Kienzle mechanische Weltzeituhr

Diskutiere Kienzle mechanische Weltzeituhr im Sonstige Uhren Forum im Bereich Uhrentypen; Da hat er also wieder Zugeschlagen, der Sprachfehler :motz:. Ich bekomme ne Mail mit der Frage "trauen Sie sich zu, die Weltzeituhr von Kienzle...
Der Stromer

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Da hat er also wieder Zugeschlagen, der Sprachfehler :motz:.
Ich bekomme ne Mail mit der Frage "trauen Sie sich zu, die Weltzeituhr von Kienzle wieder zum Laufen zu bringen..." Zu Schnell ja gesagt.

Das Paket, dass dann angekommen ist, war ja ganz in Ordnung. Aber der Inhalt. Eigentlich hatte ich den Karton schon wieder zu und die Mail an den Besitzer - recht unfreundlich formuliert - auf dem Weg, als mich der Besitzer anrief und mich ganz eindringlich bat, wenn ich könnte, mich doch dieser Uhr annehmen. Überredet.

Bestandsaufnahme ergab:
Das Messing sah schrecklich aus. Ich glaube, ich bin grün im Gesicht geworden. Aber mit Handschuhen konnte man das Teil aus dem Karton heraus holen. Kienzle Weltzeituhr ca. 1938 herum. Das Werk hat das Kaliber 413 / 5a. Die gewölbte Scheibe war in Ordnung, das war auch so das Einzige.
Die gebrochene Zugfeder war im Plastikbeutel dabei, eben so die Römische Ziffer VI und noch ein Teil. Auf einem Zettel stand: Unruhwelle gebrochen.

0124-Weltuhr-ohne-Zeit.jpg

Hm. Wer keine Arbeit hat, der sucht sich welche!

Als Erstes erstmal das Gehäuse versucht zu öffnen. Die Verschlüsse auf der Rückseite ließen sich nur oben öffnen. Unten, 3 Stück, waren auch mit sanfter Gewalt nicht bereit, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen, was mich dann zur Frage brachte, wie mein Vorreparateur das geschafft hatte, denn er musste ja irgendwie an die gebrochene Zugfeder gekommen sein!? Ich weiß es bis heute nicht!

Na gut. Rostlöser und Wärme haben die Verschlüsse dann doch überredet.

Das Ziffernblatt war nur noch mit 2 Schrauben 1mm am Rückblech befestigt. Eine Fehlte komplett und die andere steckt im Gewinde. 2 von den Pfeilern, die das Ziffernblatt hielten, waren abgeknickt und wenn man weiß, wie Messing auf solche Behandlung reagiert... Klaro - Knack und Ab!

Aber die Weltzeitscheibe war in Ordnung und so lag dann das Werk vor mir. Die drei Schrauben, die es hielten, gingen erstaunlicher Weise sehr leicht ab, als ob Jemand vergessen hat, sie an zu ziehen.

0126-Werl-zerlegt.jpg

0127-Kienzle-Werk-413-5a.jpg

0127-Zapfen-ab.jpg

Auch am Werk waren alle Schrauben lose. Die Unruhe hing an der Spirale im Werk, der Zapfen - 0,3 mm - klebte im Steinlager.

So. Also mal wieder durch nicht Maul halten Arbeit auf den Tisch geladen, die eigentlich niemand braucht. Als Messingschrott hätte die Uhr wenigstens noch 5 - 10 Euronen gebracht, bei dem Gewicht! 2,8 kg Totgewicht!

Na gut. Erstmal eruiert, was ich für Ersatzteile und so ausgeben müsste und ob ich überhaupt noch die Unruhwelle für das Kaliber 413 bekommen könnte. In der Bucht gab es dann Jemanden, der Bot Unruhwellen für Kienzle an. Geschaut, abgenickt, bestellt, bezahlt und dann "Tut mir Leid, das Teil habe ich nicht". Na ja, die Rücküberweisung war dann wenigstens Prompt erledigt. Im Uhrforum eine Suche initiiert, keine Antwort. Aber dann, es wird eine komplette Küchenuhr mit Holländischem Teller als Ziffernblatt angeboten, allerdings nicht gerade günstig. Ein Verhandlungsversuch scheiterte, also diese Uhr erworben.

Jetzt erst lohnte es sich, die Aufarbeitung auch wirklich in Angriff zu nehmen. Und dann sträubt sich der Fuß vom Gehäuse, seine beiden M5 - Schrauben bewegen zu lassen:angry;. Hier half dann nur noch brachiale Gewalt in Form eines Schlagschraubers. Mit dem haben sich dann die vollkommen verrosteten Schrauben lösen lassen. Die Uhr muss mal mit dem Fuß im Wasser gestanden haben!

