Revision: IWC Kaliber 85 oder Die Letzte Ölung des Pellaton Großvaters?

Diskutiere Revision: IWC Kaliber 85 oder Die Letzte Ölung des Pellaton Großvaters? im Uhrenwerkstatt Forum im Bereich Uhren-Forum; Hi ihr, heute habe ich meine neuste Errungenschaft erhalten und mich quasi sofort an dessen Reparatur gegeben. Es handelt sich um eine...

Nick62s

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Hi ihr,

heute habe ich meine neuste Errungenschaft erhalten und mich quasi sofort an dessen Reparatur gegeben.
Es handelt sich um eine Vintage IWC aus dem Jahre 1951 mit dem Urvater aller IWC Automaten dem Kaliber 85.
Die Uhr war ein ziemlicher Risikokauf, da ich nich wusste, was die Uhr in all den Jahren abbekommen hat.
Zunächst mal ein Wristshot der Uhr, ich werde sie nach der Revision noch einmal unter den Vorstellungen zeigen, aber damit alle wissen wovon ich hier spreche.
IMG_1219.jpg

Sie hat ein Monocoque Gehäuse, welches ich bei IWC bisher selten gesehen habe. Also Lünette mit Glas runter, Krone "reißen" und ausgeschalt war sie.( Hier sind die Zeiger schon ab)
IMG_5562.jpg
Das Zifferblatt hat in den Jahren ordentlich Federn gelassen, aber das ist eben so. Man wird ja nicht jünger, auch die Uhr nicht.IMG_5566.jpg

Rückseitig der Blick auf das Kaliber 85:
IMG_5564.jpg

Nachdem das Zifferblatt runter war, war nun auch der Blick auf die Zifferblattseitige Platine frei. Tolle Perlage nicht ?

IMG_5568.jpg

Um die Uhr nicht noch weiter zu vergewaltigen ( Siehe Schraubenköpfe) Verwende ich nur "sanftes" Werkzeug. Schraubenzieher mit Berylliumklingen und eine spezial Pinzette mit Carbonspitzen um keine Spuren zu hinterlassen.
IMG_5572.jpg


Nachdem der Rotor entfernt wurde, wird der Blick auf den gesamten Pellaton Aufzug frei.
Beim Kaliber 85 sind die Rollen noch nicht aus Rubin. Ich weiß aber nicht wann das geändert wurde.
IMG_5576.jpg

Zum Abspannen der Feder und zur Demontage werden die Klinken ausgeklinkt.
IMG_5577.jpg

Dann die zwei Schrauben lösen und Sägezahnrad und die zwei Klinken können abgenommen werden.
IMG_5580.jpg

Schnell zeigte sich dann, dass die Klinken auch schonmal bessere Tage gesehen haben, ich habe versucht dies für euch unter dem Mikroskop zu fotografieren.

IMG_1229.jpg
Der dunkle Teil auf der Klinkenspitze ist ausgelaufen.
Das kann man aber noch nacharbeiten also habe ich mich davon mal nicht abhalten lassen weiter zu machen.

IMG_5584.jpg
So sieht dann die Uhr ohne Rotorachse aus. Und ab da wurde mir auch klar, warum der Sekundenzeiger so hakelig lief : Es fehlt die Friktionsfeder des Zentrumssekundentriebs. Mal schauen ob ich die noch bekomme.


So Federhaus ausgebaut und ab in die Reinigungsmaschine.
IMG_5587.jpg
IMG_5588.jpg

Später geht es dann weiter mit weiteren Bildern. Ab dann werdet ihr auch sehen, warum sich die Rep. als aufwändiger als zuvor angenommen entpuppte.


LG Nick
 

Badener

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Hallo Nick,

vielen Dank für diese Einblicke in ein sehr interessantes Werk. Weiter so!
Ja, damals hat man Verziehrungen noch angebracht, obwohl man wusste, dass diese nur alle x Jahre ein Uhrmacher zu Gesicht bekommen würde. Immer wieder beeindruckend.

