Schwestern in Titan oder Des Kaisers neue Uhren -- Mit der Seiko SGE368F1 in die goldenen 90er

Diskutiere Schwestern in Titan oder Des Kaisers neue Uhren -- Mit der Seiko SGE368F1 in die goldenen 90er im Uhrenvorstellungen Forum im Bereich Uhren-Forum; Wie kommt man auf so einen hahnebüchenen Titel, noch dazu gegen 13 Uhr mittags und ganz ohne bewusstseinserweiternde Substanzen (Kaffee mal...
Balubaer

Balubaer

Themenstarter
Dabei seit
07.10.2012
Beiträge
439
Ort
Südbaden
Wie kommt man auf so einen hahnebüchenen Titel, noch dazu gegen 13 Uhr mittags und ganz ohne bewusstseinserweiternde Substanzen (Kaffee mal ausgenommen)? Nun, an die Sprachmeisterschaft eines Jochen Malmsheimer werde ich mit meiner kümmerlichen Wortgewalt (oh, ein Oxymoron!) niemals heranreichen, alleine die Titel seiner Programme bieten eine solide Grundlage für mehrtägiges, ununterbrochenes Denkopfaufdietischplattehämmernunddabeidieeigenedeutschlehrerinverfluchen (habe ich erwähnt, dass ich Komposita toll finde?). Aber hier soll's ja um Uhren gehen. Also sprechen wir über Uhren.

Wieso also jetzt genau diese? Nach langer Zeit ringe ich mich zu einer Uhrenvorstellung durch, und es gäbe bei Gott KandidatInnen, denen ich die Ehre lieber zukommen ließe! Weder ist die hier zu sehende Zeitmesserin der Glanzpunkt in meiner kleinen Sammlung von Seiko- und einigen anderen Tickern, noch würde ich sie als unumstrittenes Lieblingsstück bezeichnen.

Sie ist auch noch nicht all zu lange in der Familie. Ihren Weg zu mir fand sie durch persönliche, wohlwollende Fürsprache ihrer Schwester, die mir unter der Referenz 7N42-F100 einst im Uhrforumstausch zulief:

Medium 102829 anzeigen
IMG_6583.jpg
IMG_6584.jpg
IMG_6585.jpg

Sie lebt seit einigen Monaten bei mir. Von Anfang an mochten wir uns, denn -- und so klärt sich der erste Alternativtitel dieser kleinen Vorstellung -- in ihrem rauen und doch anschmiegsamen Titangewand fehlte ihr ein gewichtiger Teil dessen, was mir persönlich das Leben schon seit längerer Zeit erschwert, und das nicht nur beim Kauf des perfekten Gymnastik-Sitzballs: Masse! Sie trug sich vom ersten Tag an derart geschmeidig und federleicht, dabei schmiegte sie sich mit ihrem schlanken Quarzwerk so angenehm ans Handgelenk, dass sie sich schon bald als eine ideale Wahl fürs Büro anbot -- nichts ist unangenehmer, als den Arm bei Benutzung der Tastatur Stunde um Stunde auf einer grundsoliden, vollmassiven und vermutlich auch als Abschleppseil tauglichen, dabei jedoch unter Gesichtspunkten der Ergonomie eher mäßig optimal gestalteten Band-Schließen-Kombination abzulegen. Dieses Problem hatten wir miteinander zu keinem Zeitpunkt, oh nein.

Und dann war da die Bucht, in der ich an Wochenenden zuweilen zu tauchen pflege. Die Bucht, die uns Uhrenfanatikern zwischen Wahn- und Freundengeschrei wohl so ziemlich alles zu bieten vermag, was unsere emotionale Hingabe an diese anachronistischen Tickerchen so ausmacht. Da schwamm sie, obwohl sie ja nun doch eher Dress- als ernstzunehmender Diver war (und ist), die Schwester meiner unicolor-titanenen Schönheit. Ihr Preis war, wenn auch nicht eben billig, so doch in meinen Augen der Sache angemessen, zumal ausgestattet mit Box und allem, was so dazugehört, und augenscheinlich in Bestzustand, nahe NOS, wie man zu sagen pflegt.

