Raketa Weltzeituhr (Worldtimer), 1974-'89 mit Raketa 2628.H: Russisch Lernen mit der Uhr

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andi2

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Seit einigen Wochen bin ich stolzer Besitzer einer gut erhaltenen und sehr gut funktionierenden 'Raketa'-Weltzeituhr aus der untergegangenen Sowjetunion. Ich musste die Uhr noch etwas aufhübschen, d.h. die Lünetteneinlage und das Glas, die beide zerkratzt waren, wieder aufpolieren, das Gehäuse leicht polieren, die weisse Füllung der Zeiger ergänzen und farblich angleichen (war gerissen) und das Zifferblatt reinigen (war schmierig / ölig mit Schmutz und Staub). Weil ich eine passende, fast identische Krone im Fundus hatte, bekam sie eine neue Krone. Auch ein perfekt passendes Edelstahlband, das aber nicht aus der UdSSR stammt, hatte ich im Fundus.

Raketa Worldtime 4.png

Laut einiger Produktfotos mit historischen und aktuellen Raketa-Modellen aus neueren 'Raketa'-Katalogen, kann man davon ausgehen, dass diese Weltzeituhr im Jahr 1974 erschienen ist. Das Modell hiess wohl 'Zvezda' (Звезда), das bedeutet 'Stern'.
http://www.raketa.com/wp-content/uploads/2014/12/Raketa_Zvezda.jpg

Mit der Uhr muss man sich wahrlich nicht verstecken. Ihr markantes Design und der grosse Durchmesser von 42 mm überzeugen auch vintage-kritische Zeitgenossen. Ich trage sie nun seit etwa einem Monat fast täglich und bin immer noch begeistert.

Raketa Worldtime 3.png

Die Uhr strotzt nur so vor kyrillischen Beschriftungen. Ich habe mich recht intensiv mit der Uhr befasst und alles darüber zusammengetragen, was ich finden konnte. Ich habe auch fast sämtliche Inschriften übersetzt. Die Weltzeitlünette hielt dabei eine Überraschung bereit.

Obwohl der Thread wieder elend lang wird, habe ich einmal alles hier aufgeschrieben. Damit man nicht alles lesen muss, ist es aber in Kapitel unterteilt. Als Entschädigung habe ich auch zahlreiche Bilder gemacht. Weil ich auch noch eine zweite, schrottige Uhr des gleichen Modells in meiner Schrottkiste habe, konnte ich auch ein paar versteckte Details zeigen, ohne mein schönes Exempar dafür zu demontieren.

Das Gehäuse

Das grosse scheibenförmige Gehäuse (42 mm Durchmesser, Höhe 4 mm bis Auflagefläche Lünette) und die breite, oben flache Lünette, deren Durchmesser ein wenig kleiner ist (41 mm, Höhe 2,5 mm), bestehen aus verchromtem Messing.

Raketa Worldtime 8.png

Die Lünette hat oben eine eingepresste Einlage mit den Städtenamen. Diese Einlage, die aus Plexiglas oder etwas ähnlichem besteht, ist wohl auf der Unterseite bedruckt. Die Einlage kann m.E. nicht aus der Lünette entnommen werden, ohne sie zu zerstören. Sie kann aber immer wieder aufpoliert werden. Da sie aussen den verchromten Rand um eine Winzigkeit überragt, geht das, ohne das Chrom der Lünette abzupolieren.

Die Lünette ist beidseitig drehbar und rastet nicht. Sie kann nach oben durch Unterschieben von keilförmigen Werkzeugen abgehebelt werden, ohne das Glas abzunehmen.

Raketa Worldtime 6.png

Auf der Innenseite hat sie eine rinnenartige Nut, in die ein zickzackförmiger Stahldraht eingelegt ist. Dieser Draht regelt, wie schwer bzw. leicht das Drehen der Lünettte geht. Geht es zu leicht, muss man die Zacken etwas zusammenschieben, geht es zu schwer, so muss man den Draht etwas strecken.