Gruß
Badener
 

Nick62s

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Teil 2:

So sah die Uhr dann nach dem ersten Reinigungsgang aus.
IMG_5590.jpg


Dann habe ich sie zerlegt, um später auch noch die Einzelteile zu reinigen.
Dabei wollte ich euch das Kronrad nicht vorenthalten. Dieses funktioniert durch die schräge Verzahnung einen wesentlich besser und greift um ein vielfaches besser in das Aufzugsrad/Transmissionrad ein als die heutigen Verzahnungen.
Abgeschafft, weil zu teuer !:angry;

IMG_5593.jpg



--

IMG_5596.jpg
So sieht das ganze dann ohne Räderwerksbrücke aus



IMG_5597.jpg

Unruhe sichern! Das Kal. 85 hat im Gegensatz zu seinen Nachfolgern noch keine Feinreglage und keine Breguetspirale.


IMG_5598.jpg
Viele Teile hat die Uhr nicht. Die Konstruktion ist simpel aber funktional.

IMG_5600.jpg
Hier kann man das Hauptproblem erahnen: Betrachtet man das obere Minutenradlager, so fällt auf, dass es wirklich schlimm aussieht.
Hier hat im wahrsten Sinne des Wortes der Zahn der Zeit genagt. Morgen werde ich dann dieses Lager ersetzen. Hoffentlich haut das trotz Kleinuhren Eingriffszirkel hin. Bei Kleinuhren ist Lagersetzen ja ohne hin immer mit ein wenig Nervenkitzel verbunden.

IMG_5604.jpg
Hier dann wirklich alles auseinander. Mehr hat die Uhr nicht. Außer die obere und untere Stoßsicherung. Die Aufzugspartie samt Federhaus war auf dem Bild noch verdreckt, da dies vor der Reinigung aller Teile entstand.

Wie bereits erwähnt und auch vielleicht auf den Bildern zu sehen, hat ein Vorgänger mal ordentlich am Uhrwerk randaliert und wirklich jede aber auch JEDE Schraube vermurkst und beschädigt. Frei nach dem Motto : Alles was Schraube ist, muss auch abgeschraubt werden. Außerdem ist der Schraubenzieher neu, den probier' ich gleich mal aus :wand::wand::wand::wand::wand::wand::wand:
Am Exzenter der Friktionsfeder vom Sekundentrieb hat er gedreht, selbst an der Schraube die den Exzenter unter der Brücke hält. WARUM?! Wahrscheinlich ist ihm die Feder auch dabei abgebrochen. Auch die Schraube der Sperrfeder, die seitlich an der Federhausbrücke sitzt MUSSTE er abnehmen und dabei natürlich beschädigen. Dieses Teil muss man normalerweise NIE abnehmen. Wozu auch ?! Sauber wird sie in der Reinigung so oder so.

Und so habe ich mich den ganzen Abend damit beschäftigt jede einzelne Schraube bis auf die Winkelhebelfederschraube und die zwei Schräubchen vom Sekundentrieb Deckplättchen auf der Glasplatte mit Diamantine zu entgraten und ihnen wieder etwas Glanz zu verleihen. Dies ist mir ganz gut geglückt, war eben nur eine Heidenarbeit. Die vermurksten Schlitze wurden dadurch nur unwesentlich besser. Aber weil ich die Uhr ja erstmal selbst tragen möchte, habe ich mir auch die Arbeit gemacht.

Weiter geht's also morgen. Jetzt fall ich erstmal ins Bett.

Macht's gut ;)
 
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wecker

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Hallo Nick

Ein wunderschönes Werk und eine sehr interessante Arbeit!

Ich warte mit Spannung auf die nächste Folge.

Sehr gut und übersichtlich fotografiert.


Mach's auch gut.


