Reinigen und Einstellen von zwei Großuhren - ein Erfahrungsbericht

Diskutiere Reinigen und Einstellen von zwei Großuhren - ein Erfahrungsbericht im Uhrenwerkstatt Forum im Bereich Uhren-Forum; Liebes Forum! Ich habe die Gustav Becker 661428 aus diesem Thread jetzt seit zwei Monaten fertig an der Wand ticken und korrekt singend und...
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Liebes Forum!

Ich habe die Gustav Becker 661428 aus diesem Thread jetzt seit zwei Monaten fertig an der Wand ticken und korrekt singend und möchte meine Erfahrungen mit Großuhren als Novize hier mit weiteren und nachkommenden Novizen teilen. Außerdem möchte ich den Profis einen Thread geben, wo sie ihre Expertise beisteuern können, wenn sie möchten, indem sie mich korrigieren, kritisieren und aufklären, wie ich es hätte besser machen können und müssen.

Meine Erfahrungen basieren auf zwei Uhren, der oben genannten 661428 und der Gustav Becker 20307, die ich als Übungswerk um den niedrigsten zweistelligen Betrag gekauft habe, damit ich es nicht an der "guten" Uhr zum ersten Mal zu mache. Wie sich herausstellt ist die 20307 nicht minder gut, vielleicht sogar besser, nur leider fehlen ihr der Kasten, die Aufhängung und das Pendel. Sonst ist sie komplett.

Grundsätzlich möchte ich sagen dass auch nach ein wenig Erfahrung mit Taschenuhren eine Großuhr durchaus ihre Herausforderungen hat. Die sind aber mit viel Geduld und Beschäftigung wohl zu meistern. Die Technik ist natürlich eine andere und man muss entsprechendes Werkzeug besorgen oder herstellen. Das gilt insbesondere für Schraubenzieher.

A) Die Demontage:
Die Schrauben sind viel zu groß für Kleinuhrenschraubenzieher, aber die Schlitze zu schmal und zu tief für normale große Schraubenzieher, daher musste ich gleich zwei Schraubenzieher mit dem Proxxon-Dremel zurechtschleifen, damit die Klingen in die Schraubenschlitze passen. Wenn die Schraubenzieher dann gut bis zum Boden reinpassen, lassen sich alle Schrauben leicht und gut lösen.

Der Umgang mit den Splinten ist auch nicht ganz trivial. Soll man sie ausschlagen, oder mit der Beißange rausziehen, oder mit der Flachzange rausziehen, oder mit der Flachzange rausdrücken?
Beim Rausschlagen läuft man Gefahr sie selbst, oder die Welle in der sie stecken, zu verbiegen. Beim Rausziehen mit der Beißzange den Splint abzuzwicken, beim Rausdrücken mit der Flachzange sie zu verbiegen.

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Links abgezwickt, rechts verbogen. Die Welle von links ward auch beim Versuch ihn auszutreiben verbogen und musste bei der Montage mühsam wieder geradegebogen werden.

Letztendlich muss man das wohl bei jedem Splint individuell probieren und entscheiden, oft ist die Position auch ein Kriterium. Die meisten sind gut und unbeschadet rausgekommen, nur den oben musste ich erst nachdem ich alles andere erfolglos probiert hatte und ihn von beiden Seiten (unbeabsichtigt) abgezwickt hatte, mit einer Spitzpunze an der Triebnietmaschine austreiben und ersetzen.