Raketa Worldtime 7.png

Man kann die Lünette von Hand von oben wieder aufpressen, muss aber vorher Acht geben, dass der zickzackartig gebogene Draht richtig in der Nut der Lünette und auch in der Nut des Gehäuses liegt (das Glas kann dabei auf dem Gehäuse sein). Die Lünetteneinlage ist etwas empfindlich, was bei der Wahl von allfälligen Werkzeugen berücksichtigt werden muss.

Das Glas (Plexiglas, Hesalit) hat senkrecht ansteigende Ränder und ist oben ganz flach, es überragt die Lünette um ca. 1,8 mm und hat ca. 2,3 bis 2,5 mm Gesamthöhe (das Gehäuse ist innen als Lünettenaufnahme ca. 2 mm hochgezogen und hat eine Nut, in der der Zickzack-Draht der Lünette läuft). Es ist einfach von vorn ohne Dichtung eingepresst. Das Glas kann kann von innen durch Drücken entfernt werden, ohne die Lünette zu entfernen, und es kann mit etwas Geschick auch eingepresst werden, während die Lünette auf dem Gehäuse ist.

Die verdeckten Bandanstösse (18 mm) sind eine Aussparung in der Gehäuseunterseite.

Raketa Worldtime 10.png

Der Rückendeckel ist abgeflacht und hat eine Höhe von 1,7 mm. Es ist ein Pressdeckel, die Gehäuseunterseite hat gegenüber der Krone eine Kerbe für das Öffnungswerkzeug (Schraubenzieher o.ä.). Es gibt am Boden keinen Dichtungsring, auch an der Krone gibt es keine Dichtung (ich will nicht ganz ausschliessen, dass das bei der fabrikneuen Uhr anders war, glaube es aber nicht). Die Uhr ist also nicht im mindesten wasserdicht.

Raketa Worldtime 9.png

Auf dem Bodendeckel ist rundum eingraviert: 'пылеэашишенные (? undeutbar, phonetisch etwa «pylezaschischennye») . противоударный баланс (protivoudarnyy balans / stossgesicherte Unruh) .'. Das undeutbare Wort bedeutet wahrscheinlich in etwa 'staubdicht' (пыленепроницаемый / pylenepronitsayemyy).

Das Uhrwerk ist mit zwei Abstandsringen aus massivem Metall (Stahl) im Gehäuse befestigt. Beide Ringe haben eine Lücke, dort wird die Aufzugwelle durchgesteckt. Der untere Ring ist breiter und passt genau in die Lücke zwischen Werk und Gehäuse. Er steht unter leichter Spannung, presst sich gegen die Gehäusewand und bleibt auch allein in Position. Darüber liegt aber noch ein schmalerer Ring mit ellipsenförmigem Querschnitt, der unter starker Spannung steht und in eine umlaufende Nut im Gehäuserand einrastet. Wenn dieser obere Sicherungsring eingespannt ist, wird das Werk sehr fest im Gehäuse verankert und kann erst entnommen werden, wenn beide Ringe entfernt sind. Der obere, schmale Sicherungsring hat auf beiden Seiten der Auslassung je eine Einkerbung auf der Aussenseite, in die man mit einem feinen Schraubenzieher kommt, um den stark gespannten Ring nach innen drücken zu können.

Raketa Worldtime 11.png

Das Uhrwerk

Kaliberbezeichnung lateinisch (kyrillisch): Raketa 2628.N (Pакета 2628.H)

Das Werk ist im Uhrwerkarchiv von Roland Ranfft verzeichnet.
bidfun-db Archiv: Uhrwerke: Raketa 2628.H

Christoph Lorenz hat das Werk eingehend beschrieben und in verschiedenen Zerlegungsstadien abgebildet:
Das Metatechnische Kabinett - Raketa 2628.H

