Science Fiction für‘s Handgelenk: Hamilton Pulsar - die erste vollelektronische Armbanduhr der Welt wird 50 - oder das Phänomen der amerikanischen LED

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Wir schreiben das Jahr 1970. Genau genommen, den 6. Mai 1970. Vor ziemlich genau 50 Jahren präsentierte die in Lancaster, Pennsylvania ansässige Hamilton Watch Company im noblen New Yorker Four Seasons Restaurant der internationalen Presse Prototypen der ersten vollelektronischen Armbanduhr der Welt: den Pulsar Time Computer!

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Bild 1: Der Prototyp


Die Pulsar war die erste Armbanduhr überhaupt, die vollkommen ohne bewegliche Teile auskam! Keine Zeiger, keine Zahnräder, keine Federn, ja nicht einmal die von den analogen Quarzuhren bekannten Stimmgabeln und Stellmotoren waren mehr nötig. Die erste LED-Uhr (light-emitting diode) war geboren und was die Damen und Herren Journalisten da zu sehen bekamen, glich einer Sensation!


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Bild 2: Hamilton Pressekonferenz am 6.05.1970


Für die offensichtlich eilig einberufene Pressekonferenz der Amerikaner gab es zwei Gründe: zum Einen hatten sowohl der japanische Seiko-Konzern als auch die Schweizer Uhrenindustrie auf der Basler Uhrenmesse im April 1970 bereits ihre neuen „elektronischen Quarz Analog Uhren“ angekündigt und zum Anderen steckte Hamilton zu dieser Zeit in ernsthaften, finanziellen Schwierigkeiten. Millionenverluste durch Misswirtschaft, wenig konkurrenzfähige Produkte und rückläufige Umsätze in der Militärsparte zwangen das Unternehmen zum Handeln.

Das Management hoffte, mit der Vorstellung eines derart avantgardistischen Zeitmessers wie der Pulsar, den Nerv der Zeit zu treffen und die Verluste alsbald auszugleichen. Im Grunde hatte ja Seiko das Rennen um die erste Quarz-Armbanduhr-Vorstellung bereits 5 Monate zuvor für sich entschieden. Allerdings handelt es sich bei der im Dezember 1969 erscheinenden Seiko Astron um eine analoge Quarzuhr mit einem herkömmlichen Zifferblatt, Zeigern und Stundenindexen und kommerziell eher mäßigem Erfolg.



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Bild 3: Seiko Astron, ca. 1969/70


„This will never put Mickey Mouse out of business“

Die Pulsar kam exakt zum richtigen Zeitpunkt und das Marketing von Hamilton war brillant. Parallel zur Pressekonferenz machte man in den Zeitungen mit ganzseitigen Anzeigen auf die Uhr aufmerksam, die Pulsar Prototypen wurden in Fernsehsendungen wie der „The Tonight Show“ von Johnny Carson oder in Hugh Downs‘ „The Today Show“ platziert.

Showmaster Johnny Carson hielt das bizarre Etwas in die Kamera, drückte augenscheinlich unmotiviert an den Knöpfen herum und warf den eigenartigen „Time Computer“ zum Entsetzen von Hamilton R&D Manager John Bergey kurzerhand über die Schulter in die Kulissen. Carsons anschließender Kommentar: „This will never put Mickey Mouse out of business“.

Die auf der Pressekonferenz an jenem denkwürdigen 6. Mai 1970 gezeigten Prototypen trugen noch das Hamilton Logo über dem Display.



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Bild 4: Der „Time Computer“ und sein Entwicklungs-Team, oben links Leiter George Thiess


Die in Serie produzierten Uhren bekamen den Namen „Pulsar“. Dieser prangte unten rechts auf der Lünette. Die Bezeichnung „Pulsar“ ist übrigens ein Kunstwort, pulsating source of radio emission, („pulsierende Quelle von Radiofrequenzen“)

„Ein Pulsar ist ein schnell rotierender Neutronenstern. Die Symmetrieachse seines Magnetfelds weicht von der Rotationsachse ab, weshalb er Synchrotronstrahlung entlang der Dipolachse aussendet. Liegt die Erde im Strahlungsfeld, empfängt sie wie von einem Leuchtturm regelmäßig wiederkehrende Signale. Pulsare strahlen hauptsächlich im Radiofrequenzbereich, manchmal bis in den Röntgenbereich oder nur in diesem. Von den mehr als 1700 bekannten Quellen ließen sich nur bei einigen wenigen auch im sichtbaren Bereich Intensitätsschwankungen beobachten.

Pulsare werden mit der Buchstabenkombination PSR und ihren Himmelskoordinaten bezeichnet, z. B. PSR B0525+21.“ (Quelle: Wikipedia)



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Bild 5: Schematische Darstellung eines Pulsars. Die Kugel in der Mitte stellt einen Neutronenstern dar, die Kurven die magnetischen Feldlinien und die seitlich abstehenden Lichtkegel die Richtung der ausgehenden Strahlung.


Der Name entstand, nachdem John Bergey einen Artikel über „pulsierende Sterne“ in einer Astronomischen Zeitschrift gelesen hatte. Bergey sah eine Parallele zwischen diesen Pulsaren, die Strahlung in extrem präzisen Intervallen emittierten und seiner Uhr, welche durch gebündelte Energie die Zeit anzeigt und das ebenfalls überaus präzise.

