'Roy Geneve', prachtvolle Cylinderuhr und Denkmal der Industriegeschichte der Schweiz (ca. 1885) mit Darstellung einer Handstickmaschine

Diskutiere 'Roy Geneve', prachtvolle Cylinderuhr und Denkmal der Industriegeschichte der Schweiz (ca. 1885) mit Darstellung einer Handstickmaschine im Taschenuhren Forum im Bereich Uhrentypen; Heute habe wieder etwas zu zeigen, eine Uhr, die ich richtig 'ins Herz geschlossen' habe. Im Februar habe ich sie gekauft. Seither habe ich sie...
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Heute habe wieder etwas zu zeigen, eine Uhr, die ich richtig 'ins Herz geschlossen' habe.
Im Februar habe ich sie gekauft. Seither habe ich sie äusserlich gereinigt und aufpoliert und das Werk zur Reparatur und Revision dem Meister überlassen. Obwohl es wie das Gehäuse in gutem Zustand war, musste einiges gemacht werden, unter anderem wurde der Unruhdeckstein und die Zugfeder ausgetauscht und die stark verbogenen Zifferblattfüsse gerichtet. Das und eine klebrige Substanz unter dem Zifferblatt machten das Abheben sehr schwierig, ohne das Emaille zu beschädigen. Zum Glück hat das geklappt und nun habe ich eine Uhr, die ich gerne regelmässig trage. Eine Cylinderuhr, die technisch in Ordnung ist, ist durchaus in der Lage, ziemlich genau zu laufen, diese habe ich auf weit unter 30sec/24h Abweichung reguliert.

Eine perfekt passende Kette habe ich dazu geschenkt bekommen, dafür nochmal vielen Dank (!) an unsere @Ruebennase ! Aber Bilder sagen mehr als Worte. So sieht sie nun aus:

a.Roy.Geneve.1.png


Die Uhr hat einen Durchmesser von 47mm und wiegt genau 80g. Aufgrund des Designs würde man sie zur Gruppe der 'Trachtenuhren', 'Bauernuhren', 'alpenländischen Taschenuhren' etc. zählen. Welche Bezeichnung da die treffendste wäre, weiss ich nicht. Für einen Bauern wurde sie jedenfalls nicht hergestellt, aber davon später mehr...
Ich würde ihre Entstehungszeit etwa auf 1885 (1875-1895) schätzen. Sie wurde als Silbertaschenuhr verkauft, und ich hielt das Material aufgrund des Aussehens und Polierverhaltens auch für Silber. Es gibt aber keine Stempel und so hege ich da mittlerweile Zweifel, ob es nicht einfach Nickel oder eine Nickellegierung ist- man müsste das mal prüfen.

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Das Zifferblatt ist zweifarbig. Ein äusserer, durch einen sehr schmalen dunklen Strich abgesetzter Ring mit den fetten römischen Stundenziffern und einer Eisenbahnminuterie ist blassgelb. Das Zentrum und das vertiefte Sekundenzifferblatt sind weiss. Die filigranen gebläuten Stahlzeiger zeigen ein typisches Design des letzten Jahrhundertviertels im 19. Jhd.

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Das Glas, vermutlich noch original, ist besonders dick. Die beiden äusseren Deckel, sind nicht konvex gewölbt, sondern konkav gerinnt, der Corpus ist doppelt gerändelt mit einer tiefen umlaufenden Furche. Alles besteht aus dem gleichen Metall, auch der Bügel, alle drei Deckel sind Klappdeckel mit Scharnier.

Roy.Geneve.Stickmaschine.12.png


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Der Rückendeckel hat einen fein verzierten Rand, der Mittelteil ist ganz flach und zeigt ein sehr interessantes, graviertes Motiv. Die Gravur ist fein und detailreich ausgeführt und lässt sehr gut erkennen, um was es sich da handelt.

