Mein Chronographenseminar in Telgte

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watchhans

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Als mittlerweile routinierter Amateur und etlichen revidierten Uhren, von einfachen Handaufzug- bis kleineren Komplikationen, wie Kalender, zweiter Zeitzone und Gangreserve, hatte ich vor dem ETA-Valjoux 7750 immer schon einen gehörigen Respekt und traute mich nicht so richtig daran.

Bevor ich an meine beiden Chronographen, eine silberne Du Bois mit dem Kaliber 7751 und einer Tissot mit einem 7750, selbst Hand anlege, buchte ich für den Oktober 2018 ein entsprechendes Seminar beim Uhrmachermeister Flüthe in Telgte.

Obwohl ich zwar schon einiges über dieses Kaliber gelesen hatte, wie z.b. die komplette Revisionsanleitung der ETA, ist eine praktische Einweisung unter fachlicher Anleitung und Unterstützung unentbehrlich.
Als netten Zusatzeffekt noch eine selbstgemachte Dekoration, wie polierte und gebläute Schraubenköpfe sowie eine Perlage und anschließender Rotvergoldung.

Da meine Tissot schon sehr lange in einer Schublade lag, ich erwarb sie als gebraucht, erfolgte sozusagen in einem Abwasch auch noch die komplette Revision.

Weil mir die Service-Historie unbekannt war, besorgte ich noch gleich ein neues Federhaus, ersetzte den zerkratzten Mineralglas-Sichtboden durch ein neues Saphirglas und tauschte die vordere Glasdichtung durch eine neu aus. Dieser Austausch wurde mir durch das sprichwörtliche Herausbröseln der alten nur noch bestätigt. Selbst die beste Dichtung zerlegt es irgendwann einmal.

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Das Seminar begann pünktlich am Samstag um 10 Uhr. Als Teilnahmebedingung setzt Herr Flüthe die Teilnahme an einem seiner Grundseminare, welche das Unitas 6498/7, bzw. das 2824-2 behandeln, voraus.

Denn ohne Grundkenntnisse dürfte das Chrono-Seminar sehr schnell in Frustration umschlagen.

So traf ich auch einen Seminarteilnehmer aus dem Jahr 2016 wieder. Wir belegten zusammen ein Unitas-Seminar.

Der Vormittag wurde für eine gründlich theoretische Einführung in die Funktionen eines ETA-Valjoux 7750 genutzt. Die Erläuterungen von Herrn Flüthe zu seiner vorbereiteten Powerpoint-Präsentation waren, wie immer, nicht nur sehr verständlich, sondern darüber hinaus entspannt und durch kleine Pausen aufgelockert.

Nach einem guten Mittagessen in einem italienischem Restaurant (im Seminarpreis enthalten), ging es dann an das Objekt der Begierde.

Man kann entweder von Herrn Flüthe einen Chronographen für dieses Seminar erwerben oder aber man bringt seinen eigenen mit.

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So verging der Nachmittag mit dem Zerlegen, was anhand einer zur Verfügung gestellten Dokumentation uns allen recht leicht von der Hand ging.

Zur Unterstützung erschien, wie bei allen Seminaren, eine weitere Uhrmacherin von Herrn Flüthe. Sie erledigte sensible Arbeiten, wie z.b. das Abnehmen der Zifferblätter und der Zeiger.

Denn ein versehentlicher Kratzer auf dem Gesicht der Uhr wäre mehr als ärgerlich.

Zudem leisteten sie und Herr Flüthe bei allen Schritten der Demontage bei aufkommenden Fragen und evtl. Problemen eine excellente Hilfestellung.

So wurde das ein oder andere Mal das Buch „der Uhrmacher UNTER dem Werktisch“ nachgespielt.

Wie gut, daß Ersatzschrauben für diesen Notfall zur Verfügung standen.

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Beim Perlieren
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Gründliches Kontrollieren der Schraubenkopfpolitur

Nachdem alle Teile fein säuberlich in Schalen vor uns lagen, ging es nun um das Polieren der sichtbaren Schraubenköpfe. Da dies auch in den anderen Seminaren erfolgt, gingen alle Teilnehmer schon recht routiniert an diese Aufgabe.

In der Zwischenzeit bereitete Herr Flüthe alles vor, um die sichtbaren Teile der Platine, Brücken und Kloben zu perlieren.

Aufgrund der zahlreichen polierten Edelstahlteile des Chronomechanismus hält sich diese Perlage in Grenzen. Lediglich die Automatikbrücke wird komplett perliert. Alles andere nur im äußeren Bereich, da der Rest abgedeckt wird.