Das Kaliber wird im deutschen Sprachraum in aller Regel 2628.H genannt. So ist das auch meist auf dem Werk eingestempelt. Das Suffix 'H'am Ende bezeichnet eine Überarbeitung des Kalibers, das Vorgängerwerk hiess einfach 2628, Unterschiede zwischen den beiden Modifikationen sind aber laut Ranfft nicht auszumachen. Die Nachfolgeversion des 2628.H trägt auf der Räderwerksbrücke die Bezeichnung 2628.HA, beim näheren Betrachten bekomme ich aber den Eindruck, dass da nicht 'HA' steht, sondern 'HД'. Die Buchstaben wären also nicht lateinisch, sondern kyrillisch und in der Umschrift als 2628.N, bzw 2628.ND widerzugeben. Ich würde vermuten, dass das 'H' für но́вый (novyy), also für 'Neu' steht. Das 'д' könnte für 'два' (dwa / Zwei) stehen.
Darüber kann man allerdings munter streiten, denn ausserdem ist auf dem Werken der Sowjetzeit meist noch 'SU' eingestempelt – und diese Buchstaben sind ja lateinisch.

Gravuren auf dem Werk meiner Uhr:
1) Seriennummer (Basisplatine unter der Unruh): '18196' / 2) Kaliber (Räderwerksbrücke)'2628.H' / 3) Herkunftsland (Räderwerksbrücke): 'SU'
SU steht für Sowjetunion. Dieser Stempel wurde nach dem Ende der UdSSR im Dezember 1991 nicht mehr verwendet (seit wann genau nicht mehr, ist mir aber unbekannt).

Platinen, Brücken und Kloben sind silberfarben (Messing vernickelt?). Es gibt eine Federhausbrücke für das Federhaus mit Kronrad, Sperrrad und Gesperr, eine Räderwerksbrücke für alle Räder des Räderwerks, eine asymmetrische Ankerbrücke und einen Unruhkloben. Die Räderwerksbrücke und der Unruhkloben haben einen groben Streifenschliff.

Die vierspeichige goldfarbene Ringunruh schwingt langsam mit 18'000 A/h und hat eine weisse Flachspirale. Der Spiralklötzchenträger ist beweglich. Die Gangreserve beträgt beachtliche 45 Stunden.

Das Werk enthält 22 Rubine. Neben der Ausstattung von Unruh (5 Steine: Ellipse, 2 Lochsteine, 2 Decksteine; Decksteine beidseitig mit Stosssicherung Typ 'Poljot') und Anker (4 Steine: 2 Paletten, 2 Lochsteine) ist das gesamte Räderwerk inklusive des zentralen Minutenrades mit Lochsteinen versehen (8 Steine), beide Lager des Ankerrades haben ausserdem einen Deckstein, diese beiden Decksteine sind stossgesichert (2 Steine, Stosssicherung 'Raketa-Kombifutter'). Neben diesen 19 Steinen gibt es in der Basisplatine 3 weitere Rubine, die aber keine Lagersteine sind. Sie dienen zur reibungsarmen Auflage der zifferblattseitigen Datumsscheibe, diese liegt nur noch an drei Punkten auf den sehr glatten Rubinen auf, anstatt über die Metallfläche zu rutschen. Diese 3 Rubine werden normalerweise nicht berücksichtigt und das Werk als 19-steinig angegeben. Auf der Uhr gibt es keinen Vermerk der Steinzahl, weder auf dem Zifferblatt, noch auf dem Werk. Bei einem Hersteller aus der Schweiz wäre sicherlich '22 Jewels' auf das Zifferblatt gedruckt worden.