Ja, was ist das denn nun. Irgendeine Maschine. Ich habe sie nicht auf Anhieb erkannt und musste erst etwas recherchieren. Weil ich es hier nicht zu einfach machen will – und weil Rätsel ja beliebt sind – gebe ich euch das zum Raten auf:
Was ist auf dem Rückendeckel der Uhr dargestellt?
Ich werde in einem zweiten Post noch ausführlich darauf eingehen. Nur so viel sei jetzt schon gesagt: Das Bild macht die Uhr zu einem Denkmal der Schweizerischen Industriegeschichte. Gleich zweifach, zum einen die Uhr als solche, als typisches Beispiel für den Stil und die Uhrentechnik der Zeit des letzten Viertels des 19. Jhds. in einem bestimmten geographischen Gebiet und zum anderen durch das dargestellte Motiv.

a.Roy.Geneve.11.png


Doch zuerst muss ich noch die Uhr vollständig vorzeigen. Auch der innere Staubdeckel ist schön graviert und verziert. Dort steht 'ROY Geneve (ohne Accents) / Cylindre 10 Rubis / Remontoir.

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a.Roy.Geneve.16a.png


a.Roy.Geneve.17.png


a.Roy.Geneve.18.png


Das Werk finde ich richtig hübsch und es zeigt nicht eine alltägliche Gestaltung. Neben dem tiefer liegenden Cylinderradkloben unter der dreispeichigen Ringunruh (mit Flachspirale), haben das Sekundenrad und das Kleinbodenrad eigene parallel angeordnete Kloben, während das zentrale Minutenradlager unter der Federhausbrücke gelagert ist. Kron- und Sperrrad aus Stahl sind grob gezähnt und zusammen mit dem Gesperr unter einer gemeinsamen aufgeschraubten, formschönen Brücke gelagert. Das Werk ist vernickelt und hat einen hübschen Zierschliff. Die Schrauben sind gebläut. Beim zentralen Minutenrad und bei der Federhauswelle gibt es jeweils noch einen Vierkant zum Ansetzen eines Uhrenschlüssels.
Im Kunstlicht kommt das Muster des Zierschliffs besonders gut zur Geltung:

Roy.Geneve.Stickmaschine.13.png


Roy.Geneve.Stickmaschine.15.png


Hier noch eine Darstellung beider Seiten des Werkes. Es hat einen Durchmesser von 40,7mm, bzw. 18 Linien. Die Zifferblattseite, die man ja nicht sieht, ist längst nicht so hübsch ausgeführt wie die Rückseite. Man sieht den einfachen Kupplungs-Umschaltmechanismus mit einem federnden Kupplungshebel aus einem Stück, betätigt mit einem Drücker. Ein Kloben in Form eines spiegelbildlichen 'L' mit zwei Schrauben deckt die Aufzugteile ab. Das Wechselrad zwischen Minutenrohr und Stundenrohr ist aus Stahl und dient gleichzeitig als Zeigerstellrad (kein Zwischenrad).
Der zifferblattseitige Lagerstein des Kleinbodenrades ist sehr klein und so eingesetzt, dass er von aussen kaum zu erkennen ist, man könnte meinen, das sei ein Metallager.
Es gibt mehrere eingepunzte Zahlen und Buchstaben auf der Zifferblattseite, die ich aber nicht deuten kann. Auch zu dem Kaliber habe ich keinerlei Informationen gefunden. Vielleicht weiss jemand von euch noch mehr...

a.Roy.Geneve.Werk.Schema.png

So viel zum Aussehen der Uhr und zu den technischen Details. Ich werde noch einen zweiten Teil nachliefern mit einer ausführlichen Erklärung des Rückendeckelmotivs.
Aber zuerst dürft ihr mal raten. Was ist das wohl?

Gruss Andi
 
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BSBV

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Was ist auf dem Rückendeckel der Uhr dargestellt?

Ich würde mal sagen, das ist ne alte Heißmangel für Wäsche. Bettlage und Bezüge. Tischdeckern u.s.w. Richtig ?
Schöne Uhr. :super:
 
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Als ich ein Kind war, hatte meine Mutter so eine Mangel, ein Ungetüm, elektrisch betrieben, d.h. die steht heute noch im Haus meiner Eltern rum, seit Jahren unbenutzt. Damals kam alles da rein: Bettbezüge, Hemden und Hosen, Geschirrtücher, sogar Unterhosen (nur die BHs nicht).
Aber leider, eine Wäschemangel ist es nicht, mit Textil hat es aber was zu tun und auch diese Maschine ist ziemlich gross. Es lohnt sich, den Blick auf die linke Bildseite zu lenken. Was mag das da sein, links von der Maschine?
 