Aufmachen sollte man die Werke von der Vorderseite (Ziffernblatt), obwohl hinten die weniger schwierig wirkende Schrauben sind. Sonst liegen die Räder und Triebe alle "kopfüber" da und fallen um und raus:

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l



B) Bei der Reinigung des Werks habe ich bei beiden Uhren gemerkt, dass keine Chemie und kein Schrubben der Welt, die Ölflecken aus dem Messing restlos entfernt. Ich denke, es handelt sich um alte, ätzende Öle, die chemisch mit dem Messing reagiert haben und es verfärbt haben. Das ist aber nur ein kosmetischer Makel und stört mich nicht weiter. Sonst gilt alles wie bei Kleinuhren. US, Elma 1:9 und funktioniert genau so gut. Nur die Platinen sind problematisch, weil man diese auch nicht in ein handelsübliches Haushaltsultraschallgerät zur Gänze reinbekommt. Da muss man erfinderisch sein und drehen. Den schönsten Glanz hat das Messing dann bekommen, nachdem ich zuerst mit Elma und anschließend mit Sidol für Silber Zink und Gold handpoliert habe. Danach nochmal in US, damit das Sidol aus den Lagern rausgewaschen wird.

1624717672878.png
Vor der Reinigung

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nach Elma 1:9 in US


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nach der Handpolitur mit Sidol Silber Zinn Gold. Mit Sidol Messing und Kupfer wäre es vielleicht noch besser.

C) Die Montage
ist recht heikel. Meine Erfahrung ist, dass es besser ist kontraintuitiv mit der oberen Seite (12 Uhr) zu beginnen. Die längste Welle ist der Minutenzeiger und die Aufziehschlüsselwellen. Da wird man dazu verleitet von der unteren Seite (6 Uhr) anzufangen, aber man kommt nur sehr schwer und müsam bis zum Windfang. Besser ist es vom Windfang anzufangen, eine Ecke schon mal mit einem provisorischen Splint zu fixieren, dann die zweite und die großen und langen Wellen erst zum Schluss in die Lager zu fädeln.

Dabei hat sich bewährt, die Teile vorher in Innen- und Außenteile zu trennen und getrennt zu behandeln und aufzubewahren. Nichts ist frustrierender, als nachdem man das Werk mühsam zusammengesetzt hat, festzustellen, dass ein Teil noch hätte reingehört und alles von vorne anfangen zu müssen.

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Hier ist das Gesperr und den Anker aus Platzgründen in der "falschen" Box.

Was auch kontraintuitiv für mich war, ist dass das Schlagwerk der wesentlich komplexere und heiklere Mechanismus ist, als das Uhrwerk. Das Uhrwerk sind nach dem Antriebstrad (Feder oder Seil) nur mehr drei oder vier Räder inklusive Ankerrad und da gibt es bis auf den Anker und Abfall auch nichts einzustellen. Das Schlagwerk hat fünf oder sechs Räder, dazu Wellen und außerhalb der Platine unter dem Ziffernblatt einen ausgekügelten und komplexen Mechanismus, den einzustellen viel, viel Geduld (und oder Erfahrung) bedarf.


D) Einstellung des Schlagwerks
Ich war überrascht zu sehen, dass die GB 20307 und GB 661428 völlig verschiedene Schlagwerkmechanismen haben. Da ist die erstere etwas einfacher und auch leichter einzustellen, als die jüngere. Die Funktionalität ist letztendlich dieselbe. Der Schlag wird durch zwei Zapfen/Nägel am Wechselrad oder am Minutenrad ausgelöst. Diese heben einen der Hebel mehr oder weniger stark an. So wird bewirkt, dass zur halben Stunde nur ein Schlag erfolgt (weniger heben) und zur vollen die vielen. Weniger gehoben wird durch die Exzentrizität der Nägel. Der eine ist weiter außen, der halbstübdige weiter drinnen zur Mitte. Der Hebel ist außen, so dass ihn der am Rand weiter nach oben hebt.
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Durch (vorsichtiges) Zurechtbiegen dieser Nägel, kann man auch Einfluss nehmen, dass der Schlag genu zur vollen/halben Stunde ausgelöst wird. Es kommt vor (ich muss leider sagen auch bei von Meisterhand überholten Uhren), dass der Halbstundenschlag um 31 erfolgt, obwohl der volle um Punkt kommt.

