Klare Kante: Roamer-Taschenuhr im geometrischen Art Deco-Stil /Bauhaus, ca 1940 (MST 293)

Diskutiere Klare Kante: Roamer-Taschenuhr im geometrischen Art Deco-Stil /Bauhaus, ca 1940 (MST 293) im Taschenuhren Forum im Bereich Vintage-Uhren; "Roamer" ist eine Schweizer Marke mit gutem Klang, bekannt vor allem bei Sammlern von Armbanduhren. Die 1888 gegründete Firma, in Solothurn...
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"Roamer" ist eine Schweizer Marke mit gutem Klang, bekannt vor allem bei Sammlern von Armbanduhren. Die 1888 gegründete Firma, in Solothurn ansässig, stellte ab 1905 eigene Uhrwerkkaliber her und firmierte zunächst als "Meyer & Stüdeli", benannt nach dem Gründer, Fritz Meyer und seinem Partner Johann Stüdeli. Vom ursprünglichen Firmennamen leitet sich auch die Abkürzung MST ab, die alle - auch die späteren- Werke in ihrer Kaliberbezeichnung tragen. Ab 1923 werden auch Uhrengehäuse und ab 1940 Zifferblätter selbst hergestellt.
Meyer & Stüdeli hatten mehrere eingetragene Marken, die Hauptmarke "Roamer" wurde ab 1952 auch als Name der Firma übernommen, die von da an "Roamer Watch Co. SA" hiess.
Die Quarzkrise führte in den siebziger Jahren fast zum Verschwinden von "Roamer". Es wurden hunderte Mitarbeiter entlassen und 1975 war es vorbei mit der Firma. Es kam zum Nachlass, aus dem ein langjähriger Mitarbeiter, Marcel Leval, die Marke "Roamer" herauskaufte und weiterhin Uhren aus Fremdkomponenten herstellte. Als Werkhersteller war MST, bzw. "Roamer" ab 1975 nicht mehr existent. Die Marke wurde in den letzten Jahren mit neuem Kapital wiederbelebt. Die heutige Marke "Roamer" hat aber mit der Firma "Meyer & Stüdeli" nichts mehr zu tun.

Sehr kurzer Abriss der Fimengeschichte:
Roamer/de

Leider schöngefärbte, zum Teil detailliertere Fimengeschichte, aber unter völliger Auslassung der Vorgänge in den '70er Jahren. Statt dessen wird der Eindruck von Kontinuität vermittelt:
Historie

Bericht der Solothurner Zeitung von 2013, darin auch die '70er Jahre kurz beleuchtet:
Neu belebte Tradition: Die Solothurner Uhrenmarke Roamer wird 125 Jahre alt - Solothurn Stadt - Solothurn - Solothurner Zeitung

Doch nun endlich zu der Uhr, die ich da habe:

Diese Taschenuhr ist mir in den letzten Jahren zweimal über den Weg gelaufen. Das ungewöhnliche Gehäuse, mit anderen Zifferblattvarianten, noch etwas häufiger. Beim ersten Mal wurde sie in Australien angeboten und ich zog in der Auktion den Kürzeren. Beim zweiten Mal war das Interesse geringer. Sie wurde defekt als Posten in einem Massenverkauf in Kanada angeboten. So stellte ich also mitten in der Nacht den Wecker und ersteigerte die Uhr.
Als ich sie hatte, stellte sich schnell heraus, dass sie nur trocken, verdreckt und verharzt war. Deshalb musste sie mich gleich wieder vorübergehend verlassen und bekam eine Werksrevision vom Uhrmacher.