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Fufu

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Hallo @Fufu: An einen Webstuhl dachte ich auch zuerst, als ich die Uhr sah. Nachdem ich Bilder historischer Webstühle aufgerufen hatte, sah ich aber, dass die doch etwas anders aussehen. Auf die Lösung kam ich beim Durchscrollen der Webstuhl-Bildergebnisse trotzdem bald.
Die Lösung ist schon da und der Lorbeer des Siegers, der das Rätsel gelöst hat, gebührt Bernd, bzw. @BSBV. Es ist tatsächlich eine Plattstich-Handstickmaschine (genauer kann man das nicht ausdrücken). Links auf der Staffelei, die fest mit der Maschine verbunden sein muss, sieht man die Mustervorlage, die mittels eines Pantographen vielfach auf den senkrecht durch die Maschine transportierten Stoff übertragen und aufgestickt wird.
Mit einer solchen Maschine konnte man sich seinen Lebensunterhalt verdienen. Die Maschinenstickerei war zur Jahrhundertwende 1900 der wichtigste Industriezweig der Schweiz und liess auch die Uhrenindustrie sowohl beim Umsatz, beim Gewinn und bei der Anzahl der Beschäftigten hinter sich.
 
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Das auf dem Rückendeckel meiner Cylinderuhr abgebildete Gerät ist eine Handstickmaschine, wie sie zwischen ca. 1860 und 1910 fast unverändert produziert wurde. Man kann auf der detailreichen Gravur deutlich die Grösse der Maschine erkennen, die in einer Zimmerecke steht. Links daneben sieht man auf einer senkrechten Staffelei, bzw. dem Musterbrett ein angeheftetes Blatt mit der vergrösserten Mustervorlage der Stickerei, hier eine Blume, die mittels eines Pantographen Stich für Stich vielfach und verkleinert auf eine oder mehrere Stoffbahnen übertragen wird. Vor der Staffelei stünde noch der Schemel für den Sticker (auf der Gravur weggelassen), der die Maschine mit Muskelkraft bedient, unten sieht man die Fusspedale.
Hier nochmals zwei Bilder der Rückseite der Uhr, je nach Kippwinkel und Beleuchtung kann man das Bild auch als Negativ sehen.

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Eine Holzstich-Illustration (etwa von 1880) zeigt eine ganz ähnliche Maschine:

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Aufbau einer Handstickmaschine (historische Illustration, von Handstickmaschine – Wikipedia)

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(1) Musterbrett mit aufgehefteter Stickvorlage. Davor nimmt der Sticker auf dem Schemel Platz.
(2) Pantograph zum Bewegen des Stickbodens (4). Die über die Decke umlaufenden Fäden mit Gewichten sorgen dafür, dass der Arm möglichst kraftlos bleibt.
(3) Gatter, Gestell
(4) mittels Pantograph (2) bewegter Stickboden (das zu bestickende Tuch)
(5) vorderer Wagen
(6) Wagentransportschiene
(7) Kurbel zum Bewegen der Wagen
(8) Abtretvorrichtung, vom Sticker mit den Füßen bedient, zum Übergeben der Nadeln
(9) Einfädelmaschine, etwa 1890 erfunden, vereinfachte das Einfädeln der vielen Fäden enorm.


Im Textilmuseum St. Gallen ist eine Handstickmaschine von 1890 der Fa. Saurer (Arbon) ausgestellt, die auch regelmässig vor Publikum betrieben wird. Bei der ausgestellten Maschine handelt es sich um eine Schulmaschine, was daran zu erkennen ist, dass sie mit 2.25 Metern Länge und 156 Nadeln deutlich kleiner ist als die in der Industrie verwendeten 4.50 Meter langen Maschinen mit 312 Nadeln:

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Weitere Handstickmaschinen kann man im Saurer-Museum in Arbon, im Appenzeller Volkskunde-Museum in Stein und in der privaten Handmaschinenstickerei Hollenstein in Eratsrick besichtigen, wo ebenfalls regelmässig vor Publikum gestickt wird.

Auf Youtube kann man in mehreren Filmen eine Handstickmaschine in Aktion sehen. Hier gibt es kurze Impressionen:

Hier gibt es einen etwas detaillierteren Einblick in die Arbeit mit der Maschine, in einer der letzten verbliebenen Handmaschinenstickereien Hollenstein in Eratsrick (ab 02:05min):

Kurzer Abriss der Geschichte der Maschinenstickerei in der Schweiz (1850 bis ca. 1920)

Die Stickerei-Industrie in der Schweiz konzentrierte sich auf die Ostschweizer Kantone, d.h. St. Gallen, Thurgau und die beiden Appenzell. Eng verflochten dehnte sich das Produktionsgebiet bis ins österreichische Vorarlberg aus, das sich erst Ende des 19. Jahrhunderts aus der Schweizer Abhängigkeit zu lösen begann und zur Konkurrenz wurde.

