Revision einer Taschenuhr "Waltham, Model 1883" mit Werk "Grade 81"

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zeitgeist23

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Moin an alle Uhrenliebhaber/innen,

Heute möchte ich über die Reparatur meiner „Waltham Model 1883“ Baujahr 1912 berichten.

Vorweg ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Meine Berichte sind nicht für die Profis bestimmt, sondern für Laien wie mich. Somit könnten meine Vorgehensweisen bei den Fachleuten teilweise Kopfschütteln hervorrufen. Aber trotzdem versuche ich, soweit es meine Fähigkeiten und mein Equipment zulassen, mich nach den Profis zu richten. Das ist nicht immer einfach, denn schon allein die richtigen Fachbegriffe zu verwenden, in diesem Fall gepaart mit den Übersetzungen aus dem Amerikanischen, ist eine Herausforderung für sich. Erschwerend kommt hinzu, dass zwischen dem ersten Tag des Zerlegens und der Fertigstellung, manchmal zwei bis drei Monate liegen können; ist halt Hobby.

Von daher sind für mich auch meine handschriftlichen Notizen, Zeichnungen sowie meine Fotos bei jeder Reparatur quasi „überlebenswichtig“.

Nun aber zu meiner „Waltham Model 1883“.

1.jpg

Zunächst recherchiere ich immer, um was für ein Model und um welches Kaliber es sich bei der Taschenuhr handelt. Selbst für einen Laien lassen sich aus meiner Sicht amerikanische Uhrwerke eigentlich relativ einfach anhand der eingestanzten Werk-Nr. identifizieren. Die dazu benötigten Grunddaten besorge ich mir größtenteils auf www.pocketwatchdatabase.com.

Es gibt allerdings unzählige Recherchemöglichkeiten, sei es im www. oder in den Printmedien. Um die technischen Feinheiten des betreffenden Kalibers heraus zu bekommen, benutze ich zusätzlich ein Nachschlagewerk von Roy Ehrhardt „American Pocket Watches, Identification and Price Guide“. Mittlerweile habe ich mir sogar ein weiteres Nachschlagewerk zugelegt: „Complete Price Guide to Watches“ von Cooksey Shugart; was in dem Einen nicht steht, steht in dem Anderen. Anhand der dort festgelegten Nummern- und Buchstabenfolgen (ähnlich einer Fahrgestellnummer bei Autos) kann man vieles über diese amerikanischen Werke herausfinden.

Schon allein diese Recherchearbeiten bereiten mir richtig Spaß.

Bei meiner „Waltham“, welche ich mit dem Hinweis „For Parts or Repair“ bei eBay-USA gekauft hatte,
ermittelte ich anhand der Werk-Nr. folgenden Code: „18s-15j-HG83L-U-81“. Die Bedeutungen lassen sich wie folgt ableiten:

18S = Size, eine amerikanische Größenangabe des Werkes (44,87 mm)
15J = Jewels (Steine)
H = Hunting face (Gehäusebauart, Aufzug bei 3.00 Uhr)
G = Vergoldet (Glänzende Beschichtung des Werkes)
83 = Model-Nr. des Herstellers (1883)
L = Lever Set (nach Setzen des Winkelhebels erfolgt Zeigerverstellung über die Krone)
U = Unadjusted (Werk nicht feinjustiert)
81 = Kalibername des Herstellers

Bei der Erstkontrolle oder besser gesagt bei der Bestandsaufnahme konnte ich dann folgendes feststellen:
1. Gehäuse: Der Sprungdeckel vorn, der Gehäuserückdeckel und der Staubdeckel lassen sich problemlos öffnen und schließen. Alle Scharniere sind ok.
2. Aufzug/Zeigerstellung: Zeigerverstellung ist ok. Die Umschaltung auf den Aufzugmechanismus funktioniert, aber es ist keine Kraftzufuhr an der Aufzugfeder zu spüren.
3. Werk: Das Werk läuft logischerweise nicht, aber die Unruh bewegt sich recht leicht hin und her.
Es gibt seltsame Verkrustungen am oberen Lagersitz für das Sekundenrad.

(Das Foto stammt von einem späteren Arbeitsschritt)
1d.jpg

Meine Diagnose lautete daher: Beim Aufzugsystem (2.) ist hoffentlich nur die Aufzugfeder defekt. Da ich nichts über den Zustand der Kraftübertragung im Räderwerk (3.) sagen kann, werde ich das Werk aber komplett zerlegen, reinigen und ölen.