Thomas
 

Nick62s

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Hi Badener,
Hi Thomas,

vielen Dank für das Lob. Ich habe mir vorgenommen jetzt mal öfter die Patienten zu fotografieren. Ist ja keine große Arbeit nach jedem Schritt einmal kurz zu knipsen und dann hier mit ein paar Zeilen hochzuladen.
Vielleicht hilft es dem ein oder anderen. Vielleicht erfreut es aber auch nur den ein oder anderen Technikfreund.
Mal schauen was aus der Uhr so rauszuholen ist.

LG Nick
 

sirus

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Oh was für ein Aufwand.....Ja da kann sich schon wundern, wer da alles dran rumgemurkst hat.
Man ist Tagelang erstmal damit beschäftigt den Pfusch der Anderen zu korregieren, bis man mal zum wesendlichen Probelm kommt.....
Viel Erfolg noch.
 

Nick62s

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Hi Sirus,

eben genau das ist es. Was ich da schon alles gesehen habe... Unfassbar.
Aber wenn man weiß wie, dann kann man die meisten Sachen auch wieder richten. Aber manchmal ist Hopfen und Malz eben verloren. Siehe Friktionsfeder.


LG

Nick
 

Baumeister

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Oh, sehr schön gezeigt. Das freut mich!

Du hast absolut recht, wie "Kollegen" oft die Schrauben verhunzen ist mir auch völlig unverständlich. Besonders an einem so wunderschönen Werk. Das rotzt man doch nicht so einfach zusammen....

Beeindruckt hat mich auf den Bildern die Gesperrklinke für das Federhaus. Diese Blechlasche, die anstelle eines klassischen Sperrkegels eingesetzt wird. Die ist ganz genau gleich konstruiert wie das Gegenstück bei Seiko. Ich dachte immer das wäre eine Seiko-Typische Konstruktion um Kosten zu senken. Das dies eventuell auf Pellaton zurückgeht ist schon spannend.

Hier an einem alten Seiko 6309, sieht bei allen modernen Seikos genauso aus:
Gesperrklinke.jpg

Viele Grüße,
Philipp
 

Nick62s

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Hi Phillip,

ja schon erstaunlich was so alles "übernommen" wird :p


Kurzes Update:

Ich muss mich korrigieren, die Friktionsfeder sitzt nicht auf einem Exzenter sondern einfach auf einem geschlitzten, in der Platine klemmenden Passstück. Oben ist ein Schlitz um die Friktion anzupassen, unten ist es geschlitzt damit es in der Platine klemmt.
Das habe ich dann ausgeschlagen, um eine neue Feder einzupassen.
Jetzt muss ich natürlich erstmal eine Studie betreiben welche Stärke die Feder haben muss.

Hier mal zwei Kandidaten, einmal eine alte Spiralfeder und einmal ein Federdraht. Das kleine Teilchen unten ist der Stift für das Loch in dem Passstück ( Bild 2)
IMG_5608.jpg

Unter der zehnfachen Vergrößerung sieht das Teil dann so aus :
IMG_5616.jpg
Das Loch ist durchgehend, dann kann ich die Feder darin verstiften. Ja das Vorsteckstiftchen muss angefertigt werden :D



Und auch die Schraube für den Keil der den Rotor hält habe ich heute nachgearbeitet. Auch die sieht wieder einigermaßen manierlich aus.
IMG_5623.jpg

Ich halte euch weiter auf dem Laufenden.
 
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Nick62s

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So Leute,

trotz mäßiger Resonanz auf diesen Thread wollte ich euch das Ende nicht vorenthalten.
Es ist nicht mehr so ganz detailliert wie am Anfang, da es meistens Dinge zu tun gab, bei denen ich meine zwei Hände auch wirklich gebraucht habe.
Daher meist nur Fotos vom Resultat.


