Montres d'aeronef - Borduhren der französischen Luftwaffe 1933 - 1940

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Unruhgeist

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Die französische Luftwaffe, eine der ältesten der Welt, war bereits seit 1912 unter der Bezeichnung Aéronautique Militaire fester Bestandteil der französischen Armee. Ab 1934 erhielt sie den Status einer eigenen Waffengattung mit der Bezeichnung Armée de l’air und wurde aus dem Heer ausgegliedert.



Neben den rasant fortschreitenden Entwicklungen der Luftfahrt der damaligen Zeit wurden plötzlich auch so vermeintlich nebensächliche Dinge wie Borduhren mit Sonderanforderungen ein Thema, weil durch die immer länger werdenden Flugstrecken und zeitlich abgestimmte Aktionen neue Anforderungen wie beispielsweise Navigation und gute Ablesbarkeit auch bei Nacht erforderlich wurden. Diese Anforderungen führten in fast allen Armeen mit Luftstreitkräften zu Pflichtenheften, deren Kriterien die Hersteller erfüllen mussten, wollten (oder mussten) sie die Armee beliefern.

Neben den Anforderungen der Armée de l’air wurde ein einheitliches Prüfverfahren entwickelt, welches jede einzelne Uhr durchlaufen musste. Die bestandene Prüfung wurde durch die militärische Punze „Air“ bestätigt, die in jedem Uhrwerk zweifach gepunzt wurde. Da ein nachträgliches Punzen der Uhrwerke nach bestandenen Prüfungen nicht möglich ist – man bedenke die Position unter dem Unruhreif und die Vergoldung der Werke – wurden die Punzen bereits während des Produktionsprozesses eingebracht. Uhren, die die Prüfungen nicht bestanden, gingen daher an den Hersteller zur Überarbeitung zurück oder wurden vielleicht auch teilweise vernichtet.

Die Prüfungen wurden Mitte / Ende der Dreißiger in vertikaler Position nach folgenden Kriterien durchgeführt:



Prüfungen auf Ganggenauigkeit

1. Drei Tage bei Raumtemperatur +10 bis +20 °C (Uhren wurden täglich aufgezogen)
Die Gangabweichung durfte an drei aufeinanderfolgenden Tagen 15 Sekunden nicht überschreiten

2. 24 Stunden Temperaturprüfung bei -4°C

3. 24 Stunden Temperaturprüfung bei -30°C

4. 24 Stunden Temperaturprüfung bei +40°C

Je Prüfung durfte die Gangabweichung 45 Sekunden nicht überschreiten

5. Wie Prüfung 1.
Die Gangabweichung durfte an drei aufeinanderfolgenden Tagen 15 Sekunden nicht überschreiten.

Zwischen den einzelnen Prüfungen wurden die Uhren 24 Stunden bei Raumtemperatur gelagert, um die Temperaturschwankungen in hohen Luftschichten und am Boden zu simulieren, denen die Uhren im Einsatz ausgeliefert waren.


Sonderprüfung Beschleunigungstests

1. Die Uhren wurden in vertikaler Position 24 Stunden lang horizontalen Vibrationen von 1/10 mm Amplitude und Wiederholungsfrequenzen zwischen 1000 und 3000 Hertz ausgesetzt.

2. Die Uhren wurden 30 Sekunden lang vertikalen Vibrationen mit einer Amplitude von 10 mm und einer Wiederholungsfrequenz von ca. 600 Hertz ausgesetzt

Bei beiden Tests durfte es zu keinem Ausfall des Uhrwerks kommen

(Selbstredend, dass mit dem ersten Test ein Motor während des Fluges, und mit dem zweiten Test Start- / Landebahnen simuliert wurden)

Sonderprüfung Magnetismus

Die Uhren wurden 24 Stunden einem Magnetfeld ausgesetzt. Es durfte dabei zu keinem Ausfall kommen.

Zur Stärke des Magnetfeldes gibt es leider keine Angaben

Sonderprüfung Dichtigkeit

Die Uhren wurden 5 Minuten lang 250 ml und 1000 ml künstlichem Regen ausgesetzt und durften nach Ende des Tests keine Wasserspuren im Innern des Gehäuses aufweisen.

Sichtbarkeits- und Ablesbarkeitstest

Es soll einen diesbezüglichen Test gegeben haben, die Kriterien sind jedoch nicht bekannt.


