund der Hallmarks aus dem Jahr 1767, also rund 255 Jahre alt. Dafür spräche auch die sehr hohe Bauweise des Spindelwerkes sowie die Ausführung des Klobens und die Unruh aus Eisen. Als Hersteller ist ein gewisser Ja‘s (James?) Bamsted aus London auf Zifferblatt und Uhrwerk vermerkt.

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Laut Mikrolisk kann ich die Punzen aber nicht eindeutig zuordnen. Ich deute die Punzen wie folgt:

Schreitender Löwe für Sterlingsilber ist klar.
Der Jahres-Buchstabe sieht für mich wie ein kleingeschriebenes „m“ aus.
Schriftart vermute ich gotisch.
Das Stadtwappen ist nur schwer zu entziffern. Ich dachte zuerst, der „Leopards Head“ für London, aber dann erhalte ich die Jahreszahl 1867. Kommt mir aber komisch vor. Hier mal die Punzen in starker Vergrößerung:

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Hier noch mehr Bilder des Uhrwerkes:

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Ich bin sehr auf Eure Meinung(en) gespannt!

Beste Grüße,
Frank
 
Spindel

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Schöner Fratzenkloben.
Ich bin auch bei 1767 .Das kleine m hat in der Mitte einen kleinen Querbalken.
Online Encyclopedia of Silver Marks, Hallmarks & Makers' Marks

Den Kopf sieht man nicht so gut auf dem Bild.Müsste dann aber Leopardenkopf mit Krone sein.Der war bis 1820 bekrönt ,danach ohne.

Englische Silbermarken – die Silberpunzierung im Vereinigten Königreich - Silbersuite

Auch die Beetle & Poker Zeiger passen in die Zeit.

Beetle & poker hands

Was nicht mehr aus der Zeit ist sind die Schrauben auf den Brücken außer die eine mit dem Rundkopf.

Gruß Roland
 
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Super Roland, vielen Dank für Deine Einschätzung!

Beste Grüße,
Frank
 
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pet.sch

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Hallo Frank,
sehr schöne Spindeluhr mit toller Fratze auf dem Kloben !

Die Buchstaben sind nicht immer so gut einzuordnen, was Einteilung in Groß- und Kleinbuchstaben angeht. Dieses M mit dem Strich gehört in London zu der Reihe der Großbuchstaben von 1756 bis 1775. Weil Du von einem Kleinbuchstaben ausgegangen bist, hat es Dir bei Mikrolisk 1867 angezeigt anstatt 1767.
Besser ist es immer genau den gefundenen Buchstaben direkt in der Hallmarkstabelle zu vergleichen. Bei den frühen Uhren hilft auch Rolands Tip, dass der Londoner Löwenkopf bis 1820 mit einer Krone dargestellt wird und danach nicht mehr. Vor allem hilft aber auch, die ganze Uhr dazu zu vergleichen, denn Deine Uhr ist unter Garantie aus dem 18. Jahrhundert. So etwas ist um 1867 gar nicht mehr gebaut worden.

Ich beglückwünsche Dich zu dieser schönen alten Uhr, die auch optisch noch toll erhalten ist. Den Uhrmacher Ja. Bamsted aus London kann ich leider in meiner Ausgabe des Baillie nicht finden.

Gruß
Peter
 
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@Spindel und @pet.sch, herzlichen Dank für Eure Hilfe und die hochinteressanten Links und Hinweise, Peter und Roland! Dann stimmt es tatsächlich, dass diese Uhr über 250 (!) Jahre alt ist! Der Tipp mit dem Großbuchstaben „M“ war goldrichtig, Peter!

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Sie läuft übrigens wunderbar und mein Vorbesitzer hat eine Gangreserve von 29,5 Stunden ermittelt. Er meinte zwar, es sei kein Problem, das Werk komplett aufzuziehen, weil sich am Ende der Kette eine Art Zapfen einhakt und damit das „Ende“ markiert. Aber das traue ich mich nicht.

Er sagte mir auch, dass man den Gang tatsächlich bis auf 5 (!) Minuten/24h genau einregulieren kann, allerdings hat das nur bei gleichbleibenden Raumtemperatur einen Sinn. Je wärmer es wird, desto schneller rennt das Werk, was wohl mit der starken Ausdehnung der einfachen Eisen- oder Stahl-Unruh zu tun hat.

