Longines - Reparatur

Diskutiere Longines - Reparatur im Uhrenwerkstatt Forum im Bereich Uhren-Forum; Hallo zusammen, ich habe vor einiger Zeit eine defekte Taschenuhr erworben und möchte Euch hier einen kleinen Reparaturbericht geben. Was war...
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Beda_81

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Hallo zusammen,

ich habe vor einiger Zeit eine defekte Taschenuhr erworben und möchte Euch hier einen kleinen Reparaturbericht geben.

Was war vor dem Kauf bekannt:
-> Uhr tickt nicht / Läuft nicht
-> Sekundenzeiger fehlt
-> Minuten- und Stundenzeiger lose
-> Kronrad: Scheibe gebrochen
-> Glas stark vergilbt und fällt raus

Hier erst einmal Details zu Uhr:

Uhrwerk:
-> Longines 18.69 (bidfun-db Archiv: Uhrwerke: Longines 18.69)
--> Seriennummer: 1419443 (zusätzlich unten auf jedem Kloben auf der unteren Seite noch 443 geprägt. Was das bedeutet weiß ich jedoch nicht. Wenn es einer weiß wäre ich dankbar wenn Er/Sie es mir mitteilen würde.)
Durchmesser Werk: 18‘‘‘ (39,8mm / 40,65mm)
Hemmung: Schweizer Ankerhemmung (mit bimetallischer Schraubenunruh)
Herstellungsjahr: 1902 (laut Mikrolisk)
Herkunftsland: Schweiz

Gehäuse:
-> Material: 875 Silber (Es ist noch eine 84 darunter, eine 24 auf der anderen Seite, und ein Punze mit einem Tiger/Hund (?) oder so. Weiß aber nicht was die drei bedeuten und konnte nichts finden. Wenn es einer weiß wäre ich dankbar wenn Er/Sie es mir mitteilen würde.)
-> Durchmesser gesamt: ca. 49mm (ohne Krone)
-> Seriennummer: 1419443
Glas: Kunststoff
Zifferblatt: Emaille
Zeiger: Poire (birnenform), gebläut

Reparatur:
So, nun beschreibe ich die meisten (wichtigen) Schritte in Bildern und was es zu tun gab um die Uhr wieder lauffähig zu machen:

1. Komplett zerlegt und gereinigt (incl. Gehäusepolitur, was ich hier nicht zeigen werde.)
2. Glas ersetzt (zeige ich auch nicht)
3. Erkannte Probleme (welche gelöst werden wollten):
-> 2 Lagersteine gebrochen
-> Kleinbodenradzapfen (durch den Steinschaden, sehr stark eingelaufen)
-> Aufzugsfeder „schwach“ (wurde erneuert, zeige ich hier nicht.)
-> Gebrochene Kronradscheibe
-> Sekundenradzapfen verbogen
-> Zifferblatt mit diesen hässlichen Wasserabzugsbilder versehen um 13-24 zu haben)
-> Sekundenzeiger fehlt
-> Minuten- und Stundenzeiger „fleckig“
…-> Zeigerreibung
4. Uhr wieder zusammengesetzt und dabei geölt und dann eingeregelt. (was ich ebenfalls nicht zeigen werde.)

So sah das gute Stück bei Ankunft aus:

1.JPG

2.JPG

3.JPG

4.JPG

5.JPG

Nun zu den Problemchen und Ihren Lösungen:

Gebrochene Lagersteine:
Wie gesagt es waren zwei Lagersteine gebrochen. Da ich (noch) keine Steinpresse besitze hat mit ein nettes Forumsmitglied die Steine ersetzt (mit seiner Horia) (DANKE Markus)

6.JPG

Kleinbodenradzapfen:
Auch hier konnte ich mit meinen mir zur Verfügung stehenden Mitteln nichts machen. Das oben genannte Forumsmitglied hat auch hier geholfen und den Zapfen auf der Zapfenrolliermaschine bestmöglich rolliert. (sah ganz schön übel aus das Ding.)