Auf geht’s, jetzt an die Arbeit:

Um eine besser Nachvollziehbarkeit der angestammten Position der einzelnen Bauteile zu haben, versuche ich alle Fotos soweit es geht mit „Krone auf 12 Uhr Position“ darzustellen, auch wenn es sich hier um ein „Hunting-Movement“ handelt.
Damit das Werk schließlich zur Zifferblattseite heraus genommen werden kann, muss als erstes der Glashaltering mit dem Glas vorsichtig entfernt werden. Das geschieht mit einem kleinen Taschenmesser; Stück für Stück ein wenig anheben, bis er abspringt. Hier ist aus zwei Gründen äußerste Vorsicht geboten: Zum einen können Kratzer entstehen und zum anderen bricht das Glas sehr schnell (leidliche Erfahrung). Danach wird das mit zwei Schrauben befestigte Vollplatinenwerk von der Rückseite her in Richtung Zifferblatt (ZB) aus dem Gehäuse entnommen.

1a.jpg

Die Aufzugwelle incl. der Krone bleibt, wie bei den meisten amerikanischen Taschenuhren üblich, dabei im Gehäuse stecken; denn sie gehört baulich gesehen mit zum Gehäuse.

1b.jpg

Um die Zeiger oder das ZB nicht zu beschädigen, werden diese im nächsten Schritt entfernt. Dafür werden beide Zeiger übereinander gestellt (ca. 12-Uhr), der Zifferblattschutz aufgelegt und dann mit einem Zeigerabheber vorsichtig gelöst. Jeglicher Druck auf ein emailliertes Zifferblatt kann Risse in der Oberfläche hervorrufen. Da die Klauen meines Zeigerabhebers und selbst meine zwei Zeigerabheber in Hebelform zu dick sind und deshalb nicht unter dem Sekundenzeiger angesetzt werden können, kommt hier wiederum mein kleines Taschenmesser zum Einsatz. Damit der Zeiger beim Abhebeln nicht wegfliegen kann, befestige ich ihn mit einem kleinen Streifen "Rodico" (Reinigungsmasse) auf dem ZB.

1e.jpg

Die drei Befestigungsfüße des ZB werden durch seitlich in der Platine sitzenden Schrauben gehalten. Bei meiner Waltham fehlte bereits eine Schraube; hatte aber noch Ersatz. Jeder Hersteller hatte andere Schrauben. Und damit mir keine Schraube verloren geht, drehe ich alle drei Schrauben nach dem Abnehmen des ZB wieder bis zum Anschlag ein.

(Foto stammt aus einem späteren Arbeitsabschnitt)
2b.jpg

Nachdem das ZB und die kleine Spreizfeder aus Kupfer, welche das locker aufliegende Stundenrad ein wenig in seine Position drückt, entfernt sind, können die Zahnräder der Zeigerverstellung entnommen werden. Das Minutenrohr kann dann mit einer etwas stärkeren Pinzette problemlos von der Minutenradwelle abgezogen werden.

3.jpg

Mit einer „Behelfskrone“ wird dann die Aufzugfeder ein kleinwenig auf Spannung gebracht, der kleine Hebel der Sperrklinke (Click) betätigt, damit man dann die Feder langsam über die festgehaltene Krone ablaufen lassen könnte. War hier jetzt nicht nötig, da sowieso keine Kraft an der Feder anlag.

(Foto stammt aus einem späteren Arbeitsabschnitt, roter Pfeil)
11.jpg

Im nächsten Schritt wird der Unruhkloben mit samt der Unruh entfernt. Dazu wird der Kloben vorsichtig mit einer Pinzette angehoben, sodass die Unruh praktisch an der Spiralfeder baumelt. Aber Achtung: Die Spiralfeder, die Ellipse oder die Ankergabel nicht beschädigen.

2c.jpg

Die Federhausbrücke ist mit zwei Schrauben befestigt. Für alle Schrauben gilt: Egal wo sie sitzen, man sollte sie immer auf unterschiedliche Längen kontrollieren. Das darunter liegende Federhaus lässt sich jetzt einfach entfernen. Es könnte allerdings möglich sein, dass der Aufzugvierkant der Federwelle am Sperrrad ein wenig auf Spannung gehalten wird und deshalb das Federhaus nicht von allein aus seinem Sitz fällt.

Anschließend kann das Räderwerk freigelegt werden.
Dazu werden die drei Befestigungsschrauben auf der unteren Platine entfernt, aber, die Platine wird noch nicht abgenommen. Erst das Werk umdrehen (ZB-Seite ist jetzt oben) und dann wird die obere Platine vorsichtig abgenommen. So bleiben alle Zahnräder und die Ankergabel in Ihrer Position sitzen.