Die übliche Schwingfrequenz eines Uhrenquarzes beträgt 32768 (= 215) Hz. Normalerweise kann eine Akkuratesse von etwa +/- 60 Sekunden im Jahr erreicht werden. Das entspricht einer Gangabweichung von 0,00010 % pro Tag (!) Was heute im Zeitalter von GPS schon wieder als „ungenau“ gilt, war Anfang der 1970er Jahre eine absolute Sensation!

Hamilton’s Präsident Richard J. Blakinger und sein Chefentwickler, George Thiess, konnten bei ihrer Präsentation der Pulsar im Four Seasons den staunenden Presseleuten gerade mal drei, mehr oder weniger funktionstüchtige Prototypen des „Time Computers“ vorlegen. Insider gaben später an, dass immer nur ein Exemplar ans Licht kam, während bei den beiden anderen hinter einem Vorhang von Hamilton Mitarbeitern diskret die Batterie gewechselt wurde, weil sie nur für etwa 20 Minuten Strom liefern konnte.



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Bild 6: Explosionszeichnung der Pulsar Prototype, links im Bild Hamilton-Präsident Blakinger


Das Elektronikmodul wurde von der „Electro Data Incorporation“ aus Garland, Texas produziert, die LED Displays stammten von „Litronix“, die Reedschalter von „HamlinUSA“ und die Firma „Corning Glass“ aus New York steuerte das rötliche Deckglas aus synthetischem Rubin bei.


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Bild 7: Gehäuse-Entwurf von Ernest Trova


Die Gehäuse der Prototypen wurden vom 2009 verstorbenen US-amerikanischen Maler, Grafiker und Bildhauer Ernest Trova aus St. Louis entworfen, einem wichtigen Vertreter der Pop Art und des neuen Surrealismus in den USA.


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Bild 8: Das Electro Data 44-IC


Der Pulsar-Prototyp hatte 44 verschiedene, integrierte Schaltkreise, 27 Leuchtdioden pro Ziffer und verfügte sogar über einen Kalender mit vorprogrammierten Monatslängen. Gespeist wurde die Elektronik des Vorserienmodells mit einer wiederaufladbaren 4,5 Volt Batterie. Allein diese füllte ca. 80 % des Gehäusevolumens!


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Bild 9: Artikel im „Popular Science Magazine“, Ausgabe Juli 1970


Rolex oder Pulsar? Eine Gold Rolex kostet 150 Dollar weniger!


Knapp ein Jahr später war es dann soweit: Die Serienproduktion der Pulsar begann! Hamilton lieferte die ersten Exemplare des neuen, futuristischen Zeitmessers am 4. April 1971 an ausgewählte Konzessionäre aus. Die „New York Times“ sprach von einem „Space Age Computer für‘s Handgelenk“.

Die Sache hatte aber einen Haken: es gab zunächst nur eine auf 400 Exemplare limitierte Serie in 18 Karat Gold (inkl. dem Band) zum Stückpreis von stolzen 2100 US $. Zum Vergleich: ein mechanischer Omega Speedmaster Professional Chronograph kostete Anfang der 1970er Jahre etwa 200 US $.



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Bild 10: Serienreif: Pulsar P1 in 18 Karat Gold


Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft 1971 gingen die restlichen, intern „P1“ genannten Time Computer aus dem ersten Produktionszyklus an Upscale-Händler wie Tiffany‘s oder Neiman-Marcus. Angeblich waren alle 400 Stück schon weit vor Weihnachten vergriffen.

Technisch entsprach die P1 längst nicht mehr dem Prototypen von 1970. Durch Fortschritte bei der Entwicklung der Halbleiter-Technologie (CMOS-Technik) konnte ein verbessertes „25-IC“ Modul bereitgestellt werden, welches in der Serienuhr Verwendung fand. Das ursprüngliche 27-Dot Display wurde auf 7 Segmente je Ziffer reduziert und auf die Datumsfunktion wurde bei der P1 verzichtet. Die Batterie hielt inzwischen bis zu 6 Monaten durch!



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Bild 11: Zeitungsmeldung zur Pulsar P1, 1971


Jeder wollte den Time Computer haben, kaum einer konnte ihn sich leisten! Für fast denselben Betrag bekam man auch eine Gold-Rolex! So kamen vorerst nur die Schönen und Reichen zu einer Hamilton Pulsar. Elvis Presley soll einer der ersten prominenten Pulsar-Besitzer gewesen sein.


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Bild 12: Elvis Presley bei einem Bühnenauftritt um 1972


Ihm folgten weitere Celebrities aus dem Showbusiness und darüber hinaus. Rolling Stones Gitarrist Keith Richards hatte eine und Rock-Barde Elton John tat es ihm gleich. Die Box-Legende Joe Frazier trug Pulsar, genau wie Entertainer Sammy Davis Jr., Comedian Jerry Lewis oder der Schauspieler Jack Nicholson. Und sogar ins Weiße Haus schaffte es die fortschrittliche Digitaluhr: US-Präsident Gerald Ford war ebenfalls stolzer Besitzer einer Pulsar.


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Bild 13: Box-Champion Joe Frazier


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Bild 14: Elton John, britischer Sänger


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Bild 15: US-Präsident Gerald Ford (1974-77)


Mein Name ist Pulsar. Hamilton Pulsar.