Tag und Datum sind springend, sie springen um Mitternacht in einem Sekundenbruchteil gleichzeitig mit einem hörbaren Klicken vorwärts (falls der Datumssprung nicht zur richtigen Uhrzeit erfolgt, Zeiger neu setzen). Es gibt also kein stundenlanges Schleichen der Scheiben. Die Tag-Datum-Schaltung ist auch sonst recht aufwendig ausgeführt. Es gibt eine Schnellschaltung für das Datum: durch weiteres Herausziehen der Krone über die Position 'Zeigerstellen' hinaus, springt das Datum um eine Position vorwärts. Bei Loslassen der Krone federt die Stellwelle in die normale Stellposition zurück. Daneben gibt es die beiden üblichen Positionen 'Aufziehen' und 'Zeigerstellen', es handelt sich um einen Kupplungsaufzug. Für den Wochentag gibt es keine Schnellschaltung. Es muss vorwärts oder rückwärts durchgekurbelt werden. Beim rückwärts stellen über die Mitternachtsposition hinaus, schaltet der Wochentag rückwärts, das Datum aber nicht, beim vorwärts stellen schalten natürlich sowohl Wochentag als auch Datum vorwärts.
Die Wochentagsscheibe hat 14 Stellungen, es sind aufeinanderfolgend zwei Wochen aufgedruckt.

Raketa.2628H.Wochentag.png

Zifferblatt und Zeiger

Das tintenblaue Blatt hat einen Sonnenschliff. Zeiger und Indexe sind wie das Gehäuse verchromt. Die rechteckigen Stundenindexe haben zwei Längsriefen, die breiten, parallelen Stunden- und Minutenzeiger sind weiss gefüllt (keine Leuchtmasse).

Raketa Worldtime 2.png

Auch auf dem Blatt gibt es keine Leuchtmasse. Es ist weiss bedruckt. Die Minuterie befindet sich zwischen den aufgesetzten Indexen. Weiter aussen, ganz am Rand befindet sich noch ein 24-Stunden-Kreis. Die geraden Stunden, die jeweils auf die Position eines aufgestzten Indexes fällt, sind durch Punkte gekennzeichnet, die ungeraden Stunden sind arabisch ausgeschrieben.
Diesen 24-Stundenkreis braucht man, um die Weltzeitfunktion der 24-Stunden-Lünette nutzen zu können. Ich erkläre es gleich im nächsten Kapitel.

Raketa Worldtime 1.png

Unten auf dem Zifferblatt, oberhalb des Sechs-Uhr-Index, steht 'сделано в СССР' (sdelano v SSSR), was 'hergestellt in der UdSSR' bedeutet.

Darüber befindet sich die staatliche Qualitätsmarke der UdSSR: ein gerundetes Fünfeck, darin ein gekipptes 'K', das eine Waagschale bildet, darüber die kyrillischen Buchstaben 'CCCP'. Diese Qualitätsmarke gab es zwischen 1967 und 1991:
https://en.wikipedia.org/wiki/State_quality_mark_of_the_USSR

Oben, unterhalb des 12-Uhr-Index, steht der Markenname 'Raketa' (Pакета) in kyrillischer gebundener Schrift.

Die Weltzeitfunktion: So benutzt man die Lünette

Die Anzeige der Uhr ist eine normale 12-Stunden-Anzeige mit zwei Umläufen des Stundenzeigers pro Tag. Die Lünette ist aber eine 24-Stunden-Lünette. 24 Städte stehen dort im Abstand von je 15° und repräsentieren jeweils eine Zeitzone, zwischen den benachbarten Zonen besteht jeweils eine Stunde Zeitunterschied. Dabei geht man im Uhrzeigersinn nach Osten und es ist jeweils eine Stunde später, im Gegenuhrzeigersinn bewegt man sich nach Westen und es ist jeweils eine Stunde früher.

