Normandia Digital, genial einfache Billig-Scheibenuhr der 70er Jahre mit dem ungewöhnlichen Eppler 16 digital

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andi2

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Heute möchte ich eine ausgesprochene Billig-Uhr der ‘70er Jahre zeigen, die aber durch ihr ungewöhnliches Aussehen und die genial einfache Verwirklichung einer seltsamen Anzeigeart trotzdem interessant und sammelwürdig ist, eine Uhr mit dem digitalen mechanischen Uhrwerk Eppler 16 digital.

Mechanische Digitaluhren mit Scheibenanzeige und springender, bzw. geschalteter Stunde (jump hour, jumping hour) waren ein kurzlebiger Trend der siebziger Jahre, ausgelöst wohl durch die neuartigen, aber noch sehr teuren digitalen Quarzuhren mit LED- oder LCD-Anzeige. Man griff eine alte Technik der 1930er Jahre auf, als Scheibenuhren schon einmal in Mode waren und variierte sie vielfach.

Ich mag solche Scheibenuhren und habe schon mehrere hier vorgestellt:

https://uhrforum.de/threads/die-retrofuturistische-difor-automatique-1973-und-die-scheibenmechanik-des-td-1393.308337/
https://uhrforum.de/threads/uraltfraktion-von-ruhla.87078/page-151#post-2634521
https://uhrforum.de/threads/uraltfraktion-von-ruhla.87078/page-237#post-3916415

Bei den beiden Werken, die ich schon gezeigt habe, beim TD 1393 der Difor und beim UMF 24-34 der Ruhla sind sowohl die Minutenscheibe, als auch die Stundenscheibe aus der Mitte nach rechts und links versetzt und werden indirekt angetrieben, bzw. geschaltet durch ein Trieb und einen Schaltfinger auf der zentralen Minutenradwelle. Anders gesagt: bei beiden Werken gibt es eine exzentrische, indirekte Minute. Die Versetzung beider Scheiben weg von der Werksmitte erlaubt einen grösseren Scheibendurchmesser. Da der Schaltfinger, der die Stundenschaltung auslöst und die Minutenscheibe unabhängige Bauteile sind, muss die Minutenscheibe ‘mühsam’ so eingestellt werden, dass der Stundensprung zur richtigen Zeit erfolgt.

Bei der Uhr, die ich heute zeige, ist die Scheibenmechanik anders gelöst, sehr einfach, aber auch sehr schlau. Die Uhr ist so simpel zusammengebaut, dass man eine Ruhla Digital dagegen schon aufwendig und kompliziert nennen muss. Eine ausgesprochene Billig-Uhr. Trotzdem muss man ihr zugute halten, dass sie heute immer noch zuverlässig funktioniert, genau läuft und getragen werden kann (wenn man sich traut…).

Und das ist sie. Meine ‘Normandia Digital’. Normandia ist wohl eine französische Marke, über die ich nichts herausfinden konnte. Was aber auch fast egal ist, denn die Uhr wurde zur Gänze hergestellt durch die Wilhelm Eppler GmbH aus Schwenningen, bei dieser Uhr bilden Werk, Gehäuse und Glas eine funktionelle Einheit.
Baugleiche und ähnliche Uhren mit dem Eppler 16 digital (es gab mindestens zwei Gehäuseformen) findet man viel häufiger als 'Anker digital', einer Eigenmarke von Eppler.

Normandia.Eppler.digital.1b.png


Normandia.Eppler.digital.1c.png


Von vorn sieht sie aus, wie eine Uhr in einem verchromten Metallgehäuse. Sie ist recht gross mit einer Breite von 40 mm ohne Krone und einer Höhe von 35,3 mm, die Bandanstösse (18 mm) sind verdeckt, sie ist 10,6 mm dick. Ich habe mal ein sowjetisches Spangenband daran angebracht, weil die Form so gut passt.

