KUNDO Electronic-Baustelle fertig gestellt

Diskutiere KUNDO Electronic-Baustelle fertig gestellt im Sonstige Uhren Forum im Bereich Uhrentypen; Ja, eine wahre Baustelle ist da auf meinem Tisch gelandet. Ich bin mir noch immer nicht ganz klar darüber, ob das nicht ein Blechschlosser war...

Der Stromer

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Ja, eine wahre Baustelle ist da auf meinem Tisch gelandet.

Ich bin mir noch immer nicht ganz klar darüber, ob das nicht ein Blechschlosser war, der sich als Reparateur einer Elektronischen Magnetpendeluhr versucht hat.

0225-Wo-rohe-Kraefte.JPG

Na gut. Fangen wir von vorne an:
Spule zerlegt. Ist ja nicht schlimm, besonders, wenn die kaputt ist. Aber mit Hammer und Meißel und Schraubendreher das Spulengehäuse öffnen und dann nicht wissen, was man wo messen kann? Dann lieber die Finger weg lassen. Ist meine Meinung!
Na gut. Ist geschehen. Aber das dabei, weil durch Faulheit falsch demontiert, auch gleich die Pendelfeder zu Bruch gehen muss...

0227-Pendelfeder.JPG

Aber von Vorne.
Diese Magnetpendeluhr wird durch eine Doppelspule und einem PNP-Ge Transistor angetrieben. Zusammen mit dem Löschwiderstand stecken diese drei Bauteile IN dem Spulenkörper. Die Doppelspule besteht aus der Sensorspule - untere Spule mit ca. 5000 Windungen 0,068mm CuL. Die Spule hat ca. 1700 Ohm und ist schlecht zu messen, weil der Transistor mit Basis und Emitter parallel zur Spule geschaltet ist. Den Ohmschen Widerstand kann man also nur richtig messen, wenn mindestens ein Beinchen des OC71 abgeklemmt ist.
Bei der Arbeitsspule ist das schon einfacher. Das ist die obere Wicklung. ca. 3600 Windungen 0,068 CuL, ca 1700 Ohm. Hier liegt nur der Löschwiderstand von 5,1 kOhm parallel. Wenn man also hier beim Messen eine Anzeige von 5 kOhm bekommt, ist die Spule kaputt. Das sollte man wissen und möglichst VOR dem Zerlegen mit brachialer Gewalt eruiert haben, um sich Schäden und unnütze Arbeit zu ersparen. Meine Meinung!

Geht dann so eine Spule überhaupt kaputt? Betriebsspannung sind max. 1,5 Volt. Der Strom durch diese Spule (die Arbeitsspule) beträgt also Maximal 0,9375 mA. Wenn man jetzt noch davon ausgeht, dass der Transistor ca. 0,2 Volt Sperrspannung hat und die Batterie auch schon ein paar Tage in der Uhr steckt und der Schaltimpuls so um die 6 ms dauert, bleiben wohl gerade mal so um die 60 - 75 µA übrig. Da wird nichts warm oder brennt durch! Aber trotzdem kommt es vor, dass die eine oder andere Spule keinen Durchgang hat und die Uhr zur Standuhr wird. Der Grund liegt in der Zeit, in der diese Spulen gefertigt wurden und welche (Löt)Mittel verwendet wurden. Es waren Säurehaltige Lötzinne, die in den 56 - 70gern verwendet werden mussten, die Säure freien kamen erst später auf den Markt. Und wenn jetzt noch im Akkord beim Hersteller der Spulen (die hat Kieninger & Obergfell nicht selber produziert) gepfuscht wurde und Spritzer des Lötmittels auf die Spule kamen, nimmt das Unheil seinen Lauf. In den nächsten Jahrzehnten - ja, es sind wirklich so um die 50 Jahre - frisst sich die Säure in Verbindung mit der Luftfeuchtigkeit durch den Lack und dann durch den nun ungeschützten Kupferdraht. Der Schaden ist von außen nicht sichtbar, er versteckt sich unter Kupferdraht und Isolation und hat noch dazu die Gemeinheit, nur sporadisch (anfangs wenigstens) seine Machenschaften zu zeigen: Das Pendel Pendelt nicht mehr. So nach der 5ten oder auch 10. Batterie kommt die Uhr in den Keller oder so. Und eben irgendwann bei einem Blechschneider oder - mit viel Glück für die Uhr - bei mir auf dem Tisch.

Der geneigte Leser hier merkt es schon: Es bleibt eigentlich nur ein Weg, der Uhr wieder Leben ein zu hauchen: Eine neue Spule. Wie kommt man denn zu so einer Spule? Kieninger anrufen und sagen "...bitte schicken Sie mir..." ist hoffnungslos. KUNDO gibt es nicht mehr und auch Boley oder Flume haben solche Ersatzteile nicht mehr. Aber ich... Ich kann die Spulen neu wickeln! Es gibt nun auch Experten, die wickeln solchen Draht mit dem Dremel auf die Spule. 0,068 mm? Schon mal versucht? und dann 5000 Windungen? Und anschließend noch die Bauteile IN der Spule verlöten und in das Gehäuse bringen?