Da ich nicht eingesehen habe, ewig auf ein importiertes Friktionsfederchen zu warten, habe ich also kurzerhand selbst eines gemacht. Dabei zum Federdraht statt zur Spiralfeder gegriffen und scheinbar direkt den richtigen Riecher gehabt.
Et voilá
IMG_5626.jpg
IMG_5629.jpg

Hier mal ein Foto, nach dem Rädersetzen. Nicht ganz einfach, da das Kleinbodenrad ja erstmal in die Tasche muss, um später das Sekundentrieb anzutreiben. Seis drum, auch das hat funktioniert.
IMG_5638.jpg
Die Schrauben sehen auf den Bildern immer noch schlimm aus, aber in Wirklichkeit um Längen besser als vorher.


Hier dann schon die ersten Gehversuche :p
IMG_5648.jpg



(Hier klafft nun eine Lücke )




Zifferblattseite:
IMG_5661.jpg


Hier wieder der Pellatonaufzug ohne Rotor. Die Klinken sind etwas nachgearbeitet.
IMG_5666.jpg


Und hier einige Bilder der fertigen Uhr. Ja die Schraube der Brücke neben der Unruh habe ich noch angeschraubt.
IMG_5675.jpg
IMG_5677.jpg
IMG_5683.jpg
IMG_5688.jpg
Was man auf den Bildern nicht sieht:
Das Kronrad ist innen auspoliert um weitere Schäden an der Platine zu vermeiden, die Spirale musste gerichtet werden,das Minutenradlager ist neu, die Zeiger sind auch wieder poliert,Glas und Lünettendichtung sind neu, die Krone ist neu usw....
In der Uhr stecken weit über 20 Stunden Arbeit, aber die hat sich gelohnt.


Ja und so sieht sie dann letztendlich wieder mit Zeigern aus:
IMG_5691.jpg
Das Zifferblatt habe ich bewusst so belassen, ich finde man darf sehen, dass die Uhr gelebt hat.
Weitere Bilder gibts morgen bei gutem Licht.


Mich würde mal interessieren, findet ihr es gut solch alte Schätzchen am Leben zu erhalten, oder habt ihr lieber eine neue Uhr die möglicherweise auch präziser läuft?!
Ich wünsche euch einen schönen Abend.

LG Nick
 
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Badener

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Hallo Nick,

nochmals vielen Dank für diese sehr interessanten Einblicke. Und Hut ab vor deinen handwerklichen Fähigkeiten. Aus meiner Sicht ist fast jede alte Uhr erhaltenswert. Das größte Problem bei Vintages ist oft nicht das Werk, sondern ein marodes Zifferblatt, für das man kaum Ersatz findet.

Nur am Rande:
Ist die Amplitude von 171° für dieses Werk im grünen Bereich? Scheint mir auf den ersten Blick eher schwach zu sein, aber ich kenne das Werk nicht.

Gruß
Badener
 

Nick62s

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Hi Badener,

ich finde ja, das größere Problem ist die Ersatzteilversorgung. Aber da bekommen wir ja auch bei den neuen Uhren seit 01.01.16 Probleme ( SG) ..hust.. :D

Wie gesagt, das marode Zifferblatt wollte ich gern erhalten.

Ja die Amplitude von 170 ist etwas schwach, lag aber daran, bei dieser Messung hatte die Uhr kaum kraft.
Ich finde, eine Reglage muss für alle Lebenslagen ausgeführt werden. (Ist ja auch eigentlich normal so ) Daher mit viel und mit wenig Aufzug testen und einregulieren.


LG Nick
 

ChronoHemmung

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.
Da hast Du zwar wirklich schöne Bilder gemacht was die Zeitwaage da jedoch Anzeigt ist für ein frisch

Revidiertes Werk jedoch eine mittlere Katastophe!

Ich Revidiere diese Werke relativ oft und kann mir SICHERHEIT sagen, dass ALLES unter einer Amplitude

von 270 - 290 NICHT AKZEPTAPEL ist! Auch verstehe ich nicht wie man sich mit einem Abfallfehler von 0,4

ms zufrieden geben kann...! Der ist in 30 Sek auf 0,0 gestellt!