Auch Roger Moore ließ sich nicht lange bitten und so war die Uhr auch im 1973er James Bond Streifen „Live and Let Die“ am linken Handgelenk des Agenten seiner Majestät zu sehen. Der rechte Arm war wechselweise für die beiden Bond Girls „Solitaire“ (Jane Seymour) und „Miss Caruso“ (Madeline Smith) reserviert.


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Bild 16: Roger Moore mit Bond-Girl und Pulsar P2 in „Live and Let Die“, 1973


Die Pulsar war übrigens nicht die erste futuristische Uhr von Hamilton. Bereits drei Jahre zuvor, 1967, besuchten der Regisseur Stanley Kubrick und der Science Fiction Autor Arthur Clarke die Hamilton Watch Company in Lancaster, PA um die Manufaktur um Mithilfe bei der Gestaltung von Uhren für den Film „2001: A Space Odyssey“ zu bitten, an dem sie gerade arbeiteten. Das Design dieser Uhren sollte in das neue Jahrhundert weisen.

Hamilton war einverstanden und es entstanden interessante Designstudien mehrerer Armband- und Tischuhren, natürlich mit prominent sichtbarem Hamilton-Logo.

Während die Armbanduhr mit ihrem übergroßen, rechteckigen und gebogenen Gehäuse mit einem konventionellen, runden Zifferblatt mit Zeigern und Zahlenindexen versehen war, kam die Tischuhr deutlich futuristischer daher. Sie hatte ein stromlinienförmiges, fast eiförmiges Gehäuse. Alle Anzeigen waren digital und die elliptische Konsole ließ einen unweigerlich an ein UFO denken.



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Bild 17: Hamilton Tischuhr für den Film 2001: A Space Odyssey, 1967/68


„2001: A Space Odyssey“ kam 1968 in die Kinos und sprengte sofort alle Kassen! Die Hamilton Armbanduhren waren mehrfach an den Handgelenken der Astronauten zu sehen, während die Tischuhr dem Cutter zum Opfer fiel: sie erscheint im Film gar nicht! Am Ende hat sich das Ganze aber doch für Hamilton ausgezahlt: Das Space-Age Design der von Kubrick verschmähten Filmuhr nahm direkten Einfluss auf die Gestaltung der Pulsar!


Time Computer für alle!


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Bild 18: Pulsar P2 Steel, 1972


Es sollte noch ein weiteres Jahr dauern, bis auch das „gemeine Fußvolk“ auf die elektronische Innovation aus Lancaster hoffen durfte. Im August 1972 startete Hamilton die Produktion und die fortan P2 genannte Pulsar kam zum Preis von 275.- US $ für das Edelstahlmodell in den Handel. Wer ein wenig auf Promi machen wollte, konnte die P2 auch in einer vergoldeten Version für 375 US $ erwerben. Verkaufsstart war, wie schon ein Jahr zuvor bei der P1, rechtzeitig vor Weihnachten.


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Bild 19: Ein spannender Vergleich der Gehäuseformen: P1 (links) P2 (rechts)


Gegenüber der ersten Version wurde das Gehäuse der P2 etwas mehr abgerundet, um die Uhr noch futuristischer aussehen zu lassen. Auch war die „Volks-Pulsar“ technisch nun nochmals „ausgereifter“. Die Batteriekapazität konnte von 6 auf 12 Monate verdoppelt werden - Hamilton setzte dafür einfach zwei der Knopfzellen ein. Die 12 Monate erreichte man allerdings nur, wenn die Uhrzeit nicht mehr als durchschnittlich 25 mal am Tag abgelesen wurde.

Wenn man den (einzigen) Drücker auf der rechten Gehäuseseite einmal bediente, wurde die Uhrzeit für genau 1,25 Sekunden angezeigt. Wurde der Knopf nach dem Drücken gehalten, sah man die Sekunden verstreichen.

Das war aber auch so ziemlich genau alles, was die Uhr konnte. Wie weiter oben schon erwähnt, war ursprünglich eine Datumsfunktion geplant, diese entfiel jedoch auch bei der zweiten Generation. Erst in späteren Versionen stand ein Datum zur Verfügung. Besonders stolz war man bei Hamilton darauf, dass das Innenleben einer P2 aus lediglich 18 elektronischen Bauteilen bestand - inklusive der Batterien. Dabei kam die Uhr ohne ein einziges mechanisches, sprich: bewegliches Teil aus!



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Bild 20: Pulsar Werbung im amerikanischen Playboy, ca. 1973


Im Falle eines Defekts wurde das gesamte Elektronikmodul getauscht. Hamilton gewährte eine dreijährige Garantie auf die Pulsar.

Etwas trickreich war das Setting der Uhrzeit. Dies erfolgte mittels eines kleinen Magneten, der in der Schließe des Armbandes steckte. Auf dem Bodendeckel der P2 waren zwei Markierungen. „HR“ für die Stunden und „MIN“ für die Minuten. Wurde der Magnet an das entsprechende Feld gehalten, änderten sich die Stunden bzw. Minuten. Dieses umständliche Prozedere sollte aber bei den späteren Modellen entfallen, denn nach einem technischen Update erhielt die Pulsar einen weiteren Drücker, der als Stellknopf diente. Die Magnete waren nun in die Drücker integriert.