Nun ja. Der zweite Absatz dieser kleinen Niederschrift rückte wieder in greifbare Nähe! So was habe ich wirklich noch nicht gesehen. Aber wer "A" sagt, oder so...

Der Rest ist Handarbeit mit Muskelkater und Geduld.

0144-Das-Werk-413-5a.jpg
Werk zerlegt, im Vordergrund die defekte Unruhe.

0151-Sauber-mit-neuer-Feder.jpg
Saubere Teile und die Gangfeder ist schon auf dem Kern.

0166-Neue-Baugruppe.jpg
Im Vordergrund der etwas längere Hebel, der direkt mit dem Rückerschlüssel verbunden ist. Bei diesem Werk kann übrigens der Abfall nur durch Umstecken der Spirale geändert werden. Hier hat zum Glück alles gestimmt: 0,3ms Abfallfehler.



0143-Das-Gehauese-sauber.jpg
Das war wirklich viel Handarbeit. Zwei der kleinen Pfeiler, die das Ziffernblatt tragen, mussten noch neu befestigt werden: Loch in den Pfeiler bohren, Gewinde schneiden und einsetzen.

0171-Justage-und-Test.jpg
Der Testlauf ohne Gehäuse, damit man (ich) noch an den Rückerhebel dran kommt.

0181-Auch-vin-hinten-ansehn.jpg
Die Rückseite. Zum Glück habe ich keine Bilder vor Urzustand gemacht :schock:.

Die neue Gangfeder eingesetzt und am Pfeiler eingehakt. Ein bisschen Nachdenken war bei der Stellung für mich erforderlich, ich wusste zwar, wie das funktionieren soll, aber Theorie und Praxis... zumal, wenn man die Seiten verwechselt :lol::shock:.

Zum Glück war die neue gebrauchte Unruhe noch nicht drin und so konnte ich ausgiebig die Funktion einer solchen Stellung studieren. Man lernt ja nie aus. Jetzt ist sie mit 1 1/2 Schlüsseldrehungen vorgespannt und an Ende sind es noch 4 halbe Schlüsselumdrehungen. Sollte funktionieren.
Besonderes Augenmerk ist der Zeigerreibung zu widmen: Das Minutenrad hat eine Hohlwelle und in der steckt die Zeigerwelle. Auf der Ziffernblatt-Seite das Trieb zum Wechselrad begrenzt den Anschlag und auf der Rückseite eine Unterlegscheibe, eine Druckfeder mir 1, 5 Windungen, eine Topfscheibe, ein durchbohrter Vierkant und ganz oben drauf eine Sechskantmutter M2. Mit dieser Mutter lässt sich die Reibung perfekt einstellen und durch den Zeigesteller, der auf den Vierkant geschoben wird, ist auch diese Mutter gegen Lösen gesichert.

Für mich problematisch war dann noch die Feinjustage. Da das Werk auf der hinteren Gehäuseplatte angeschraubt war, kann man (ich) nur mir einem langen Holzstab hinter das Ziffernblatt an der Unruhe vorbei den Rückerhebel grob verstellen. Die Feinjustage geht natürlich auch von hinten durchs "Hintertürl", aber da kann dann nur im Minutenbereich pro 24 h geregelt werden. Und so lange die Grobjustage nicht fein genug war, blieb Gehäuse und Uhr noch getrennt.

Nun gut. Letztendlich doch wieder 2,8 Kg Messing vorm Schrott gerettet und einen Menschen (so hoffe ich wenigstens) glücklich gemacht.

0180-Fast-wie-Neu.jpg

Ps.: Der Rost zwischen 6 und 7 wollte partout nicht ab gehen. Und so habe ich ihm seinen Willen gelassen...
 

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Tolle Arbeit! Und schön dokumentiert. Aber um dem Laien mitzuteilen, was da wirklich dranhängt, solltest Du in einem Nebensatz mal erwähnen, wieviel Zeit das in Anspruch genommen hat.

:super:
 
Der Stromer

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Na ja, da ich solche "Leichen" nur in die Hand nehme, wenn die bei einem Uhrmacher keine Chance mehr bekommen haben, spielt eigentlich die Zeit keine besondere Rolle. Genau genommen stand diese Uhr 4 1/2 Monat bei mir herum. Die Beschaffung der Unruhe (oder Welle, etc.) war das eigentliche Problem. Denn ohne dieses Ersatzteil hätte jede andere Arbeit keinen Sinn gemacht.

