Seltene Uhr: Eine elektrische Mysteriös von Jaeger Le Coultre, ca. 1930

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Der Stromer

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Mal etwas Anderes: Eine Jaeger-LeCoultre Mysteriös. Herstellungsjahr ca. 1930 herum.

Hier hatte ich wirklich gestutzt: Die Firma LeCoultre kennt man (ich) ja, aber dass die auch elektrisch angetriebene Uhren als sog. Mysteriöse im Angebot hatten??? Nun ja, man lernt nie aus!

Also die Frage war „Ich habe da eine Uhr mit elektrischem Antrieb und die geht nicht mehr…“. Hm, na ja, schauen kann man ja mal.

Hier mal ein Bild einer solchen Uhr:

Die Zeiger sind Glasscheiben, die sich hinter der Index-Scheibe drehen. Angetrieben werden diese Scheiben durch ein Synchronmotor. Hier 115 Volt 50 Hz. Die Uhr ist also Netzfrequenz gesteuert.
Mystery.JPG

Der stolze Besitzer dieser Uhr – die noch auffindbaren Exemplare dieser Mysteriös werden zu horrenden Preisen gehandelt, denn es gibt nicht mehr viele davon – Betrieb diese Uhr denn auch mit einem Trenntrafo, um aus unserer Netzspannung 240 Volt eben die benötigten 115 Volt zu machen. Dieser Trafo, der hier verwendet wurde, wog ca. 3 kg und hing der Uhr wohl wie ein Klotz am Fuß.

Aber das war nicht das einzige Problem. Nachdem ich den Antrieb und die Verkabelung in Augenschein genommen habe, wollte ich den Antrieb für die Uhr wieder zurücksenden. Ich wollte und konnte die Verantwortung für die Elektroinstallation der Uhr nicht tragen. Die Anschlüsse des Antriebes (120 Volt) ragten unisoliert und ohne Berührungsschutz nach außen. Nicht nur brandgefährlich, sondern auch Lebensgefährlich. So etwas mache ich nicht!

0747-offen.JPG

0711-Antrieb-LeCoultre.JPG

0754-Rotor.JPG
Der Rotor, Schwach sieht man die Nase, die bei falscher Drehrichtung den Rotor anhält und in die Gegenrichtung schleudert.

0712-Stator-115-Volt.JPG
...und der defekte Stator.

0768-Messwerte.JPG
Nach neu wickeln von 9.000 Windungen 0,07mm Cul der erste Test am Regeltrenn.

0768-Testlauf-mit-115-Volt.JPG

Nach einigem hin- und her habe ich einen Kompromiss gefunden, dem der Besitzer auch zustimmen konnte. Der Anschluss des Antriebes wird durch eine Leitung (3-Adrig) nach Außen geführt. Dazu dient ein schon vorhandenes Loch der Stecker. Das andere Loch wurde dann mit einer Scheibe und Schraube verschlossen. Der Rücksendung lagen dann die übrigen Teile bei, so dass, wenn die Uhr in den originalen Zustand gebracht werden sollte, dies ohne Probleme möglich war.
0801-Werk-und-Steckernetzte.JPG

0800-Steckernetzteil.JPG
Testlauf.

Für mich stellte sich jetzt die Frage, wie man auf kleinstem Raum aus 240 Volt 115 Volt machen kann. Widerstand? Der macht aus der Uhr einen Heizoffen. Thyristor? Gute Idee, aber leider braucht der Synchronmotor 50 Hz SINUS! Drossel einbauen? Hm. Könnte gehen, aber im Gehäuse ist dafür kein Platz. Letzte Lösung: Steckernetzteil. Ein entsprechendes Gehäuse mit Stecker gefunden und einen passenden Kleintransformator 240 – 120 Volt gefunden. Das war die Lösung. Anschluss Leitung hat jetzt 2 Meter und so verschwindet das Steckernetzteil direkt an der Wand.

0790-Neuer-Anschluss.JPG

0799-Werkrueckseite.JPG

Jetzt zum eigentlichen Problem: Die Wicklung des Synchronmotors war unterbrochen. Und zwar natürlich, wer kennt Murphy nicht, genau an dem Unteren, inneren Wicklungsende abgebrochen. Na gut. Alles zerlegt und den Spulenkern repariert. Meine Spulenwickelei in Gang gebracht und die 9000 Windungen 0,07 mm CuL gewickelt. Anschlüsse hergestellt und alles montiert. Dann mit meinem Regeltrenn langsam Saft auf den Motor und bei 80 Volt begann er sich zu drehen. Bei 115 Volt dann Stromaufnahme von 0,02 A = 20 mA. Das macht so 2 Watt und sollte in etwa stimmen.

Recht einfallsreich ist vom Hersteller des Motors (eine Englische Firma, Smith Motors) das Problem des Anlaufes in die richtige Richtung des Motors gelöst. Man muss wissen, diese Synchronmotoren laufen in eine beliebige Richtung an. Abhängig von der Position des Rotors zum Magnetfeld. Hier wurde das mit Hilfe einer Bremse gelöst. Wenn der Motor in die falsche Richtung, hier links herum, drehen will, läuft ein Hebel gegen eine Nocke und der Motor wird gestoppt
0770-Bremse-von-oben.JPG
Die Rücklaufsperre

0771-Jetzt-passt-alles.JPG
Das kleine Getriebe.