Damit man auf dem Zifferblatt einen Bezug zur 24-h-Anordnung der Zeitzonen auf der Lünette hat, gibt es auf dem Blatt ganz aussen einen 24-h-Kreis, bei dem die geraden Stunden als Punkte und die ungeraden Stunden als arabische Zahlen dargestellt sind. Der Mittag (12 Uhr) liegt auf dem 24-h-Kreis unten beim normalen Stundenindex Sechs, die Mitternacht (24 Uhr) liegt oben beim normalen Stundenindex Zwölf. Rechts auf dem Zifferblatt liegen die Ante-Meridiem-Stunden der späten Nacht und des Morgens, links auf dem Blatt stehen die Post-Meridiem-Stunden des Nachmittags und Abends. Zur Nutzung der Weltzeitfunktion sucht man auf der Lünette die Stadt, die die eigene Zeitzone repräsentiert. In Mitteleuropa ist das 'Женева' (Geneva). Die Markierung dieser Stadt dreht man auf dem 24-h-Kreis des Zifferblattes auf die aktuelle Stunde und kann dann die Uhrzeit in den anderen Zonen direkt vom 24-h-Kreis ablesen.

Mal ein Beispiel:

Raketa Worldtime 5.png

Die Uhr zeigt auf dem Foto 'Kienzle-Zeit', es ist 13:50 Uhr (nicht 01:50 Uhr!) und die Zeiger zeigen deshalb zehn vor Zwei. Weil es kurz vor 14:00 Uhr ist, dreht man die Markierung 'Женева' (Geneva) auf die 14-Uhr-Markierung im 24-h-Kreis. Diese befindet sich beim Sieben-Uhr-Index der normalen Zeitanzeige. Man kann nun z.B. ablesen, dass es in Denver (bei der Krone und der normalen Stunde Drei) gerade etwa 06 Uhr (also genau 05:50) ist, San-Francisco hat gerade 04:50, Chicago hat schon 06:50 und New-York schon 07:50 Uhr.

Hier noch eine Fotomontage der Erdnordhalbkugel und der Lünette in der gleichen Position wie in dem Anwendungsbeispiel.
1 - Moskau
2 - Genf
3 - London
4 - Dakar
5 - Reykjavik
6 - New-York
7 - Chicago
8 - Denver
9 - San-Francisco

Die Anordnung der Städte entspricht ihrer Anordnung auf der Erdkugel, allerdings ist die ganze Geographie spiegelverkehrt.

Zeitzonen.Welt.polar.png

Nanu? Warum?
Dies ist der Ableitung der Uhr aus dem Astrolabium mit dem Zeigerlauf im Uhrzeigersinn geschuldet. Bei richtiger Anordnung würden die Zeiger im Gegenuhrzeigersinn umlaufen und die Zahlen hätten die umgekehrte Reihenfolge. Man redet auch nicht von einer spiegelverkehrten Anordnung, sondern von einer Südprojektion der Erdnordhalbkugel, d.h. man schaut vom Südpol durch die durchsichtige Erde hindurch zum Nordpol und sieht auf der durchscheinenden Erdoberfläche die Kontinente spiegelverkehrt.

Zehn Fehler auf der Lünette

Ich habe die Städtenamen übersetzt. Das ist viel weniger Arbeit, als man annimmt, denn es gibt auch eine Exportversion der Uhr mit lateinisch beschrifteter Lünette, als 'Raketa' oder als 'Cornavin' gelabelt. Eine solche Uhr wurde auf Watchuseek gezeigt. In dem Thread wurde auch eine markante Unstimmigkeit angesprochen:
Die Stadt Moskau steht für die Zeitzone UTC + 2, für die Osteuropäische Zeitzone EET also, die gegenüber der mitteleuropäischen Zonenzeit eine Stunde im Plus liegt.
Raketa World Time and a strange observation

Um mir ein Bild zu machen, habe ich für alle Städte der Lünette die heutige Zeitzone ermittelt. ausserdem habe ich eine alte Zeitzonenkarte aus dem 'Schweizer Weltatlas für die Volks- und Mittelschule' (hervorgegangen aus dem 'Schweizer Mittelschulatlas', begründet von Eduard Imhof), aus der Ausgabe 1981 herangezogen.

Meine Auswertung der Lünette habe ich als Tabelle gefasst.