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Weitere Anforderungen an die Hersteller dieser Uhren waren ab Mitte / Ende der dreißiger Jahre beispielsweise identische Gehäuse und kompatible Aufzugmechanismen zum standardisierten Aufzugrad im Innengehäuse, Steuerung der Uhrfunktionen über die Lünette auch mit (Piloten-) Handschuhen.


Ab etwa 1936 gab es mindestens drei Hersteller dieser standardisierten Borduhren:

LIP:

Typ 14 kleine Sekunde

Typ 15 kleine Sekunde

Typ 150 indirekte Zentralsekunde
(Unterschiede zwischen Typ 14 und 15 sind nicht bekannt)


Zenith:

Typ B kleine Sekunde

Typ 10 kleine Sekunde

Typ 10 indirekte Zentralsekunde

Typ 20 kleine Sekunde


Geismar:

Typ U kleine Sekunde


Ferner haben noch die Firmen Jaeger, Thommen und Raymond Dodane Borduhren produziert. Dies waren jedoch nicht diese kleinen Uhren mit 65 mm Durchmesser.


Im Folgenden wird der Versuch unternommen, anhand von 2 vorhandenen Zenith-Uhren der Typen B und 10, privaten Aufzeichnungen sowie Informationen zweier französischer Zenith-Sammler die Historie, Entwicklung, Technik, Produktionszahlen und Produktionsintervalle der Zenith-Uhren zu beleuchten.




Der Typ B

Eine Art Vorläufer der standardisierten Borduhr war die Zenith Typ B, die schon den Gehäusedurchmesser von 65 mm und die Lünettenbedienung hatte, nicht aber das später standardisierte Gehäuse.
Der Typ B ist bekannt seit Oktober 1933. Die früheste bekannte Seriennummer lautet 200269, befindet sich im Besitz eines französischen Sammlers und ist die 269‘ste Uhr der ersten Produktionsserie. Für diesen Uhrentyp wurde von Zenith ein eigener, sechsstelliger Nummernkreis kreiert, der 1933 mit der vorangestellten 20 begann und für die Typen B, 10 und die ersten Typ 20 verwendet wurde. Mit endgültigem Entscheid zur Einführung des Typ 20 wurden die Leitziffer auf 25 umgestellt.
Die Gehäusenummern und Werknummern waren bei allen drei Typen immer identisch.

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Typ B links von 1933, rechts von 1935 Foto links: Joël Duval


Bemerkenswert ist, dass bei der ersten Serie des Typ B noch Zifferblattfüße verwendet wurden, die Zenith-typisch mit seitlichen Schrauben in der Grundplatine verschraubt wurden. Später wurde darauf verzichtet und das Zifferblatt mit 4 Schrauben von vorne befestigt. Des Weiteren wurde im Typ B eine relativ klobige Stoßsicherung verbaut, auf die in den späteren Typen gänzlich verzichtet wurde.
Die sehr hohe Kappe der Stoßsicherung auf der Werkseite wirft die Frage auf, wie die die Funktion auf der Zifferblattseite gelöst wurde: Dort wurde einfach eine verlängerte Metallzunge verwendet, in deren einem Ende der Deckstein eingefasst ist und in dem anderen das Loch für die Schraube sitzt. Der Zwischenraum wurde längs ausgefräst um eine geringere Materialspannung zu erreichen, damit weniger Kraft von Nöten ist um die Stoßsicherung auszulösen.

