Revision Labradors Werkstatt: Überholung Breitling Handaufzug mit Val 7734

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#1
Labrador

Labrador

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Um zu den gewohnten Umständen zurückzukehren, kommt jetzt wieder eine selbst gemachte Revision von mir. Die Werkstatt ist wieder ohne Staubschutzmaske betretbar und es kann wieder losgehen.

Diese Revision werde ich wieder in Echtzeit (life) zeigen - die Uhr ist also nicht weiter als ich es hier zeige. Somit seid ihr alle am Geschehen direkt beteiligt und könnt Höhen und Tiefen des Uhrmacherhandwerks miterleben.

Damit das nicht zu theoretisch wird erst einmal ein paar Fotos von der Uhr vor Beginn der Arbeiten. Es ist ein schöner klassischer Breitling Chronograf im Edelstahlgehäuse mit Handaufzugswerk (Valjoux 7734).



Und hier von der Seite. Die Lunette ist etwas abgegriffen, was aber als normale Gebrauchsspur zu werten ist.



Krone und Drücker sind original und sollen auch so bleiben.



Bevor es losgeht kurz noch ein Blick auf das Uhrwerk.



Auf den ersten Blick mag das (gegenüber einem einfachen Handaufzugswerk) verwirrend aussehen, aber ich möchte mit diesem Beitrag versuchen, die Funktionsweise etwas transparenter zu machen.

Zusätzlich zur Stoppfunktion hat diese Uhr auch noch eine Datumsschaltung. Diese wird sichtbar nachdem ich das Werk ausgebaut, die Zeiger demontiert und das Blatt abgenommen habe.



Diese Schaltung lässt sich einfach und schnell zerlegen. Danach sieht es dann so aus:



Es gibt keine exotischen oder aufwändigen Datumsschaltmechanismen - der Zahlenkranz wird einfach per Finger (sitzt unter dem Datumsschaltrad) pro 24 Stunden einmal weitergeschoben. Die Klinke mit der Arretierfeder fixiert die Stellung der Datumsscheibe, so dass die Zahl immer exakt im Fenster steht.

Danach nehme ich die Winkelhebelfeder ab.



Auch hier gibt es den normalen Standard, wie er in 98% aller Uhren zu finden ist.



Nun gehts auf der interessanten Seite der Uhr weiter. Zuerst habe ich das Herzstück der Chronoschaltung entfernt.



Hier aus der Nähe betrachtet:



Dieses Bauteil steuert sämtliche Hebel der Schaltung.

So z. B. den auf diesem Bild sichtbaren Blockierhebel, der die Aufgabe hat das Chronozentrumsrad (da sitzt der Stoppzeiger drauf) beim Stopp festzuhalten, so dass es sich nicht während der angehaltenen Stoppzeit verstellen kann.



Hier ein Bild von dem gelösten Minikloben, der den Blockierhebel lagert.



Um das etwas klarer zeigen zu können, hier der ausgebaute Blockierhebel mit dem Sternrad (in der Sternradwippe montiert). Das Sternrad ist das Rad, dass den Minutenstoppzeiger nach 60 Sek. einen Zahn weiterstellt. Hierzu hat das Chronozentrumsrad eine Nase, die in das Sternrad eingreift.



als Nächstes habe ich den Kloben, der das Chronozentrumsrad und das Minutenzählrad hält ausgebaut. Beide zentralen Chronozählräder sind nun gut sichtbar. Das rechte Rad (Minutenzählrad) wird über die zackige Feder (rechts) arretiert, so dass der Minutenzählzeiger immer auf dem Strich der Skalierung (Zifferblatt) landet.



Beide Räder lassen sich jetzt einfach aus dem Werk herausziehen. Auf der Oberseite der Räder sind die Rückstellherzen gut zu erkennen. die sind dafür verantwortlich, dass bei Nullstellung alle Zeiger wieder nach oben (auf Null) zeigen.

Das längliche Blech mit dem Auge in der Mitte ist die Friktionsfeder. Sie drückt von unten gegen das Chronozentrumsrad und bremst es dabei etwas ab. Dadurch verhindert sie ein hecktisches Umherspringen des Stoppzeigers. Ist sie zu schwach ruckelt der Zeiger ungleichmäßig.



Hier ein Bild, dass die Lage der Friktionsfeder im Werk zeigt. Ich persönlich finde, dass man das sehr schön symmetrisch gelöst hat - gefällt mir.



Bislang ging es nur um die lose mitlaufenden Teile. Damit die Chronofunktion aber auch funktioniert, muss sie mit Kraft versorgt werden. Die geschieht über das Mitnehmerrad und die Kupplung (Kupplungsrad), die beim Starten eines Stoppvorgangs hereingeschaltet wird.

Es gibt hier nur eine Schraube, die das Bauteil hält. Alle anderen sind sogenannte Exzenterschrauben, die nur der Einstellung der mechanischen Abläufe und Eingriffe der Räder untereinander dienen. Hier darf zum Zerlegen nicht dran gedreht werden!