Normandia.Eppler.digital.2b.png


Wenn man die Uhr umdreht, sieht man, dass nur ein vorderer Deckel der Uhr mit Uhrglas und den Bandanstössen aus verchromtem Metall besteht. Die ganze Rückseite ist ein Container aus schwarzem Plastik mit einem queren runzligen Streifenmuster. Nah bei der Krone gibt es einen runden Stöpsel, den man herausziehen kann. So kann man die Winkelhebelschraube auf der Werksrückseite erreichen, um sie ein wenig loszuschrauben, um die Aufzugwelle zu ziehen. Das muss man aber nicht tun, um den Plastikcontainer vom vorderen Metallgehäuse zu trennen. Man muss nur den Spalt zwischen Metall und Plastik mit einer Messerklinge etwas erweitern und dann den Container nach hinten abziehen, er geht mit Welle und Krone ab, denn das Metallgehäuse hat bei der Aufzugwelle eine Auslassung.

Normandia.Eppler.digital.2c.png


Man sieht hier das leere Metallgehäuse, das über den Plastikcontainer gestülpt wird. Das passgenaue Plexiglas ist von hinten eingelegt. Würde man das Gehäuse umdrehen, würde es einfach herausfallen. Das Dekor ist von hinten auf das Glas gedruckt, es gibt also kein Zifferblatt. Dabei wirkt der schwarze Druck wie eingeprägt und die silberne Grundierung hat einen queren Streifenschliff. Im fertig zusammengebauten Gehäuse sitzt es fest und wackelfrei und wird vom Containervorderrand gegen das Gehäuse gepresst.

Normandia.Eppler.digital.4.png


Wenn man in den Plastikcontainer hineinschaut, sieht man, dass das Eppler 16 digital eine Einheit mit dem Plastikgehäuse bildet. Die Konstruktion ist ganz einfach und sicher billig, kann aber trotzdem begeistern, denn sie ist sehr gut durchdacht. Ausserdem funktioniert meine Uhr, die sicher schon eine ganze Zeit getragen wurde, immer noch sehr gut, was auf Verschleissarmut und Langlebigkeit hindeutet.

Das kleine Uhrwerk, das die Uhr antreibt, ist im Container weit aus der Mitte nach rechts versetzt. Es ist ein gewöhnliches Eppler 16, ein sehr einfaches Stiftankerwerk, das mit zwei Halteschrauben fest am Container befestigt ist. Um an die Werksrückseite zu kommen, müsste man diese Schrauben herausdrehen und die Aufzugwelle lösen:

Eppler 16: 10 ½ ‘’’ (23,9 mm), 1 Jewel (Hebelstein der Unruh), klassischer Räderwerksaufbau mit Option für eine kleine exzentrische Sekunde bei der 6, Zeigerreibung zwischen dem zentralen Minutenrad und dem Minutenrohr, Wippenaufzug, Gesperr auf Zifferblattseite (kein Kronrad, Sperrrad ersetzt vorn den Federhausdeckel, eine gemeinsame Feder für Gesperr und Wippe)

Das Eppler 16 wird im Ranfft-Uhrwerkarchiv beschrieben (aber nicht die digitale Version):
http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&Eppler_16


Die Stunde und die Minute werden bei der digitalen Version durch rotierende Scheiben angezeigt, die nebeneinander angeordnet sind. Die Stundenscheibe ohne eigenen Antrieb wird alle 60 Minuten beim Stundenwechsel weitergeschaltet (geschaltete Stunde, ‘springende’ Stunde, jump hour, jumping hour, heure sautante).

Der gesamte Scheibenmechanismus besteht nur aus zwei Bauteilen, den beiden Scheiben. Was besonders beeindruckend ist bei dem schlau ausgedachten Mechanismus: Es braucht keine Rastfeder, um die Stundenscheibe in Position zu halten.