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Foto rechts: Roland Weber

Das Basiskaliber des Typ B ist ein Taschenuhrwerk mit 19 Linien, Typ NVI mit 15 Steinen aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts mit modifiziertem Aufzug- und Zeigerstellmechanismus. Um den geänderten Anforderungen an Aufzug und Zeigerstellwerk gerecht zu werden, wurden auf die Federhausbrücke weitere Platinen aufgesetzt, die die Bauteile beinhalten, die eine Bedienung des Uhrwerks über die Lünette zulässt. Das Kronrad wurde weggelassen und der Aufzug samt Kupplung auf die Achse des Federhauskerns gesetzt. Das Werk hatte voll aufgezogen eine Gangreserve von etwa 36 Stunden.
Zum Aufziehen der Uhr wird die Lünette mehrfach nach rechts bis zum Anschlag gedreht, für die Zeigerstellung wird die Lünette gezogen, wobei das Innengehäuse ca. 2 mm aus dem äußeren Gehäuse herausgezogen wird. Das Uhrwerk das von hinten mit der mittigen Schraube, die auch den Bajonettverschluss arretiert, fest mit dem Außengehäuse verbunden ist, verändert daher seine Position nicht. Jedoch wird das Innengehäuse welches mit der Lünette verschraubt ist die besagten 2 mm herausgezogen. Auf der Innenseite des Innengehäuses sitzt ein Aufzugrad mit hohler Achse (durch welches von außen die Befestigungsschraube verläuft) das sich mit dreht, wenn die Lünette gedreht wird. Je nach Position des Innengehäuses greift dieses Rad entweder in das große Aufzugrad des Federhauses oder in das kleine Zahnrad für den Zeigerstellmechanismus.
Das Sperrrad sitzt unterhalb des Aufzugrades auf der gleichen Achse. Ein Federarm, der auf der aufgedoppelten Federhausbrücke verschraubt ist, greift zwischen den beiden Rädern von oben auf das Sperrrad und verhindert damit eine Verschiebung in axialer Richtung.

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Entgegen der bimetallischen Kompensationsunruh des Taschenuhrwerks ist in der Borduhr eine monometallische Schraubenunruh verbaut. An die Breguet Spirale wurde die Ansprüche der Selbstkompensation und des Antimagnetismus gestellt.

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Rechts Typ B monometallisch, links Taschenuhr Bi-Metall


Das Gehäuse des Typ B entsprach mit seiner Form noch nicht den Vorgaben wie sie ab etwa 1936 gestellt wurden. Zwar hatte es schon den typischen, dreischenkligen Bajonettverschluss der in entsprechende Auslassungen einer Metallplatte griff die fest mit dem Armaturenbrett verbunden war, die Uhr baute aber in ihrer Gesamthöhe auf dem Armaturenbrett auf, was bei den Folgemodellen nicht mehr der Fall war. Hintergrund des Bajonettverschluss war die schnelle Austauschbarkeit der gesamten Uhr wenn diese ausfiel oder ein Serviceintervall anstand.

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Der Gehäusedurchmesser beträgt knapp 65 mm bei einer Aufbauhöhe von 24 mm ohne den Bajonettverschluss. Für das Gehäuse wurde matt verchromtes Messing verwendet, was die Uhr zu einem Schwergewicht machte: Sie bringt 251 Gramm auf die Waage.
Der Typ B wurde von Oktober 1933 bis Oktober 1935 gebaut. Es wurden ca. 3.000 Stück in mindestens 7 Intervallen produziert.

Ab März 1936 folgten die ersten Typ 20, parallel wurde aber auch die kaum bekannte Zwischenserie Typ 10 in geringen Stückzahlen produziert.

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Foto: Joël Duval

Teilzerlegtes Werk vom Typ B mit verstärkter Sperrklinke und Sperrklinkenfeder.
Auf der Platine oben im Bild ist rechts unterhalb der Seriennummer ganz schwach die Punze des Observatoriums erkennbar. Auf der Grundplatine findt sich die Punze nochmal zwischen 4 und 5 Uhr.



Der Typ 10



Dieses Modell lässt sich ruhigen Gewissens als das „Phantom“ der Zenith-Borduhren bezeichnen. Einige Sammler wissen, dass es dieses Modell gab, auch in der Literatur wird es mal kurz erwähnt, wirklich erforscht ist es jedoch nicht. Das hängt vermutlich mit der unbekannten und offensichtlich gering produzierten Stückzahl zusammen. Eindeutig identifiziert sind bisher die Seriennummern 203637 und die vorliegende 203823, wobei trotz der geringen Differenz der Seriennummern ein ganzes Jahr zwischen den Produktionsdaten liegt. Die Uhr mit der Nummer 203637 wurde im Juni 1938 fertiggestellt, die Nummer 203823 im Juni 1939.
Ein weiterer, sehr gravierender Unterschied ist außerdem, dass die Uhr mit der niedrigen Nummer eine kleine Sekunde hat, die andere aber eine indirekte Zentralsekunde. Leider fehlt der Sekundenzeiger bei der vorliegenden Uhr, es ist aber die Sekundenzeigerwelle und das Sekundenrad vorhanden, was die Tatsache unstrittig macht, dass diese Uhr dafür vorgesehen und ausgerüstet war.