Und ihre Schwester wisperte "Nimm sie unter deine Fittiche, ich fühle mich so einsam! Diese Chronographen aus den 70ern sind immer so eitel und wollen unter sich sein -- Sammlerstücke halt. Und die ganzen hübschen Herren in Quarz dort hinten sprechen alle nur japanisch. Damit tue ich mich schwer, wurde ich doch für den europäischen Markt produziert. Und ich glaube, sie ist genau so alt wie ich! Aus deiner Jugend, Anfang der 90er! Ihr passt so gut zusammen -- so wie wir ... Wäre sie nichts für dich? Schau mal, neben mir auf dem Kissen ist noch Platz frei!" Und wie man Wellensittiche auf keinen Fall allein halten soll, so soll man es seinen Uhren auch nicht antun, ich bin mir da ganz sicher. Meine Lebensgefährtin ist studierte und diplomierte Biologin -- zwar ist sie der Ansicht, Armbanduhren litten überhaupt nicht unter Einzelhaltung, mehr noch, ergäben sich durch eine solche gerade hinsichtlich des Haushaltsbudgets ungeahnt positive Synergieeffekte, aber was weiß die schon!

Nun denn, ich höre die beiden jetzt glücklich erregt jeden Abend in der Box lange Geschichten aus einer Zeit austauschen, in der die Menschheit der Ansicht war, so genannte "Dancefloor"-Musik sei der letzte Schrei, die Karotte sei nicht nur ein gerade für den Erhalt des Augenlichts vorzüglich geeignetes und noch dazu schmackhaftes Gemüse, sondern auch eine geeignete Vorlage, um Beinkleider ähnlicher Form (und teils gar Farbe!) anzufertigen, die Geschmacksrichtung des pinkfarbenen Labello dürfe man laut führenden Lebensmittelchemikern ruhig Erdbeere nennen, so genau müsse man da nicht sein, und in der George Bush für den Problembären schlechthin auf dem Stuhl des viel zitierten "mächtigsten Mannes der Welt" gehalten wurde (ich finde ja "POTUS" als Begriff in direkter lautmalerischer Nachbarschaft zwischen "Pöter" und "Anus" für dieses Amt wunderbar treffend, aber ich schweife ab). Manchmal klönen sie noch bis tief in die Nacht hinein, so dass ich mir sorgen über den Batteriezustand am nächsten Morgen mache. Denn sie sind, wie bereits an anderer Stelle angemerkt, Quarzuhren, die Damen! Ja, sonst könnten sie nicht so schlank sein, so leicht und zierlich.

Und so hoffe ich, sie werden sich so bald nicht wieder trennen müssen. Ihr Kaliber namens 7N42 wird im Hause Seiko bis heute verbaut, insofern hoffe ich auf solide und ggf. überholbare Technik.

Ich hoffe, ich konnte euch eine kleine Freude damit bereiten, euch in dieser knappen Form diese nicht all zu häufig anzutreffende Schönheit vorzustellen. Ganz herzliche Grüße ins Forum aus dem schönen Merzhausen bei Freiburg!

IMG_6676.JPG
IMG_6679.JPG
IMG_6681.JPG
IMG_6680.JPG
IMG_6678.JPG
IMG_6671.JPG
IMG_6672.JPG
IMG_6673.JPG
IMG_6674.JPG
IMG_6675.JPG

Abschließend, wie verlangt, die nackten, rohen, technischen Daten, soweit mir bekannt:

Referenz: Seiko SGE368F1 aka 7N42-F100
Serie: Sports 200
Durchmesser o. K. ca. 42 mm (handgemessen), m. K. ca. 44 mm, Lug to Lug ca. 48 mm
Kaliber 7N42 mit Datumsscheibe (schwarz!) und Hacking
Aufgesetzte Indizes mit Leuchtmasse, die tatsächlich noch leuchtet, Datumsfenster und Seiko-Schriftzug ebenfalls aufgesetzt
Zeiger mit Leuchtmasse, die allerdings nicht mehr leuchtet
Volltitan-Konstruktion
Verschraubte Krone
Sapphlex
-Glas
Verschraubter Boden
"Hollow" Endlinks

Mutmaßlich gefaltetes(?) Armband in Volltitan
Schließe
mit Sicherheitsbügel und Druckverschluss
Unidirektional drehbare Lünette
mit 120 Klicks
Lünetteneinlage vermutlich aus Aluminium
Wasserdichtigkeit
offiziell 20 BAR
 
Zuletzt bearbeitet:
DonSteffen

DonSteffen

Forenleitung
Dabei seit
20.10.2008
Beiträge
6.118
Ort
Sauerland
Bitte die technischen Daten ergänzen, damit es eine vollständige Vorstellung wird. Danke.
 
Mueller27

Mueller27

Dabei seit
10.10.2010
Beiträge
12.856
Güldene Riffel-Lünette am Diver - einerseits rollen sich mir da die Fußnägel hoch, andererseits kann ich als "Dabeigewesener" bezeugen: "Ja, so waren sie die 90er."

In dem Sinne: Viel Spaß mit dem Ticker und HYPER HYPER !!!
 