Auf dem folgenden Bild habe ich sie gelöst.



Und so schaut die sogenannte Kupplung dann demontiert aus.



Auf dem Werk verbleibt zunächst das Mitnehmerrad. Es ist, wie bei Uhrwerken mit indirekt angetriebener Zentralsekunde, einfach auf den verlängerten Zapfen eines Rades gesteckt.



Und kann nach oben abgezogen werden. Hier liegt es schon daneben.



Von der Chronoschaltung bleiben jetzt nur noch der Nullsteller und der Schalthebel übrig. Diese beiden Teile werden direkt von den Drückern angesprochen und lösen somit den Start- Stopp- und Rückstellvorgang aus. Hier ein Foto im noch eingebauten Zustand. Auf die beiden nach unten stehenden Flächen drücken die Drücker.



Hier ausgebaut:



Wenn man dann noch die Chronoplatine (hoffe, das Teil heißt auch so...) abnehme, sieht das Werk absolut harmlos aus. Hier aber erst einmal die Platine:



Und hier die Ansicht des schon arg gestrippten Werkes.



Es ist jetzt nur noch ein harmloses drei Zeiger Werk mit Handaufzug. Nur der lange Zapfen für das Mitnehmerrad verrät den Chrono.



Für heute erst einmal bis hier. Ich habe beim Schreiben gemerkt, dass es mir nicht so leicht fällt, die Teile und deren Funktionen so zu beschreiben, dass auch jeder Interessierte ohne Uhrmacherausbildung sie womöglich versteht. Die Schaltungen sind in ihrer Funktionsweise auch recht komplex. Daher freue ich mich besonders über Fragen, die zur allgemeinen Klärung beitragen können.

Viele Grüße

Jörn (Labrador)
 
#3
BBouvier

BBouvier

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<"Diese Schaltung lässt sich einfach und schnell zerlegen.">

Mann-oh-Mann! - Labrador!!!

Das sagst (und machst) Du so einfach.
Dein Ernst??

Wagte ich dergleichen, blieben nach dem Zusammenbau
sicherlich mehr Teile übrig, als das Werk vorher überhaupt hatte.

(fast betäubt vor ehrfurchtsvoller Bewunderung)
Gruss,
BB
 
#4
Cole

Cole

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:super:
Danke für diesen informativen Beitrag, ich kann es kaum erwarten, dass es weitergeht. Sehr ausführliche Beschreibung mit tollen Detailaufnahmen. Hast Du keine Lust das in Buchform zu veröffentlichen?

Grüsse Harry
 
#5
Rostfrei

Rostfrei

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Hallo Jörn,
da bin ich ja mal gespannt, ob Du das Werk wieder zusammen bekommst ;-)
Nein, ehrlich; da hab ich keinerlei Bedenken und alles, wie üblich, klasse dokumentiert.

PS: vielleicht sehe ich es nicht richtig, aber die Friktionsfeder für das Chronozentrumsrad sieht ziemlich gerockt und an den Enden verbogen aus
 
#6
RiGa

RiGa

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Für heute erst einmal bis hier. Ich habe beim Schreiben gemerkt, dass es mir nicht so leicht fällt, die Teile und deren Funktionen so zu beschreiben, dass auch jeder Interessierte ohne Uhrmacherausbildung sie womöglich versteht. Die Schaltungen sind in ihrer Funktionsweise auch recht komplex. Daher freue ich mich besonders über Fragen, die zur allgemeinen Klärung beitragen können.
Hallo, Jörn!

Gut, daß Du mich direkt ansprichst, denn ein wenig verwirrt bin ich da schon. 8-)
Jedoch reicht es zu gezielten Fragen nicht, denn so lange Postings interessieren niemanden.

Aber ich habe da auch weder Zeit noch die richtigen Ambitionen, um so nebenbei eine Ausbildung zum Herz-Chirurgen voranzutreiben.
Was bleibt, ist ein längeres Verweilen und Betrachten Deiner sehr aussagekräftigen Erläuterungen und Bilder - und siehe da: "Ich weiß, daß ich nichts weiß". :D

Danke für Deine Mühe, uns hier immer so hautnah teilhaben zu lassen.
Das ist es unter anderem, daß Deine Beiträge so hochinteresant und auch - ich gebe es gerne zu - nachhaltig macht.

:super:

Fortsetzungsgespannten Gruß,
Richard
 
#7
Stumpy

Stumpy

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Hey Jörn,

mal wieder ein toller, informativer und gut erklärter Beitrag.
Immer wieder ein Erlebnis zusehen zu dürfen, was in so einem Werk alles drin steckt.
Ich freu mich schon, wenns weiter geht.

Vielen, vielen Dank!
 