Vorher:
7.JPG

Nachher:
8.JPG

Scheibe Kronrad:
Wie auf den Fotos bereits gesehen ist die Scheibe auf dem Kronrad gebrochen. Ein nettes Forumsmitglied (nochmal der von oben) hat mir einen neuen gedreht.
Leider funktioniert die aber nicht L
Wenn ich die einbaue und die Schraube andrehe klemmt es. Vermutung Kavität in der der Schraubenkopf eintaucht nicht tief genug, und daher klemmt es.
Korrigiere ich zu gegebener Zeit noch. Kein großes Ding.

9.JPG

Sekundenradzapfen:
Der Zapfen des Sekundenrads war verbogen. Also ab aufs Nietbänkchen und mit Rückseite einer Messingpinzette war das ganze schnell wieder gerade gebogen.

Vorher:
10.JPG

Nachher:
11.JPG


Zifferblatt:
Zuerst einmal mit Wasser das hässliche Abziehbildchen entfernt ... wer hat sich das eigentlich ausgedacht … und wow … da kam ein wunderschönes Emaille-Zifferblatt in nahezu makellosem Zustand zu Tage (man vergesse nicht die gute Lady hat fast 120 Jahre aufm Buckel und hat zwei Weltkriege überlebt.) … nichts weiter zu tun außer zu reinigen.
(Sieht um Lääääängen besser aus ohne den doofen Aufdruck)

Vorher:
12.JPG

Nachher:
13.JPG

Sekundenzeiger:
Ein nettes Forumsmitglied (DANKE Jens) hat mir einen Sekundenzeiger geschenkt (weil ich angeblich Geburtstag hatte :winken: ). Der passte aber leider ned, da Loch zu klein. Hab den dann mit der Reibahle etwas aufgeweitet. Da ich dies zum ersten Mal machte natürlich gleich zuviel aufgeweitet. Ab auf die Triebnietmaschine und mit Flachpunzen wieder etwas verengt. Puhh passt, Glück gehabt.

14.JPG

Stunden- und Minutenzeiger:
Beide Zeiger waren fleckig und das blau war nicht mehr schön homogen. Was mich total gestört hat bei der schönen Uhr.
Daher … mein erster Versuch Zeiger zu bläuen.
Wie bin ich vorgegangen (natürlich vorher mit Testobjekt geübt!!)
a) Zeiger mit Gummipolieraufsatz (vom Dremel aber in Stiftenklöbchen gepannt) manuell sauber poliert.
b) Mit 4000 Schleifpapier fein poliert
c) Mit Lederfeile den Rest gegeben
d) In Waschbenzin entfettet
e) Spiritusbrenner (hab Bioethanol rein), so ein Zinngießpfännchen, Messingspäne, gutes Licht, Feuerzeug, Anlassfarbentabelle und etwas Geduld, und los geht’s …
f) Pfännchen über Flamme gehalten und etwas warten. Dauert länger als gedacht und das Teil dauernd in der Hand zu halten nervt irgendwann. Werd ich mir noch iwi ein Dreibein oder so besorgen. Was gut an dieser Methode ist es geht echt langsam und die Farben laufen nicht schnell durch, so dass man den optimalen Zeitpunkt eigentlich gar nicht verpassen kann. Bin mit dem Ergebnis jedenfalls super zufrieden. (Anmerkung: Ich habs sicherheitshalber in der Küche gemacht wegen Brandgefahr.)
g) Minutenzeigerauge wieder blank poliert

Vorher:
15.JPG

16.JPG

17.JPG

Nachher:
18.JPG
 
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Beda_81

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Naja, und da ich schon dabei war hab ich die Uhrwerksschrauben (Kloben) auch gleich gebläut ;-)
Schrauben ins Stiftenklöbchen und Kopf mit feinem (4000er) Schleifpapier poliert, entfettet (in Waschbenzin) und dann wie oben gebläut.
Fands irgendwie passender und schön, da die Unruhspirale auch gebläut ist.
Aber seht und urteilt selbst … Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden:

