Revision und Vorstellung: Cortebert Spirofix, als Sport und Eleganz noch zusammen passten

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Baumeister

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Ich möchte euch heute einen schönen technischen Leckerbissen vorstellen.
Eine Cortebert Spirofix mit dem Manufakturkaliber Cort. 368.

Zunächst einmal ein paar Hintergründe zu Cortebert:
Heute ist leider der Name etwas in Vergessenheit geraten, das war aber früher einer der ganz Großen.
16 Observatoriums Preise und damit mehr als jeder andere Uhrenhersteller. Viele Eigenentwicklungen und Patente und immer hervorragende Qualität.
Die Firma wurde 1790 in dem Dörfchen Cortebert von Abraham-Louis Juillard gegründet und hat schon früh hochwertige Taschenuhren produziert. Später wurde sie zu einem der höchstangesehensten Hersteller für Premiumuhren.

Legendär ist zum Beispiel das Kaliber 492 aus den 1920er Jahren, aus dem später die 514/622/618/626 für Rolex entwickelt wurde und das auch der direkte Vorgänger des Unitas 6497 und Eta 6497 ist. Damit tickt also in vielen begehrten Panerai zum Beispiel immer noch eine Ur-Cortebert Konstruktion.

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Doch nun zu meinem Schätzchen:
Die Uhr kam in recht bedauernswertem Zustand bei mir an. Das Glas zerkratzt, ein Horn verbogen, die Zeiger verschiedenfarbig und traurig vor sich hintickend.

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(Originalbild von der Auktion, copyright beim Verkäufer)

Im Inneren jedoch ein feines Cortebert 368 Manufakturkaliber aus den 1940ern.

Also zuerst alles zerlegt und gereinigt und dann sah es so aus:

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Die Feder wird gereinigt und neu eingewunden

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Ganz toll finde ich bei den alten Manufakturkalibern immer die technischen Sonderlösungen. In diesem Fall die Befestigung des Minutenrades. Es wird nicht durch eine Brücke gehalten sondern über zwei geteilte Plättchen, die in eine Nut zwischen Rad und Trieb eingreifen. Damit spart die Konstruktion etwas Bauhöhe ein und realisiert eine moderne direkte Zentralsekunde. Das war in den 1940ern echte Innovation.

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Der Rest des Räderwerkes ist relativ normal, das obere Ankerradlager hat einen klassischen Deckstein mit geschraubtem Plättchen.

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Auch die Zifferblatt-Seite ist so weit klassisch: Zeigerreibung am Minutenrohr, Winkelhebel und Wechselrad wie gewohnt.
Schön zu sehen ist die Hilfsskala, diese diente zur Regulierung des Werkes. Es kann schon ohne Zifferblatt ein Hilfszeiger aufgesetzt werden und dann anhand der Skala die Genauigkeit abgelesen werden. Man muss im Hinterkopf behalten, dass in den 1940ern bei den Uhrmachern noch keine Zeitwaagen verfügbar waren. Reguliert wurde damals meist mit einer Pendeluhr als Referenz.

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Weiter beim Zusammenbau geht es mit Anker und Unruhe. Und hier kommt das für mich tollste Element dieses Werkes.

Die Spirofix Regulierung!
Oft als Feinregulierung bezeichnet ist sie allerdings ein Mechanismus zur Verringerung des Isochronismus.
Zur Justage jeder mechanischen Uhr wird bekanntermaßen die Eigenfrequenz des Systems aus Unruhe und Spiralfeder eingestellt.
Meist wird dazu die wirksame Länge der Spiralfeder über einen Rücker geändert. Damit der Rücker verschiebbar bleibt, ist die Spiralfeder bei dem herkömmlichen System zwischen zwei Stiften geführt. Der Abstand dieser Stifte führt zu einem kleinen Gangfehler, wenn die Uhr über den Tag abläuft.
Mit dem Spirofix System wollte Cortebert diesen Fehler ausmerzen und klemmt die Spirale am Rücker richtig fest. Eine Regulierung ist nach wie vor möglich, da die Klemmung automatisch auf und wieder zu macht sobald man den Rücker bewegt. Das ist eine wirklich trickreiche kleine Mechanik.

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Cortebert hat sich dieses System glücklicherweise patentieren lassen, dadurch ist die Information darüber heute noch leicht zu finden.

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Auch schöne Werbung gab es damals dazu.
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Insgesamt war aber wohl der Aufwand für diese Klemmung zu groß, durchgesetzt haben sich bis heute die einfachen Spriralschlüssel.

Als nächstes habe ich dann die Zeiger "gepflegt". Die Farbe der Füllung gehört meiner Meinung nach auf die Indizes angepasst. Mit etwas schwarzer Tinte in Wasser verdünnt lässt sich das gut einstellen.

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Dann noch das Horn gerichtet, Glas geschliffen, alles gereinigt und zusammengesetzt.

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Das Ührchen läuft wieder mit 300° Amplitude und ca. 10 Sekunden am Tag. Da sieht man die schöne Qualität des Werkes.

Obwohl der Stahlboden das Werk natürlich komplett verdeckt, finde ich es toll, so einen Zeitzeugen bei Gelegenheit immer mal wieder auszuführenden.