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Konstruktionszeichnung der Handstickmaschine von Josua Heilmann, Auffriss

Im Jahr 1828 erfand der Elsässer Josua Heilmann die Handstickmaschine, die durch die Nutzung vieler gleichzeitig arbeitender Nadeln quasi den Arm der Handstickerin und damit die Produktivität vervielfachte. Beim Sticken wird durch den auf der gezeichneten Stickvorlage platzierten Pantographen der Stich vielfach auf den Stickboden (das Tuch, auf das gestickt wird) übertragen. Die Stichabfolge und der Nadelweg sind auf dem 1:6 vergrösserten Entwurf bereits festgelegt. Dabei verschieben sich nicht etwa die Nadeln, sondern der ganze Stickboden. Die Maschine wird durch die Tritte des Maschinenführers betrieben.

Erst durch Verbesserungen durch Jacob Bartholome Rittmeyer in den 1840er Jahren erlangte die Maschine etwa um 1850 ihre Marktreife, fand bald reissenden Absatz und wurde in der ganzen Ostschweiz verbreitet . Eine Handstickmaschine ersetzte die Arbeit von rund 40 (später bis zu 100) Stickerinnen, bei einer Einzeltagesleistung von bis zu 2000 bis 2500 Stichen, was die Produktion und somit die Stickerei selbst massiv verbilligte. Die Blütezeit der Handstickmaschine begann im Jahre 1865 nach dem Ende des Bürgerkriegs in den USA und mit dem beginnenden internationalen Freihandel. Auf ihrem Höhepunkt wurden zwischen 1870 und 1876 in der Ostschweiz jährlich rund 1000 Maschinen neu aufgestellt, wobei sich die Produktion in den 1880ern deutlich auf die Heimindustrie verlagerte. Die Zahl der Handstickmaschinen in der Ostschweiz stieg bis 1885 auf mehr als 17 400.
Um 1910 arbeiteten in der Schweiz etwa 70 000 Menschen in der Stickerei-Industrie und ihren direkten Hilfsindustrien. Im gleichen Jahr exportierte die Schweiz rund 9’000 Tonnen Stickereien im Wert von über zweihundert Millionen Franken.

In der Ostschweiz, wo sich mehr als 90 Prozent der Schweizer Kapazitäten befanden, bildete sich vielerorts eine Monostruktur heraus. In einigen Regionen des Kantons St. Gallen stand mindestens in jedem zweiten Haus eine solche Handstickmaschine, die Stickfabriken nicht eingerechnet. Regional änderte sich auch das Erscheinungsbild der Architektur, da an die Wohngebäude, oft aus Holz charakteristische einstöckige Stickstuben bzw. Stickateliers mit grossen Fenstern für die Maschinen angebaut wurden, oder bei neuen Gebäuden schon eingeplant wurden. Diese Bauten sind oft erhalten .
Die Stickerei verdrängte bald vielerorts die Weberei und wurde sogar zum grössten Exportzweig der Schweiz um die Jahrhundertwende. Sie war um 1910 mit 18% des Gesamtexports der grösste Exportzweig der Schweizer Wirtschaft und liess auch die Uhrenindustrie hinter sich. Von ihr lebte in der Ostschweiz (St. Gallen, Thurgau, beide Appenzell) mehr als ein Fünftel der Bevölkerung.