Der Ungleichmäßige Verlauf der Kurve deutet ebenfalls darauf hin, dass hier nicht alles 100% ok ist!

:|

PS: auf den Bildern sehe ich das Federhaus nur geschlossen... da könnte schon "der erste Hund begraben liegen"! ;-)
 

Nick62s

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Hallo Chrono Hemmung,

stimme dir da in einigen Punkten zu, in anderen jedoch nicht.
Ich hätte dazu schreiben sollen, dass es wie gesagt mit geringem Aufzug war und das das Bild NICHT (!) die fertige Reglage sondern NUR einen Momentausschnitt der Arbeit am ANFANG zeigt.

Ich weiß nicht wie viele Kaliber 85 du so machst bei nur 8500 produzierten, aber ohne Feinreglage und wie gesagt am Anfang der Reglage war 0,4 jetzt schonmal nicht so schlecht wie ich fand.
Die Uhr hat, bedingt durch ihr Alter ein Manko. Das ist nicht das Federhaus, nein, das ist wieder wie neu.
Das Manko ist das Minutenrad, der obere Zapfen ist etwas eingelaufen, man kann ihn aber ( wie du ja möglicherweise auch weißt) nicht rollieren o.ä. weil der Zahnkranz einen Trichter bildet. Es müsste also ein neues Rad her.
Da ich das nicht habe, muss sie jetzt erstmal damit laufen und es wird sich zeigen, wie sie sich im Alltag bewährt.
Du wirst auch, bedingt dadurch dass du oft mit diesen Werken zu tun hast wissen, dass die Ersatzteilversorgung für das älteste ! Kaliber 85 nicht besonders rosig ist.
Meines Wissens nach kann man nämlich nicht einfach jedes Teil untereinander tauschen, da bereits zwischen 85 und 852 vorgenommen wurden.

Ich werde wenn ich dran denke nochmal später ein Bild vom aktuellen Gangergebnis zeigen, indem der Abfallfehler bei +-0,1 ms rangiert. Und auch die Amplitude besser ist als 170 ( wenn auch nicht 290).


Bevor wir jetzt also den Hund in der Pfanne verrückt machen, hoffe ich, dass du mit dieser Antwort leben kannst.
Um Missverständnisse in Zukunft zu vermeiden, nehme ich das Bild von der Zeitwaage mal raus ;)


LG Nick
 

nobrett

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Beschreib doch mal was und wie Du bei so niedrigen Amplituden regulierst.

Die Kompromisse, die man manchmal bei Uhrwerken ohne Ersatzteilversorgung eingehen muss finde ich besonders spannend. Sie werden hier in der Uhrwerkstatt imo viel zu wenig thematisiert. Es ist einfacher die Optik einer Uhr zu polieren und sich dafür loben zu lassen als irreparable Schäden zu zeigen und zuzugeben, dass man sie so lassen musste, denn der ahnungslose Mitleser denkt ja ein richtiger Uhrmacher hätte das schon hingekriegt und hält einen dann für einen überambitionierten, in Wahrheit aber unfähigen Pfuscher. Darum wird man so was in einem Bericht von einem Profi auch kaum finden - schlechte Eigenwerbung. Ein Bild des eingelaufenen Zapfens im Trichter hätte mich daher interessiert.

Die Resonanz auf Reparaturthemen, die Kenntnisse, Fähigkeiten und Werkzeug voraussetzen ist hier immer geringer als auf Trivialthemen zu populären Markenfabrikaten. Das heißt aber nicht, dass sie verzichtbar oder uninteressant sind, nur ist die Anzahl der Leute die mitreden können geringer. Dafür sind solche Berichte auch noch in vielen Jahren aktuell und werden immer wieder gelesen und angeklickt.