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Beim Bläuen der Schraubenköpfe

So verging der Nachmittag viel zu schnell und gegen 18 Uhr war der erste Tag dieses Seminars zu Ende.

Wer den Abend in Telgte verbringt, den erwarten einige gute Restaurants und Gaststuben sowie für die Übernachtung gute Unterkunftsmöglichkeiten, welche aber in der Sommersaison schnell knapp werden können, da Telgte am Ems-Radweg liegt und ein beliebter Wallfahrtsort ist.

Wer sich also für ein Seminar dort entscheidet, sollte umgehend danach eine Unterkunft buchen.

Herr Flüthe verabschiedete uns nach dem ersten Tag mit dem humorvollen Hinweis, aufgrund der Komplexität am folgenden Tag, doch bitte nach dem 10. Bier besser aufzuhören.

Den Sonntag konnten wir wohl nicht erwarten, denn schon vor 10 Uhr trafen wir alle vor dem Gebäude ein.

Der sehr pünktliche Beginn war auch gut, denn am zweiten Tag rauchten doch so manche Köpfe.

Ich war mit dem Polieren einiger Schraubenköpfe noch nicht so ganz zufrieden, so musste ich dies wiederholen. Nur eine perfekt glatte, absolut makellose Politur ergibt beim Bläuen ein gutes Ergebnis.

So begann denn der zweite Tag des Seminars mit dem Bläuen der Schrauben. Herr Flüthe und seine Assistentin reinigten mittlerweile unsere am Tag vorher perlierten Werkteile und alle übrigen Teile.

Während einige Teilnehmer noch mit dem Bläuen beschäftigt waren, konnten die anderen schon mit dem Rotvergolden beginnen. Dies erfolgt durch Eintauchen in ein kleines Galvanikbad und anschließendem Spülen in klarem Wasser sowie einer sehr gründlichen Trocknung mithilfe eines kleinen Staubbläsers.

Herr Flüthe montierte danach an die rotvergoldeten Unruhkloben wieder die Stoßsicherungen sowie die Feinreglageeinrichtung und die Unruh. Dabei wird auch die Stoßsicherung wieder frisch geölt (falls es sich nicht um eine fabrikneue Uhr handelt).

Jetzt saßen wir vor den rotgold glitzernden Werkteilen, den zahlreichen blanken Chronoteilen und den gebläuten Schrauben. Und das muss wieder alles zu einem funktionierendem Kaliber zusammengebaut werden!

Leichter gesagt, alls getan. Das Basiswerk, d.h. Räderwerk, Federhaus und Aufzug stellten keine großen Probleme dar. Alsbald tickten unsere Werke wieder und warteten darauf, nach der Mittagspause vervollständigt zu werden.

Nach dem leckeren Essen, bei dem man lieber kein alkohlisches Getränk zu sich nimmt, wartete die größte Herausforderung: das Zusammensetzen des Chronographenmechanismus!

Wie gut, daß Herr Flüthe für jeden Teilnehmer eine detaillierte Anleitung für den Zusammenbau neben den Arbeitsplatz gelegt hat. So konnten wir quasi Schritt für Schritt die Teile zusammenfügen.

Dabei erhöhte sich merklich die Konzentration im Raum und es wurde stiller als vorher.

Bei Fragen oder Problemen standen Herr Flüthe und seine Uhrmacherin wieder zur Verfügung.

So montierte z.b. seine Assistentin bei mir eine sehr flugfreudige Feder. Bei der anschließenden Funktionsprüfung klappte es leider nicht so, wie es der Mechanisumus vorsieht. Also das Ganze wieder auseinander und nochmal von vorm anfangen.

Nach einem zweiten Anlauf funktionierte dann alles tadellos.

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Vorher
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Nachher
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Das Aufsetzen der Zifferblätter und der Zeiger wurde wieder von Herrn Flüthes Assistentin übernommen. Denn sehr oft passiert es, daß einmal abgenommene Chronographenzeiger anschließend zu locker sitzen. So passierte es bei einem Teilnehmer. Hier mussten die Zeigerfutter durch die Uhrmacherin leicht angepasst werden, damit diese wieder korrekt fest saßen.

Bei meiner Tissot klappte das Zeigeraufsetzen sofort einwandfrei. Offensichtlich wurden diese nach der Fabrikation noch nie abgenommen. Mittlerweile war es fast 18 Uhr, als wir unsere Werke wieder in die Gehäuse einbauen konnten und zu guter Letzt die Rückdeckel aufsetzten.

