Schlenker & Kienzle Freischwinger mit Patent-Rechen aus ca. 1901

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Der Stromer

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Eine Wanduhr…

So, wieder eine Uhr gerettet. Auch wenn ich nur das Werk mit Ziffernblatt und Pendel auf dem Tisch hatte, es machte (fast) Spaß, dieses Werk wieder zum werkeln zu bewegen.
4487-Mit-Patina.JPG

Aber erst einmal zur Uhr. Hier handelt es sich um einen Freischwinger der Firma Schlenker & Kienzle, so aus dem beginn des 20. Jahrhunderts. Das Gehäuse ist beim Besitzer geblieben, der ist ein Holzwurm und kennt sich mit diesem Werkstoff wesentlich besser aus, als ich es jemals werde.
Das besondere an dieser Uhr ist das Schlagwerk. Im Jahr 1901 hat die Firma Schlenker & Kienzle mit der Nummer D.R.P. 125605 eine Modifikation des Rechenschlagwerkes patentieren lassen. Mit einem zweiten Rechen soll die Abnutzung der Zähne des „normalen“ Rechen – auf den wirkt der Schöpfer – vermindert werden. Nun gut. Jedenfalls bei diesem Werk hat es geklappt. Beide Rechen haben nun ohne Beschädigungen ca. 115 Jahre auf dem Buckel und sie funktionieren immer noch so, wie sich das der Erfinder gedacht hat.
4502-Patent-Rechen.JPG

Warum kam denn nun eigentlich das Werk zu mir? Hat mein Sprachfehler wieder zugeschlagen? Oder war es einfach nur Neugier? Oder Interesse am Erhalt eines alten Uhrwerkes? So ganz bin auch ich mir darüber nicht klar geworden. Jedenfalls kam das Werk hier bei mir an, von einem ärgerlichen Postboten, den ich mit einem Pflaster für den seinen rechten Daumen bedienen musste. Das Pendel hatte sich – nach Murphy – mit der unteren spitzen Spitze durch die Verpackung direkt in den Postbotendaumen gebohrt.

Aber das war ja nicht der Grund. Eigentlich berichtete der Besitzer, dass manches Mal das Schlagwerk sich dem geregelten Schlag verweigerte und mir Krawall bis zum Ablaufen der Feder machte, was es wollte. Er trug daher das Werk zu einer Uhrmacherin um die Ecke und bat um Reparatur des Werkes. Nach einigen Monaten wurde der Besitzer dann unruhig und fragte nach, was denn mit seinem Werk wäre. Nun, nicht gut. Er bekam es als repariert zurück, aber schon beim ersten Aufziehen ging nichts mehr. Der Gang ließ sich nicht regulieren und das Schlagwerk machte auch, was es wollte. Von Schweigen bis Krawall war wieder alles dabei.
4486-Falsch-montiert.JPG

Und da kam dann mein „Sprachfehler“ zum Zuge: Ja, ich könnte mir das Werk ja mal ansehen. Und dann der Schock. Uhrmacherin? Eher ein schlechtes Lehrstück eines Laien.
4505-Rueckseite-Marke.JPG

Ich fange mal hinten an: Pendelverlängerung so fest in die Ankerstange eingeklemmt, dass ich diese Teile nur mit einer Zange von einander trennen konnte. Die Pendelfeder mit der Pendelfederaufhängung „Vernietet“, heißt den Spalt, in dem die Pendelfeder eingehangen wird und dort leichtes Spiel haben muss, saß so fest wie vernietet. Spuren eines Hammers waren zu sehen und auch Schraubstockbaken haben sich am Material verewigt. Und die Pendelfeder war viel zu kurz. Der Ankerdrehpunkt lag nicht im oberen Drittel der Feder, sondern um das doppelte darunter. Ich konnte direkt sehen, wie sich die Pendelverlängerung bei jedem Ausschlag des Pendels hob und senkte. So geht es natürlich nicht! Und durch die zu kurze Pendelfeder klemmte dann noch zusätzlich die Pendelverlängerung in der Führung der Ankergabel. Pfusch hoch 3!
4488-Pendelstange.jpg4488-Pendelstange.jpg

Dann durfte ich auch noch feststellen, das man das Werk falsch zusammengesetzt hatte: Die Pfeiler sind normal hinter dem Ziffernblatt geschraubt und auf der Rückseite verstiftet. Hier war das anders herum.
4486-Falsch-montiert.JPG

