Schwesternuhren - frühe Toolwatches

Diskutiere Schwesternuhren - frühe Toolwatches im Damenuhren Forum im Bereich Sonstige Uhren; Tool heißt ja nichts anderes als Werkzeug und genau das waren die Schwesternuhren die im frühen 20. Jahrhundert auf kamen, denn Sie dienten zur...
Ruebennase

Ruebennase

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Tool heißt ja nichts anderes als Werkzeug und genau das waren die Schwesternuhren die im frühen 20. Jahrhundert auf kamen, denn Sie dienten zur Messung des Pulses eines Patienten. Der mit Zeige-und Mittelfinger gefühlte Pulsschlag an der Innenseite des Handgelenkes wurde exact eine Minute lang gezählt. Der klassische Aufbau schweizer Uhrwerke hatte eine kleine Sekunde. Da diese wenig geeignet war hatten diese frühen Toolwatches eine Besonderheit, nämlich eine Zentralsekunde.

Arglerzylinderkreuzfront.jpg


Die ältesten Uhren dieser Gattung, die ich hier zeigen kann stammen ungefähr aus der Zeit des 1. Weltkrieges. Es sind alles drei Uhren der Firma Aegler die sich auf hochwertige Damenuhren spezialisiert hatten:
Arglertriostaubdeckel.jpg


Aeglertriomitwerken.jpg

Wie man sieht gab es etwas preiswertere aber gute komplett gesteinte Zylinderwerke und auch top Ankerwerke. Dieses hier rechts sogar mit einer Spirale (ver. Palladiumlegierung) mit kompensatorischen Eigenschaften. Man erkennt gut den Aufbau um vom Kleinbodenradzapfen die Zentralsekunde an zu treiben (indirekte Zentralsekunde). Zentralsekunden waren bei den kontinentalen Uhren ansonsten lediglich bei weiteren Toolwatches den großen sogenannten Beobachtungsuhren oder Chronographen üblich, die auch dort eingesetzt wurden, wo eine Sekundengenaue Zeitabnahme notwendig war.
Ich versuche immer noch genau dahinter zu kommen, wie diese Uhren getragen wurden. Klassisch trugen die Damen ihre Uhren an einer sehr Langen Kette und verstauten diese im Gürtel
Damenuhrkette.jpg


Hier einmal zeittypische Befestigungen:
SAM_2607.JPG


Die Spange, eine oben gezeigte Kette mit Schieber um sie zusammen zu halten und eine Chartelaine die an den Gürtel gesteckt wurde. Letzeres ist auch ungeeignet weil das zusätzliche Schutzglas sicherlich nicht die Verfolgung des Sekundenzeigers fördert

Front.jpg


Am wahrscheinlichsten halte ich Broschen. Im Lazerett waren auf Grund der häufig im Nassen befindlichen Hände die auf kommenden Armbanduhren nicht geeignet und bis heute sind Selbige aus hygienischen Gründen für Pflegepersonal in den Kliniken untersagt. So hat die Schwesternuhr noch viele Jahre überlebt auch wenn die Pulsmessung heute vermutlich sekundenschnell mittels Piep erfolgt.
Hier ein zwei Beispiele um 1930 herum:
1930'er.jpg


Eine Pronto mit FEF 108 und eine Marvin dessen Werksbezeichnung ich nicht kenne.

Hier noch meine Jugendtruppe die auch aufzeigt das diese Uhren in jeder Preisklasse produziert wurden:

SChwesternmodern.jpg


Die Stowa wohl aus dem 70'ern mit einem Durowe 7410 und eine preiswerte Kienzle mit einem 0 Jewel Stiftankerwerk 058/a. Die Kienzle wird kopfüber getragen was sehr praktisch ist, wenn die Uhr am Kittel befestigt ist. Diese Neuerung kam allerdings erst recht spät auf. Vermutlich saßen in den Entwicklungsabteilungen noch keine Frauen die über die Praxis sinniert haben. Was fehlt ist das Werk von der Zenith im Hintergrund. Da ich Äußerlich nahezu identische aus den Jahren 1954 und 1956 zeigen kann, möchte ich Euch die schönen feinen aber unterschiedlichen Werke extra zeigen:

Zenithschw126u120.jpg


Links das ältere 126-5-6 und rechts das Kaliber 120. Beides sind 12 Linien Werke die vornehmlich für guten Herrenarmbanduhren verwendet wurden. Man erkennt das der Aufbau für die indirekte Sekunde beim 120'er, wie auch bei den beiden modernen oben, verschwunden ist. Moderne Werke haben eine direkte Zentralsekunde. Diese generelle Umkonstruktion ist auch den schnell beliebt gewordenen Automatikuhren geschuldet. Eine hoch aufbauende indirekte Sekunde und dann noch ein Rotor on top führt zu enorm dicken Uhren und das wollte der Endkunde damals nicht. Das es später zeitweilig für Einige cool werden würde sich 47 mm Uhren an das Handgelenk zu nageln die über 2 cm auf bauen, war schlichtweg undenkbar.

Ich hoffe Euch gut unterhalten zu haben
Rübe
 
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Frau A.

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Vielen Dank für diese sehr informative und gut bebilderte Vorstellung! :klatsch:
Bist du vom Fach (also in einem medizinischen Beruf tätig), oder woher rührt dein Interesse und dein fundiertes Wissen zu diesem Thema?
 