Zur Uhr.
Also, das mit der Spule war sehr schnell klar, wenn man richtig die Messspitzen ansetzt. Hier war die Arbeitsspule unterbrochen. Das mit dem Abwickeln vom CuL habe ich mir nach den ersten Versuchen um 2005 herum abgeschminkt. Teilweise sind die Lagen so verklebt, dass der Draht nicht ohne Reißen runter geht. Also Cutter her und runter Schneiden.

0226-Reste-der-Spulen.JPG

Das neu wickeln macht dann mein Spulenwickelei fast von alleine. Nur Löten und Verdrahten muss ich noch. Dann kann mit viel Gefühl die entbeulten Blechteile des Spulengehäuses wieder zusammen gesetzt werden und wie es war, verbördelt werden. Leider geht das nicht ohne Spuren ab, aber die sind so, dass man sie kaum sieht. Ich gebe mir da große Mühe.
Also, die Spule ist wieder ok. Nun das kleine Werk zerlegen, denn hier hatte - wie hätte man es erwarten können - jemand mit Sprühen versucht. Aber das Zeugs war wirklich hartnäckig. 25 Minuten bei 65°C im US-Bad und der Rest musste dann noch mit Mellerud geputzt werden. WD40 und Konsorten haben im Alter diese Wirkungen.

0228-Halter-mit-Werk.JPG

Nach der Montage des Werkes und vorsichtiger Ölung (NIEMALS die Fortschaltklinke und das Fortschaltrad Ölen!!!) ging es an den Zusammenbau. Ach, beinahe vergessen: Die Pendelfeder! Das war ein Stück Draht, damit das Pendel nicht herunter fällt, wurde auch ersetzt.

0229-Igitt.JPG
Ungereinigt und grün

0234-Frisch-aus-dem-Bade.JPG
Frisch aus dem Bade, vor dem Legen.

0232-Abgebrochen.JPG
Das nächste Problem: Mein Vorreparateur hat den Vorsteckstift einfach plan zur Welle gefeilt und den Rest bei der Montage einfach geklebt.
Ich durfte dann die Reste aus der Zeigerwelle heraus Puhlen. Möge ihm die Feile in den Daumen stechen und stecken bleiben!

0230-Ausgebeult.JPG
Etwas wird man immer sehen...

0231-neu-gewickelt.JPG
Die neu gewickelte Spule und der Magnet


Hier der Test, ob die Spule auch in Ordnung ist:
0235-Es-bewegt-sich-wieder.JPG

Und nun? Batterie rein und sofort fing das Pendel an zu pendeln. nach wenigen Sekunden griff dann die Fortschaltklinke. Prüfender Blick auf die Höhe, ein wenig den Eingriff nachjustiert - muss immer nach Ersatz der Pendelfeder gemacht werden - noch mit dem Polierlappen das Gehäuse aufgefrischt und schon zeigt auch diese Uhr wieder zuverlässig die Zeit.

0237-Fertig.JPG
...und so wird sie nun wieder für einige Jahrzehnte die Zeit zeigen. Hoffe ich...
 

Oelfeld

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Och, da gehts eher um die Stromgeschichten und Details, die zum Genuss deiner Beschreibung nicht unbedingt verstanden werden müssen!
 

trüffel

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Schöne Beschreibung... :super: :klatsch:
Hab auch so eine Kundo stehen, das stehen ist auch wörtlich gemeint, hatte die am Flohmarkt gekauft, sie bewegt sich auch, ich bringe das Ührchen aber nicht dazu, einigermaßen genau zu gehen. Mal sind es nach Verstellung vom Pendel 30 Min, dann gleich wieder 2 Stunden
am Tag.
 

Der Stromer

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Dann schau einfach mal ins kleine Werklein. Ist bestimmt total verölt. Und das mag z.B. die Fortschaltklinke überhaupt nicht. Auch darf die Klinke immer nur EINEN Zahn schalten. Zwei oder auch nur 1 1/2 sind nicht gut.
 

Ruebekarl

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Wieder mal eine fachkundig-schöne Rettung einer tollen Uhr! Gibt es sowas eigentlich auch in verchromt, oder nur in Gold? Nicht, dass ich noch eine Uhr bräuchte, aber ich finde die wirklich cool vom Design her!
 

Der Stromer

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So weit ich weiß, gibt es diese Uhren nur in Messing, nicht verchromt. Unterschiede allerdings mit heller Lünette und 3 Werk-Versionen, unter Anderen z.B. ein Werk, dass nur an der Frontscheibe "in der Luft hängt", so in der Art einer Mysteriös.

...und was hältst Du von der hier?
0168-Futuristisches-Design.jpg
 
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