Nach Demontage und Reinigung konnte ich dann die Bauteile des Werkes näher untersuchen. Zapfen und Lager haben die Jahrzehnte gut überstanden. Aber Die Staffelscheibe! Die ist ja normal mit dem Stundenrohr entweder vernietet oder verschraubt. War hier auch so, aber was mich stutzig machte – es war zwischen Stundenrad und Staffel kein Platz, so dass der Abtaster, der auf die Staffel fallen soll, hin und wieder auf das Stundenrad fiel und dann klemmte. Bei genauer Betrachtung dann folgendes: Zwischen Rad und Staffel muss mal eine Scheibe mit einer Dicke von 1 mm gewesen sein. Nun war da nichts. Die beiden 1,6mm – Schrauben, die das Ganze zusammen gehalten haben waren, da durch das Fehlen der Scheibe zu lang, einfach abgefeilt worden. Nun ja. Aus dem Fundus eine fast passende Scheibe gesucht und angepasst, Schrauben gesucht, Zusammen gebaut und den Tasthebel gerichtet. Es passt und nun funktioniert das auch wieder. Auch beim frühzeitigen stehen bleiben des Schlagwerkes rutschte der Abtaster ordnungsgemäß über die Schneide der Staffel, ohne das Werk zum Stillstand zu zwingen.
4499-Repariert-Staffelschei.JPG

In den Frustpausen habe ich die Zugfedern aus den Federhäusern genommen, gereinigt und wieder – Auuuua! Die fast doppelt so starke Schlagwerkfeder machte sich trotz Federwinder wegen meiner fettigen Finger selbständig. Zum Glück für meine Finger schon IM Federhaus, aber es reichte für 14 Tage dicke Hand. Ich kann den geneigten Lesern nur raten, bei dieser Arbeit immer Vorsichtig zu sein. Denn wenn diese Feder außerhalb des Hauses losgegangen wäre….. Nicht aus zu denken.
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In der Krankenzeit wurde dann das Ziffernblatt und das Pendel vom Schmutz befreit und vorsichtig poliert. Jetzt sehen auch diese Teile der Uhr wieder gut aus, meine ich.
4493-Ziffernblatt-und-Pende.JPG

Nach dem die Schwellung meiner Hand abgeklungen war, ging es an die Montage. Wie immer ist dem Schlagwerk größere Aufmerksamkeit zu schenken, kommt es doch hier auf die Abstimmung der Stellung einiger Räder an. Aber auch die Konstrukteure haben damals schon mit gedacht. Das Hebesternrad wird auf einer Seite mit einer Brücke auf der Platine gelagert und kann so nach dem Zusammenbau in Eingriff gebracht werden. Dadurch lässt sich die Stellung des Schöpfers und des Stopprades nachträglich sehr gut Einrichten. Der Hebestern ist zudem zügig auf der Welle befestigt, so lässt sich auch der richtige Abstand einstellen.
Die Staffelscheibe kann durch außer Eingriffnahme des Wechselrades – gelagert durch einen Kloben – bestens eingestellt werden.

Jetzt kam das Werk auf den Galgen und ….. Nach nur geringen Justagen des Pendels läuft die Uhr sehr genau.

Ich bin ja der Meinung, dass auch mechanische Werke „merken“, wen es Jemand gut mit ihnen meint. Sie danken es mit genauem, gleichmäßigem und langem Gang. Diese Schlenker & Kienzle jedenfalls tut es!
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@URI: Das ist ein Vollplatinenwerk und kein billiges "Amerikanerwerk", die übrigens NIE als Material Bronze verwendet haben. Immer nur Messingblech vom Collie, das nachträglich durch Walzen gehärtet wurde und daher im Kern sehr weich blieb. Lagerschäden vorprogrammiert und durch die billige Herstellung als Ex- und Hopp ein zu stufen.

Sorry, das musste jetzt mal sein:shock:
 

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Rainer Nienaber

Rainer Nienaber

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In den Frustpausen habe ich die Zugfedern aus den Federhäusern genommen, gereinigt und wieder – Auuuua! Die fast doppelt so starke Schlagwerkfeder machte sich trotz Federwinder wegen meiner fettigen Finger selbständig. Zum Glück für meine Finger schon IM Federhaus, aber es reichte für 14 Tage dicke Hand. Ich kann den geneigten Lesern nur raten, bei dieser Arbeit immer Vorsichtig zu sein. Denn wenn diese Feder außerhalb des Hauses losgegangen wäre….. Nicht aus zu denken.
Jaaaa, der Uhrmacherberuf zeichnet sich durch drei Eigenschaften aus:

keine schmutzigen Hände
keine Lärmbelästigung
keine Verletzungsgefahr.....