#8
Philipp

Philipp

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Hallo Jörn,

mit Freude stelle ich fest, dass du dich in das nächste Projekt stürzt – diesmal eins, welches wieder ohne Gerüst und Leiter zu erreichen ist. ;-)
Vor den 77xx Werken habe ich wegen der vielen Funktionen mächtigen Respekt. Der Aufbau und vielen Teile und Einstellmöglichkeiten haben mich da von abgehalten, so ein Werk zu zerlegen.
Toll, das du es hier sehr anschaulich machst und mich (uns) in die „Geheimnisse“ einweihst. :super:
Bis jetzt scheint man kein spezielles Werkzeug zu benötigen oder an einer Stelle besonders aufpassen zu müssen, oder? :confused:
 
#9
Erumi

Erumi

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Hallo Jörn,
es verspricht ja wieder ein spannender Beitrag zu werden. Deine Erklärungen und Fotos sind auch für mich als Laie sehr verständlich. Hut ab vor deiner hier gezeigten Leistung.
 
Zuletzt bearbeitet:
#10
k.azz`

k.azz`

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Danke für deine erklärenden Worte zu deinen Schritten. Spannend ist es schon, wobei ich mich da wohl selbst niemals rantrauen würde...auch nicht mit toller Erläuterung.

Freu mich schon auf die Fortsetzung.
 
#11
Cookie

Cookie

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Moin Jörn,

auch von mir - wieder - ein herzliches Dankeschön, uns Laien an Deinem profunden Fachwissen teilhaben zu lassen. :super:

Wieder etwas mehr gelernt...:klatsch:

Freue mich auf mehr, dankbare Grüße,

Marcus
 
#12
Midnightowl

Midnightowl

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Hallo Jörn!

Wieder einmal hast Du es geschafft, dass ich voll stummer Bewunderung und Faszination gepaart mit andächtigem Betrachten der Bilder und Lesen deiner Beschreibungen erkenne das es noch wahre Könner gibt die ihr Wissen gerne mit Anderen teilen.
Dafür meinen ausgesprochenen Dank und die Hoffnung das es noch viele weitere Berichte aus deiner Werkstatt geben wird.

Viele Grüße

Udo
 
#14
aufallenvieren

aufallenvieren

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Ganz dicken Daumen hoch!!! Du hast dir sehr viel Mühe gegeben und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Toller Fred..
So ein Chronwerk ist schon sehr faszinierend!
Frage zur Funktion: Mir ist nicht ganz klar wie der Chronograph "getacktet" (heißt das so?) wird. Eine eigene Unruh hat der Chronometerteil nicht, das hab ich gesehen. Wo im Antriebsstrabng des Werkes wird den die Kraft zum Chronometerteil geleitet?

Ohne den Chronometerteil sieht das Werk echt harmlos aus.
 
#15
falko

falko

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Wieder eine ganz tolle und bewundernswerte Darstellung! :super:
Leider habe ich auch meine Schwierigkeiten mit der exakten Benennung der Teile, wichtig ist aber, dass man weiss, wozu sie dienen.;-)
@aufallenvieren: die Kraft für den Chronographen kommt vom Sekundenrad des "Basiswerkes", das, wie man hier sehr schön sieht, einen durch die Brücke verlängerten Zapfen hat, auf dem das Mitnehmerrad sitzt. Von dort wird die Drehung beim Einschalten des Chronographen über ein vertikal einschwenkendes Übertragungs- (Kupplungsrad) auf das fein verzahnte Chronozentrumsrad übertragen. Man kann sich deshalb denken, dass die zusätzliche Kraft zu einer Absenkung der Amplitude führen kann, besonders, wenn die Zahneingriffe über die Exzenter nicht exakt eingestellt sind.
 
#16
rvboelken

rvboelken

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Ich sehe meine Chronos jetzt schon ganz anders... :shock: :-D

Supertoller Thread, astrein! Macht riesig Spaß mitzulesen und ansatzweise nachzuvollziehen, wie ein Chrono so geht.
Auch Deinen Erläuterungen sei herzlich gedankt, sonst wüßte ich nicht was ein Chronozentrumsrad ist und das es eine Nase hat. :super:

Ich freue mich, und warte zappelig, auf die Fortsetzung!

Grüße, RvB. :-)
 
#17
Paul Kawka

Paul Kawka

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Danke, wie imme eine Klasse für sich in diesem Forum!
 
#18
pretium intus

pretium intus

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Hallole,
ist ja schon dolle, was du hier wieder uns zeigst:klatsch:
Bin ´mal gespannt wie´s weitergeht.....
Frage:
Da das Werk sehr ähnlich ist; könnte man den Bericht auch für ein Poljot 3133 verwenden?
Grüßle

Hans
 
#20
Rocketman

Rocketman

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Hallo Jörn!
Al hat schon genau das geschrieben, was ich dir auch mitteilen wollte.
Endlich ein Bericht über einen Chrono, dazu noch in deiner wunderbar erklärenden Art und Weise geschrieben.

Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich über diesen Beitrag freue.
DANKE!
 
Thema:

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