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Eine weitere Besonderheit ist das verstellbare Markierung an der Lünette, die zumindest eine grobe Zeitmessung zuließ.
Beide Uhren haben schon das standardisierte, abgestufte Außengehäuse aus Aluminium das es erlaubte, die Uhr in einem Chassis welches im Armaturenbrett eingebaut war halb versenkt einzusetzen. Die Aufbauhöhe betrug dann nur noch 14 mm anstatt der 24 mm des Typs B. Die Gehäuseabstufung führt aber bei gleichem Außendurchmesser der Lünette zwingend zu einem kleineren Werk, da der maßlimitierende Gehäuseteil der kleinere Durchmesser ist. Daher wurde hier ein 17-liniges Taschenuherwerk verbaut. Beide Maßnahmen, kleineres Werk und Leichtmetallgehäuse, führten zu einer Gewichtsreduzieruung von 80 Gramm auf dann 171 Gramm.

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Einbauchassis für die Uhr. Foto: Roland Weber

Das Werk ist abgesehen von der Größe identisch mit dem Werk des Typs B. Aufzug- und Zeigerstellmechanismus entsprechen auch noch der gleichen Bauweise. Neben dem zwangsläufigen, indirekten Sekundenrad und der bereits erwähnten, fehlenden Stoßsicherung scheint es keine Abweichungen zu geben. Und doch gibt es einen gravierenden Unterschied, der bei einer Uhr für Navigationszwecke Sinn macht: Das Werk hat eine Sekundenstoppeinrichtung, die die Unruh anhält wenn die Lünette zur Zeiteinstellung gezogen wird.

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Für den Sekundenstopp ist im inneren Gehäusedeckel am Boden ein Ring eingesetzt. Bei Ziehen der Lünette wird wie beim Typ B das Innengehäuse ein Stück nach vorn gezogen. Der Ring drück seitlich gegen eine kleine Stahlkugel, die in einem aufgedoppelten Block am äußeren Ende des Unruhklobens sitzt. Die Kugel drückt gegen ein kleines Stahlblech, an dem eine kleine Stahlzunge angenietet ist. Die Stahlzunge drückt nun seitlich gegen die laufende Unruh und bringt dadurch das Werk zum Stehen.
Umgekehrt springt beim Eindrücken der Lünette die Stahlkugel in dem Block durch den Gegendruck des Stahlblechs wieder nach außen und die Metallzunge gibt die Unruh frei.

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Unerklärlich ist, warum ausgerechnet Borduhren für Flugzeuge zum größten Teil mit kleiner Sekunde ausgerüstet wurden und nur ein Bruchteil mit Zentralsekunde. Auch bei der Firma LIP überwog der Anteil des Typs 14 mit kleiner Sekunde gegenüber dem Typ 150 mit Zentralsekunde. Von der Firma Geismar ist kein Kaliber mit Zentralsekunde bekannt.
Der Produktionszeitraum lässt sich anhand eigener Aufzeichnungen auf 1938/39 festlegen. Aus dem März 1936 ist ein Typ 20 mit der Seriennummer 203173 bekannt. (Vermutlich handelt es sich dabei um eine kleine Vorserie des Typs, da die Produktion großer Stückzahlen erst ab Juli 1939 begann) Die Nummer 203637 ist bereits ein Typ 10 aus dem Juni 1938. Dann folgt in den Aufzeichnungen die vorliegende Uhr mit der Nummer 203832 aus Juni 1939. Anhand der Seriennummern und der Zeiträume lässt sich ablesen, dass die Uhren nicht durchgehend produziert wurden und zwischen den Produktionsintervallen auch größere Zeiträume lagen.
Die nächste Uhr nach der Seriennummer 203832 ist wieder ein Typ 20, jedoch schon mit der umgestellten Leitzahl 25. Diese Uhr datiert aber auf Juli 1939 – nur einen Monat nach dem hier vorliegenden Typ 10. Die Wahrscheinlichkeit, dass von dem Typ 10 nur einige hundert Stück produziert wurden ist daher sehr hoch.
Bemerkenswert, auch der vorgestellte Typ 10 von 1939 trägt noch die Punze aus Besançon. Dies änderte sich mit dem Typ 20 und dem Kriegsausbruch im September 1939, als ganz offensichtlich exorbitant hohe Stückzahlen vom Militär gefordert wurden, die die Kapazitäten der Sternwarte schlichtweg sprengten.



