Ruhla Accurist – Eine Ode an den der Not geschuldeten Einfallsreichtum

Diskutiere Ruhla Accurist – Eine Ode an den der Not geschuldeten Einfallsreichtum im Uhrenvorstellungen Forum im Bereich Uhrenvorstellungen; Sie ist keine Schönheit, sie ist eher das hässliche Entlein unter meinen Uhren. Und doch würde es zu kurz greifen diese Uhr als minderwertig...
#1
Bob van Baack

Bob van Baack

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Sie ist keine Schönheit, sie ist eher das hässliche Entlein unter meinen Uhren. Und doch würde es zu kurz greifen diese Uhr als minderwertig, hässlich und klobig zu beschreiben.


  • Erstens ist lediglich ihr Gehäuse klobig und ungewöhnlich dimensioniert.
  • Zweitens ist das Zifferblatt sehr schön strukturiert und changiert je nach Lichteinfall, ja die Uhr scheint mit dem Licht sogar zu spielen. :super:
  • Drittens, und das ist das Besondere an ihr, verbirgt sich im inneren das erste Quarz-Werk aus Ruhla, welches eine Meisterleistung im Bereich „Not macht erfinderisch“ darstellt.

Doch zurück zum Anfang. Ich habe diese Uhr vom Uhrmacher geschenkt bekommen - „Kernschrott“. Ihr äußerer Zustand war recht ramponiert. Der Chrom war an zahlreichen Stellen runter und das Band – nunja, zerbeult und mit einem Draht am Anstoß befestigt. Doch ich fand sie aufgrund des wohl nicht originalen orangenen Sekundenzeigers sehr interessant. Und Quarz aus Ruhla fehlte mir noch.

Daheim wurde der Draht direkt rausgerissen und das Band gründlich in kochendem Wasser und Spüli eingeweicht (natürlich das gute alte „fit“ ;-)). Die Prozedur musste sehr oft wiederholt werden um den Schmock der letzten Jahrzehnte zu entfernen. Anschließend kam eine abgeklebte Zange zum Einsatz um die Schließe zu richten.

accurist vorher.jpg

Am Gehäuse konnte nicht viel gemacht werden, außer grob reinigen. Doch für den Abrieb kam mir direkt eine Idee. Dazu aber später mehr...

Nach dem Öffnen war ich erstmal etwas verwundert. Ich kannte die frühen Quarzwerke aus der Sowjetunion und hatte auch schon einige frühe Elektromechanische Werke gesehen, doch das hier verbaute Werk kam mir eher von anderen Uhren aus Ruhla bekannt vor. Es ähnelt in weiten Teilen dem M24.

accurist werk 2.jpg

Kurz mal die Suchfunktion angeworfen. Aha, Mario aka fuchsgiro hat das gleiche Modell bereits beschrieben und ausführlich berichtet wie aus dem M24 das Kaliber UMF 24-33 oder Kal. 28 wurde. Unruh und Anker sind einem Schrittmotor gewichen, der ob seiner und der Ausmaße der Batterie auch die Dimensionen des Werks und letztlich der Uhr erklärt. Auch war ich durch Mario vor der weiteren Zerlegung vor den Federn unter den Werkhalteschrauben gewarnt (die wären mir sonst direkt weggeflogen).

accurist werk 1.jpg

Nach dem Einlegen einer passenden AG13 tat sich erstmal nichts (obwohl ich sie richtig herum eingesetzt hatte) – obwohl, doch! Ein leichtes Zucken... Irgendwo schien was zu haken oder fest zu sein – altes Schmiermittel/Öl? Beherztes drehen an den Zahnrädern sorgte für einige zügige Umlüfe der Zeiger und bald zeigte sich die Starthilfe reichte aus. Nach mehreren Tagen lief die uhr noch immer zielstrebig und genau!

Nun noch schnell etwas Reinigung des ZBs und der Zeiger und natürlich neue Leuchtfarbe. Die alte war vom Minuten und Stundenzeiger verschwunden, nur auf dem ZB gab es noch einige verblasste Reste hinter den Indexen.

accurist zb vorher.jpg
accurist zb relume nah.jpg
accurist zb relume.jpg
accurist zeiger relume.jpg

Das Ergebnis ist in meinen Augen sehr zufriedenstellend.