0773-Die-Gegenlaufbremse.JPG
Versteck, die Nase der Bremse.

0774-Motor-laueft.JPG
Der Moter wieder zusammen. Neben der Antriebswelle rechts das Filzpolster.

und in die andere (richtige) Richtung bewegt. Durch die Bremse, die jetzt durch die Mitnehmerscheibe und einen Filz auf den Hebel nach Außen gedrängt wird, kann der Nocken nicht mehr den Motor anhalten, denn er ist jetzt nicht mehr im Eingriff.

0774-Motor-laueft.JPG

0777-Wieder-zusammen.JPG

0790-Neuer-Anschluss.JPG
Auf den Wellenstumpf wird der Stellknopf für die Uhrzeit aufgesteckt.

Und so sieht die Fertige Uhr aus:
Mystery.JPG
 

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Wiggi

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:klatsch: daß Ist ein Super Job und eine wahnsinnig schöne Uhr..
 
BSBV

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Hallo Rolf-Dieter,
meinen Respekt vor Deiner Arbeit. Alles top. :super:

Was mich etwas nachdenklich macht, sind 4 Tatsachen.

1. Erst 1937 besiegelten offiziell beide Häuse, LeCoultre & Jaeger, ihre langjährige Zusammenarbeit, und die "Schöpfung" des Markennamens Jaeger-LeCoultre. Ab 1938 trugen alle Uhren, die in Le Sentier hergestellt wurden diesen Namenszug.

Dieser Namenzug steht aber schon auf dem Zifferblatt, bei einer Uhr, die ca. 1930 gefertigt sein soll.
Das passt nicht so ganz zeitlich, denn auch schon ....

2. ... schon 1928 stellte der Erfinder (Jean-León Reuter) den ersten Prototyp der Atmos vor, und diese Uhr gewinnt ihre Antriebskraft durch Temperaturschwankungen der Raumumluft. Also wesentlich komplezierter als eine elek. angetriebene Uhr.

3. Deinen Bildern zu folgen, findet man keinerlei Anzeigen einer Werksnummer, oder einer Kaliber-Nummer. JLC untypisch.

4. Ab 1902 stellte JLC den Großteil der Rohwerke für Patek Philippe in Genf her. Schon hier ist die Be - und Verbarbeitung von Werken äußerst filigran und präzise.

Das gezeigte Räderwerk in dieser Uhr ist eher ...... grob gearbeitet. Das spricht nicht für ein Werk von JLC.

Aber gut, vielleicht liege falsch, aber so eine Uhr, mit diesem Werk, taucht in keinen meinen Unterlagen von JLC auf. Wird auch nicht mal in einem Nebensatz erwähnt oder so.
Auch das ist nicht JLC like.
 
Der Stromer

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Du hast ja Recht. Culpa, mea culpa :roll:. Bei der Jahreszahl habe ich mich auf den Besitzer verlassen und der schrieb 1930 oder so. Das könnte gestützt werden durch die Entwicklung der selbstablaufenden Synchronmotore, wie hier einer verwendet wurde. In Deutschland war das - meine ich - 1932. Dieser hier wurde von der Englischen Firma "Smith Motors" - mehr ist mir nicht bekannt - hergestellt.
Für JLC bist Du ganz sicher der Experte und ich nehme das gerne an.

Wie ich aber bemerkt habe, bekam ich nur den Antrieb dieser "Mysteriös" zur Reparatur, Das Aufsetzen der beiden beweglichen Glasscheiben und der Frontscheibe hat der Besitzer selbst gemacht (ich ging mit Ihm einig, dass das Versenden der Glasscheiben ein unnötiges Risiko darstellen würde...).
Mit einer ATMOS hat diese Uhr ganz sicher nichts zu tun.
Nein, eine Werknummer oder Ähnliches findet sich nicht. Auch ist der Antrieb ganz sicher nicht von JLC hergestellt worden. Das scheint aus der Schmiede des englischen Motorenherstellers Smith zu sein.
Nichts desto trotz ist diese Uhr aber mal (in welchen Stückzahlen und aus welchem Zweck auch immer) von JLC unter die Leute gebracht worden.
 
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BSBV

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Im Prinzip keine schlechte Uhr, und die Technik ist außergewöhnlich, keine Frage.
Aber wenn der Motor aus England stammt, die Glas - und die Frontscheibe der Besitzer selbst hergestellt hat (gute Arbeit, kein Zweifel), dann sehe ich diese Uhr eher als eine gut gemachte, aber zusammen gebastelte Uhr an.

Ob so ein ähnliches Modell JLC mal unter die Leute gebracht hat, das entzieht sich meiner Kenntnis. Möchte es aber nicht völlig ausschließen.

Jedenfalls, die Arbeit von Deinem Kunden, und Deine Arbeit verdient Großes Lob und Anerkennung.