Es war übrigens auch eine wunderschöne Uhrenkette, ebenfalls aus Silber dabei. Diese und weitere Bilder zeige ich am Wochenende.

Beste Grüße,
Frank
 
M

Matthias MUC

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Nach den Erfahrungen mit meiner vom Uhrmacher auf ca. 1820 datierten Französin würde ich das den alten Zwiebeln (ggf. mit Hilfe eines kundigen Uhrmachers) absolut zutrauen. Meine hat 7 Minuten/24h Nachgang.
 
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pet.sch

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....Er meinte zwar, es sei kein Problem, das Werk komplett aufzuziehen, weil sich am Ende der Kette eine Art Zapfen einhakt und damit das „Ende“ markiert. .....
Ich weiß nicht, ob Du schon gesehen hast, wo dieser "Art Zapfen" ist ?

Falls ja, interessiert es vielleicht andere, die das System noch nicht kennen. Deswegen habe ich mal Dein Foto benutzt um das zu zeigen.

Eine Uhr wie diese, aber auch spätere Spitzzahnankerraduhren oder Schiffschronometer werden mit einer Kette angetrieben, die beim Aufzug auf einen Schneckengang gezogen wird. Das kennt man ja inzwischen.

Nach Vollaufzug zieht die Feder an der kleinen Windung des Schneckengangs ganz oben und je mehr die Feder abläuft und die Kette zurück auf dem Federhaus gewickelt ist, desto weiter aussen auf dem Schneckengang unten treibt sie das Werk an. Die Federkraft wird also schwächer und dieser Kraftverlust wird durch die größere Hebelkraft die an der Welle der Schnecke zieht, ausgeglichen.

Damit man die Feder mit der Kette nicht bis zum bitteren Ende aufziehen kann, gibt es eine Aufzugsbegrenzung. Diese Aufzugsbegrenzung ist das, was der Uhrmacher meint.
Beim Aufzug wickelt sich die Kette auf dem Schneckengang immer höher auf den Windungen auf und drückt, kurz bevor die Uhr voll aufgezogen ist, damit einen Sperrhebel , der sich federnd etwas schräg nach unten über der zum Federhaus laufenden Kette befindet, nach oben. Dieser Sperrhebel blockiert , wenn er durch die Kette auf der letzten oberen Windung nach oben gedrückt wurde, oben dann eine Art Ausleger der Schnecke, so dass sie gesperrt ist und man nicht weiter aufziehen kann.
Das schont das Federende im Federhaus und auch den Haken mit dem die Kette in das Federhaus eingehakt ist. Außerdem wirkt es auf die Aufzugskraft ungefähr so wie ein späteres Malteserkreuz.

Ich kann zwar den ganzen Sperrhebel auf dem Foto nicht zeigen, wohl aber die Halterung wo er gelagert ist. Ic h habe das auf dem Werksausschnittfoto mal rot eingekreist. Da ist er beweglich gelagert, führt ins Werksinnere knapp am Schneckegang vorbei und wird mit einer Feder nach unten gedrückt. In der Anfangslage ist er wirkungslos, aber die Kette drückt ihn dann, je mehr sie aufgezogen wird, immer mehr nach oben, solange bis er oben den Schneckengang sperrt, wie ich es vorher schon beschrieben habe.

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Ich hoffe, ich hab das als Nichtuhrmacher nicht zu umständlich beschrieben.

Gruß
Peter
 
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Wow, Peter! Besser hätte man es, meine ich, nicht erklären können! Ich habe mich mit dem Vorbesitzer, einem sehr netten, ältereren Herrn und eben Uhrmacher im Ruhestand, sehr lange über diese Uhr und deren Spindelwerk unterhalten. Im Prinzip hat er genau das, was @pet.sch hier ausgeführt hat, auch zu mir gesagt, ich konnte es mir nur nicht so genau merken!

Es ist schon eigentlich unfassbar, auf welche Ideen die Uhrmacher vor über 250 Jahren schon gekommen sind! Und das mit den wenigen technischen Hilfsmitteln und Werkzeugen, die damals zur Verfügung standen. Jedes einzelne Teil musste von Hand hergestellt werden!