Es wurde hier ein direkter Antrieb der Minutenscheibe durch die zentrale Minutenradwelle gewählt. Die Minutenscheibe wird anstelle eines Minutenrohrs auf die zentrale Welle aufgesetzt und besteht aus 2 fest miteinander verpressten Bauteilen, der Plastikscheibe und – auf der Rückseite- einem kurzen Rohr aus Stahl mit 8-zähnigem Trieb (identisch dem Trieb des normalen Minutenrohrs).

Die Minutenscheibe sitzt in der Werksmitte und rotiert wie ein normaler Minutenzeiger einmal pro Stunde. Sie ist recht gross und bedeckt einen Grossteil der Werksvorderseite. Da die Minutenscheibe direkt angetrieben ist, kann sie die Stundenscheibe beim Stundenwechsel weiterschalten.

Normandia.Eppler.digital.5.png


Die Stundenscheibe ist fast so gross wie die Minutenscheibe. Sie sitzt ausserhalb des Durchmessers des kleinen Uhrwerks auf einem festen Zapfen des Containers. Die linke Seite des Containers ist ansonsten leer, der Container hat Leisten, die der Stundenscheibe als Auflagefläche und Führung dienen. Man kann sie locker abheben, sie wird aber bei der zusammengebauten Uhr durch das Uhrglas in Position gehalten. Auf dem Foto wurde sie abgehoben, umgedreht und auf den Rand des Containers gelegt.

Normandia.Eppler.digital.Schema.png


Auf diesem Schemabild ist die Schaltung der Stunde in drei Bildern gezeigt:

Bild 1 zeigt beide Scheiben in ihrer Anordnung. Die Minutenscheibe rechts rotiert kontinuierlich, die Stundenscheibe links hat keinen eigenen Antrieb und einen gezackten Aussenrand mit 12 gerundeten Einbuchtungen zwischen scharfen Zacken. Die gerundeten Einbuchtungen am Stundenscheibenrand schmiegen sich genau an den Rand der Minutenscheibe, so wird die Stundenscheibe in Position gehalten. Die Minutenscheibe hat 2 Ebenen, der Rand der kleineren oberen Ebene schmiegt sich an den Rand der Stundenscheibe, der breitere untere Rand überlappt die Stundenscheibe unten. Die Minutenscheibe schaltet die Stundenscheibe weiter und hat zu diesem Zweck am unteren Rand bei Minute 00 einen langen, schräg nach vorn ragenden Schaltfinger. Die angezeigte Zeit auf Foto 1 ist 05:54 Uhr. Die Spitze des Schaltfingers hat den Rand der Stundenscheibe gerade erreicht und wird in den nächsten 2 Minuten unter der Stundenscheibe verschwinden.

Auf Bild 2 sieht man die Rückseite der Scheiben, aus Gründen der gleichen Anordnung spiegelverkehrt (das würde man sehen, wenn die Scheiben durchsichtig wären und man von vorn darauf schaut). Die Stundenscheibe hat auf der Rückseite 12 Zähne. Es ist schon etwas später, etwa 05:57 und die Minutenscheibe hat sich so weit weitergedreht, dass der Schaltfinger den Zahn auf der Rückseite der Stundenscheibe erreicht. Im nächsten Moment wird der Schaltfinger beginnen die Stundenscheibe nach oben zu drehen.

Auf Bild 3 hat der Schaltfinger die Stundenscheibe schon ein Stück weit gedreht. Damit die Stundenscheibe sich überhaupt drehen kann, hat der obere Rand der Minutenscheibe eine gerundete Auslassung zwischen Minute 57 und Minute 01, die die Zacke am Aussenrand der Stundenscheibe aufnimmt. Etwa in der im Bild gezeigten Position bei min 59 verliert der Schaltfinger den Kontakt zu dem Zahn an der Stundenscheibenunterseite. Ab dann wird die Stundenscheibe an der Zacke in der Auslassung weitergeschoben, bis der Rand der Minutenscheibe wieder der nächstfolgenden gerundeten Einbuchtung der Stundenscheibe anliegt.

