Spartanisches Taschenuhrwerk / Lohnt sich das noch?

Diskutiere Spartanisches Taschenuhrwerk / Lohnt sich das noch? im Taschenuhren Forum im Bereich Uhrentypen; Moin moin zusammen, heute wage ich mal einen kleinen Ausflug auf für mich nur ansatzweise bekanntes Terrain. Es geht dieses Mal also nicht um...
Unruhgeist

Unruhgeist

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Moin moin zusammen,

heute wage ich mal einen kleinen Ausflug auf für mich nur ansatzweise bekanntes Terrain. Es geht dieses Mal also nicht um Zenith und auch keinen Ableger. Obwohl man spielend eine Brücke zu Zenith schlagen könnte, war doch der Protagonist dieses Beitrags eng mit der Firma verbandelt.

Es geht auch nicht um eine komplette Uhr, sondern nur um das nackte Werk. (Andernfalls - also mit Gehäuse - hätte ich das Werk nicht, weil ich nicht bereit gewesen wäre exorbitant Geld in ein Goldgehäuse zu investieren bei den heutigen Kursen. Aber dazu später mehr)

Es geht um ein LeCoultre Kaliber 6, auch „Revolverkaliber“ genannt. Neben der LeCoultre-typischen feinen Verarbeitung, wie unter anderem mit decksteingelagertem Ankerrad, Wolfsverzahnung von Kron- und Sperrrad und einem steingelagerten Minutenrad, hat es auch eine Rosat Reglage mit Gegendruckfeder nach Patent 24677 von 1902.
Das grenzt das Fertigstellungsdatum des Uhrwerks schon mal nach unten ab. Ob das Werk ggf. früher produziert wurde lässt sich nicht mehr feststellen. Fest steht aber, dass Rosat das Werk von LeCoultre bezog und dann weiter veredelte. Die weitere Veredelung hatte auch seinen Grund, war es doch eine Auftragsarbeit. Der Auftrag lautete, Uhren in Goldgehäusen für das Schützenfest zu produzieren, die jede für sich einen eigenen Gangschein der Sternwarte Neuchâtel haben sollte. Somit lässt sich das Produktionsjahr ziemlich genau auf 1903 datieren, da in der Regel die Aufträge zur Produktion von Schützenuhren ein Jahr vorher vergeben wurden. Schließlich musste genug Zeit für die Produktion berücksichtigt werden. Dazu kam in diesem Fall noch die Zertifizierung durch die Sternwarte, die auch einige Zeit in Anspruch nahm.
Somit ist das Werk eines der Observatorium geprüften Uhrwerke, dessen Gangwerte offiziell geprüft, dokumentiert und später in der Jahresschrift des Observatoriums nach Rängen platziert aufgelistet wurden. Die Uhren wurden in verschiedene Klassen eingeteilt, wobei jede Klasse seine eigenen Kriterien hatte. Je höher die Klassifizierung, desto enger waren die Kriterien gesteckt. Von oben abwärts betrachtet war die höchste Klasse die der Marinechronometer, gefolgt von den Bordchronometern. Erst dann folgten die Taschenuhrenchronometer, die ihrerseits im Jahre 1904 in drei Klassen unterteilt waren. Klasse I, II und III eben. Wobei die dritte Klasse die „unter ferner liefen“ war, die wohl gerade noch so den Titel „Chronometer“ tragen durfte.

1636572649118.png


Leider sind mir die genauen Regularien des Jahres 1904 nicht bekannt. Aber wenn ich mir die Ergebnisse ansehe beruhigt es mich, dass wohl die meisten dieser Klasse III Chronometer die heutigen COSC Regularien „mal eben zwischen Frühstück und Mittag“ schaffen würden. Zwar kam es damals natürlich auch schon zu Gangabweichungen die in ganzen Sekunden messbar waren, üblich waren aber zumindest bei den Marine- Bord- und Class I Chronometern eine Null in der Spalte der ganzen Sekunden. Es folgte das Komma, und erst dann eine wertige Zahl. (Gelegentlich auch eine weitere Null nach dem Komma und vor der ersten wertigen Zahl)
Kriterien, die heute nicht mehr gestellt werden. So genau arbeitet keine heutige Uhrenschmiede mehr.

Zum Vergleich seien hier ein paar Zahlen des Chronometers genannt, welches den 19. Platz der Chronometer 1. Klasse belegte:

  • Mittlere Tagesabweichung: 0,27 Sekunden
  • Thermischer Koeffizient: +0,05 Sekunden
  • Abweichung zwischen vertikaler / horizontaler Position: +0,84 Sekunden
Das betreffende Chronometer war in dem Fall von Paul Ditisheim.

Um einen Vergleich zu heute zu ziehen, braucht man natürlich Vergleichswerte. Deshalb füge ich hier mal die aktuelle Tabelle der COSC ein, die ein Auszug aus den momentanen Richtlinien wiedergeben:

1636572811734.png

Quelle: COSC

Kategorie 1 gilt für Uhrwerke mit einem Durchmesser > 20 mm.
Kategorie 2 gilt für Uhrwerke mit einem Durchmesser ≦ 20 mm.
Fairerweise muss dazu gesagt werden, dass obige Tabelle für Armbanduhren gilt. Für Taschenuhren habe ich die Kriterien leider nicht gefunden.
Außerdem findet sich bei Wikipedia zur Gangabweichung in Abhängigkeit von der Temperatur der Hinweis, dass diese sich auf pro °C je 24 Stunden bezieht.