Danke also für Bericht und Bilder. Ich lese immer mit, verkneife mir aber inhaltslose Kommentare. Und ich nehme an, bei anderen ist das genau so.

Gruß
Norbert
 

bilewaz

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… Mich würde mal interessieren, findet ihr es gut solch alte Schätzchen am Leben zu erhalten, oder habt ihr lieber eine neue Uhr die möglicherweise auch präziser läuft?!
Ich wünsche euch einen schönen Abend.

LG Nick[/QUOTE]

Hallo Nick,

Als grosser Uhrenfan, aber uhrentechnischer Banause, finde ich es ganz grossartig, wenn sich jemand die Mühe macht, solche Vintage-Uhren instand zu stellen und zu erhalten.
Glücklicherweise machst Du diesen Aufwand für Dich. Zu bezahlen wären Deine schätzenswerten Arbeiten wohl kaum.

Hat jetzt mit der -IWC- nichts zu tun: Ich habe vor Jahren etliche alte Taschenuhren, für viel Geld reparieren lassen. Ich fand, grundsätzlich sollten meine Uhren funktionieren und nicht als hübsches "Bild" in der Vitrine liegen. Vermutlich ist das halt Ansichtssache. Mancher denkt da wohl anders.
Was ich ausdrücken möchte. Bei der Werterhaltung älterer Uhren, ob Kleinuhren oder Grossuhren, sollte nicht bloss maximale Gewinnerzielung im Vordergrund stehen.

Grüsse, Gerd
 

WD-ED17

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Normalerweise gehöre ich in der Rubrik Uhrenwerkstatt eher zu den Mitlesern, weil ich (wie geschätzte 98% der Mitglieder dieses tollen Forums) kein gelernter Uhrmacher bin.
Durch die Freundschaft mit einem "richtigen" Uhrmacher und durch das gierige Verschlingen der zahllosen Informationen aus diesem Forum gelingt es mir inzwischen, viele Uhren wieder zum Laufen zu bringen und das macht mir riesigen Spaß! Allerdings ist bei mir nach Zerlegen, Reinigen, Ersetzen defekter Teile und Zusammenbau auch schon Schluss und deshalb verdient das den Namen "Revision" eher nicht und so sind Kompromisse an der Tagesordnung! Aber auch mit einem Kompromiss habe ich ein altes Werk wieder zu neuem (wenn auch nicht jungfräulichem) Leben erweckt, weiteren Verschleiß verhindert und somit einen persönlichen Erfolg erzielt.

Der Bericht des TS ist toll, vielen Dank dafür!

@Steffen: Ich finde es außerordentlich schade, dass er sich hier rechtfertigen soll für Kompromisse, die in seiner Situation nicht nur unabänderlich, sondern auch sinnvoll sind.
Warum muss eine so alte Uhr besser laufen, als sie es beim Verlassen des Werkes tat? Unsinn!
Wenn nach Deiner Meinung ALLES unter 270 ... 290° nicht akzeptabel ist und Du aber gleichzeitig schreibst, dass Du viele alte Uhren revidierst, dann verstehe ich das nicht. Und ich würde auch gern mal sehen, wie Du den Abfall bei festem Spiralklötzchenträger in 30 sec. auf 0,0 korrigierst. Der Ton Deines Beitrag kommt ziemlich oberlehrerhaft rüber, der arme Nick wird gemaßregelt, weil das alte Werk nicht wieder zu 100% (also wie neu) läuft!
Ich jedenfalls freue mich mit ihm über den erzielten Kompromiss!

Wenn ich beispielsweise eine GUB 60 oder 66 aus den 50er Jahren fertig zusammengebaut habe und sie mit 220°, Abfall <0,3 ms und ausreichender Gangreserve wieder stabil läuft, bin ich zufrieden!
Und ich bin auch dann noch zufrieden, wenn ich daran denke, dass ein guter Uhrmacher vielleicht noch den einen oder anderen Zapfen rolliert und den Abfall in allen Lagen auf 0,1 ms eingestellt hätte.