Eine direkt angetriebene Minutenscheibe, die selbst die Stundenscheibe mit einem Schaltfinger weiterschaltet, hat den Vorteil, dass der Zeitpunkt des Stundensprungs beim Zusammenbau nicht eingestellt wird, sondern automatisch stimmt, egal, wie man die Scheiben aufsetzt. Mechanismen dieser Bauart gab es auch bei anderen Herstellern, bei den Digital-Scheibenuhren der ‘30er Jahre war dies sogar die häufigste Bauart.

Beim Eppler 16 digital wurde es aber einerseits dadurch besonders weit getrieben, dass die Stundenscheibe weit nach aussen, über den Werksrand hinaus gesetzt wurde, was besonders grosse Scheiben erlaubt, und anderseits auch dadurch, dass eine Schaltung verwirklicht wurde, die mit zwei Bauteilen und ohne Rastfeder auskommt. Das scheint mir einzigartig. Da die Scheiben bei dieser Art der federlosen Schaltung nicht allzu weit überlappen können, war das Versetzen der Stundenscheibe über den Werksrand hinaus notwendig.

Ich nehme an – ohne es ausprobiert zu haben – dass man bei einem kaputten Werk einfach ein beliebiges normales Eppler 16 einsetzen kann, dem man die Minutenscheibe anstelle des Minutenrohrs aufpresst, wahrscheinlich kann man sogar jedes beliebige Werk der Eppler-Werksfamilie nehmen (man müsste allfällige Elemente wie indirekte Zentralsekunde oder Datumschaltung entfernen, ohne Gewähr).

Das Eppler 16 digital wird im Uhrwerksarchiv von Christoph Lorenz ausführlich beschrieben. Dort wird auch das zerlegte Uhrwerk gezeigt, man sieht den Räderwerksaufbau und die Vorderseite ohne die Minutenscheibe.
https://www.uhrwerksarchiv.de/movements/e/eppler/eppler-16-dig/

Und es gibt sogar ein Video, wo man u.a. die Schaltung der Stunde sieht:

https://www.youtube.com/watch?v=xJzCncQ7Iog&feature=youtu.be

Das war schon alles. Ich trage die Uhr selten einmal und sie funktioniert tadellos, aber ihr Design ist schon sehr speziell...

Gruss Andi
 
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Faisaval

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Hallo Andi,
bitte entschuldige, dass ich erst jetzt auf Deine tolle Vorstellung aufmerksam geworden bin.
Vielen herzlichen Dank für diese beeindruckende Präsentation mit wirklich interessanten Hintergrundinformationen und technischen Details, die für mich diesen Uhren-Typ "mechanische Digitaluhr" in ganz neuem Licht erscheinen lassen. :klatsch:
Es hat wirklich Spaß gemacht, Deinen Ausführungen zu folgen. Nochmals vielen Dank dafür.:-P
 

andi2

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Hallo Valentin,
schön, dass du es gelesen hast! Mich faszinieren die mechanischen Digitaluhren, vor allem die mit geschalteter oder springender Stunde. Die Technik ist meist ziemlich einfach, aber das Erscheinungsbild der Uhr ist völlig verändert. Das Design der Uhren ist entsprechend extrem, sie sind Stilikonen ihrer Epoche.
Die Normandia ist schön anzuschauen, durch ihre gerundeten Linien wirkt sie am Arm aber ein wenig wie eine Riesendamenuhr. Zur Zeit trage ich sie trotzdem. Sie ist angenehm zu tragen, denn sie wiegt fast nichts, das Spangenband ist auch sehr leicht. Aber bald kommt sie wieder in die Kiste...
Gruss Andi
 
G

Gast36883

Gast
Danke für die interessante Vorstellung, auch wenn ich sagen muss das Digitaluhren überhaupt nicht mein Ding sind, auch keine mechanischen ....

LG, Frank
 
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Normandia Digital, genial einfache Billig-Scheibenuhr der 70er Jahre mit dem ungewöhnlichen Eppler 16 digital

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