Balubaer

Balubaer

Themenstarter
Dabei seit
07.10.2012
Beiträge
439
Ort
Südbaden
Super,sogar mit Sapphlex! :klatsch:
Danke dir! Japp, wenn ich recht in der Annahme gehe, waren diese "Diver" Anfang der 90er durchaus zu den in der Seiko-Produktpalette höher anzusiedelnden Modellen zu zählen. Da hat Seiko dann auch keine halben Sachen gemacht. :-) Das Sapphlex empfinde ich persönlich übrigens als tolles Material. Ich habe viel darüber gelesen, es handelt sich wohl um ein Laminat mit Grundschicht aus Mineral- und Deckschicht aus einer Art Saphirglas. Reiner Saphir war damals wohl noch relativ teuer und den absoluten Topmodellen vorbehalten. Die "mittlere Oberklasse" wurde mit Sapphlex bestückt, darunter gab's Hardlex. Aber das ist solides Halbwissen.

Güldene Riffel-Lünette am Diver - einerseits rollen sich mir da die Fußnägel hoch, andererseits kann ich als "Dabeigewesener" bezeugen: "Ja, so waren sie die 90er."
Ja, die Kombination ist ... gewagt. Aber am Arm macht sie sich dann doch wieder ganz handzahm. Eigentlich ist es ne schöne Bicolor-Variante mit dem gegenüber Edelstahl deutlich dunkleren Titanmaterial. In Kombi mit dem blauen ZB meines Erachtens ein eher gelungener Auswuchs der 90er.
In dem Sinne: Viel Spaß mit dem Ticker und HYPER HYPER !!!
... und How much is the fish? ... :-D Danke dir sehr.
 
DarkHorse

DarkHorse

Dabei seit
30.08.2014
Beiträge
99
Ort
westlicher Bodensee
Eine würdige Würdigung einer schicken Uhr! Das sind die Funde, die die U(h)rinstinkte von manchen/etlichen hier ansprechen und die Kraft liefern, die eigenen Recherchen nicht zu vernachlässigen. ;-)
 
Balubaer

Balubaer

Themenstarter
Dabei seit
07.10.2012
Beiträge
439
Ort
Südbaden
Danke auch dir sehr, @DarkHorse!

Ich wünschte manchmal, ich könnte die Recherchen beizeiten etwas mehr vernachlässigen -- doch die Sucht treibt mich weiter an. :-D
Dennoch ist es einfach schön, die beiden nebeneinander vereint auf ihrem gemeinsamen Kissen sitzen zu sehen (ich habe meine kleine Seiko-Sammlung in handlichen, stapelbaren Kistchen zu je vier Uhren organisiert, jede Box enthält zwei Kissen -- und pro Kissen können folglich tatsächlich genau zwei Ührchen Platz nehmen. Drum auch das nächtliche Geschnatter).
 
Thema:

Schwestern in Titan oder Des Kaisers neue Uhren -- Mit der Seiko SGE368F1 in die goldenen 90er

Schwestern in Titan oder Des Kaisers neue Uhren -- Mit der Seiko SGE368F1 in die goldenen 90er - Ähnliche Themen

Ein Erlebnis der elektrisierenden Art: Rolex Milgauss Z-Blue 116400GV: Ein Erlebnis der elektrisierenden Art Es war einmal ein Astron der im Jahr 2016 seine Leidenschaft für Armbanduhren entdeckte. Begonnen hat alles...
Eine englisch-japanische Freundschaft – Die Grand Seiko Spezial Edition „Toge“ ( SBGM241 ): Die Uhren des japanischen Luxusuhren Herstellers Grand Seiko erfreuen sich zwischenzeitlich auch außerhalb Japans zunehmender Beliebtheit. Die...
SEIKO „Steelmaster“ auf der Suche nach Identität…. (Prospex Diver SPB185J1): Hallo hier bin ich. Ich wurde vor kurzem ungefragt von meiner (Konzern-)Mutter ins Leben gesetzt um für sie Geld zu verdienen. Ich bin ein Klon...
MEINE sentimentale Seiko – SEIKO SQ100 Bicolor – Referenz unbekannt: Duisburg, ungefähr im Jahr 1990. Ich, um die 15 Jahre alt. Jeden Morgen musste ich mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Schule an einem kleinen...
Ich mag Diver einfach nicht… aber… Seiko Samurai SRPB49K1 oder die übrigen 1%: Ich oute mich hier jetzt ganz öffentlich und ohne mit wenig Scham: Mir gefallen Taucheruhren (in der Regel) nicht. Viele finde ich sogar geradezu...
Oben