Ein weiteres Feature wurde ab 1974 eingeführt: das „Auto Command System“. Wird der Arm mit der Pulsar am Handgelenk durch ein schnelle Drehung bewegt, leuchtet das Display für 1,25 Sekunden auf. In einer winzigen, versiegelten Glasröhre befindet sich ein Tröpfchen Quecksilber. Durch die Armbewegung stellt das Quecksilber einen elektrischen Kontakt zwischen zwei Metalldrähten am Ende der Röhre her.


Quellverzeichnis, Teil 1:

Bild 1 printerest.de, Bild 2 oldpulsars.com, Bild 3 hodinkee.com, Bild 4 oldpulsars.com, Bild 5 Wikipedia, Bild 6 oldpulsars.com, Bild 7 oldpulsars.com, Bild 8 oldpulsars.com, Bild 9 decodesystems.com, Bild 10 trendhunter.com, Bild 11 reddit.com, Bild 12 Matt Ashton Wallpapers 2018, Bild 13 alainchauvelaccordeurdepianos.fr, Bild 14 alainchauvelaccordeurdepianos.fr, Bild 15 hodinkee.com, Bild 16 stuff.tv, Bild 17 hodinkee.com, Bild 18 watchonista.com, Bild 19 de.watchpro.com, Bild 20 crononautix.com
 
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Bild 21: Werbung für das „Pulsar Auto Command System“


Der künftige Pulsar-Eigner musste aber sehr viel Geduld mitbringen, denn die Nachfrage war enorm und Hamilton kam mit der Produktion kaum hinterher. Angeblich soll ein Kunde, der kurz vor Heiligabend bei Tiffany‘s in New York das letzte vorrätige Exemplar einer P2 erworben hatte, zweimal gefragt worden sein, ob er seine Uhr zu einem höheren Preis wieder verkaufen würde, noch bevor er das Geschäft verlassen hatte. Auch gab es das Gerücht, dass eine von US-Präsident Nixon‘s Töchtern bei Tiffany‘s eine Pulsar als Weihnachtsgeschenk für ihren Vater gekauft haben soll.


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Bild 22: Annonce von Tiffany & Co., ca. 1972


Kurz vor Verkaufsbeginn der P2 wurde die „Pulsar Time Computer Inc.“ als Tochtergesellschaft der Hamilton Watch Company gegründet, mit dem damals 38-jährigen John Bergey als Geschäftsführer. „Die Bestellungen kommen so rasch und in einer so großen Anzahl“, berichtete Bergey dem Autor und späteren Hamilton-Biografen Don Saunders Anfang 1973, „dass wir nur schwer mithalten können.“

Die Produktion wurde schrittweise auf bis zu 1000 Einheiten in der Woche hochgefahren und trotz aller Anstrengungen war man bis in den April ausverkauft. Die Umsätze gingen förmlich durch die Decke! Bis zum Ende des Jahres 1973 schaffte man 10.000 Einheiten im Monat, aber die Konzessionäre bettelten: „Schickt uns mehr“.



Mit flüssigen Kristallen gegen leuchtende Dioden - LCD, eine ernstzunehmende Konkurrenz für die LED-Technik?


Eine Flüssigkeitskristallanzeige, englisch „Liquid Crystal Display“ oder kurz LCD, ist eine Anzeige, dessen Funktion darauf beruht, dass Flüssigkristalle die Polarisationsrichtung von Licht beeinflussen, wenn ein bestimmtes Maß an elektrischer Spannung angelegt wird.

LCDs bestehen aus Segmenten, die unabhängig voneinander ihre Transparenz ändern können. Dazu wird mit elektrischer Spannung in jedem Segment die Ausrichtung der Flüssigkristalle gesteuert. Damit ändert sich die Durchlässigkeit für polarisiertes Licht. Polarisiertes Licht wird mittels Polarisationsfiltern erzeugt, welche entweder einfallendes Umgebungslicht bei reflektierenden Anzeigen oder Licht einer Hintergrundbeleuchtung bei Anzeigen im Transmissionsmodus filtern. (Quelle: Wikipedia)


Schon in den späten 1960er Jahren wurden erste Versuche mit Flüssigkristallen und deren Verwendung in Displays für Uhren durchgeführt. Anfang der 70er wurden in 21 Ländern entsprechende Patente erteilt. Die erste Armbanduhr mit dieser neuen Technnik gab es ab etwa 1973 zu kaufen. Allerdings machte die erste LCD-Generation trotz der offensichtlichen Vorteile wie permanenter Darstellung der Segmente und geringerem Stromverbrauch auch Probleme: oft schon nach wenigen Monaten wurde die Anzeige trübe und war kaum noch ablesbar.

Die LED-Technik behielt also (noch) die Oberhand und der Pulsar Time Computer war und blieb die unangefochtene Nummer 1 unter den Digitaluhren.

Im Jahre 1974 hatte sich der Pulsar-Umsatz gegenüber dem Vorjahr auf rund 17 Millionen US $ verdoppelt, die Gewinne sogar mehr als verdoppelt! In diesem Jahr konnten etwa 50.000 Uhren abgesetzt werden! HMW Industries, die Muttergesellschaft von Pulsar und Hamilton setzte von nun an alles auf die LED-Technik! Die traditionelle Uhrensparte „Hamilton Watch Co.“ wurde an die Schweizer SSIH verkauft. (ein Vorläufer der Swatch Group) Heute ist Hamilton eine von 19 Uhrenmarken dieser Firmengruppe, wie der geneigte Leser sicher weiß.