Nun, da sie wieder prima funktioniert, hat sie eine kleine Vorstellung verdient, finde ich. So sieht sie aus:

Bild1.png

Bild2.png

Die Uhr ist durch ihr strenges, reduziertes Art-Deco-Design interessant. Auf dem matt sibernen Zifferblatt sind die geraden Stunden durch kleine, einfache arabische Zahlen dargestellt, die ungeraden durch Strichindices. Der Stundenkreis ist von der Scheibenmitte durch eine dünne Linie abgetrennt, weiter aussen ist der Minutenindex glänzend abgesetzt und ebenfalls durch zwei dünne schwarze Linien begrenzt. Sie ist unterhalb der Zwölf als "Roamer de Luxe" bezeichnet, ausserdem steht über dem Sekundenzifferblatt, das mit Indexstrichen ohne Zahlen ausgeführt ist "Swiss Made". Das Sekundenzifferblatt ist vertieft und fein gerillt.
Die gebläuten Zeiger sind lanzetten- bzw. blattförmig und skelettiert (Lancette / Feuille Squelette).

Die Uhr wird durch ihr auffallendes und ungewöhnliches Gehäuse zu einer Schönheit. Für mich ist das die Essenz des reduzierten Art-Deco-Stils der späten '30er und frühen 40er Jahre, der bei den Armbanduhren auch die rechteckigen Tank- und Curvexformen und in der Architektur beispielsweise das Empire State Building in New York hervorbrachte.

Bild3.png

Es gibt an dem ganzen Gehäuse keine Abrundungen, sondern alle Flächen sind eben und durch Kanten abgesetzt. Die Uhr ist halslos. Der eckige Bügel ist auf seiner Aussenseite durch Schrauben mit dem Gehäuse verbunden. Die Krone ist flach. Der vordere und hintere Deckel steigen am Rand in drei rechtwinklig abgesetzten Stufen an. Der mittlere Gehäuseteil hat jederseits weitere zwei Stufen.
Die Uhr trägt ein schwach gewölbtes Mineralglas, das mit seinem Rand den Glasrand gleich hoch wie die Stufen des Deckels überragt.

Bild4.png

Beide Deckel sind Press- bzw. Sprengdeckel. Das Gehäuse hat auf der Rückseite an einer Stelle leider Öffnungsspuren. Der Rückendeckel zeigt ein geometrisches Motiv aus parallelen Linien und Bändern, sowie eine rechteckige Kartusche für ein Monogamm (nicht genutzt).
Er ist auf der Innenseite beschriftet mit "Chromium Plated Nickel / Swiss Made / 2019 12". Ob das Gehäuse von MST stammt oder nicht, geht daraus nicht hervor.

Bild5.png

Bild6.png

Das schöne, silberfarbene Werk, ein MST 293, ist vernickelt oder rhodiniert. Die Brücken und Kloben haben einen Streifenschliff. Es gibt eine monometallische Schraubenunruh mit Flachspirale und 15 Rubis. Die hinteren Lagersteine von Ankerrad, Sekundenrad und Kleinbodenrad sitzen in auffällig grossen gepressten Chatons. Ein schönes Detail des besonders hübschen Kalibers ist das in einem Ausschnitt der Federhausbrücke teilweise sichtbare Federhaus. Auf dem Sperrad sind "Roamer" und drei Sterne eingraviert.

Bild7.png

Auf der Federhausbrücke steht auf der einen Seite "Swiss Made / 15 Jewels" und auf der anderen Seite, sehr klein " 3 Adj" (3 Adjustments).

http://www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&MST_293

http://mirius.co.uk/Calibre.htm?293,MST

Die Uhr hat einen Durchmesser von 44 mm und eine Dicke von 10 mm.
Sie steht nun gerade im Taschenuhrständer auf meinem Nachttisch und erfreut mich mit ihrem schönen Anblick. Vielleicht trifft sie ja auch euren Geschmack...
So, nun habe ich wieder viel länger gebraucht, als ich eigentlich dachte. Nun ist mal langsam Feierabend angesagt und das Bett ruft...

Gruss Andi
 
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MrAnchovi

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Hihi...Erster...

Durch ihre zeittypische Form und die Erhaltung ein besonders schönes Exemplar, dass bestimmt auch für den Roamer Owners Club qualifiziert.

Die kantige Form, zumindest des Kronenschutzes, wurde offensichtlich bis weit in die 40er Jahre hinein verwendet, siehe z.B. hier (Serviced 1948 Westclox Pocket Ben Dollar Pocket Watch | eBay) an einem Exemplar von 1948.