Und ganz Ehrlich: Das Polieren hat ca. 3 Tage gebraucht. Ich glaube, das Messing ist jetzt mindestens um 1 mm dünner!
 
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Na, ich weiß das schon. Ich frag' mich immer, ob das die "kannste-nicht-mal-gucken-" oder Kaffekassenfraktion auch weiß. Ich für meinen Teil sitze gern über meinen Tisch- und Buffetuhren (manchmal auch Kuckucke, aber die können eklig sein) und genieße es, wenn die Zeit verrinnt und man mit sich selbst alleine ist. Hat aber auch damit zu tun, daß ich noch berufstätig sein muß, Streß habe.
 
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milou

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Schöne Arbeit! Gratuliere. Bei dieser Uhr lohnt sich natürlich der Aufwand. Ich finde sie toll!

Bei 0,3 mm hätte ich wahrscheinlich die Welle aufgebohrt und einen neuen Zapfen gedreht und eingepresst. Du hattest Glück eine "neue" Welle zu finden.

Bin auch reingefallen mit einem Wecker. Habe ja gesagt auf die Frage "Könntest Du nicht mal schauen, ob sich was machen lässt". Wahrscheinlich wird der Wecker dann irgendwo herum stehen und verstauben.
 
Der Stromer

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Ja, als Uhrmacher mit der richtigen Werkstatt-Ausrüstung würde ich mir das auch zutrauen. Gibt aber zwei Punkte, die das nicht zulassen: 1.) ich bin Kein Uhrmacher und 2.) meine Werkstatt gleicht im Gegensatz zu einer Uhrmacherei eher einer Grobschmiede :ok: :lol:

Wobei, ein Drehstuhl wäre schon sehr schön. Nur wird sich eine Anschaffung nie mehr amortisieren, weil ich bereits ca. 4/5 meiner Lebenszeit erreicht habe und bei 1 - 2 Nutzungstagen im Jahr sich das wirklich nicht rechnet.

Auf der anderen Seite liegt die gebrochene Welle mit Spirale, Unruhreif, etc. hier bei mir noch rum. Und wenn es gewollte wird, steht dem Einsetzen eines neuen Zapfens nichts im Wege:klatsch:. Schaun mer mol, wie der Bayer so treffend meint (auch Zuogreiste lernen noch dazu).
 
Quickly

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Sehr Rolf-Dieter,
schöner Bericht, von der Arbeit ganz zu schweigen. Vor vielen Jahren hatte ich auch schon mal so eine Weltzeituhr repariert, hier waren vor allem viele Lager zu ersetzen.
Viele Grüße in die Oberpfalz
Willi
 
Motte08

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Na ja, da ich solche "Leichen" nur in die Hand nehme, wenn die bei einem Uhrmacher keine Chance mehr bekommen haben, spielt eigentlich die Zeit keine besondere Rolle. Genau genommen stand diese Uhr 4 1/2 Monat bei mir herum. Die Beschaffung der Unruhe (oder Welle, etc.) war das eigentliche Problem. Denn ohne dieses Ersatzteil hätte jede andere Arbeit keinen Sinn gemacht.

Und ganz Ehrlich: Das Polieren hat ca. 3 Tage gebraucht. Ich glaube, das Messing ist jetzt mindestens um 1 mm dünner!
Versuche mal gegen Rostflecken Oxalsäure. Bei alten Weckern mit Pappzifferblatt funktioniert es sehr gut. Zur Not bekommst Du etwas davon bei Imkern
 
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milou

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Ich kann bestätigen, dass Oxalsäure sehr gut funktioniert gegen Rostflecken (ganz generell). Auf Papierzifferblättern habe ich es allerdings noch nicht probiert (werde es aber tun).
Danke für den Tipp!
 
Motte08

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Ich kann bestätigen, dass Oxalsäure sehr gut funktioniert gegen Rostflecken (ganz generell). Auf Papierzifferblättern habe ich es allerdings noch nicht probiert (werde es aber tun).
Danke für den Tipp!
Der Name Säure schreckt halt Viele ab. Aber die Meisten wissen auch nicht dass sie in reiner Form ein weißes Pulver ist 😂
 
Der Stromer

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...also, die Uhr ist alt. Viel älter, als die Schreiberlinge hier (mich eingeschlossen). Und da darf sie nicht nur, sie muss einfach auch Patina haben.
Neu kann Jeder...

Ps.: Oxalsäure, Zuckersäure, etc. ist ein gutes Bleichmittel und hilft auch gegen die Varroamilbe. Man kann aber auch grünen Klee nehmen und den Saft...

Na ja. Das geht jetzt aber doch am Thema vorbei :ok:
 
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