1974: Die Pulsar bekommt Konkurrenz - die Schlacht um Marktanteile beginnt!


Die Nachfrage nach Uhren mit digitaler Anzeige war ungebrochen. Neben Pulsar gab es in den USA inzwischen noch weitere Anbieter der genauen Zeitmesser. Electronik-Firmen wie „Litronix“, „Texas Instruments“ und „Fairchild Camera and Instrument“, allesamt Hersteller integrierter Schaltkreise, präsentierten ihre eigenen LED-Modelle.


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Bild 23: Eine LED-Uhr von „Litronix“


Natürlich ließ durch die neue Markenvielfalt ein Preiskampf nicht lange auf sich warten. Nachdem einer der neuen Anbieter, „National Semiconductor“, ankündigte eine LED-Uhr für 125 US $ auf den amerikanischen Markt zu bringen, war die Schlacht um Marktanteile eröffnet. Die bekanntesten Namen aus der damals noch jungen Computer- und Elektronikbranche stiegen ins Digitaluhren Business ein. Schließlich waren für die Herstellung eines solchen Zeitmessers keinerlei Erfahrungen im traditionellen Uhrenbau vonnöten.

Ab 1974 produzierten nicht weniger als 30 US-amerikanische Hersteller ihre eigenen LED und/oder LCD Module. Viele davon mit erheblichen Investitionen in großvolumige, vollautomatische Produktionsanlagen, darunter Commodore, Intel’s Microma, Hewlett-Packard, Hughes Aircraft, Motorola und viele mehr.



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Bild 24: Commodore Watch


Etwa 50 weitere US-Firmen produzierten Digitaluhren unter Verwendung der Elektronik Module anderer Hersteller. Auch etablierte amerikanische Uhrenhersteller wie Waltham, Elgin, Timex oder Wittnauer. Es gab praktisch keine Barrieren um in den lukrativen Markt einzusteigen. Nahezu alle, egal ob Newcomer oder Traditionsbetrieb, setzten bei ihren Produkten auf die bereits bewährten LED-Module. Die erst im Jahr zuvor eingeführte LCD-Technik hatte sich noch nicht durchgesetzt.

Die gigantische Welle neuer Marken ließ die Preise weiter sinken und gleichzeitig die Nachfrage nochmals deutlich ansteigen. Das Resultat war ein regelrechter LED Boom! 1974 reichte die Preisspanne einer Digitaluhr von etwa 100 US $ bis hinauf zu 275 US $ für einen Pulsar Time Computer. Aber auch Pulsar‘s CEO John Bergey musste mit einem weiteren Preisverfall rechnen. In diesem Jahr soll Bergey bereits orakelt haben, dass eine Digitaluhr bis zum Jahr 1978 nur noch 20 US $ kosten würde. Er konnte damals allerdings noch nicht ahnen, dass die „Pulsar Time Computer Inc.“ dann gar nicht mehr existieren würde.



1975: LED-Mania


Aber noch war es nicht soweit. 1975 war die LED „America‘s hottest watch“. Während mehr und mehr Hersteller ihre neuen Modelle präsentierten, fielen die Preise auf unter 100 US $ für einen der begehrten digitalen Zeitmesser. Gleichzeitig verzeichneten die Hersteller wiederum astronomische Umsätze. Heute kann man sich nur schwer vorstellen, wie sehr eine einzelne Technologie den gesamten US-Uhrenmarkt im Griff hatte!


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Bild 25 Werbung „Wittnauer Polara“


Derweil war der japanische Seiko-Konzern gerade dabei, zum größten Uhrenhersteller der Welt zu avancieren. (was 1978 auch tatsächlich geschehen sollte) In den Staaten aber wurde der Höhenflug der Nippon-Uhrenbauer von der LED zeitweise gestoppt! Die Japaner hatten kein einziges Uhrenmodell mit der in Amerika so angesagten Technik im Programm. Seiko‘s Research & Development Team war der Auffassung, diese habe keine große Zukunft und setzte stattdessen auf die LCD-Technik.

Hideki Moriya, Seiko’s legendärer US-Boss, wurde von seinen 15 amerikanischen Vertriebsleitern immer wieder bedrängt, seine Haltung in der LED-Frage zu revidieren. „Wir brauchen solche Uhren“, riefen die Manager, „der Markt verlangt danach“. Aber er sagte nur: „Nein, dieser Trend wird vorübergehen“. Und das tat er.

Aber nicht nur Marken wie Seiko, deren Kerngeschäft eher im mittleren Preissegment lag, waren vom LED-Phänomen betroffen. Hank Edelman, in diesen Tagen Handelsvertreter für die Schweizer Edelmarke Patek Philippe, erinnert sich schmunzelnd an diese verrückte Zeit: „ungefähr die Hälfte unserer amerikanischen Konzessionäre verlangten nach einem Modell mit LED-Technik. Als ich ihnen sagte, dass Patek so etwas nicht baut, fragten sie mich allen Ernstes, was ich wohl in meinem nächsten Job machen wolle“.



Damit „war zu rechnen“ - Pulsar Time Computer Calculator


Fred Nelson, Vizepräsident der bereits 1854 gegründeten „Timex Corporation“, bezeichnete das Jahr 1975 einmal als „das mit dem härtesten Konkurrenzkampf, den die Uhrenbranche je gesehen hat“. Bemerkenswerterweise hatte Timex nie eine LED-Uhr im Portfolio. Dafür bot man bereits ein Jahr zuvor ein auf der LCD-Technik basierendes Modell für sage und schreibe 85 US $ an - und das mit beachtlichem Erfolg!