So eine Westclox-Dollaruhr ist natürlich technisch mit Deiner "steinreichen" Luxusuhr nicht zu vergleichen ;-)
 
andi2

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Hallo @Mr. Anchovi,

genau dieses Modell von Westclox habe ich auch in der Sammlung, wie du schon sagst, eine sehr einfache Stiftankeruhr - aber mit hübschem Design. Es gab sie auch mit schwarzem Zifferblatt und Leuchtmasse (Radium-Dial). Und du hast recht. Die Halslosigkeit und eckige Bügelform ist nicht geeignet, um das Alter der Uhr eng einzugrenzen. Ich habe das bei der Roamer auch nur aufgrund des Designs und der Angaben bei anderen Uhren mit dem MST 293 geschätzt. Vielleicht kann einer der Roamer-Spezialisten noch etwas Schlaues dazu sagen, vielleicht kann die Nummer im Deckel helfen etc...
Der Pocket Ben wurde so seit den mittleren '40er Jahren bis zum Ende der '50er gebaut.
Wenn man einmal die Frackuhren von Alex ("Scholle) durchsieht, die überwiegend aus den '60er Jahren stammen, findet man auch dort z.T. ganz ähnliche Bügelformen ("Neo-Art Deco"). Vielleicht hat er ja sogar ein Beispiel dafür, wenn er diesen Thread sieht. Er war es auch, der mir einen günstigen Uhrmacher in seiner Gegend vermittelte.

Ich würde das etwa so zusammenfassen:
Im Art Deco, wohl in den '20er Jahren, entstand die halslose Taschenuhr, die Krone liegt nicht über, sondern neben dem Gelenk des Bügels. Das Pendant wurde oft breit und eckig. Es gab eine grosse Formenvielfalt der Gehäuse, die vorher eher einheitlich aussahen. In den '30er Jahren waren Gehäuse und Bügel oft über und über mit Zierreliefs bedeckt. Gegen Ende der '30er kam ein reduzierter, geometrischer Stil auf.

Hier mal noch ein anderes Beispiel in meiner Sammlung, eine Bertmar (Cyma 929a) im sogenannten Railroad-Stil, die mir besonders am Herzen liegt:
https://uhrforum.de/meine-liebste-taschenuhr-bertmar-im-railroad-stil-der-usa-aus-den-art-deco-t146350

Und hier eine Waltham mit sehr ungewöhnlichem Formgehäuse (die Amerikaner liebten so etwas):
https://uhrforum.de/waltham-tu-im-art-deco-formgehaeuse-von-1931-mit-waltham-grade-225-a-t223303

Der Clou beim Gehäuse der Roamer, neben den Stufen, ist sicher, dass der Bügel mit der Aussenseite innen am Pendant angeschlagen wurde. Das sieht abgefahren aus und der Bügel wurde deshalb angeschraubt, wodurch man immer etwas anziehen kann, falls er anfängt, locker zu werden...

Diese Rodana stammt wohl aus der gleichen Zeit und ist ein anderes Beispiel für den reduzierten geometrischen Stil ("Bauhaus"). Es ist weniger das Gehäuse auffallend, dafür aber Zifferblatt und Zeiger und vor allem das Werk (AS 1054, die Kalibernummer im Threadtitel ist falsch):
https://uhrforum.de/bauhaus-extrem-rodana-mit-geometrisch-gestaltetem-werk-as-1052-1940er-t153207

Gruss Andi
 
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Danke Alex!
Wenn sie dir gefällt ist es besonders cool, du hast sie ja schon in echt gesehen. Und danke auch nochmal für die Vermittlung des Uhrmachers!
Zum Thema "minimalistischer Stil" bzw. "Bauhaus" könntest du ja Dutzende zeigen, das war ja bei den Frackuhren ein häufiges Thema...
Hast du da auch eine, wo der Bügel innen am Pendant angeschlagen ist?
Gruss Andi
 
Scholle

Scholle

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Ja,aber nicht aus der Zeit etwas später.
 
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Klare Kante: Roamer-Taschenuhr im geometrischen Art Deco-Stil /Bauhaus, ca 1940 (MST 293)

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