Ich habe alle Städte gemäss ihrer Anordnung einer Zeitzone zugeordnet (Spalte 1). In den Spalten 2 und 3 stehen die kyrillischen und lateinischen (englischen) Städtenamen. In Spalte 4 steht die Zeitzoneneinteilung 1981 gemäss der Angaben im 'Schweizer Weltatlas', Spalte 5 zeigt die heutige Zeitzone (2016) der Städte. Spalte 6 nennt die Länder, in denen sich die Städte heute befinden. Spalte 7 nennt einige der alten Zeitzonenbezeichnungen, passend zu Spalte 1.

Wie sich zeigte, sind für insgesamt zehn Städte die Zuordnungen zu den Zeitzonen gegenüber dem heutigen System falsch! Diese Städte mit falscher Zeitzone sind in der Tabelle rot markiert. Sieben der heute falsch plazierten Städte liegen in der ehemaligen Sowjetunion.

Raketa.Lünette.NEU.png

1) Moskau liegt in der Zeitzone UTC+3, laut Lünette in UTC +2
2) Jekaterinburg (Sverdlovsk) liegt in der Zeitzone UTC+5, laut Lünette in UTC+4
3) Irkutsk liegt in der Zeitzone UTC+8, laut Lünette in UTC+7
4) Jakutsk liegt in der Zeitzone UTC+9, laut Lünette in UTC+8
5) Wladiwostok liegt in der Zeitzone UTC+10, laut Lünette in UTC+9
6) Petropawlowsk-Kamtschatski liegt in der Zeitzone UTC+12, laut Lünette in UTC+11
7) Anadir liegt in der Zeitzone UTC +13, laut Lünette in UTC + 12
8) Buenos Aires liegt in der Zeitzone UTC-3, laut Lünette in UTC-4
9) Reykjavik liegt in der Zeitzone UTC±0 (seit 1968), laut Lünette in UTC-2
10) Dakar liegt in der Zeitzone UTC±0, laut Lünette in UTC-1

Zieht man die alte Zeitzonenkarte aus dem 'Schweizer Weltatlas' von 1981 hinzu, sieht es etwas anders aus. Ich zeige hier einen Ausschnitt aus dieser Karte.

Zeitzonen.Mittelschulatlas.1981.jpg

Das Kartenzentrum ist Bern in der Schweiz. Die mitteleuropäische Zeitzone (UTC + 1) gilt also als Zone ± 0 h. Die westlich benachbarte Zone -1 h entspricht UTC ±0, GMT mit London als Vertreter auf der Lünette. Wie man sieht, stösst die Zeitzone Moskaus (auf der Karte Zone + 2 h = UTC + 3) direkt an die mitteleuropäische Zeitzone. Alle Städte, die auf der Lünette eine sowjetische Zeitzone vertreten, sind auf der Karte genannt. Demnach lagen alle diese Städte um 1981 in Wahrheit um eine Zeitzone weiter östlich verschoben, als auf der Lünette (blauer Bereich in Spalte 4), aber der Zeitzonenbezug zwischen ihnen ist jeweils richtig.

Es scheint also so, als seien auf der Lünette die gesamten sowjetischen Städte fälschlicherweise um eine Zone nach Westen gerückt.

https://en.wikipedia.org/wiki/Moscow_Time
Gemäss dem Wikipedia-Artikel lag Moskau zwischen dem 21. Juni 1930 bis 1980 in der Zone UTC + 3, im Jahr 1980 und Frühjahr 1981 in der Zone UTC + 2 ½, vom 1. April 1981 bis zum 31. März 1991 wieder in UTC + 3, dann vom 1. April 1991 bis zum 18. Januar 1992 in UTC + 2, und schliesslich ab dem 19. Januar 1992 wieder UTC + 3.
Im mutmasslichen Erscheinugsjahr der Uhr 1974 war die Lünette also falsch.

Dakar und Reykjavik liegen in der gleichen Zeitzone wie London, nämlich in UTC ± 0. Für Reykjavik gilt das seit 1968.