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Ich hoffe nicht gelangweilt zu haben.
Viele Grüße Philipp
 

Faisaval

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Im Gegenteil! Sehr interessante und kurzweilige Vorstellung, mit tollen Einblicken in geniale technische Lösungen zu einer wirklich tollen Uhr und Marke. Dazu noch fein revisioniert. Ich bin immer wieder überwältigt von Euren Fähigkeiten. :klatsch:
Herzlichen Dank dafür. :-P

Viele Grüße Valentin
 
Zuletzt bearbeitet:

Matthias1984

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Danke für die tolle Vorstellung!
Sehr interessant zu lesen, schön das Du dieses Kleinod gerettet hast. Die Farbe der Zeiger ist großartig!
LG,
Matthias
 

Königswelle

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Eine schöne Uhr, mit interessanten Details vorgestellt! :super:

Und dann noch eine Revision, die der Uhr ihre Alterswürde und genau den richtigen Schuss Patina lässt. Exakt so mag ich das. Nicht verranzt und nicht totrestauriert. Man kann die Geschichte der Uhr noch erahnen, aber von einer Grotte ist sie weit entfernt.

Chapeau! :klatsch:
 

moretime

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Eine Supervorstellung Philipp. Merci!

Viele Grüsse
Thomas

PS: Wieso Mittelfranken - Oberbayern ?
 

mini

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Starke Arbeit, Philipp.
Die Hübsche hat eine zweite Chance wirklich verdient. :klatsch:

Gruss
Mathias
 

sifu

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Die Uhr war die Mühe wirklich wert! Vielen Dank für die schöne Vorstellung. Die Marke kannte ich überhaupt noch nicht und die technischen Finessen wurden wunderbar beschrieben.
 
G

Gast001

Gast
Sehr schöner Bericht, ich bin tief beeindruckt - von den Bildern, deinem Text und vor allem von deinen uhrmacherischen Fertigkeiten! Vielleicht sollte ich ja doch mal eine von den Junkern ... ;-)

Die Marke Cortébert ist leider sang- und klanglos untergegangen und auch nicht wiederbelebt worden. Das ist ein Jammer, denn - wie du richtig schreibst - sie war eine der innovativsten Marken der Schweizer Uhrenwelt und konzentrierte sich schon früh auf hochpräzise Uhrwerke. Rolex bezog Rohwerke von Cortébert und baute 1938 auf Basis eines solchen Cortébert-Rohwerkes die ersten Modelle für Panerai. In meiner einzigen Uhr der Marke werkelt ein Kaliber 451, eine mit eigener Kronenschaltung und Hemmung aufgerüstete AS 1250-Pendelautomatik, die problemlos im Chronometerbereich läuft.

Viele Grüße
Andreas
 

falko

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Sehr interessante Vorstellung und schöne Arbeit, Glückwunsch und vielen Dank! Mir war nicht bekannt, dass das Unitas 6497 von Cortbert inspiriert war. Hast Du dazu noch weitere Informationen? Das Molnija 3602 basiert übrigens auch auf einer Cortbert-Konstruktion.
 

Baumeister

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@ Faisaval: Danke für das Lob, die Fähigkeiten sind nur diejenigen eines Autodidakten. Ein guter Profi kann da noch mal wesentlich mehr.

@ Matthias1984: Ja, die Zeigerfarbe. Da habe ich richtig Glück gehabt, dass das so schön geklappt hat. Ist aber mehr ein gezielter Zufallstreffer.

@ Königswelle: Der "Schuss Patina" rührt bei mir immer von den Dingen her, die ich einfach mit meiner Technik nicht Ändern kann :-)
Ist dann immer Glück, wenn es so stimmig rauskommt.

@ Mueller27: Danke für das Lob

@ Goldstadtjung: Die verborgene Technik ist für mich oft das interessanteste.
Du hattest doch auch letztens mal Leuchtmasse abtönen wollen? Versuche das mal mit verdünnter Tinte, hat bei mit gut funktioniert.

@ moretime: Mittelfranken und Oberbayern sind einfach meine zwei Wohnsitze :-)

@ mini: für zweite Chancen bin ich immer zu haben

@ sifu: ja, es ist wirklich erstaunlich, wie die Marke so völlig auch aus der Erinnerung verschwunden ist. Selbst viele Uhrenbegeisterte kennen die kaum noch.

@ blausegelwolf: gerne geschehen

@ JackDaniels83: gerne doch! Du beschäftigst Dich ja auch oft mit so ähnlichem Altmetall

@ Tomcat1960: Danke, Du bist Dir hoffentlich im klaren, dass die Gespräche mit Dir auf den MUC-Treffen mit zu dieser Bastel-Eskalation beigetragen haben :-)

@ Falko: ich habe hier auf der Seite einige Infos und auch die Grafik gefunden: https://perezcope.com/2015/12/11/test/

@ kater7: sehr gerne geschehen
 

Marfin

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Hallo Philipp,

na, die Uhr kenne ich doch ;-)!
Das freut mich aber ausserordentlich, dass sie bei Dir ein so gutes Zuhause gefunden hat und perfekt restauriert wurde! Deine Vorstellung und Recherche ist der Hammer :super::super::super:
 

makes2068

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Keine Ahnung wie man die ganzen Einzelteile später auch wieder zu einer Uhr zusammensetzen kann?

Da mangelt es mir an Know-how, guten Augen, Feinmotorik und Geduld... Respekt.
 
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