[Revision] Kuckucksuhr reanimated

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Canis Coeli

Canis Coeli

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Servus, die Gemeinde!

Bevor ich anfange: wer bei Kuckucksuhren Ausschlag und Eiterbeulen kriegt, der soll den Fred lieber wieder zumachen und sich irgendwo zwischen Nomos und Montblanc weiter umschauen - Bauhaus geht anders, ist klar! Ich hab's ja selber auch nicht so mit dem Kitsch, ansonsten. Aber wenn etwas echt und alt ist, und noch dazu sehr viel Familiengeschichte und somit Herz dran hängt, dann schaut man schon mal drüber. So weit die Vorrede. Flasche Grünen aufgemacht zur Feier des Abends, los geht's.

Also, fangen wir ganz von vorne an. Als ich ein Kind war, hing er bei Opa und Oma in Nußbach an der Krems in der Dienstwohnung der Gemeinde unterm Dach im Wohnzimmer, also der guten Stube, an der Wand: der "Kuckuck". Woher er genau stammte, weiß ich nicht, der Schwarzwald liegt nahe als Herkunftsort, aber wann, wie genau er in die Familie gekommen ist, keine Ahnung. (Ich vermute den örtlichen Uhrmacher, sowas gab es damals noch, als Übeltäter. Der Uhrmacher tippte auf eher vor 100 als 80 Jahren.)
Zur Freude von uns Enkelkindern schlug er zu jeder halben Stunde einmal, und wenn sie voll war, die Stundenzahl. Leider hatte der Opa, so streng er als Schulmeister sein konnte, ein (zu) weiches Herz: er gab dem Betteln der Gschrappen nach und drehte immer wieder die Zeiger weiter, damit die Wartezeit auf das nächste "Kuckuck" nicht so lange dauerte. Ich fürchte, er hat dabei auch zurückgedreht, mon dieu! Und so kam es, wie es kommen musste - der Kuckuck verstummte. Die Uhr, ich weiß nicht, ob das Werk noch ging oder auch nicht mehr, hing nur mehr so an der Wand.

Dann kam der Kuckuck zu meinem Vater, als zuerst Opa und dann Oma starb und die Wohnung geräumt wurde. Mein Vater kannte zwar Uhrmacher, aber die trauten sich angeblich nicht drüber - es hieß immer, die kann keiner mehr reparieren. (Ich vermute, können hätten sie schon, aber es wäre zu teuer gekommen.) Jedenfalls traute sich ein befreundeter Bastler, der sie tatsächlich immer wieder zum Gehen brachte, sogar zum Schreien. Aber halt immer nur temporär. Besonders das Kuckucken ging über seine Kräfte, was auch damit zusammenhing, dass es eben nicht nur eine mechanische Sache war - die Bälge waren vom Alter halt schon rissig geworden. Als auch dieser Bastler den Weg alles Irdischen ging, war die Uhr auch Geschichte und wurde in einer Schachtel verpackt im hintersten Zimmer in einem Regal gelagert.

Als nächstes kam ich an die Reihe. Mir ging der Kuckuck nicht aus dem Sinn, und als ich mit gut 30 Jährchen das erste Mal Geld übrig hatte (wie, ist mir heute schleierhaft), ging ich in Salzburg, dort wohnte ich damals, zu einem Uhrmacher. Das kostete mich 400 Kröten (ja, man rechnete schon in Euronen), dann ging sie wieder, erstmals. Was mir aber weh tat: er hatte die Pfeifen, insbesondere die Blasebälge, für irreparabel erklärt und kurzerhand ausgetauscht, wodurch der Kuckuck vom dunklen Bariton zu einem hellen Sopran mutierte. Das war nicht die Stimme, die ich kannte, aber gut - es war zumindest eine, besser als gar keine. (Heute meine ich, die Pfeifen hätte man erhalten können und nur neue Bälge aufsetzen müssen, aber was weiß ich schon.)
Lange lief sie aber nicht, ein paar Jahre, dann stand wieder alles. Das Reklamieren war nicht so meines, vor allem fürchtete ich, dass wieder Kosten in der o.g. Höhe mit einer weiteren Reparatur verbunden wären, und die hatte ich dann nicht mehr. Der Uhrenvirus hatte mich auch noch nicht gepackt, also vergingen wieder Jahre liegend im Regal für die Uhr.