Was ist denn nun falsch und was war damals richtig und ist heute nur veraltet? Ich weiss es nicht! Vielleicht gibt es hier jemanden, der sich gut mit der Geschichte der Zeitzonen auskennt und etwas Licht in die Sache bringen kann. Vielleicht gibt es ja auch Russen hier, die die Zeitzoneneinteilung in der Sowjetunion noch aus eigener Erfahrung kennen.

Gruss Andi

Unterhalb ist noch eine alte Version der Tabelle angehängt, die ich nicht selber löschen kann. Vielleicht kann ein Administrator das ja für mich tun...
 

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Aeternitas

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Tolle Vorstellung! :super:

Die Raketawerke sind schon sehr robust und ganggenau. Die Uhr ist zwar heillos überladen, aber das wenigstens mit Stil- das blaue Zifferblatt ist ja der Hammer.
 

Dille

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Super beschriebene Vorstellung!

Das Edelstahlband passt in der Tat perfekt. :)
 

Faisaval

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Eine sehr schöne, detaillierte und toll bebilderte Vorstellung zu einer interessanten Uhr.:klatsch:
Wieder was dazugelernt. Vielen Dank dafür.

Viele Grüße Valentin
 

andi2

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Danke, Al, Dille und Valentin!
Dass die Uhr überladen ist, kann man wohl sagen! Mir gefällt das so. Ich möchte ein paar typische sowjetische Uhren in meiner Sammlung und das hier ist für mich eine der interessantesten. Die Massen an kyrillischem Text und die veraltete Zeitzonenlünette, auf der ja auch die alten sowjetischen Städtenamen Gorki und Swerdlovsk stehen, machen sie m.E. sehr sammelwürdig. Ausserdem gefällt mir das Design sehr gut. Es gab übrigens verschiedene Zifferblattfarben (blau, grün, violett (!), rot, braun, hell graugrünbraun: letztere evtl. nicht original, nur auf der Goldversion) und es gab Gehäuse und Lünette auch vergoldet.
Wie bei allen Sowjetuhren muss man sich vor Frankenuhren und überarbeiteten Zifferblättern hüten, es wird viel gebastelt. Wenn der 24-h-Kreis auf dem Zifferblatt fehlt, gehört das Zifferblatt nicht zu der Uhr, die Lünette ist dann funktionslos. Bei manchen (vermutlich echten) Zifferblättern fehlt das Qualitätszeichen der UdSSR. Falls die Bezeichnung 'sdelano v SSSR' fehlt, ist das Zifferblatt m.E. neu bedruckt. Bei den neueren (vermutlich echten) Zifferblättern steht 'Raketa' in Blockschrift. Bei allen Zifferblättern ohne Sonnenschliff besteht m. E. der Verdacht, dass sie neu gedruckt wurden.
Gruss Andi
 
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Kaliber 66

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Komm grad erst vom Dienst - aber besser als Deine gut recherchierte Vorstellung kann ein Tag nicht enden !

Gruss aus GMT (+1) BST ;-)

Steffen
 

andi2

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Danke, das freut mich, dass ihr Spass beim Lesen hattet!
Steffen: Ich bin auch gerade erst vom Dienst gekommen, ein Lob zum Feierabend - was will man mehr?
Gruss Andi
 

MrOllium

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Sehr umfangreiche Vorstellung :shock: eine schönen Uhr :klatsch:
Obwohl ich jemand bin der in der regel alles liest...habe ich mir hier (fürs erste) nur einige Teile herausgepickt.
Den Rest hebe ich mir dann mal für ein stilles Stündchen am Abend mit einen netten Glas (was auch immer) dazu ;-)
 

Königswelle

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Toll, eine geradezu wissenschaftliche Vorstellung einer "einfachen" ;-) Raketa, wobei, so einfach ist sie ja gar nicht, wie man sieht.

Danke, hat Spaß gemacht, das zu lesen. Sie haben teilweise schon Charme, die alten Russenticker. :super:
 

andi2

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Hallo Olli und Bernd,
danke für den Zuspruch!