Der Typ 20

Abgesehen von der Vorserie dieses Typs im März 1936, die noch eine 20 als Leitziffer hatte, startete die Massenproduktion anscheinend im Juni / Juli 1939 mit der Leitziffer 25.
Äußerlich unterschied sich der Typ 20 nur wenig vom Typ 10 mit kleiner Sekunde. Lediglich die Position der Zifferblatthalteschrauben änderten ihre Position und wurden von 4 auf 3 Stück reduziert.


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Foto: Roland Weber

Interessanter wird es beim Uhrwerk selbst: Es ist immer noch das gleiche Kaliber mit 17 Linien wie im Typ 10 bzw. Typ B als 19 liniges, aber die Form des Spiralklötzchens hatte sich geändert. Wurden bisher in allen bekannten Werken dreieckige Spiralklötzchen verbaut, waren es ab November 1939 plötzlich runde. Außerdem fanden sich in der aufgedoppelten Federhausplatine plötzlich 2 gefaste Löcher für die Sperrklinkenfederverschraubung. In früheren Werken befand sich an der Stelle eine gefräste Nut.
Der Unterschied zwischen einem runden und einem dreieckigen Spiralklötzchen mag technisch irrelevant sein, historisch ist er aber in Bezug auf die Firma Zenith von Bedeutung. Als Zenith 1923 ihre Produktionsstätte in Besançon eröffnete, wurde dort nach kurzer Zeit auf runde Spiralklötzchen umgestellt. Zumindest für Taschenuhren sind runde Spiralklötzchen in Zenith-Uhren ein sicheres Erkennungsmerkmal für eine Produktion in Besançon. Da mindestens bis Juni 1939 dreieckige Klötzchen verwendet wurden, liegt der Rückschluss nahe, dass es sich bei den Uhren von 1933 bis Juni 1939 um schweizerische Produktion handelt.
Weiterhin fehlt dem Typ 20 mit dreieckigem Spiralklötzchen aus dem Juni 39 bereits die Prüfpunze aus Besançon. Anhand der Seriennummern lässt sich nachvollziehen, dass die Produktion Mitte 39 nur langsam Fahrt aufnahm. Dennoch wurde schon auf die Prüfungen durch das Observatorium verzichtet. Dies mag kapazitive und / oder zeitliche Gründe gehabt haben. Während des Intervalls mit Fertigstellungsmonat Juni 1939 konnten maximal 1853 Stück produziert worden sein. De facto waren es aber weniger. Die genaue Zahl kann wegen mangelnder Trennschärfe zum vorherigen und nachfolgenden Produktionsintervall nicht ermittelt werden.

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Foto: Roland Weber

Im November 1939 explodierte jedoch zum ersten (und einzigen) Mal die Anzahl fertiggestellter Uhren mit geschätzten 6.000 Stück. Diese exorbitante Zahl innerhalb eines Monats entsprach in etwa der Summe aller bis dahin produzierten Uhren beginnend mit dem Typ B im Oktober 1933 über den Typ 10 bis zu den ersten Serienproduktionen des Typs 20 im Juli 1939. Der Grund hierfür ist eindeutig der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939.
Das Fertigstellungsdatum des letzten Produktionsintervalls datiert auf März 1940. Vergleichsweise mit dem vorhergehenden November wurde aber nur ein Bruchteil von einigen hundert Stück fertiggestellt.
Insgesamt wurden von allen Typen dieser Uhr knapp 12.000 Stück von Zenith produziert.