Dieser Hebel, der von den Nägeln angehoben wird, lässt den Rechen fallen (ich spreche hier ausschließlich von Rechenschlagwekern, andere kenne ich nicht) und setzt das Hebnagelrad in Bewegung, welches die Hämmer hebt und den Rechenheber antreibt. Der Rechenheber hebt den Rechen Umdrehung um Umdrehung, Schlag um Schlag, zurück an den Ausgangspunkt und dann bleibt das Werkl stehen, bis es wieder ausgelöst wird. Soweit die Theorie und hier fängt der Jammer an. Da wollen gaaanz viele Dinge bedacht und aufeinander abgestimmt werden.

Am besten man fängt hier von hinten, beim Hebnagelrad an. Dieses muss so stehen, dass, wenn der Schlag aufhört, der Hammerheber zwischen zwei Nägeln steht. Sonst haben die Räder und der Windfang nicht genug "Anlauf", was sich so auswirkt, dass bei Federantrieb -bei nicht mehr ganz gespannter Feder- das Schlagwerk manchmal nicht anläuft und bei Gewichtsantrieb ist das Schlagwerk erratisch. Manchmal schlägt's und manchmal nicht. Dann muss man am Gewischt ziehen, um genug Kraft zusammenzubekommen, damit es anläuft.

Bei der einfacheren 20307 kann man das über den Rechenheberdorn, der zugleich auch als Stopper fungiert machen.
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Hier ist in Rot der Dorn, der in den Rechen greift und ihn bei jeder Umdrehung um einen Zahn/Schlag zurückhebt. Der Hebel gegenüber vom Dorn ist der Stopper, der dann hängen bleibt. Die Welle ist vierkant trapezoid, lässt sich aber in zwei Positionen montieren. Die zweite (es ist immer die letzte) hat dann gepasst.

Die 661428 hat einen getrennten Rechenheber (grün) und Stopper (rot) und man muss beide aufeinander abstimmen, sonst kann es vorkommen, dass die Uhr +1 Mal schlägt (also 13 Mal um zwölf)

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Rot: Stopper, Grün: Rechenheber, Blau: Rechen, Türkis: Aktuatorhebel.

Beides, sowohl der Stopper, als auch der Rechenheber sind an den Wellen pressgepasst, und lassen sich mit etwas Kraft verdrehen (der Rechenheber mit einem Schraubenzieher. Von seiner Stellung gegenüber den Zähnen des Rechens hängt es ab, ob die Uhr eventuell einmal mehr schlägt, (also 13 Mal um 12, wenn er einen Zahn höher in den Rechen greift, als er soll. D.h. die zwei Nägel müssen in der Ruhelage parallel und nicht senkrecht zu dem Rechen stehen. Der Stopper bestimmt dann wo das Hebnagelrad stehen bleibt, wenn der Heber fertig und der Rechen wieder in der Ausgangslage ist.

Jetzt muss nur noch die Staffel so positioniert werden, dass sie sauber 12 schlägt (wenn die Staffel zu weit richtung 1 Uhr steht, bleibt der Rechen "irgendwo" hängen und schlägt völlig villkürlich), das Minutenrad auf voller Stunde ist und das Wechselrad montiert werden. Wenn der Schlag jetzt ein wenig zu früh oder zu spät auslöst, muss man das auch einstellen. Wenn die Auslösenägel am Wechselrad angebracht sind, muss man das Wechselrad um ein oder zwei Zähne verdrehen. Wenn die Nägel am Minutenrad sind, enfällt diese Komplikation. dann muss man nur darauf achten, dass die am Stundenrad angebrachte Staffel richtig positioniert ist.

So, ich hoffe, dass das halbwegs verständlich ist und jemandem der so wie ich, völlig unbeschlagen ist und doch keine Scheu vor anspruchsvollen Arbeiten hat, zusammen mit der Lektüre des oben verlinkten Threads zur Reparatur der Uhr ein wenig helfen wird.