19.JPG

20.JPG

21.JPG
Zeigerreibung:
Dann dachte ich eigentlich ich wäre fertig (die Uhr tickte bereits wieder schön), aber beim Zusammenbau dann etwas Ernüchterung. Der Minutenzeiger war so locker dass man Ihn mit der Hand leicht drehen konnte, auch wenn Zeigerstelldrücker nicht gedrückt war. Zeigerstellen funktionierte (incl. synchron Stunde zu Minute) jedoch tadellos.
Dachte dann Zeigerloch zu groß und hab an der Triebnietmaschine mit Kugelpunzen leicht verengt. Aber, es wurde nicht besser.
Hmm, wasn hier los. Dann auch bemerkt, dass weder Minutenzeiger noch Stundenzeiger sich überhaupt bewegen trotz tickender Uhr.
Dann war ich erstmal etwas ratlos und hab mir Rat von dem bereits erwähnten Forumsmitglied geholt (wieder mal).
Es stellte sich heraus, dass wenn man Minutenzeiger manuell dreht sich die Welle mitdreht (hab vorher mit Filzstift nen Punkt gesetzt ums besser zu sehen.). Daher war klar es kann nicht am Zeigerloch liegen sondern an der gesteckten Minutenradwelle. Die hatte zuwenig Reibung zum Minutenrad.
Also Welle raus, was gar nicht so einfach war, da das Minutenrohr bombenfest saß. (Leider hab ich kein Foto von dem was jetzt kommt, da ich dafür schon drei Hände gebraucht hab und keine mehr frei hatte). Dazu Werk in die Triebnietmaschine mit Lochamboss (einen in dem Welle darin Platz hat), und von oben mit Flachpunzen drauf (Aber Vorsicht: Um die Welle nicht zu „vernieten“ zwischen Punzen und Welle den Rücken einer Messingpinzette.) Einer der Momente wo man sich 4 Hände wünscht :klatsch:
Dann, da ich keine Drehmaschine besitze, und somit keine neue Welle anfertigen kann/konnte, mit Seitenschneider ans Werk. Ziel war es zwei kleine Kerben „reinzuschlagen“ (Position siehe rote Striche) um an den Kerbenkanten einen Aufwurf zu erzeugen um so die Zeigerreibung (also Welle zu Minutenrad) zu erhöhen. Dazu Welle ca. im 45° Winkel in den Seitenschneider und dann mit dem Hammer vorne ein- zweimal draufklopfen. (Musste ich mehrmals wiederholen bis sich was tat. Wollte nicht gleich zu fest bzw Welle war härter als gedacht). (Anmerkung: Foto nur zur Anschauung. Später hat der Winkel dann gepasst.).
Hat dann letztendlich geklappt und die Zeiger ticken schön 😎

22.jpg

23.JPG

Hier nun das Endergebnis:

24.JPG

25.JPG

26.JPG



Wie immer am Ende, ich bin kein gelernter Uhrmacher und ziehe den Hut vor jedem der dies täglich (und v.a. in viel besserer Manier und Qualität als ich) macht.
Möchte auch jeden Hobbyschrauber ermutigen ... ja es ist ein anspruchsvolles Hobby und es ist Geduld und Übung gefragt … daher immer (mutig) probieren und frisch drauf los … Übung macht den Meister, und wenns mal nicht klappt, was gelernt, und beim nächsten Mal macht mans dann eben besser.
Ich für meinen Teil bin jedenfalls sehr zufrieden mit dem Ergebnis und finde das „Uhrmachern“ als Hobby mega spannend und interessant. Wobei ohne einen „erfahrenen“ Lehrmeister ich nie soweit gekommen wäre (DANKE Markus.).
Und, man hat nie das richtige/genügend Werkzeuge ;-)

Hoffe der Bericht hat Euch gefallen, und einige haben was gelernt, und ich freue mich jederzeit über konstruktive Tipps und Verbesserungsvorschläge.

Viele Grüße & schönen Abend
Peter

P.S.: Auch diese Uhr war eigentlich für den Verkauf bestimmt, aber wie schon bei der Doxa … Sie gefällt mir einfach sooo gut.
 
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mistertomcat

mistertomcat

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Großartige Arbeit... ich bewundere die Geduld... das Talent... und das Durchhaltevermögen, um so ein Projekt erfolgreich zu meistern. :super:
 
ing-liebl

ing-liebl

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Guten Morgen an alle,

ich hab wieder gerne geholfen, wo ich konnte.