Also danke nochmal, lieber Peter!

Beste Grüße und eine gute Nacht,
Frank
 
Spindel

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Peter hat es ganz gut erklärt zu dieser Uhr.Gibt ja auch noch andere Typen von Spindeluhren.

Wichtig ist auch und das habe ich schon einige mal geschrieben das diese alten Spindeluhren auch ab und zu aufgezogen werden. Die Kette ist aus Stahl und sollte bewegt werden.
Sehr oft sehe ich Spindeluhren wo die Kette runter ist weil die Mechanik geklemmt hat oder die Kette ganz einfach fest und verostet ist.Natürlich unteliegt so eine Kette usw. auch dem Verschleiß wie hier nach 250 Jahren.

Ich ziehe meine Spindeluhren übringens nicht ganz auf.Und das sind nicht wenige.
Ob meine Spindeluhren 5 min nachgehen oder vor interessiert mich bei so einer alten Uhr überhaupt nicht.Wenn sie gut läuft dann ist es so. Man kann die Teile auch kaputt spielen.Eine meiner letzten Uhren wo die Kette paar mal gerissen war habe ich leider nicht mehr die ganze Länge zusammen bekommen.Die läuft jetz nur noch 15 Stunden,aber sie läuft.

Ich freue mich wenn sie schön laut Ticken und die Kette voll ablaufen.Wie es sich gehört.

Hoffe habe jetzt niemanden gelangweilt.

Gruß Roland und viel Spaß mit der Zwiebel

Hier mal noch das Prinzip einer Spindeluhr.
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Da nun zweifelsfrei feststeht, dass die Spindeluhr aus dem Jahre 1767 stammt, habe ich mir dazu ein paar Gedanken gemacht und mir wird langsam immer mehr bewusst, was für einen Schatz ich hier vor mir habe! Es ist einfach eine Freude, ein so schönes Stück sein Eigen nennen zu dürfen!

Hier erkennt man auch die Punze mit dem Stadtwappen (London) etwas besser: eindeutig der gekrönte Leopard! (vor 1820)

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Man stelle sich vor, dass Wolfgang Amadeus Mozart im Jahr der Herstellung dieser Uhr gerade mal 11 Jahre alt war und bereits an seinen ersten Sonaten für Klavier und Violine arbeitete. Der schwäbische Dichter und Philosoph Friedrich Schiller war zu diesem Zeitpunkt erst 8, Johann Wolfgang von Goethe immerhin schon 18 und der Komponist und Pianist Ludwig van Beethoven war noch gar nicht geboren - er sollte erst drei Jahre später in Bonn am Rhein (damals „Kurköln“) das Licht dieser Welt erblicken!

Wie versprochen, nachfolgend noch weitere Bilder von Uhr, Übergehäuse und Kette!

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Beste Grüße,
Frank
 
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Oelfinger

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Mich fasziniert immer wieder das handwerkliche Können dieser Uhrenmacher.

Was mir bei manchen Spindeluhren auffällt ist diese oder eine ähnlich gestaltete Skala

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Welchem Zweck dient sie? Für mich sind Spindeluhren Bücher mit sieben Siegeln.
 
M

Matthias MUC

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DAs dient zum Regulieren der Uhr. Bevor ich hier ausführlich werde - das ist der für solche Spindeluhren sehr gebräuchliche Tompion-Regulator, und das alles hat mal @andi2 in einem sehr schönen Beitrag im Zuge einer Uhrvorstellung einer ggü. der von @music-power vorgestellten Zwiebel zwar klein wenig jüngeren, aber immer noch altehrwürdigen Spindeluhr beschrieben: Meine französische Taschenuhr mit Spindelhemmung, Kette und Schnecke (Verge Fusee) aus der Zeit des Empire, ca. 1800
lG Matthias
 
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Ja, das hat der Andi wirklich gut und (für mich) einigermaßen verständlich beschrieben. Leider kann er ja gerade hier im Faden nicht mitdiskutieren. Lesenswert ist seine Vorstellung allemal!

Beste Grüße und einen schönen Mittwoch,
Frank
 
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