Vergessen werden darf dabei nicht, dass die Firma LIP vermutlich mindestens ebenso viele, vielleicht sogar mehr produziert hat. Auch die LIP Uhren unterlagen dem strengen Regelwerk der Observatoriums-Prüfungen und mussten durch dieses enge Nadelöhr geschleust werden. Eine der letzten produzierten LIP Uhren war ein Typ 150, Seriennummer 23069 mit indirekter Zentralsekunde und Fertigstellungsdatum Mai 1940. Ob es bei LIP eine ähnliche Systematik der Seriennummern mit vorangestellten Ziffern gab ist nicht bekannt. Ausgeschlossen dürfte aber eine fortlaufende Nummernvergabe beginnend ab Nr. 1 sein, denn dann hätten allein von den Herstellern Zenith und LIP geschätzte 35.000 Stück existieren müssen. (wobei die Zahl eventueller Ausmusterungen vor oder nach Indienststellung nicht berücksichtigt ist, weil nicht ermittelbar)
Die Armée de l’air verfügte zu Beginn des Westfeldzuges über ca. 5.000 Flugzeuge. Bei einer (extrem hoch) unterstellten Redundanz (inkl. eventueller Ausmusterungen) von zwei Uhren je Flugzeug wären das in Summe 15.000 Stück gewesen. Sicherlich rechnete Frankreich nicht damit, der Wehrmacht in kurzer Zeit zu unterliegen und fuhr daher spätestens ab September '39 seine Rüstungsproduktion hoch. Ob aber ausgerechnet Borduhren zu den priorisiert produzierten Kriegsgütern gehörten darf bezweifelt werden. Kaum vorstellbar, dass Borduhren für tausende Flugzeuge im Produktionsvorlauf gehortet wurden.

Von den Stückzahlen und Produktionszeiträumen der Firma Geismar sind keine Daten bekannt.

Borduhren mit Fertigstellungsdatum Juni 1940 sind von keinem Hersteller bekannt. Am 16. Juni wurde Besançon von deutschen Truppen besetzt.

Durch die Zerstörungen des Krieges, Ausmusterungen und sonstige Verluste existieren heute von den tausenden produzierten Uhren der drei Hersteller nur noch sehr wenige. Viele von den verbliebenen Exemplaren weisen einen hohen Verschleiß am Aufzug und Zeigerstellsystem auf. Dieses Uhrwerkprinzip wurde zumindest von Zenith auch in zivilen Uhren vor und nach dem Krieg verwendet, beispielsweise in Autouhren und Schreibtischuhren. Oft auch in Verbindung mit einem 8-Tage Werk, aber auch diese Uhren scheinen sehr anfällig zu sein. Jedenfalls ist es schwer, eine voll funktionsfähige und einwandfreie Uhr zu bekommen. Leider wurden in den zivilen Ausführungen andere Kaliber verwendet, was einen Teiletausch unmöglich macht.
Dem subjektiven Eindruck gängiger Verkaufsplattformen folgend, sind die LIP Uhren am häufigsten zu sehen, gefolgt von Zenith und weit abgeschlagen Geismar. Am seltensten sind aber die Uhren mit Zentralsekunde zu bekommen.



Zur Geschichte der Uhr Typ B, Seriennummer 201629:
Diese Uhr tauchte im Jahre 2015 bei ebay auf. Nachdem ich sie ersteigert hatte, stellte sich heraus, dass die Uhr nur wenige Kilometer von meinem Wohnort entfernt auf einem Bauernhof lag. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen die Uhr persönlich abzuholen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich mir zusätzliche Informationen erhoffte. Auf dem Bauernhof angekommen, öffnete mir der Landwirt, ein stämmiger Kerl in den Vierzigern, und übergab mir die Uhr. Er sah nicht nach einem Uhrensammler aus und auch nicht wie ein Flohmarktjäger. Nach der Herkunft und dem Grund des Verkaufs gefragt antwortete er, dass seine Mutter die Uhr wegwerfen wollte, weil sie schon jahrelang mal hier, mal da herumlag. Bevor er sie wegwirft wollte er aber versuchen sie zu verkaufen und stellte sie bei ebay ein.
Ursprünglich kam die Uhr durch seinen Großvater auf den Bauernhof, der 1940 am Frankreichfeldzug teilnahm und die Uhr dort erbeutete. Sie lag also mindestens seit Kriegsende 1945 auf dem Bauernhof und wurde nach 70 Jahren erstmals zum Verkauf angeboten.



Danksagung

Bedanken möchte ich mich bei den französischen Sammlerkollegen
Roland Weber und Joël Duval für die Erlaubnis zur Nutzung und Bearbeitung ihrer Bilder.
Außerdem bedanke ich mich bei dem Forenmitglied Ruebennase für die Überlassung einer Zenith Taschenuhr zum Abgleich der Werke.
Last but not least gilt besonderer Dank meiner Frau, die mich während meiner Recherchen mit ausreichend Kaffee und Zigaretten versorgt hat und immer ein geduldiges Ohr für meine Ausführungen hatte.



Unruhgeist


 
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