Ruebennase

Ruebennase

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Jein :-). Ich arbeite im Krankenhaus allerdings im Labor. Jeder hat ja seine eigene Art zu sammeln. Mich interessieren besonders die alten Uhren die mich in Ihre Zeit mit nehmen. Es macht mir Spaß zu versuchen ihre "Arbeitsumgebung" zusammen zu basteln. Frühe Schwesternuhren sind obendrein besonders konstruiert und von guter Qualität und obendrein Arbeitswerkzeug.
 
F

Frau A.

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Das stimmt: jeder hat so sein Spezialgebiet. Ich bin auch hauptsächlich bei den Oldtimern unterwegs, allerdings besitze ich ausschließlich Armbanduhren.
Du hast dir auf jeden Fall ein sehr interessantes Sammelgebiet ausgesucht und scheinst dir ein sehr beachtliches Wissen angeeignet zu haben. :super:
 
Ruebennase

Ruebennase

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Vielen Dank für die Blumen aber das Fachwissen begrenzt sich ziemlich auf die Basics die man benötigt um das Alter einer Uhr ein zu schätzen. Ohne Zuordnung gibt es kein Kopfkino zu Ihr. Ich bin aber gut in "mich schlau an hören" :D
Mit Armbanduhren sieht es bei mir relativ mau aus aber ich habe zugegebener Maßen eine Schwäche für coole etwas auffälligere Uhren...da gibt es hier so eine kleine Doxa ..ein Träumchen
 
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Frau A.

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Deine Ausführungen klingen auf jeden Fall sehr versiert! :klatsch:
Auffällige Vintage -Uhren gibt es ja so einige. Insbesondere in den 70er-Jahren wurde ziemlich "geklotzt". Die kleine Doxa ist hier im Forum mehrfach vertreten. Vielleicht ergatterst du ja auch mal eine, dann können wir einen Club gründen ;-)
 
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Mauti

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Sehr interessante Vorstellung. Vielen Dank dafür.
So gut werde ich mich bei meinen Armbanduhren wohl nie auskennen.
Ich besitze ausser Armbanduhren nur noch Wecker und Quartz Wanduhren.
Halt: eine ältere Wanduhr zum Aufziehen von meinem Papa ist noch irgendwo auf dem Dachboden.
Die muss ich mal hervorholen.
 
Belluna

Belluna

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Vielen Dank, dass Du uns so einfühlsam in die Welt der Taschenuhren mitgenommen hast. Ich habe es jetzt einmal gelesen und bin begeistert. Ganz sicher werde ich mich wieder in diese Vorstellung begeben, denn ich habe ja nicht gewusst, wie interessant es ist. Danke, Rena
 
CFG

CFG

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Vielen Dank für die schöne Vorstellung. Ein für mich sehr interessantes Themengebiet.
 
pallasquarz

pallasquarz

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Guten Abend, bedankt für diese informative Vorstellung :super:
Erst habe ich gedacht häh :hmm:, was ist denn so besonders an so einer Taschenuhr, das soll eine "toolwatch" sein?
Aber, das besondere ist die Zentralsekunde, wie Du erklärst, das konnte ich an meinem Erbstück sehen
Vorstellung einer Carl Suchy und Söhne mit Weckfunktion ca. 1912
Auch wenn spätere Uhren eine Pulsometerskala hatten, so ist das hier nicht notwendig, man kann auch irgendwo anfangen zu stoppen (muss es sich bloß gut merken) und 1 min aufmerksam zählen, bis der Zeiger wieder an derselben Stelle ankommt.
Gab es ev später solche Uhren mit einer Pulsometerskala, damit man nur eine kurze Zeit eine vorgegebene Annzahl von Pulsschlägen zählen mußte?
Grüsse Christoph
 
Ruebennase

Ruebennase

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Hallo Christoph,
danke für deinen Beitrag. Das mit der Zentralsekunde ist allerdings immer ein wenig tricky. Ich bin auch beim Zenith 120'er von einer direkten Zentralsekunde aus gegangen, da der Aufbau fehlte, aber es kann sich hier durchaus um einen der seltenen Ausnahmen einer "tiefer gelegten" indirekten Zentralsekunde handeln von dem Hersteller der auch Minutenräder indirekt antreiben kann. Ich habe mir da gerade Unterlagen für das WoE zusammen gesucht. Zumindest für das FEF und wohl auch für die kleine Marvin ist die Aussage richtig. Bei deinem Weckerwerk auf Basis des Dürrsteinpatentes, dass überwiegend von Eterna gebaut wurde (Victoriawecker), ist der zusätzliche zentrale Zeiger kein Sekundenzeiger sondern die eingestellte Weckzeit, sofern aktiviert. Die Einstellung erfolgt über den Glasring. Wenn Du genau guckst dann siehst Du auch unten eine hoffentlich muntere kleine Sekunde ihre Bahnen ziehen.

Mit der Pulsometerskala hast Du recht. Die gab es aber in erster Linie für die ca. 5 cm großen Chronographenzifferblätter. Da konnte der Herr mit der Stopfunktion seiner Uhr sinnvoll spielen. Bei den kleinen Damenührchen hat sich dieses Blatt nicht durchgesetzt mangels zusätzlicher Stopfunktion und das kleine Blatt wurde sehr unübersichtlich. Eine kleine Bifora gab es hier im Forum aus den 50'/60'ern die habe ich mir gleich gesichert. Danke @Uhrton. Der Preisaufschlag für ein Chronographenmodul ist doch erheblich und mir ist nicht bekannt das es Chronographen für kleine Damenuhren gab.

2860128

Chronograph ca. 5 cm Schwesternuhr ca. 3cm im Durchmesser.

Grüße Rübe
 
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