Inzwischen war ich - ebenfalls durch gefundene Erbstücke - aber angesteckt worden, was Vintageuhren betrifft. Zuerst Taschen-, dann Armbanduhren, und als meine Mutter aus ihrer Wohnung (unserer alten) auszog, weil sie sie körperlich nicht mehr derpackte, übernahm ich sie. Mitsamt zwei defekten Wanduhren, einer anderen (die noch auf ihre Revision wartet), und dem Kuckuck. Für das Wohnzimmer ersteigerte ich zwischenzeitlich in der Bucht eine Vintage-Junghans mit 8-Tage-Werk, das kostete nicht viel und machte auch was her. Aber irgendwie war es nicht dasselbe. Was sich aber durch meine Sammleritis inzwischen ergab, war der Kontakt zu einem Uhrmachermeister in meiner Heimatstadt, der noch vom alten Schlag war, seine Lehrzeit vor 40 Jahren absolviert hatte und inzwischen eigentlich daran denkt in Pension zu gehen (bitte bitte, noch lange nicht!). Dem erzählte ich gelegentlich einmal vom Kuckuck, und er meinte ich solle ihn einmal vorbeibringen, anschauen kostete nichts. Das machten wir, und er war eigentlich zuversichtlich, mit ein paar Arbeitsstunden und einer gründlichen Reinigung auszukommen. Also war es nur mehr eine Frage des Wann, nicht mehr des Ob.
Die löste sich, als ich heuer einen runden Geburtstag feierte und eine Tante (nicht ganz so alt wie die Uhr) mich nach etwelchen Wünschen fragte. Zuerst wehrte ich ab, aber irgendwann einmal erzählte ich in einem anderen Zusammenhang von Projekten, für die mir derzeit das Geld fehlte. An erster Stelle stand natürlich der Kuckuck. Sie hörte die Nachtigall - nicht trapsen, sondern ganz laut brüllen, und griff zu ihrer Geldtasche. (Meine Abwehrmaßnahmen waren vernachlässigbar und grad mal der Höflichkeit geschuldet. Sie gehörte ja selber auch zur Familie, kannte und liebte die Uhr, also waren wir uns schnell einig.) Ein paar Tage später brachte ich die Scheinchen und die Schachtel zum Uhrmacher, vorgestern rief er mich an, dass er fertig wäre, und gestern zu Mittag holte ich sie ab. (Tantchens Geld reichte nicht ganz hin, aber ich habe schon Stammkundenrabatt, also 10% gingen von selber weg, und den Rest legte ich natürlich gern drauf.)

Ich bin jedenfalls happy. Wanduhren sind zwar mit genau 5 Stück der kleinste Teil meiner Sammlung (wenn man das Sammelsurium so nennen kann), aber das hier ist eine, an der mein Herz hängt. 3,5 Stunden wurden verrechnet für die Reparatur, Reinigung und Ölung. Was der UM genau machte, muss ich ihn das nächste Mal noch fragen, aber auf jeden Fall funktioniert sie wieder einwandfrei (+/- 1 min/d), der Kuckuck schreit, wie er soll (im Sopran, der wird ihm bleiben), meine Kinder staunen und freuen sich - die kannten sie ja noch gar nicht -, und sie ziert wieder mein Wohnzimmer. Ein Stück Familiengeschichte. Danke für's Lesen!