Einen vollkommen anderen Weg ging John Bergey mit der „Pulsar Calculator Watch“. Genau entgegen dem Trend, LED-Uhren immer noch billiger anzubieten, präsentiert die „Pulsar Time Computer Inc.“ eine Uhr mit integriertem Taschenrechner zum Schnäppchenpreis von „nur“ 3950 US $ - mehr als ein Kleinwagen in jener Zeit kostete. Neben dem Ablesen von Uhrzeit, Datum und Wochentag beherrschte dieser Mini-Computer noch die vier Grundrechenarten. Wie schon bei der P1 waren Gehäuse und Band aus 18-karätigem Gold. Natürlich konnte man damit auch ausrechnen, ob man nach dem Kauf dieser Uhr noch genug Geld auf dem Konto hatte.



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Bild 26: Pulsar Calculator 18 K


Im Inneren des 36 mm breiten, 43 mm langen und 15 mm hohen Gehäuses fanden neben der miniaturisierten Elektronikeinheit gleich 4 Knopfzellen mit insgesamt 5 Volt platz. Die waren auch notwendig, denn das 6-stellige LED-Display hatte ohnehin schon einen hohen Energiebedarf. Durch einmaliges Drücken auf die „+“ Taste gelangte man in den „Calculator Modus“ und es standen bis zu 12 Stellen zur Verfügung. In diesem Modus schaltet das Display erst ab, wenn 20 Sekunden keine Eingabe erfolgte.


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Bild 27: Die wohl teuerste Digitaluhr aller Zeiten


Im normalen Gebrauch konnte die Zeitanzeige durch das 1974 eingeführte „Auto Command System“ aktiviert werden und erlosch nach 1,25 Sekunden. Das Elekronik-Modul wurde von Pulsar in den USA entwickelt und gebaut. Es war das erste seiner Art und das Konzept wurde im Jahr darauf unter anderem auch von Hewlett Packard aufgenommen. Weitere Hersteller folgten in den kommenden Jahren.

Der „Rechenkünstler“ wurde in einer großen Box mit dicker Bedienungsanleitung und einem Kugelschreiber mit Griffel am anderen Ende ausgeliefert, ohne diesen man die winzige Tastatur gar nicht bedienen konnte. Eine deutlich günstigere Edelstahlvariante folgte 1977.



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Bild 28: Pulsar Calculator Set


Auch US-Präsident Gerald Ford, bekennender Pulsar-Fan, soll den Calculator im Dezember 1975 auf seinen Weihnachtswunschzettel gesetzt haben. Doch ob des exorbitanten Preises soll die First Lady nicht sonderlich begeistert gewesen sein.



Der LED-Boom erreicht seinen Höhepunkt - der Absturz ist „vorprogrammiert“


Die Schlagzeile der Cover Story der „Business Week“- Ausgabe vom 27. Oktober 1975 lautete etwas reißerisch: „Digital Watches: Bringing Watchmaking Back to America Again“.

Tatsächlich schien das Jahr 1975 ein Höhepunkt der wohl ersten digitalen Revolution in der Geschichte der USA zu sein. Alleine der Marktführer Pulsar steigerte seinen Umsatz in diesem Jahr um 47 % auf 25 Millionen US $ und konnte rund 150.000 LED-Uhren verkaufen. Inzwischen gab es unzählige Varianten des Time Computers. Auch kleinere Damenversionen waren im Angebot. Der letzte Schrei war eine fingernagelfreundliche Version der Pulsar für die feine Lady: es genügte eine leichte Berührung mit der Fingerspitze an der Seite des Gehäuses und die Uhrzeit leuchtete in bekannter Manier rot auf.

Ein Cartoon aus dieser Zeit zeigt die Freiheitsstatue mit einer Pulsar am Handgelenk des nach oben gestreckten Armes.

Als ein weiteres Indiz des Booms sah die „Business Week“ das enorme, und vor allem schnelle Wachstum der Zulieferer-Industrie. So produzierte zum Beispiel die in Newport Beach, Kalifornien beheimatete und erst 1973 gegründete „Hughes Aircraft“ bis zum Ende des Jahres 1975 rund 100.000 LED-Module, die sowohl an traditionelle Uhrenfirmen als auch an die neuen Elektronik-Uhren Hersteller ausgeliefert wurden. Hughes Aircraft beschäftigte zu dieser Zeit etwa 500 Mitarbeiter!



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Bild 29: LED Module von Hughes Aircraft


Mittlerweile gab es auf dem US-Markt 77 Digitaluhren-Hersteller. Die überwiegende Mehrheit setzte auf amerikanische LED-Module. Inzwischen führten die USA auch die globale Quarzuhren-Revolution an. „Texas Instruments“ lieferte LCD-Module an die Schweizer Ebauches SA (heute ETA) und Omega kaufte von Pulsar zwischen 1972 und 1974 ungefähr 30.000 LED-Einheiten für ihren „Omega Time Computer“, im Grunde technisch baugleich mit dem amerikanischen Pendant.