6.jpg

Was sofort auffällt, ist das abgedrehte Sicherheitstrieb vom Linksgewinde des Minutenrades (Safety Pinion), hervorgerufen durch die wahrscheinlich gebrochene Aufzugfeder. Damit das Räderwerk beim schlagartigen Brechen der Feder und der dadurch mit großer Geschwindigkeit freigesetzten Energie unbeschädigt bleibt, wird die Kraft über diesen Sicherheitstrieb kontrolliert abgebaut. Diese amerikanische Erfindung wurde bereits im Jahre 1857 patentiert.

8.jpg

Jetzt kann man auch auf der Innenseite der unteren Platine diese seltsame Verkrustung am Lagersitz des Sekundenrades sehen. Vielleicht kann jemand Auskunft darüber geben, um was es sich dabei handelt.
Zum Schluss wird der Deckel vom Federhaus entfernt. Durch eine Öffnung im Federhausdeckel kann man diesen mit einem kleinen Schraubendreher abhebeln. Und siehe da: der Fehler liegt wie vermutet an der gebrochenen Aufzugfeder.
Beim Entfernen der gebrochenen Feder aus dem Gehäuse ist erneut Vorsicht angesagt, denn die sich entspannende Feder kann auf ihren letzten Windungen nochmal richtig Kraft entwickeln.

5.jpg

Jetzt konnte ich zur Reinigung aller Teile übergehen. Da ich nur ein kleines Hobby-Ultraschallgerät besitze und ich alles in Etappen bearbeiten muss, dauert die Prozedur natürlich ein wenig länger. Zuerst jede Etappe 9 Minuten in „Sambol Platina Uhrenreiniger“ im Mischungsverhältnis 1:20 und danach 3 Minuten in „Sambol Plantina Wf2 Uhrenspülung“ im Mischungsverhältnis 1:1. Sollten sich dann noch irgendwo Schmutzreste befinden, kommt eine Zahnbürste zum Einsatz. Zum Trocknen lege ich dann alle Teile einfach auf einem „ZEWA-Tuch“ ab. Zusätzlich kommt mein kleiner Staubbläser zum Einsatz; vor allen Dingen bei der Spiralfeder, damit sie nicht verklebt.

Der Zusammenbau des Werkes geschieht jetzt eigentlich genau umgekehrt wie beim Zerlegen.

Aus zeitlichen Gründen ist hier erstmal Schluss, Fortsetzung folgt.

Bis dahin eine schöne Zeit.
zeitgeist23
 
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Igel

Igel

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Das mit dem Sicherheitstrieb wusste ich auch noch nicht. Wo hast du die Infos her?
 
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zeitgeist23

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Moin Igel,

diese Info's sind häufig aus „Complete Price Guide to Watches“ von Cooksey Shugart oder
direkt von "NAWCC" (National Association of Watch & Clock".

zeitgeist23
 
Labrador

Labrador

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Moin zeitgeist23,

ein sehr schönes Werk mit klassischem Aufbau - Unruh läuft über dem Räderwerk. Der Anker ist ja unglaublich massiv ausgeführt…

Bei der Zugfeder ist übrigens ein spezieller Endhaken verbaut. Wenn im Federhaus keine Einfräsung ist musst du den Endhaken der Feder anfertigen.

Danke für den gut bebilderten Einblick und viel Erfolg!

Viele Grüße

Jörn
 
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zeitgeist23

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Den abgedrehten Sicherheitstrieb vom Minutenrad braucht man nur per Hand wieder festdrehen.

8a.jpg

Eine passende Aufzugfeder hatte ich glücklicherweise noch aus einem andern Werk liegen. Das Einlegen der Feder geschieht bei mir immer per Hand; Stück für Stück. Das klappte bisher bis jetzt recht gut. Meistens muss ich das Federherz allerdings ein wenig nachbiegen, damit die Nase des Federkernes im Federherz richtig einrasten kann. Zum Ausprobieren setze ich dann einen kleinen Stiftenkloben auf die Welle und bringe die Feder leicht auf Spannung. Sollte alles in Ordnung sein, Gehäuseboden und Feder ein wenig mit dem Präzisionsfett "B-52" von "Dr. Tillwich" fetten, Deckel drauf, erledigt.