Hier habe ich unter den aktuellen Ebay-Angeboten noch eine etwas rätselhafte Uhr gefunden. Ich halte das Zifferblatt eher für echt. Interessanterweise gibt es hier aber keine Tag-Datum-Anzeige, sondern nur das Datum. Dementsprechend ist das passende Fenster kleiner.
Russian Vintage Watch Raketa World Cities Time | eBay

Hier noch ein Bildschirmfoto vom Angebot (Foto von Zifferblatt mit Zeigern):
Raketa.Internet.png


Das Werk ohne Wochentag heisst gemäss Ranfft-Uhrwerkarchiv Raketa 2614.H:
http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&Raketa_2614_H
Das Uhrwerk aus dem Angebot ist gestempelt mit 2628.H, das ist normalerweise beim 2614.H nicht so, also wird eher gebastelt worden sein.

Der Sekundenzeiger ist weiss. Für gewöhnlich hat er die gleiche Metallfarbe (silber oder gold) wie die anderen Zeiger.

Ob diese Uhr ein Bastelwastel ist, oder nicht, wage ich nicht letztgültig zu entscheiden. Für ein nachbearbeitetes Blatt ist das Ergebnis fast zu überzeugend.

Noch eine Frage an die Russenuhren-Spezialisten:
Unter der Unruh ist bei dem Werk meiner Uhr (und für gewöhnlich beim 2628.H) eine Zahl eingestempelt: '18196'.
Oben habe ich das als Seriennummer bezeichnet. Kann man das Werk danach datieren?

Gruss Andi
 
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andi2

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Diese Modelle mit der drehbaren Innenlünette entstanden etwas später als die von mir vorgestellte Uhr, in den letzten Jahren der Sowjetunion und auch noch einige Zeit lang nach deren Zusammenbruch. Auch die von dir gezeigte Uhr stammt aus postsowjetischer Zeit, was an der Aufschrift 'Made in Russia' zu erkennen ist. Es gab verschiedene Variationen mit unterschiedlichen Lünetten. Bei dieser Weltzeitlünette sind übrigens immer noch die gleichen Unstimmigkeiten zu finden wie bei der älteren von mir.
Gruss Andi
 

f*g*

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Diese Modelle mit der drehbaren Innenlünette entstanden etwas später als die von mir vorgestellte Uhr, in den letzten Jahren der Sowjetunion und auch noch einige Zeit lang nach deren Zusammenbruch. Auch die von dir gezeigte Uhr stammt aus postsowjetischer Zeit, was an der Aufschrift 'Made in Russia' zu erkennen ist. Es gab verschiedene Variationen mit unterschiedlichen Lünetten. Bei dieser Weltzeitlünette sind übrigens immer noch die gleichen Unstimmigkeiten zu finden wie bei der älteren von mir.
Gruss Andi

vielen Dank für die Info!
Franz
 

don_pomodoro

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Hallo Andi,

Vielen Dank für den Beitrag. Das war ein emotinales Wiedersehen.
Ich hatte genau solche Uhr in den 80gern gehabt. Mein Großvater hat sie mir geschenkt. Das war ein echter Hingucker!
Leider nicht nur für mich... Dann war sie mir während Sportunterrichts aus dem Schulranzen entwendet.
Ich dachte ich sehe die Uhr nie wieder, bis ich zufällig gestern Dein Post gesehen habe.
Echt schön, wie liebevol Du die Uhr beschreibst. ;)

Gruß
Dieter
 

andi2

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Hallo Dieter,
danke!
Diese Uhr findet man noch ziemlich regelmässig auf Ebay, gut ist die Suchbegriffkombination, genauso mit Klammer ins Suchfeld (raketa,, world,, worldtimer,, cities). Die meisten Angebote kommen natürlich aus dem ehemaligen Warschauer Pakt, man muss sich genau den Zustand anschauen. So kannst du evtl. die Uhr wieder nachkaufen...
Gruss Andi
 
Thema:

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