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Die Erfindung der Ätzspitze bzw. “Maschinenspitze” durch Charles Wetter-Rüsch im Jahr 1882 gehört zu den wichtigsten Innovationen in der Geschichte der Maschinenstickerei. Sie ermöglichte, maschinell durchbrochene Spitzenstoffe herzustellen, die auch von Fachleuten kaum oder gar nicht mehr als Imitation zu erkennen waren. Zur Herstellung von Ätzspitzen wird zunächst das spätere Spitzengewebe mit Baumwollfäden als Muster auf einen Stickboden aus Seide gestickt. Die Seide wird danach durch ein Bad in ätzender Natronlauge (wässrige Lösung von NaOH) vollständig aufgelöst, ohne dass die baumwollene Stickerei Schaden nimmt. Später wurde ein ähnliches Verfahren für Seidenspitzen entwickelt, wo der baumwollene Stickboden durch eine chemische Vorbehandlung beim späteren Erhitzen verkohlte und nur die Seidenstickerei übrigliess. Die Stickfäden mussten sich untereinander selbst halten. Bisher übernahm der Stickboden diese Aufgabe. Fortan oblag es dem Ätzsticker, die Stiche so zu plazieren, dass nach dem Ätzbad die gestickte Spitze nicht auseinanderfiel.

In den 1860ern wurde die Schifflistickmaschine durch Isaak Gröbli entwickelt, die nicht mehr durch Muskelkraft angetrieben wurde und daher kaum für die Heimarbeit, sondern nur für den Fabrikbetrieb geeignet war und sich nur langsam verbreitete, erst durch die fortschreitende Elektrifizierung kurz vor der Jahrhundertwende standen dafür geeignete ortsunabhängige Energiequellen zur Verfügung. Sie ermöglichte deutlich schnelleres Arbeiten und die Verlängerung der Arbeitsfäden, wodurch die Unterbrüche durch das Auswechseln und Nachfädeln der Nadeln verkürzt werden konnten. Immer noch wurde die Vorlage mittels Pantograph von einer Zeichnung auf den Stickboden übertragen. Die Zahl der in der Ostschweiz betriebenen Schifflistickmaschinen stieg 1913 auf 6200 und damit auf eine Höhe, die in späteren Jahren nicht mehr erreicht wurde.

Die 1884 erfundene Fädelmaschine machte das zeitaufwendige einzelne Einfädeln der vielen Nadeln überflüssig, hielt schnell Einzug in die Heimbetriebe und gehörte bald zur Standardausrüstung.

Die Schweizer Stickerei-Industrie erwarb einen Vorsprung, der von keinem anderen Produktionsgebiet jemals auch nur annähernd eingeholt wurde. In der Ostschweiz standen bis 1910 mehr Handstickmaschinen als in allen anderen Ländern zusammen.

Die ostschweizerische und vorarlbergische Stickerei-Industrie blieb aber nicht von Konkurrenz verschont. Etwa ab 1860 etablierte sich ein zweites bedeutendes Produktionsgebiet in Sachsen, die beiden Standorte lieferten sich von da an einen verbissenen Wettbewerb, auch bei der Herstellung der Maschinen und bei technischen Neuerungen. Während bis zur Mitte der 1880er Jahre nahezu alle Innovationen in der globalen Stickerei-Industrie aus der Schweiz stammten, hatten danach vor allem deutsche Technikproduzenten erheblichen Anteil an der Entwicklung leistungsfähigerer Maschinen. Es kam zu einem technologischem Wettrüsten zwischen Saurer (CH) und der bald in Vogtländische Maschinenfabrik umbenannten Firma Dietrich. Die beiden Konkurrenten bauten immer längere Maschinen, mit denen immer grössere Mengen an Stickereien gleichzeitig produziert werden konnten. Bis 1905 waren die Schifflistickmaschinen auf 10 Yards (ca. 9.1 m) und bis 1913 sogar auf 15 Yards (ca. 13.7 m) Länge angewachsen.

Auch an der Ostküste der USA entstand eine regionale Stickerei-Industrie.

Der Schweizer Auswanderer Arnold Gröbli erfand am Ende des Jahrhunderts einen Stickautomaten in den USA, bei dem nicht mehr ein vergrössertes Bild mittels Pantograph übertragen wurde, sondern die Stichabfolge auf Lochkarten gespeichert war, was den Sticker überflüssig machte. Max Schoenfeld, einer der Besitzer der Stickerei Feldmühle, erwarb 1898 die europäischen Patente. Obwohl die Maschinenfabrik Saurer in Arbon nicht weit von der Stickerei Feldmühle in Rorschach entfernt war, entschied sich Schoenfeld für eine Kooperation mit der späteren Vogtländischen Maschinenfabrik in Plauen. Er wollte den Automaten exklusiv nutzen. Es gelang ihm zu erwirken, dass keine Automaten in die Schweiz geliefert wurden. Ein Konkurrenzprodukt von Saurer liess längere Zeit auf sich warten. Erst 1913 wurden auch in der Schweiz Automaten ausgeliefert.