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Bild 30: Schweizer Marke mit US-Elektronik: Omega Time Computer


1976 - die ersten Anzeichen


Auf der „Las Vegas Consumer Electronics Show“ im Januar 1976 war es schon deutlich wahrzunehmen: zum ersten mal in der noch jungen Geschichte der Digitaluhr schien der Weg hinunter in eine Einbahnstraße zu führen. Von Klasse zu Masse, vom unverwechselbaren Statussymbol der oberen Zehntausend zum gesichtslosen Massenartikel. Und, obwohl die LED-Uhren noch die Oberhand behielten, schickte sich die LCD an, ein ernstzunehmender Konkurrent für die Selbstleuchter zu werden. Sprach man 1975 noch von einem LED Boom, so war in diesem Jahr bereits ein Überangebot zu beobachten, welches im Folgejahr zum Niedergang führen sollte.

Das Ende kam. Und es kam schnell.



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Bild 31: Billig-LED-Uhr von Texas Instruments


Einer der Totengräber der LED hieß Texas Instruments. Der Halbleiterhersteller aus Dallas hatte große Ambitionen, neben dem Taschenrechner-Business auch das Digitaluhrengeschäft zu dominieren. Auch Timex, in den 1970er Jahren eher damit beschäftigt, seine einfachen Stiftankerkaliber einzuschalen, wollte ein großes Stück vom digitalen Kuchen abhaben.


Vom Statussymbol auf die Resterampe


Texas Instruments senkte den Preis für eine LED-Digitaluhr 1976 auf 19,95 US $. Die pessimistische Vorhersage von Pulsar-Chef John Bergey, zwei Jahre zuvor, wurde Wirklichkeit: die 20-Dollar-Grenze war unterschritten! Und das sogar zwei Jahre früher, als von Bergey einst prognostiziert!


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Bild 32: Star Wars Merchandising Uhr von Texas Instruments


Aber der Preisverfall schritt weiter voran. 1977 senkte T.I. die Preise für LED-Uhren nochmals auf nun 9,95 US $. Das Technologieunternehmen konnte es sich leisten, derart niedrige Preise aufzurufen, da man durch massenhaft produzierte Module die Herstellungskosten dramatisch senken konnte. Zwischen 1973 und 1980 reduzierte sich der Preis für ein einbaufertiges Modul von gut über 300 US $ auf weniger als ein Hundertstel: Einschaler konnten die Elektronikeinheiten oft für deutlich unter 3 Dollar ordern!

Die aggressive Preispolitik von Texas Instruments stimmte das Totengeläut für die amerikanische LED-Industrie an. Die ersten beiden Hersteller, „Bowmar“ und „Ness Time“, mussten 1976 Konkurs anmelden.

Erschwerend kam hinzu, dass der heimische Markt zunehmend von asiatischen Billigprodukten überschwemmt wurde. Überbestände aus Hong Kong und Taiwan erreichten, einer Sturzflut gleich, die amerikanischen Warenhäuser und Elektronikmärkte. Den Käufern war es egal, woher die Ramschware kam, solange die Uhren nur billig genug waren.



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Bild 33: LED vom Discounter: Commodore für $ 7,99 und 3 Monate Garantie! (1977)


Ein Markt für exclusive LED-Uhren existierte praktisch nicht mehr. Das bekam natürlich vor allem der Marktführer zu spüren: in diesem Jahr sank der Umsatz der „Pulsar Time Computer Inc., dessen Uhren zu keiner Zeit unter 249 US $ angeboten wurden, um 14 % auf 21,6 Millionen US $. Im ersten Halbjahr 1977 verlor man weitere 5,9 Millionen Dollar. In diesem Jahr wurden weltweit insgesamt über 42 Millionen (!) Digitaluhren verkauft, aber nur etwa 10.000 davon trugen das Pulsar-Logo.


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Bild 34: Pulsar Werbung 1977: „Nicht mit weniger zufrieden geben“


Zum Jahresende 1977 stellte die „Pulsar Time Computer Inc.“ die Produktion der LED Uhren endgültig ein und HMW verkaufte den Markennamen „Pulsar“ zunächst an „Rhapsody Inc.“, einem Uhren- und Schmuck Großhändler aus Philadelphia. Dieser veräußerte die Namensrechte dann 1978 an die Seiko Watch Corporation. Seit 1979 bis heute werden unter diesem Label analoge Quarzuhren verkauft, die preislich unterhalb des Seiko Sortiments angesiedelt sind.

Hughes Aircraft und viele andere Electronik-Zulieferbetriebe verschwanden 1978 wieder vom Uhrenmarkt und wandten sich nun deutlich lukrativeren Consumer-Electronic Produkten wie Computer und Videospielen zu.

Auch die Konsumenten verlagerten ihre Präferenzen nun ins LCD-Lager. Die deutlich überlegene, und inzwischen ausgereifte Technik hatte der batteriefressenden, nur auf Knopfdruck aufleuchtenden Zeitanzeige inzwischen den Rang abgelaufen. Das „Liquid Crystal Display“ zeigte die Zeit permanent an und auch die Batterien hielten deutlich länger. LCD ist bis heute der Standard für Digitaluhren.