Am liebsten mag ich daran, dass nicht zu viel Buntes und Klimbim dran ist. Die Schnitzereien wirken alles andere als filigran, schon ganz schön massiv. Das dunkle, fast schwarze Holz (Nuss?) wirkt edel, man sieht ihr das Alter richtig an. Die leuchtend weißen Zeiger (Elfenbein? nö - das müsste gelber sein) heben sich dagegen deutlich ab.

Über das Werk brauche ich euch wohl nicht viel zu sagen - kann ich auch gar nicht, ich weiß ja selber nichts darüber, ihr kennt euch da bestimmt besser aus. Ich stelle Fotos rein; wenn ich es schaffe auch ein Video vom Schlagen. Leider habe ich vergessen ein Metermaß bei den Fotos daneben hinzulegen, ich habe noch mal nachgemessen: der Kasten misst (B x T x H) 18 x 12 x 21-26 cm, das ZB 11,6 cm im Durchmesser. Interessant das Loch an der Unterseite schräg vor dem Pendel, da scheint mal was rausgehangen zu haben - ein Gewicht? War bei dieser Uhr aber nie da.

Hier kommen die Pics und das Vid:

IMG_20180519_155904.jpg

IMG_20180520_213226.jpg

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#2
PuckCyber

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Schön wenn man nicht gleich alles fortwirft, wenn etwas nicht mehr funktioniert. ;-)

Deine Geschichte zur Uhr war interessant zu lesen, vielen Dank dafür. :super:

Gruß
Puck
 
#3
Canis Coeli

Canis Coeli

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Danke für deine nette Antwort, Puck! Ich hab ja nicht sooo viele Uhrengeschichten zu erzählen, aber diesmal eben schon.

Also, wegwerfen war nie eine Option, zum Glück. Dafür waren zu viele Erinnerungen damit verbunden. Die Frage war nur, ob eine Reparatur einmal leistbar werden würde und wann. Und beide Fragen haben sich jetzt erledigt, zu meiner Freude.
Funktioniert übrigens auf die Minute genau, das gute Werk. Nachdem man sie sowieso täglich aufziehen muss, kann man dabei auch leicht die Zeigerstellung korrigieren, falls wa mal notwendig werden sollte (derzeit ca. 1x/Woche).
Die Zeiger dürften übrigens nicht aus Elfenbein sein, sondern aus (Hirsch)Horn. Aber vielleicht weiß da jemand mehr darüber.
 
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#4
Baumeister

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Hallo
Danke für Deine schöne Geschichte. Hat mich sehr gefreut. Ich finde es toll, wenn so Familientradition entsteht.

Bei mir tickt seit gestern die Kuckucksuhr meiner Eltern im Wohnzimmer.

Das kleine Loch unten im Gehäuse könnte für die Sychronisation das Schlagwerkes sein. Ich kenne es so, dass die Schlossscheibenwerke einen Hebel zur Schlagauslösung haben. Daran kommt ein Faden oder Draht, der dann durch das Loch nach aussen geht. Duch ziehen daran kann man dann das Schlagwerk einzeln auslösen.
Eventuell war das bei Deiner Uhr auch mal so ausgeführt.

Viele Grüsse, Philipp
 
#5
Canis Coeli

Canis Coeli

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Hallo, Baumeister,

ich weiß, was du meinst. Aber dafür gibt es rechts (von vorn gesehen) im Uhrenkasten eine kleine Tür. Wenn man die aufklappt, kann man mit einem Finger einen Hebel ertasten, der dann genau das macht.
Aber ja, vielleicht gab es mal einen Faden oder Draht, um sich das zu ersparen. Die Seite würde stimmen.

Magst du deinen Kuckuck zeigen?
 
#7
PuckCyber

PuckCyber

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Ein schönes antikes Stück. :super:

Ich bin am Rande des Schwarzwaldes geboren, ich lebe am Rande
des Schwarzwaldes und ich habe keine Kuckucksuhr, eigentlich ein Unding. :roll:

Gruß
Puck
 
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