Die Zahl automatischer Modelle nahm bis 1922 und damit bis weit in die Krisenzeit hinein zu. Viele Schifflistickmaschinen wurden auch mit dem Lochkartensystem zu Automaten nachgerüstet. Sie stieg in der Ostschweiz bis 2300, bevor auch sie abnahm. Die Automatisierung blieb aber immer unvollständig. Im Jahr 1929 betrug der Anteil der Maschinen mit automatischer Steuerung nur 56 Prozent, und selbst 1999 wurden noch 22 von 313 kommerziell betriebenen Schifflistickmaschinen mit Pantographen bedient.

Die Heimsticker waren nach heutiger Definition “Scheinselbständige”, sie bekamen ihre Aufträge in den meisten Fällen von sogenannten Ferggern und nur selten direkt von den Exporteuren. Die Fergger übernahmen von einem Handelshaus die Aufträge (und die gezeichneten Vorlagen) und verteilten sie an ihre Sticker. Bei der Auftragsübergabe wurde über den Lohn für die Arbeit verhandelt. Oft verkaufte der Fergger den Stickern auch das zur Herstellung nötige Garn. Von seinem Lohn wurde dem Sticker die Arbeit der Nachstickerin abgezogen, die eventuell vorhandene Fehler korrigierte, je weniger Fehler seine Arbeit enthielt, desto weniger. Vom übriggebliebenen Lohn musste der Sticker auch seine Hilfskräfte, insbesondere die Fädlerin bezahlen, die ihn bei der Arbeit an der Maschine unterstützte. Der Fädlerlohn blieb in der Familie, wenn der Sticker für diese Arbeit seine Kinder oder seine Frau einspannte, was aus genau diesem Grund sehr häufig geschah.

Das Eidgenössische Fabrikgesetz von 1878 verbot die Kinderarbeit in Fabriken vollständig und forderte von den Arbeitgebern, dass sie die Arbeitsbedingungen und Abzüge mit den Arbeitern klar und im Voraus vereinbarten. Das Gesetz galt nur für Fabriken, so dass es indirekt zum Förderer der Heimarbeit wurde. In den Heimstickbetrieben konnten die Kinder nach wie vor uneingeschränkt ausgenützt werden, und auch die Höchstarbeitszeit von 12 Stunden täglich war hier nicht bindend. Die Arbeitszeit der Erwachsenen war lang: 13 oder 14 Stunden pro Tag, ausser am Sonntag, waren die Regel.

Das Exportprodukt Textilien machte die Arbeiter, und mit ihnen die ganze Region, von der Konjunktur der weltweiten Märkte abhängig. Das grösste Risiko lag bei den Heimarbeitern, da sie in schweren Zeiten einfach keine Aufträge mehr erhielten. Die faktische Monokultur, die die Textilindustrie in der Ostschweiz erzeugt hatte, machte die ganze Landschaft von dieser abhängig. Gingen die Exporte zurück, fielen die Löhne zuweilen ins Bodenlose.

Einen vorübergehenden schweren Rückschlag erlitt die Stickerei in der Ostschweiz um 1885 infolge Überproduktion in einer Zeit wirtschaftlicher Krisen. Die Aufträge brachen plötzlich stark ein, womit auch die Löhne stark fielen. Erst um 1898 erholte sich die Stickerei wieder.

Trotz dieser schlechten Situation, was ihre Entlöhnung betraf, waren die Sticker in der Regel nicht allzu schlecht gestellt, und galten als angesehene Leute mit handwerklichem Können.
Hunderte kratzen sich heute in den Haaren›, schrieb Jakob Steiger 1870, ‹dass sie so dumm gewesen und die Sache nicht schon vor 10 Jahren gemerkt haben; der Schuster bei seinem Leisten und der Bauer hinter der vierspännigen Pflugschar werden unzufrieden, dass der liebe Gott sie an einen so mühsamen Beruf gebunden und nicht zu Stickfabrikanten werden liess›.
Die Einzelsticker hatten entsprechend auch ein sehr hohes Ansehen von sich selbst. Sie sahen sich als vornehme Industrie-Fachhandwerker und keinesfalls als Proletarier. Schliesslich erforderte das Sticken an den Maschinen einige Kunstfertigkeit und war nicht so einfach zu erlernen.
Bei den Textilarbeitern hatte die Kleidung und die äussere Erscheinung eine sehr hohe Bedeutung, sie galten als recht prunksüchtig und sparten in schlechten Zeiten lieber am Essen als an den Kleidern. Nicht zuletzt wollte gerade die junge Generation durch diese Zurschaustellung ihrer finanziellen Möglichkeiten potentielle Partner anlocken.
So kann man auch annehmen, dass meine hübsche Cylinderuhr, die sicher nicht allzu billig gewesen sein dürfte, durchaus einem einfachen, zum Posen neigenden Heimsticker gehört haben könnte, oder einem in der Hierarchie besser gestellten Fergger, vielleicht auch einem in der Stickmaschinen-Herstellung Beschäftigten.