Zurück blieben zahlreiche Elektronikbauteil-Hersteller, die die nun veralteten LED-Module nicht mehr verkaufen konnten. Weitere Firmenpleiten waren die Folge. Die LCD-Technik beerbte den mausetoten Digitalpionier aber auch hier gab es schon wieder dramatische Preisstürze: Der Computer-Hersteller Commodore, dessen erster Rechner PET 2001 schon 1977 auf den Markt kam, stellte im Folgejahr 1978 eine Kollektion von 15 LCD Uhren vor, die zwischen 7,95 bis 19,95 US $ bepreist waren. Diese Uhren wurden in Blisterverpackungen über Electronic Shops, Drogerien, Warenhäusern und Tankstellen verkauft.

Nur zwei amerikanische Elektronik Hersteller befassten sich 1980 noch mit der Herstellung von elektronischen Zeitmessern: Timex und Texas Instruments. Aber auch dieser Konzern warf 1981 schließlich das Handtuch und entließ 2800 Mitarbeiter aus seiner Uhrensparte. Ironischerweise überlebte ausgerechnet der älteste und traditionsreichste, vor über 120 Jahren gegründete „Oldie“ ein digitales Desaster. Die 1985 eingeführte „Triathlon Watch“ sowie die ein Jahr später vorgestellte „Ironman“ gibt es bis heute!



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Bild 35: Timex Triathlon Ironman, in Produktion seit ca. 1985


Abgesang


Das heute in der Uhrenbranche oft mit dem Begriff „Quarz Revolution“ umschriebene Jahrzehnt von 1970 bis 1979 war sicher das mit den radikalsten Neuerungen in der Uhrentechnik. Die LED schickte sich an, die konventionelle Zeitanzeige zu verdrängen. „Alle Uhren in den Schulen sind heute digital“, sagte Tom Hyltin, CEO von Micro Display Systems, Ende der 70er Jahre. „Kinder kennen heute nur die digitale Zeit. Um die Jahrhundertwende werden alle Uhren digital sein.“ Hyltin sollte nur bedingt recht behalten.

Die leuchtenden Dioden aber, in der ersten Hälfte der Dekade Hoffnungsträger der Uhren- und Elektronikindustrie in den USA, verschwanden wieder. „Das Phänomen der amerikanischen Digitaluhr ist in der Geschichte der Uhrmacherei einzigartig“, schreibt der Uhrenexperte Lucien Trueb in seinem 2013 erschienenen Buch über elektronische Uhren „Electrifying the Wristwatch“ (Schiffer Publishing Ltd.) „Heute erinnert sich kaum jemand an das kurzlebige, amerikanische Uhrenabenteuer“, so Trueb weiter.

Auch, wenn es die Geschichte nicht eben gut meinte, mit Pulsar und der amerikanischen Uhrenindustrie, so war es doch die LED-Technologie, die den Weg in die digitale Uhrenzukunft ebnete! Man kann ohne Übertreibung sagen, Hamilton läutete eine neue Ära der Zeitmessung ein. Der Uhrmacher und Fachbuchautor Henry B. Fried sprach gar vom „größten Technologiesprung seit der Erfindung der Unruhspirale im Jahr 1675“.


Der heute 85-jährige John Bergey lebte nach seinem Ausscheiden bei HMW Industries weiterhin in Lancaster, PA. Er verfügte über eine ansehnliche Sammlung von Pulsar Uhren aller Generationen. Aber manchmal, während seines Stadtbummels, trug er eine andere Digitaluhr. Hin und wieder wurde er darauf angesprochen, was mit Pulsar passiert war. Er tippte auf die Uhr an seinem Handgelenk und sagte: „Das ist passiert: ich habe 3 Dollar und 79 Cent dafür bezahlt und sie funktioniert großartig“.


The End.

Happy Birthday, Pulsar!


Quellverzeichnis, Teil 2:

Bild 21 printerest.de, Bild 22 alainchauvelaccordeurdepianos.fr, Bild 23 flickriver.com 2015, Bild 24 youtube.com, Bild 25 theledwatch.com, Bild 26 theledwatch.com, Bild 27 theledwatch.com, Bild 28 theledwatch.com, Bild 29 crazywatches.pl, Bild 30 flickr.com, Bild 31 ebay.de, Bild 32 reddit.com, Bild 33 flickr.com, Bild 34 ebay.com, Bild 35 hodinkee.com

Ich möchte zum Schluss noch erwähnen, dass ich dank des sehr gut recherchierten Artikels von Joe Thompson „The Lost Chapter: A Concise History Of The LED watch“ vom Februar 2018, die mit Abstand meisten, brauchbaren Informationen erhalten und aus dem Englischen übersetzt habe, natürlich nicht, ohne vorher auch andere Quellen anzuschauen.

Ich stieß bisweilen auf widersprüchliche Angaben, insbesondere wenn es sich dabei um ein Datum oder eine Jahreszahl handelte. Auch bei namentlich genannten Personen kann ich nie ganz sicher sein, ob die Schreibweise der Namen stimmt und/oder die geschichtlichen Zusammenhänge 100 % korrekt sind.

Technische Ausführungen stammen entweder von Wikipedia oder sind weiteren Artikeln zum Thema entnommen. Auch hier möchte ich nicht ausschließen, dass es fehlerhafte Angaben geben könnte.

Eine schier unglaubliche Bilder-Sammlung der schönsten LED-Uhren gibt es auf der im Folgenden genannten Seite, die ich Euch noch sehr empfehlen möchte!


Watches from my collection | The LED Watch

Ich bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit! 🙏

Beste Grüße,
Frank
 
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