Die Frage der "guten" oder "schlechten" Amplitude interessiert mich schon lange.
Hat hier vielleicht ein Mitleser eine Übersicht in tabellarischer Form über die anzustrebenden Amplitudenwerte bei Vintage- Uhren in Abhängigkeit vom Kaliber? Ich meine, irgendwo einmal in einer alten Serviceanleitung aus Glashütte für die Kalibergruppe 60 etwas von 220 ... 230° gelesen zu haben, anderswo sehe ich Werte >260° für Werke aus der gleichen Zeit. Klar, dass es Unterschiede gibt, aber eine Übersicht über die gängigsten Kaliber würde mich schon interessieren.

Einen schönen Tag noch,

Stefan aus Woltersdorf
 

JackDaniels83

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Einen schönen Bericht hast du da geschrieben und auch die Bilder sind klasse. Dass du das Bild der Zeitwaage wegen der Nörgelei rausgenommen hast find ich schade. Hab selbst schon den ein oder anderen Bericht zu "Revisionen" (z.B. Mido 0917 und PUW 1561) geschrieben und war auch mehr oder weniger von der geringen Resonanz enttäuscht. Wenn dann noch solche Rückmeldungen wie in deinem Thema kommen schwindet auch der Rest an Freude am Schreiben und man lässt es ganz. Ich hab nichts gegen konstruktive Kritik, im Gegenteil, aber man kann bei einem Laien nicht die selben Maßstäbe wie bei einem Uhrmacher ansetzen.

Zum Eigentlichen Problem. Eine Amplitude von nur 170° (bei Vollaufzug) wäre auch mir zu wenig und ich würde mich auf die Suche nach der Ursache machen. Ein Abfallfehler von 0,4ms bei festem Spiralklötzchen finde ich mehr als ausreichend. Wichtig für den Erhalt der alten Uhren ist aber, dass sie wieder laufen ohne dabei weiteren Schaden zu nehmen und das sollte hier der Fall sein. Von daher, sehr gut gemacht.
 
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Nick62s

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So guten Morgen erstmal ;)


@Norbert, das kann man so eigentlich gar nicht beschreiben. Die niedrige Amplitude von 170 war vielen Faktoren geschuldet. Zum einen eben dem Minutenrad, zum anderen der etwas schief stehenden Spirale welche gerichtet wurde, der Schlüssel war absolut zu und musste etwas geöffnet werden usw. Und dann versuche ich mittels wenig Aufzug in allen Lagen und dann mit Vollaufzug in allen Lagen das beste Ergebnis zu erzielen.
Was im übrigen auch ein Grund für die niedrige Amplitude sein kann, ist der möglicherweise inkorrekte Hebewinkel. 51 ist eben nur geschätzt. Ich habe nirgendwo eine Anmerkung über den Hebewinkel des Kalibers 85 gefunden. Bei 852 und 853 mit Breguetspirale liegt er bei 54 Grad.

Ich habe mal versucht den eingelaufenen Zapfen zu zeichnen,weil man den Fehler auf einem Foto wahrscheinlich nicht festhalten gekonnt hätte. Die Zeichnung entstand am Frühstückstisch noch vor dem ersten Kaffee, SPRICH es ist keine technische Zeichnung und nicht maßhaltig. Daher bitte nicht direkt wieder lünchen.
IMG_1261.jpg


Zu dir Stefan,
das kann ich pauschal so gar nicht sagen. Es gibt ja zu vielen Uhren wie du bereits selbst festgestellt hast, technische Informationen, wenn man jetzt aber eine 120 Jahre alte Taschenuhr hat, dann muss man ( imho) nach Gefühl gehen.
Man sieht einer Uhr ja auch an, ob sie "schleicht" oder ob sie ein gesundes Gangbild hat.



LG Nick, und : Danke für den Support.
 
Thema:

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