Das letztplatzierte Chronometer aus Klasse III des Jahrgangs 1904 hatte übrigens folgende Werte:
  • Mittlere Tagesabweichung: 2,92 Sekunden
  • Thermischer Koeffizient: -3,3 Sekunden
  • Abweichung zwischen vertikaler / horizontaler Position: +0,58 Sekunden

Die Zahlenspielereien nur mal so am Rande, damit man ansatzweise ein Gefühl dafür bekommt, was früher ein Chronometer war und was heute als ein solches so bezeichnet wird.
Das Thema ist aber so breit und tiefgängig, dass man Jahre braucht um da ernsthaft mitreden zu können. Und in der Liga bin ich nicht.
Das war also nur mal ein Ausguck durch ein Fernrohr auf den „See der Chronometrie“. Wir waren also nicht mal dicht dran an dem See, geschweige denn standen wir an seinem Ufer.

1636573000006.png




Zurück zu dem vorliegenden Uhrwerk:
Unbestätigten Informationen zufolge soll es nur 200 Stück dieser goldenen Uhren für das Schützenfest gegeben haben. Und es war wohl auch damals schon utopisch, 200 Uhren mit einem Gangschein der 1. Klasse auszustatten, um sie dann als Preisuhren für einen Wettkampf zu verleihen. Das Problem lag vermutlich nicht an den Kapazitäten der Sternwarte und auch ganz sicher nicht an den Fähigkeiten Charles Rosats (der hat noch ganz andere Uhren einreguliert), sondern wohl schlicht und ergreifend an den finanziellen Mitteln. Es dürfte jedem klar sein, dass vergleichsweise eine Mercedes C-Klasse ein Standardfahrzeug gegenüber einer S-Klasse mit AMG, Brabus sonst was Tuning ist. Aber selbst die S-Klasse mit dem Schnick Schnack ist immer noch weit von der Formel 1 entfernt. Und als solche kann man die Chronometer der Klasse I betrachten.
Folglich ist es fast schon selbstredend, dass diese Schützenuhren „nur“ Chronometer 3. Klasse sind.
Und tatsächlich wurden 1904 auch laut Bericht der Sternwarte von Rosat 196 Uhren zur Prüfung eingereicht. Allerdings konnte ich nur 187 davon in den Listen der Klasse III und 3 Uhren in Klasse II finden. Es werden wohl auch ein paar durchgefallen sein. Wie das dann mit den angeblichen 200 Schützenuhren zusammengeht weiß ich nicht. Vielleicht hatte er noch ein paar geprüfte Werke vom vorherigen Jahr. Aber vielleicht waren es auch keine 200 Uhren. Die Info kommt von einem Auktionshaus und ist daher vorsichtig zu betrachten.

Das vorliegende Werk habe ich in der Türkei gefunden. Es war seines Gehäuses schon beraubt, wohl wegen des Goldwertes. Die Gehäuse waren aus 18 Karat und dürften ein paar Gramm auf die Waage gebracht haben. Deshalb wäre die komplette Uhr für mich auch uninteressant gewesen. Die Tatsache, dass dieses Werk aber in einem dieser Gehäuse steckte, lässt sich leicht anhand der Nummernkreise nachvollziehen, die 1904 eingereicht wurden.

Der Vollständigkeit halber hier ein Bild aus dem Netz von einem dieser Gehäuse:

1636573086712.png


Quelle: SINCONA Swiss International Coin Auction

Das Gehäuse ist schon ziemlich berieben, aber es war das einzige Bild das ich auf die Schnelle gefunden habe. Sehr viele Uhren dieser Art scheint es tatsächlich nicht gegeben zu haben.



Das Werk hat mit den folgenden Werten den 171. Platz von 238 vergebenen Plätzen der Klasse III belegt:

Mittlerer Tagesgang: -1,04 Sekunden

Mittlere Tagesvariation: 0,56 Sekunden

Abweichung zwischen vertikaler / horizontaler Position: -2,63 Sekunden

Thermischer Koeffizient: -1,90 Sekunden

1636573195240.png

Jetzt muss das Stück erstmal gereinigt werden und dann mache ich mir Gedanken um Zeiger und Gehäuse. Aufzugwelle brauche ich auch noch. Aber da wird sich was finden lassen.


Ich hoffe, mein vielleicht etwas dilettantischer Ausflug in die Chronometrie hat trotzdem Spaß gemacht.
(Mir jedenfalls schon)


Grüße,
Unruhgeist
 
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Unruhgeist

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Jepp, läuft. Ich ziehe die Uhr aber nicht auf, solange sie nicht gereinigt ist. Habe ja eh keine Aufzugwelle. (Obwohl das wohl das geringste Problem ist)
Aber geprüft habe ich es natürlich schon durch kurzes Anlaufen lassen. Sekundenzeiger läuft und die Unruh schwingt frei ohne zu schaukeln.
Substanz ist also gut.
 
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