Gruß und Dank
Michael
 

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kärntendidi

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Liebes Forum!

Ich habe die Gustav Becker 661428 aus diesem Thread jetzt seit zwei Monaten fertig an der Wand ticken und korrekt singend und möchte meine Erfahrungen mit Großuhren als Novize hier mit weiteren und nachkommenden Novizen teilen. Außerdem möchte ich den Profis einen Thread geben, wo sie ihre Expertise beisteuern können, wenn sie möchten, indem sie mich korrigieren, kritisieren und aufklären, wie ich es hätte besser machen können und müssen.

Meine Erfahrungen basieren auf zwei Uhren, der oben genannten 661428 und der Gustav Becker 20307, die ich als Übungswerk um den niedrigsten zweistelligen Betrag gekauft habe, damit ich es nicht an der "guten" Uhr zum ersten Mal zu mache. Wie sich herausstellt ist die 20307 nicht minder gut, vielleicht sogar besser, nur leider fehlen ihr der Kasten, die Aufhängung und das Pendel. Sonst ist sie komplett.

Grundsätzlich möchte ich sagen dass auch nach ein wenig Erfahrung mit Taschenuhren eine Großuhr durchaus ihre Herausforderungen hat. Die sind aber mit viel Geduld und Beschäftigung wohl zu meistern. Die Technik ist natürlich eine andere und man muss entsprechendes Werkzeug besorgen oder herstellen. Das gilt insbesondere für Schraubenzieher.

A) Die Demontage:
Die Schrauben sind viel zu groß für Kleinuhrenschraubenzieher, aber die Schlitze zu schmal und zu tief für normale große Schraubenzieher, daher musste ich gleich zwei Schraubenzieher mit dem Proxxon-Dremel zurechtschleifen, damit die Klingen in die Schraubenschlitze passen. Wenn die Schraubenzieher dann gut bis zum Boden reinpassen, lassen sich alle Schrauben leicht und gut lösen.

Der Umgang mit den Splinten ist auch nicht ganz trivial. Soll man sie ausschlagen, oder mit der Beißange rausziehen, oder mit der Flachzange rausziehen, oder mit der Flachzange rausdrücken?
Beim Rausschlagen läuft man Gefahr sie selbst, oder die Welle in der sie stecken, zu verbiegen. Beim Rausziehen mit der Beißzange den Splint abzuzwicken, beim Rausdrücken mit der Flachzange sie zu verbiegen.

Anhang anzeigen 3834570
Links abgezwickt, rechts verbogen. Die Welle von links ward auch beim Versuch ihn auszutreiben verbogen und musste bei der Montage mühsam wieder geradegebogen werden.

Letztendlich muss man das wohl bei jedem Splint individuell probieren und entscheiden, oft ist die Position auch ein Kriterium. Die meisten sind gut und unbeschadet rausgekommen, nur den oben musste ich erst nachdem ich alles andere erfolglos probiert hatte und ihn von beiden Seiten (unbeabsichtigt) abgezwickt hatte, mit einer Spitzpunze an der Triebnietmaschine austreiben und ersetzen.

Aufmachen sollte man die Werke von der Vorderseite (Ziffernblatt), obwohl hinten die weniger schwierig wirkende Schrauben sind. Sonst liegen die Räder und Triebe alle "kopfüber" da und fallen um und raus:

Anhang anzeigen 3834575l



B) Bei der Reinigung des Werks habe ich bei beiden Uhren gemerkt, dass keine Chemie und kein Schrubben der Welt, die Ölflecken aus dem Messing restlos entfernt. Ich denke, es handelt sich um alte, ätzende Öle, die chemisch mit dem Messing reagiert haben und es verfärbt haben. Das ist aber nur ein kosmetischer Makel und stört mich nicht weiter. Sonst gilt alles wie bei Kleinuhren. US, Elma 1:9 und funktioniert genau so gut. Nur die Platinen sind problematisch, weil man diese auch nicht in ein handelsübliches Haushaltsultraschallgerät zur Gänze reinbekommt. Da muss man erfinderisch sein und drehen. Den schönsten Glanz hat das Messing dann bekommen, nachdem ich zuerst mit Elma und anschließend mit Sidol für Silber Zink und Gold handpoliert habe. Danach nochmal in US, damit das Sidol aus den Lagern rausgewaschen wird.