Zum Testen, ob sich alle Zahnräder leicht drehen, setze ich zunächst alle Zahnräder (außer der Ankergabel) einmal in ihre Position auf der unteren Platine. Dann wird die obere Platine vorsichtig aufgelegt. Dabei werden als erstes die Minutenradwelle und anschließend die Sekundenradwelle durch die Lagerführungen gesteckt. Danach nehme ich das Werk in die Hand und unter leichtem Druck auf die beiden Platinen, versuche ich das Zwischenrad und das Ankerrad in ihre vorgesehenen Positionen zu bringen. Nicht zu vergessen, die obere Platine muss auch noch zusätzlich auf die drei Brückenpfeiler der unteren Platine passen; aber alles ohne die Befestigungsschrauben.

12.jpg

Danach versetze ich mit einem kleinen Staubausbläser die Zahnräder in Rotation; alles noch ohne Öl. Mein Fazit: Zahnräder drehen sich wunderbar leicht.
Also alles wieder raus und der endgültige Zusammenbau kann beginnen.
Beim Zusammenbau fange ich mit dem Aufzugtrieb an. Für die Schmierung sorgt "B-52 Fett".

15a.jpg

Als nächstes ist die Zeigerstelleinrichtung an der Reihe. Damit ich die Funktionsweise besser nachvollziehen kann, setzte ich wiederum erst einmal alles ohne zu fetten zusammen und schau mir alle Funktionen an. Danach kommt auch hier "B-52 Fett" zum Einsatz.

14a.jpg

Damit nichts auf Spannung sitzt, wird die Druckfeder, welche von unten die Wippe immer wieder in die Position "Aufzug" drückt, erst anschließend montiert.

14b.jpg (Foto stammt noch vom ungereinigten Werk)

Bei der Gelegenheit muss ich gestehen, dass ich den kleinen Federstahl, welcher das Zeigerstellrad in seine Position zur Zeigerverstellung drückt (roter Pfeil) und den Federstahl für den Wippenhebel (lila Pfeil) sowie den Federstahl für die Klinke (grüner Pfeil) nicht ausgebaut hatte. Der Grund liegt einfach daran, dass die jeweiligen Befestigungsschrauben sowas von filigran sind, dass ich Angst habe, sie könnten mir beim Ansetzen des Schraubendrehers wegspringen. Trotzdem besteht für die notwendige Schmierung immer noch die Möglichkeit.

14.jpg (Foto stammt noch vom ungereinigten Werk)

Jetzt kann im nächsten Schritt das Sperrrad mit der Klinke eingesetzt werden. Geschmiert wird mit "B-52 Fett". Zu guter Letzt wird der Wippenhebel wieder montiert. Auch hier "B-52 Fett"; auf seiner Auflagefläche (grüner Pfeil) sowie an die Kante, an welcher der Hebel und die Wippe sich berühren (roter Pfeil).

10a.jpg (Foto stammt noch vom ungereinigten Werk)

Beim Funktionstest lässt sich festhalten: Die Zeigerverstellung funktioniert "Butterweich".
Bevor im nächsten Step die beiden Werkplatinen zusammengeführt werden, benetze ich die Auflageflächen des Hemmungsrades mit dem vollsynthetischen Moebius-Öl "9415"; denn jetzt kommt man noch problemlos an die zu ölenden Stellen heran.

6c.jpg

Nun kommen wieder die Zahnräder und das Zusammenführen der Platinen an die Reihe, nun allerdings zusätzlich noch mit dem Anker. In english nennt man diese Ankerform: „Right Angle Lever“, weil der Anker im rechten Winkel zum Hemmungsrad steht. Ich konnte aber noch nicht ergründen, wie sie auf Deutsch heißt. Sei es drum, acht Bauteile müssen in ihre vorgesehene Position gebracht werden; manchmal ein kleines Geduldspiel. Wichtig hierbei ist, nur nicht nervös werden wenn es nicht auf Anhieb klappt.
Das zusammengesetzte Werk muss dann unter Druck in der Hand umgedreht werden, damit von der unteren Platine die drei Halteschrauben ansetzen werden können. Und Vorsicht: die Welle, auf welcher später der Sekundenzeiger sitzt, ragt aus der Platine und kann leicht beschädigt werden.