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Die Mode wurde um die Jahrhundertwende nach zeitgenössischer Einschätzung mehr und mehr ‹zur Verschwenderin, indem sie sich aller Zutaten, aller Techniken auf einmal bedient›. Die schon vor der Jahrhundertwende ausgeprägte Vorliebe der Modeschaffenden für Textilschmuck in überladener Opulenz wurde in den 1900er Jahren noch grösser und erreichte wohl 1912 ihren Höhepunkt. In diesem Jahr gab es nach zeitgenössischer Einschätzung ‹fast kein weibliches Kleidungs- oder Ausstattungsstück, an welchem nicht Stickereien oder Spitzen oder auch beide Artikel zusammen (...) verwendet worden wären›.

Der Niedergang der Stickereiindustrie begann 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die Nachfrage nach Luxusprodukten – zu diesen zählte die Stickerei immer – brach schlagartig ein, auch die Freihandelszonen existierten faktisch nicht mehr. Von diesem Schlag erholte sich die Industrie nicht mehr. Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise am Anfang der 1920er Jahre ging es noch weiter bergab mit der Maschinenstickerei, die Blütezeit war unwiderrruflich vorbei. Die Mode hatte sich mittlerweile stark verändert, an Stelle des überladenen Prunks des Fin de Siecle war ein deutlich schlichterer Stil getreten, wodurch der Bedarf an Stickereien und Spitzenstoffen sank und auf relativ niedrigem Niveau verblieb. Der einstmals so wichtige Industriezweig war volkswirtschaftlich bedeutungslos geworden.

Quellen:

hvsg_neujahrsblatt_2015.pdf
Swiss Embroidery. Erfolg und Krise der Schweizer Stickerei-Industrie 1865–1929 155. Neujahrsblatt 2015,© Historischer Verein des Kantons St. Gallen, Autor: Dr. Johannes Huber, ISSN 0257-6198

st_galler_maschinenstickerei (1).pdf
St. Galler Maschinenstickerei (2018, Autorin: Ursula Karbacher / Bundesamt für Kultur BAK)

Stickerei
Historisches Lexikon der Schweiz HLS: Stickerei (2012, Autor: Albert Tanner)

Textilindustrie in der Ostschweiz - Wikiwand

Handstickmaschine – Wikipedia

St. Galler Stickerei – Wikipedia

Appenzeller Museum - Sticken (appenzeller-museum-stein.ch)

Handstickmaschine (textilmuseum.ch)

Textilmaschinen Museum – Saurer Museum und Oldtimer Club Saurer

Arbeit – Langfristige ökonomische Entwicklung in der Schweiz und im Kanton St.Gallen | Sozialgeschichte

Key Words: swiss embroidery industry, historical embroidery machine, 19th century, cylinder pocket watch, engraving.
 
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Fufu

Fufu

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Danke für die Recherche und die Einblicke in die Geschichte des Zeitgeschehens und der Industrialisierung.
 
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FritzP

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Hallo Andi,
ich bin begeistert. Zuerst von den tollen Fotos und mindestens ebenso von Deiner umfangreichen Recherche. Weiter so.
 
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husky

husky

R.i.P
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Wieder etwas Neues (Altes) kennengelernt.
Sehr schöne Ausarbeitung.
Mit freundlichen Sammlergrüssen
Michael
 
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Faisaval

Faisaval

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Wunderbare Vorstellung von Dir, Andi. Ich bin absolut begeistert. 👍👌🤗 Und dass Du sie ins Herz geschlossen hast, kann ich sehr gut verstehen.
 
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