accurist night 1.jpg

Zurück zum Gehäuse. Da die Chromschicht nur kostspielig wiederhergestellt werden kann, das Messing jedoch zu dominant an den Kanten der Uhr war griff ich auf einen alten Trick aus dem Modellbau (RC-Autos) zurück. Mit einem wasserfesten Lackstift (Silber-Metallic) wurde das Gröbste überdeckt und nach dem Trocknen der auf der Chromchicht zurückgebliebene Rest abgeschabt. Sicher, nichts für die Ewigkeit, da sich dieser Lack durch Kleidung schnell abreiben wird. Aber da die Uhr nur selten an den Arm kommen wird und eher als Anschauungsstück dienen wird ist dies nicht tragisch. Vielleicht, mit etwas Glück gelingt es mir ein besser erhaltenes Gehäuse zu ergattern, damit sie letztlich so schön aussieht wie die von Mario.

accurist nachher.jpg

Die Uhr ist ein Beweis für den enormen Einfallsreichtum der Entwickler in Ruhla, die gezwungenermaßen aus dem M24 etwas völlig Neues machten!

Und das beste - jestzt leuchtet sie so schön :D

accurist night 2.jpg
 
#4
MrOllium

MrOllium

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Danke fürs Zeigen Bob :super:
Freut mich immer wenn jemand auch in solchen "Kernschrott" Arbeit und Liebe zum Detail reinsteckt.
Die Lösung mit dem silbernen lack finde ich gut und werde ich mir merken.
Ein wirklich interessantes Quarzwerk, wie sagt man immer so schön "Not macht erfinderisch" ;-)

Viel Spaß mit dem "hässlichen Entlein" und lass sie ab und an an Deinen Arm.
 
#5
hansvonholstein

hansvonholstein

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Einfach super! :super:

Da wirst Du lange Freude dran haben. :-D

nur, wie hast Du denn die verblichene Schrift wieder so schön schwarz bekommen??? :shock:

HANS
 
#6
Bob van Baack

Bob van Baack

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Danke euch Allen,

den Spaß mit dem Entlein hatte ich ja eigentlich auch schon. Leuchtfarbe ist was feines :-D An meinen Arm wird sie wirklich nur selten wandern, da sie durch ihre klobige Form eher was für kräftige Arme und nicht für solche "Zahnstocher" wie die meinigen ist. Aber hey, wer 47mm Italo's trägt kann auch das :D (sieht halt nur etwas lächerlich aus - die Italos liegen übrigens besser am Arm als die Ruhla)

Die Schrift ist im übrigen garnicht ausgeblichen, das täuscht auf den Bildern. Da reflektiert das ZB nur meine Schreibtischlampe. Ist also allet orijinool...
 
#7
Anullu

Anullu

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Vielen Dank fürs zeigen :super:
Und vielen Dank für den Tip mit dem Lack. Nimmst du einen speziellen Lackstift oder kann man jeden silber-metallic Stift aus dem Autozubehör nehmen?

VG
 
#8
Bob van Baack

Bob van Baack

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Gern geschehen.
Ich glaube da geht jeder. Ich hab hier welche von No-Name bis Edding. Wie Chrom siet es dann ja auch nicht aus, lediglich der Farbton passt eher zum Chrom als Messing. Für Puristen ist das eh nichts ;-)
 
#9
Tomcat1960

Tomcat1960

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Sehr cool! Eine Brot-und-Butter-Uhr wird zur markttauglichen Quarzuhr. Sehr schön! Diese Geschichte spricht mich auf mehreren Ebenen an - einmal, weil ich Billiguhren mag, die es irgendwie geschafft haben, bis heute zu überleben, zum Anderen, weil ich ehrlichen Respekt vor den Ingenieuren in der DDR-Mangelwirtschaft habe, die immer wieder geniale Einfälle hatten um Probleme zu lösen, für die es im Goldenen Westen noch nicht mal ein Wort gab ;-)

Danke für die Horizont-Erweiterung!

Beste Grüße
Tomcat

PS: "ordentliches" Verchromen ist gar nicht soo schrecklich teuer. Doerte (wo ist eigentlich Doerte? :hmm:) hat mal eine Uhr gezeigt, deren Chromgehäuse sie bei einem Betrieb in Germersheim (wenn ich mich recht entsinne) hat neu beschichnten lassen. Kostenpunkt war, wenn ich mich recht entsinne, irgendwas um 30 €.
 
#10
Bob van Baack

Bob van Baack

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Ahoi!
Brot und Butter muss es natürlich auch in der Mangelwirtschaft geben :D Deinen Respekt gegenüber den Ingenieuren kann ich gut nachempfinden. Ich weiß, dass Verchromen nicht sooo teuer ist, aber lohnen würde es sich bei ihr nicht, zumahl ich wohl noch ein besseres Gehäuse bekomme (der Uhrmacher hat wohl noch eine). Andererseits müsste das Gehäuse ja auch erstmal vom alten Chrom befreit und polliert werden. Dabei würden die Kanten wohl entgültig rundgelutscht...
 
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