Wobei mich das schon ärgert, dass die Kronradscheibe nicht gepasst hat - sorry dafür. Aber da die Uhr - so wie ich es herauslese - bei Dir bleibt, hab ich evtl. noch einen zweiten Versuch.

Beim Zifferblatt bin ich voll bei Dir, das gibt der Uhr ein viel passenderes Gesicht.

Zu den Nummern in Kloben und Brücken: die wurden meiner Meinung nach mit den letzten drei Ziffern der Seriennummer gestempelt, um sie nach dem vergolden wieder eindeutig der zugehörigen Hauptplatine zuordnen zu können.

Vor Dir Beda81 ziehe ich wieder den Hut. Du machst ständig Fortschritte und wagst Dich immer wieder an Neues.

Vor allem freut es mich, dass Du uns alle an Deinen Erfahrungen teilhaben lässt. Vielleicht kannst Du noch was zum Geraderichten des Sekundenradzapfens und zum 3-teiligen Aufbau von Minutenrad/Stift/Minutenrohr ergänzen - das kam mMn etwas zu kurz.

Gruß Markus

PS: nicht umsonst heißt es „der Beruf der 1000 Werkzeuge“!
 
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Beda_81

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Hallo zusammen,

danke für all die netten Worte und das Lob.
Danke Markus für die "Aufklärung" mit 443 ... da hätte man drauf kommen können ;-)
(Aber manchmal liegt das Offensichtliche so nah)
Und keine Sorge wegen der Kronradscheibe ... das kriegen wir auch noch hin :-)

Ja gerne noch etws ausführlicher die beiden Punkte. (War gestern schon spät und man kann nicht unendlich viele Bilder hochladen).:

Sekundenradzapfen:
Wie oben gezeigt war das Ding verbogen. Gott sei Dank aber erst ab ca. 1/3 der letzten (dünnen) Stücks. Denke wenn direkt am Ansatz hätte das mit Nietbäncken nicht funktioniert und hätte unweigerlich zum Bruch geführt.
Was ich mir gut vorstellen könnte sowas am Zapfenrollierstuhl / -maschine gerade zu richten.
Es gibt auch solche Zapfenrichtbänke bei denen der Lochdurchmesser von Stein zu Stein immer enger wird und man so den Zapfen immer leicht gerader machen kann. Besitze ich aber beides nicht.
Hier (da ich wie gesagt kein Foto habe) schematisch wie ich es gelöst habe:
4.JPG

Zeigerreibung:
Wie oben geschrieben handelt es sich um eine gesteckte Welle durchs Minutenrad. Hab die Welle auch vermessen, sie läuft leicht konisch (Am Ansatz beim Minutenrad ca. 0,05mm dicker als an der Spitze beim Minutenrohr.).
Die Welle kann ausgeschlagen werden ohne das Minutenrad oder die Brücke zu entfernen.
Ziel war es nun beim roten Pfeil die Reibung der Welle zum Rad zu erhöhen.

Inked2_LI.jpg

Inked3_LI.jpg

Inked1_LI.jpg

Viele Grüße
Peter
 
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Jupp111964

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Hallo, ich besitze eine Longines Savonette in 900er Silber die präzise läuft. Allerdings fehlt das Uhrglas und der Savonettring. Meines Wissens ist die Uhr aus Bj. 1901 hat die Nummer 1466148.
39,8/40,65 Uhrwerksdurchmesser.
Sehen Sie sich in der Lage diese Teile zu ersetzen und in diesem Zug eine Revision/ Wartung durchzuführen? Bitte um Nachricht mit Preisgrössenordnug. Werde die Uhr bringen und Abholen. Gruß Jupp Sandten [email protected]
 
undercover

undercover

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Raum Stuttgart
Eine phantastische Arbeit, das Ergebnis ist beeindruckend! Das Blatt ist ja wunderschön! Wer kam auf die Idee, das Gesicht mit dem hässlichen Aufkleber zu verschandeln?

Deine Restauration zeigt, warum unser Hobby so toll sein kann: selbst nach 120 Jahren ist solch eine Uhr noch lauffähig.
 
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Longines - Reparatur

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