Anhang anzeigen 3834573
Vor der Reinigung

Anhang anzeigen 3834569
nach Elma 1:9 in US


Anhang anzeigen 3834576
nach der Handpolitur mit Sidol Silber Zinn Gold. Mit Sidol Messing und Kupfer wäre es vielleicht noch besser.

C) Die Montage
ist recht heikel. Meine Erfahrung ist, dass es besser ist kontraintuitiv mit der oberen Seite (12 Uhr) zu beginnen. Die längste Welle ist der Minutenzeiger und die Aufziehschlüsselwellen. Da wird man dazu verleitet von der unteren Seite (6 Uhr) anzufangen, aber man kommt nur sehr schwer und müsam bis zum Windfang. Besser ist es vom Windfang anzufangen, eine Ecke schon mal mit einem provisorischen Splint zu fixieren, dann die zweite und die großen und langen Wellen erst zum Schluss in die Lager zu fädeln.

Dabei hat sich bewährt, die Teile vorher in Innen- und Außenteile zu trennen und getrennt zu behandeln und aufzubewahren. Nichts ist frustrierender, als nachdem man das Werk mühsam zusammengesetzt hat, festzustellen, dass ein Teil noch hätte reingehört und alles von vorne anfangen zu müssen.

Anhang anzeigen 3834574
Anhang anzeigen 3834577
Hier ist das Gesperr und den Anker aus Platzgründen in der "falschen" Box.

Was auch kontraintuitiv für mich war, ist dass das Schlagwerk der wesentlich komplexere und heiklere Mechanismus ist, als das Uhrwerk. Das Uhrwerk sind nach dem Antriebstrad (Feder oder Seil) nur mehr drei oder vier Räder inklusive Ankerrad und da gibt es bis auf den Anker und Abfall auch nichts einzustellen. Das Schlagwerk hat fünf oder sechs Räder, dazu Wellen und außerhalb der Platine unter dem Ziffernblatt einen ausgekügelten und komplexen Mechanismus, den einzustellen viel, viel Geduld (und oder Erfahrung) bedarf.


D) Einstellung des Schlagwerks
Ich war überrascht zu sehen, dass die GB 20307 und GB 661428 völlig verschiedene Schlagwerkmechanismen haben. Da ist die erstere etwas einfacher und auch leichter einzustellen, als die jüngere. Die Funktionalität ist letztendlich dieselbe. Der Schlag wird durch zwei Zapfen/Nägel am Wechselrad oder am Minutenrad ausgelöst. Diese heben einen der Hebel mehr oder weniger stark an. So wird bewirkt, dass zur halben Stunde nur ein Schlag erfolgt (weniger heben) und zur vollen die vielen. Weniger gehoben wird durch die Exzentrizität der Nägel. Der eine ist weiter außen, der halbstübdige weiter drinnen zur Mitte. Der Hebel ist außen, so dass ihn der am Rand weiter nach oben hebt.
Anhang anzeigen 3834567
Durch (vorsichtiges) Zurechtbiegen dieser Nägel, kann man auch Einfluss nehmen, dass der Schlag genu zur vollen/halben Stunde ausgelöst wird. Es kommt vor (ich muss leider sagen auch bei von Meisterhand überholten Uhren), dass der Halbstundenschlag um 31 erfolgt, obwohl der volle um Punkt kommt.