Auch solche Uhren verdienen es am Leben gehalten zu werden, denn es erzählt einen Zeitabschnitt der Uhrengeschichte in der richtig was los war.
 
M

milou

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Klasse Arbeit, Respekt!!!
So was möchte ich auch können.
 
Astrolab

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Auch ich möchte meinen Respekt bekunden, klasse Arbeit.
Ich hätte gern gewusst, woher Du die Windungszahl hast. 9000 kann man nicht so einfach zählen. Hast Du das berechnet?
Und dann noch, hast Du jemanden, der Dir die Spulen wickelt? Oder machst Du das selbst? Die Drähte sind doch irre dünn.

Viele liebe Grüße
Dieter
 
Der Stromer

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Hallo, Dieter.
Zur Spule folgendes. Die Drahtstärke ist ja bekannt, und bis auf kleine Abweichungen stimmen die Werte von damals noch mit den heutigen überein (den Kupferdurchmesser hat man schon früh genormt, nur der Lack hat sich geändert). Dies Abweichungen kann man aber bei diesen Leistungen vernachlässigen. Ich habe einen Draht mit 0,063 mm Durchmesser (inklusive Lack dann 0,075 mm) verwendet, Handelsübliche Ware, die ich z.B. auch für die ATO-Spulen verwende.
Ein Problem könnte die Windungszahl darstellen. Aber, zum Glück gibt es hier Tabellen der Drahthersteller: Tabelle über Kupfer-Lack(CuL)-Drähte Windungszahl pro cm². Der Kern ist ja vorhanden, die Fläche ausrechnen ist keine Masterarbeit und den Drahtdurchmesser hat man ja auch. also ergab sich bei dieser Spule und dem vorhanden Draht eine Windungszahl von ca. 9000. Bei den Leistungen spielen übrigens + 10% und - 5% Windungen keine nennenswerte Rolle.

Die Spulen wickle ich (oder besser wickelt) meine Wickelmaschine, eine modifizierte Trafowickelmaschine von Trafowickelmaschine Die leistet jetzt seit Jahren schon gute Dienste und hat viele KundO, H&B-ATO, Junghans-ATO, BULLE Clockette, Leon Hatot und viele andere defekte Spulen wieder mit Leben erfüllt.
 
Astrolab

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Hallo Der Stromer,
wirklich interessant diese Ausführungen. Das mit der Wicklungszahl hatte ich mir so ähnlich auch vorgestellt. Ich habe vor Jahren selbst Trafos mit Tabellen ausgelegt. Aber eine eigene Wicklungsmaschine ist schon was ganz Besonderes. Für den Bau meiner Verstärker hatte ich in den Neunzigern die Sekundärspulen für die 250 VA Ringkerntrafos selbst gewickelt. Das war vielleicht eine Plackerei. Aber die laufen immer noch.

Einen schönen Abend
Dieter
 
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Der Stromer

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Im Prinzip keine schlechte Uhr, und die Technik ist außergewöhnlich, keine Frage.
Aber wenn der Motor aus England stammt, die Glas - und die Frontscheibe der Besitzer selbst hergestellt hat (gute Arbeit, kein Zweifel), dann sehe ich diese Uhr eher als eine gut gemachte, aber zusammen gebastelte Uhr an.

Ob so ein ähnliches Modell JLC mal unter die Leute gebracht hat, das entzieht sich meiner Kenntnis. Möchte es aber nicht völlig ausschließen.

Jedenfalls, die Arbeit von Deinem Kunden, und Deine Arbeit verdient Großes Lob und Anerkennung.

Auch solche Uhren verdienen es am Leben gehalten zu werden, denn es erzählt einen Zeitabschnitt der Uhrengeschichte in der richtig was los war.

Hier die Mitteilung von JLC vom 30. März 2022:
Sehr geehrter Herr Reichert,
ich bin es nochmal.
Nun hat mich diese Nachricht seitens unseres Kulturerbes erreicht:

"This a very old model, it is a 546 Jaeger-LeCoultre Mysterieuse. “Fine and rare chromed metal electric table clock”.
Jaeger-LeCoultre


Caroline Kaluza
Ihr Jaeger-LeCoultre Kundendienst
RLG Europe B.V.

+49 692 222 10 23 für Deutschland und Östereich

Montag bis Freitag 9:00 bis 19:00, Samstag von 09:00 bis 17:00
RLG Europe B.V
PO Box 2967
1000 CZ AMSTERDAM
The Netherlands
[email protected]
www.jaeger-lecoultre.com
 
BSBV

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Hier die Mitteilung von JLC vom 30. März 2022:
Sehr geehrter Herr Reichert,
ich bin es nochmal.
Nun hat mich diese Nachricht seitens unseres Kulturerbes erreicht:

"This a very old model, it is a 546 Jaeger-LeCoultre Mysterieuse. “Fine and rare chromed metal electric table clock”.
Jaeger-LeCoultre


Caroline Kaluza
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Montag bis Freitag 9:00 bis 19:00, Samstag von 09:00 bis 17:00
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Super ! :super:
Hab ich wieder was dazu gelernt.
 
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Seltene Uhr: Eine elektrische Mysteriös von Jaeger Le Coultre, ca. 1930

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