Es durchfuhr uns allen ein tiefes Durchatmen, als wir uns mit unseren Chronographen stolz für das Abschlussfoto aufstellten.

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Fazit: ein hervorragendes Seminar, bei dem man gründlich in die Funktion des ETA-Valjoux 7750 eingeführt wird und so manch einem die Scheu genommen wird, vielleicht das nächste Mal in seiner Hobbywerkstatt selbst Hand anzulegen.

Denn der von Herrn Flüthe zum Mitnehmen zur Verfügung gestelltem Aktenordner mit allen technischen Dokumentationen ist extrem hilfreich.

In diesen Unterlagen findet man Hinweise für alle Valjoux-Kaliber der Reihe 7750, auch denen für das 7751 mit einer detaillierten Montageanleitung für den Vollkalender.

Gegen 18:30 Uhr verabschiedeten wir uns alle voneinander und einige von uns werden mit Sicherheit wieder an einem Seminar von Herrn Flüthe teilnehmen.

Ich war jedesmal begeistert, wie konzentriert und doch locker, mit einer Prise Humor, Herr Flüthe die Seminare druchführt.

Er versteht es, die Uhrmacherei allen sehr nahe zu bringen und auch das hinter so manch abgegebenem Revisionsauftrag nicht alles problemlos verläuft, weil sich manch Fehler erst nach der Demontage zeigt und sich dann verständlicherweise Kosten und Auftragsdauer erhöhen können.

Und wenn man sieht, wie konzentriert Herr Flüthe allein schon im Seminar z.b. die Unruhen wieder zusammenbaut, kann man den teilweise immensen Aufwand, der hinter einer Überholung steht, leicht nachvollziehen.

Und das der Aufwand bei einem Valjoux 7750 definitiv kein Spaziergang ist, wissen jetzt auch alle Teilnehmer dieses Seminars.

Noch gut zu wissen: dieses Kaliber ist auch Teil der Uhrmacher-Meisterprüfung!
 

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Crusherle

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WoW. Das hier ist ein echt intressanter Thread. Hat Spaß gemacht zu lesen.:ok:

Vielen Dank, dass du das mit uns teilst :super:
 
MRBIG

MRBIG

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Ich bin diesbezüglich absoluter Laie, umso mehr hat mich dein Bericht fasziniert. :-)

In der Tat bekommt man ein Gespür dafür, wie kompliziert das Ineinanderfügen aller Teile einer Uhr, wie der deinen, doch ist.
 
watchhans

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Ich bin diesbezüglich absoluter Laie, umso mehr hat mich dein Bericht fasziniert. :-)

In der Tat bekommt man ein Gespür dafür, wie kompliziert das Ineinanderfügen aller Teile einer Uhr, wie der deinen, doch ist.
Vor allem das 7750 hat so einige Tücken, welche leider nicht in der ETA-Montageanleitung stehen.
Da gibt es z.b. nach dem Abnehmen der Datumplatte eine äußerst flugfreudige Feder. Das die da ist, kann man der Anleitung entnehmen, aber nicht, daß diese auch sofort ins Nirwana verschwinden kann, sobald die darüber liegende Platte abgenommen wird:shock:
Oder eine äußerst empfindliche Friktionsfeder für das Minutenzählrad. Wenn die verbiegt, ist Ende im Gelände:shock:
 
clocktime

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Chapeau - Dein Bericht hat mir sehr gut gefallen!
 
Königswelle

Königswelle

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Schon beeindruckend, wie weit man selbst als Laie unter entsprechender Anleitung kommen kann. Ich fürchte aber, dass der Uhrmacher, falls und bei dem ich mich mal zu einem Seminar anmelden sollte, fürderhin von derartigen Angeboten Abstand nehmen wird. ;-)
 
watchhans

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Schon beeindruckend, wie weit man selbst als Laie unter entsprechender Anleitung kommen kann. Ich fürchte aber, dass der Uhrmacher, falls und bei dem ich mich mal zu einem Seminar anmelden sollte, fürderhin von derartigen Angeboten Abstand nehmen wird. ;-)
Solch Seminare bietet ja auch nicht jeder Uhrmacher an. In diesem Seminar befanden sich 1 fortgeschrittener Amateur mit eigener Werkstatt und 2 fortgeschrittene Laien, sowie eine Uhrmacherin zur Vorbereitung auf ihre Meisterprüfung;-)
 
Zerospieler

Zerospieler

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Sehr interessanter Beitrag, vielen Dank fürs teilhaben lassen.
 
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