Dieser Hebel, der von den Nägeln angehoben wird, lässt den Rechen fallen (ich spreche hier ausschließlich von Rechenschlagwekern, andere kenne ich nicht) und setzt das Hebnagelrad in Bewegung, welches die Hämmer hebt und den Rechenheber antreibt. Der Rechenheber hebt den Rechen Umdrehung um Umdrehung, Schlag um Schlag, zurück an den Ausgangspunkt und dann bleibt das Werkl stehen, bis es wieder ausgelöst wird. Soweit die Theorie und hier fängt der Jammer an. Da wollen gaaanz viele Dinge bedacht und aufeinander abgestimmt werden.

Am besten man fängt hier von hinten, beim Hebnagelrad an. Dieses muss so stehen, dass, wenn der Schlag aufhört, der Hammerheber zwischen zwei Nägeln steht. Sonst haben die Räder und der Windfang nicht genug "Anlauf", was sich so auswirkt, dass bei Federantrieb -bei nicht mehr ganz gespannter Feder- das Schlagwerk manchmal nicht anläuft und bei Gewichtsantrieb ist das Schlagwerk erratisch. Manchmal schlägt's und manchmal nicht. Dann muss man am Gewischt ziehen, um genug Kraft zusammenzubekommen, damit es anläuft.

Bei der einfacheren 20307 kann man das über den Rechenheberdorn, der zugleich auch als Stopper fungiert machen.
Anhang anzeigen 3834572
Hier ist in Rot der Dorn, der in den Rechen greift und ihn bei jeder Umdrehung um einen Zahn/Schlag zurückhebt. Der Hebel gegenüber vom Dorn ist der Stopper, der dann hängen bleibt. Die Welle ist vierkant trapezoid, lässt sich aber in zwei Positionen montieren. Die zweite (es ist immer die letzte) hat dann gepasst.

Die 661428 hat einen getrennten Rechenheber (grün) und Stopper (rot) und man muss beide aufeinander abstimmen, sonst kann es vorkommen, dass die Uhr +1 Mal schlägt (also 13 Mal um zwölf)

Anhang anzeigen 3834571
Rot: Stopper, Grün: Rechenheber, Blau: Rechen, Türkis: Aktuatorhebel.

Beides, sowohl der Stopper, als auch der Rechenheber sind an den Wellen pressgepasst, und lassen sich mit etwas Kraft verdrehen (der Rechenheber mit einem Schraubenzieher. Von seiner Stellung gegenüber den Zähnen des Rechens hängt es ab, ob die Uhr eventuell einmal mehr schlägt, (also 13 Mal um 12, wenn er einen Zahn höher in den Rechen greift, als er soll. D.h. die zwei Nägel müssen in der Ruhelage parallel und nicht senkrecht zu dem Rechen stehen. Der Stopper bestimmt dann wo das Hebnagelrad stehen bleibt, wenn der Heber fertig und der Rechen wieder in der Ausgangslage ist.

Jetzt muss nur noch die Staffel so positioniert werden, dass sie sauber 12 schlägt (wenn die Staffel zu weit richtung 1 Uhr steht, bleibt der Rechen "irgendwo" hängen und schlägt völlig villkürlich), das Minutenrad auf voller Stunde ist und das Wechselrad montiert werden. Wenn der Schlag jetzt ein wenig zu früh oder zu spät auslöst, muss man das auch einstellen. Wenn die Auslösenägel am Wechselrad angebracht sind, muss man das Wechselrad um ein oder zwei Zähne verdrehen. Wenn die Nägel am Minutenrad sind, enfällt diese Komplikation. dann muss man nur darauf achten, dass die am Stundenrad angebrachte Staffel richtig positioniert ist.

So, ich hoffe, dass das halbwegs verständlich ist und jemandem der so wie ich, völlig unbeschlagen ist und doch keine Scheu vor anspruchsvollen Arbeiten hat, zusammen mit der Lektüre des oben verlinkten Threads zur Reparatur der Uhr ein wenig helfen wird.

Gruß und Dank
Michael
sehr gut (als Laie). Genau da bin ich auch dran. didi
 
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