Toller Bericht und tolles Ergebnis.
 
Quickly

Quickly

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Servus Rolf-Dieter,
das Werk hast du ja wieder einmal richtig gut und fachmännisch hinbekommen und dein Bericht wie immer super.

Ein paar Fragen und Anmerkungen hätte ich noch:
Warum geht der Besitzer der Uhr nicht wieder zur „Uhrmacherin“ um die Ecke, sollte ja nicht weit weg sein? Er hat doch bestimmt für die „Reparatur“ etwas bezahlt.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine gelernte Uhrmacherin die Pendelstange in die Ankergabel einklemmt, das Werk kann einen Probelauf ja gar nicht bestehen und dazu noch die festgeklemmte Pendelfeder in der Halterung!
Zum falsch zusammengesetztem Werk:
Ich habe alle meine Wanduhren überprüft, bei keiner fand ich die verschraubte Platine auf der Vorderseite, sprich Ziffernblattseite, alle Platinen sind alle auf der Rückseite verschraubt.
Noch ein Tipp:
Beim Feder Ein- und Ausbau immer Arbeitshandschuhe tragen, ist zwar etwas unbequem aber hilft! ;-)

Viele Grüße Willi
 
Der Stromer

Der Stromer

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@ XS-Freund & Rainer: Danke für den Zuspruch:-). Alles wieder in Ordnung!

@ Willi: Würdest DU 3 Mal in ein Geschäft gehen, dass Deine Uhr so behandelt hat? Na siehst Du. Und die Uhr lief ja, aber nur 3 Tage und dann musste sie wieder aufgezogen werden. Das da was nicht stimmen konnte, kam erst heraus, als der Besitzer fragte, ob ich? - Sprachfehler:).
Arbeitshandschuhe? Das hätte in diesem Fall auch nichts geholfen. Diese Schlagwerkfeder hatte soviel Schmackes, das wäre auch durch den Handschuh gegangen. Aber ich habe ja Glück gehabt, es war nur eine mittelschwere Prellung und kein Bruch. Dient aber trotzdem als Warnung für alle, die meinen, so eine Feder per Hand ins Haus Einwinden zu können!

Zur Befestigung der Platinen auf den Pfeilern: Alle Uhren, die ich bisher in den Fingern hatte, waren entweder auf beiden Seiten gestiftet oder Verschraubt. Ist nur eine Seite Gestiftet, so ist das bei meinen Uhren immer die Rückseite gewesen. Egal, ob Jahresuhren oder andere Großuhren. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, oder?

XS-Freund: Du bist im Münsterland daheim? Dann kennst Du sicher auch das Uhrenmuseum Bad Iburg. Wirklich sehenswert, was der Uhrmacher in Pension da geleistet hat.

Für alle hier die Adresse:
Uhrenmuseum
Bad Iburg
Am Gografenhof 5
49186 Bad Iburg
 
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Ja, Rolf-Dieter, kenne ich.
Liegt direkt an der B 51, ich komme dort fast täglich (dienstlich) vorbei. Obwohl ich nur 30 km entfernt wohne, war ich noch nie drin. Irgendwann klappt es mal. Übrigens gibt es dort eine lebendige UF-Szene. Unser Member "tickender Koch" organisiert dort immer kulinarische und tickende Events. Auch dort hat es bei mir noch nicht geklappt. Wenn ich mal Rentner bin, wird alles besser (aber das kennst Du ja).

Übrigens kenne ich ich eine ähnliche Geschichte (3 x ins Geschäft, ohne annehmbares Ergebnis) von meinem Uhrmacher.
Mein einziger 7750-er Chrono war innerhalb kurzer Zeit 2 x zum Einregulieren dort. Nach dem ersten Mal 30 sec. Nachgang, nach dem 2. Mal 30 sec. Vorgang. Bisher war er für mich immer unantastbar. Meine Meinung habe ich zwischenzeitlich revidiert und werde mir wohl einen neuen Uhrmacher suchen müssen. Übrigens hat dieser vor Jahren auch meine Jahresuhr revidiert (Du kennst sie) und dies zu meiner Zufriedenheit.

Alles Gute und versorge uns bitte mit weiteren Revisionsberichten.
Stephan
 
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