4a.jpg (Fotostammt noch vom ungereinigten Werk)

Weiter geht es mit dem Federhaus. Bevor es in seiner endgültigen Position sitz, muss der Vierkant des Federkernes gleichzeitig im Vierkant des Sperrrades eingreifen. Auch hier ist ein wenig "B-52 Fett" im Einsatz. Anschließend kann die Federhausbrücke dann ganz einfach mit zwei Schrauben befestigt werden.
Bis zum Schluss hebe ich mir immer das Ölen der Lagerzapfen auf. Den Anfang mache ich mit dem etwas dickeren, vollsynthetischen Moebius-Öl "D5" an den Zapfen des Minuten- und des Zwischenrades, sowie der verlängerten Welle des Minutenrades, auf welchem das Minutenrohr (Viertelrohr) sitzt. Das Minutenrohr wird im Anschluss mit einer Pinzette bis zum Anschlag auf das Minutenrohr gedrückt. Die Lagerzapfen für Sekunden- und Hemmungsrad sowie die Ankerwelle werden anschließend mit dem ebenfalls vollsynthetischen Moebius-Öl "9010" geölt.
Da ich die Unruhspirale im Vorfeld nicht vom Unruhkloben getrennt hatte, ist jetzt noch einmal äußerste Konzentration beim Ölen des unteren Lagersteines für die Spiralfeder angesagt. Man muss nämlich mit dem Ölgeber zwischen den Windungen der Spiralfeder hindurch an das Lager kommen und darf dabei nicht die Spirale berühren. Die Konsequenz wäre eine verklebte Spirale, verbunden mit einem nicht gewünschten Lauf des Werkes. Schmiermittel: Moebius-Öl "9010".

17.JPG

Nachdem Das alles geklappt hat, wird der Unruhkloben incl. Spiralfeder eingesetzt. Da die Ellipse dabei in das Gabelhorn greifen muss, ist es notwendig, sich vorher Gedanken zu machen, in welche Richtung man den Kloben bei Einsetzen dreht. Der Anker muss dementsprechend vorher auf der richtigen Seite liegen, ansonsten hilft das einschwenken nichts. Dann vorsichtig den Kloben in seine vorgesehene Position bringen und dabei immer wieder das Werk leicht hin und her bewegen um zu testen, ob die Unruh sich noch frei bewegt.
Dann kommt der große Moment!
Mit meiner "Behelfskrone" wird das Werk aufgezogen und siehe da, nach ein paar Sekunden fängt die Unruh an zu schwingen. Schön kraftvoll, so wie es sein muss.
So lasse ich das Werk in einem Werkhalter erstmal einige Tage im Testbetrieb laufen. Dabei verändere ich ab und an die Lagenposition (in sechs Lagen beobachtet :-)). Bisher läuft alles wunderbar.
Als nächstes werden das Zeigerstellrad und das Stundenrad aufgelegt; beides leichte Schmierung mit "D5".
Danach werden die drei ZB-Haltschrauben wieder gelöst, die Kupfer-Spreizfeder auf das Stundenrad aufgelegt, der Winkelhebel gezogen, damit er nicht im Wege ist, und vorsichtig das ZB aufgelegt und anschließend festgeschraubt. Fingerabdrücke entferne ich mit "Rodico".
Der Stundenzeiger wird als erster aufgesetzt, anschließend auf "12-Uhr" gestellt und dann wird der Minutenzeiger aufgesetzt, ebenfalls auf "12 Uhr". Den Sekundenzeiger kann man in jeder Position aufsetzen, da er nicht verstellt werden kann.
Nochmal ein Probelauf: Gangreserve ca. 35 Stunden und Gangabweichung ca. +10 Sekunden.
Danach kann das Werk eingeschalt werden.
Und hier das Ergebnis mit geschlossenem Gehäuse:

19.jpg

Selbst auf dem Foto ist die kleine Gravur einer Kirche zu sehen (Roter Pfeil).

19a.jpg

Ich hoffe dass mein Bericht nicht zu lang oder zu detailliert war und dem einen oder anderen zugesagt hat. Wer selbst noch keine Hand angelegt hat, aber Spaß an solchen filigranen Arbeiten hat, auch wenn er kein Uhrmacher ist, dem kann ich nur empfehlen, selbst einmal auszuprobieren.
Für mich als Laien bedeutet so ein Uhrwerk zu zerlegen: höchste Konzentration, die Aufmerksamkeit komplett auf diese Arbeit fokussiert und die Welt um mich herum nicht mehr so richtig zu registrieren.

Eine schöne Zeit wünscht Euch
zeitgeist23
 
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falko

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Wunderbarer Bericht, den ich mit grossem Interesse gelesen habe, vielen Dank! Diese amerikanischen Taschenuhren sind wirklich faszinierend. Anmerken möchte ich, dass ich die Hebeflächen der Ankerradzähne eigentlich nie direkt öle. Ich bescheide mich mit dem Ölen der Palletten, von wo das Öl dann auf die Hebeflächen übertragen wird. Wenn ich das richtig sehe, hat die Zugfeder einen T-förmigen Endhaken, der ins Federhaus und den Federhausdeckel eingreift. Solche Federn kenne ich von alten Omega-Werken.
 
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