Jahresuhr mit Kompensationspendel Ph. Hauch ca. 1904

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Und wieder eine Jahresuhr….
5197-Vorderansicht.JPG

Eigentlich sollte diese Uhr unter „Lacktauchuhr“ abgehandelt werden. Denn nach wohl vergeblichen Reparaturversuchen hat Jemand diese arme Uhr einfach mit Lack innen und außen flächendeckend überzogen.
Aber zur Uhr:
Hersteller war die Firma Ph. Hauck, gegründet 1902 in München. Bekannt wurde Ph. Hauck durch die Entwicklung eines Kompensations-Drehpendel, auf das der Erfinder ein Gebrauchsmuster eingetragen hat, und zwar 1904. Nach Terwilliger stammt auch das Werk aus dieser Zeit, also eine Uhr, die es verdient hat, erhalten zu werden und die Zeit auch weitere Jahrzehnte zu Zählen.
Zum Pendel:
Hier kam als regulierendes Element zwei unterschiedliche Metalle zur Anwendung, und zwar im Innenreif wohl ein Grauguss und außen aufgebracht Messing.
5306-Hauck-Pendel-zerlegt.JPG
5307-BI-Metall-Reif.JPG

Aus diesem Bi-Metall bestehen die beiden Ringhälften, auf denen noch verschiebbare Messinggewichte angebracht sind. Die eigentliche Regulierung erfolgt wie gewohnt mit 2 verstellbaren Gewichten oben auf der Verbindungsspeiche.
5257-Kompensationspendel.JPG

Zur Funktion folgendes: Steigt die Temperatur am Standort der Uhr, so dehnt sich das Messing außen an den Ringhälften stärker aus, als das Material (Grauguss) an der Innenseite. Dadurch wird der Durchmesser des Ringes kleiner, das Pendel dreht sich schneller und kompensiert so die durch die Ausdehnung der Pendel Feder hervorgerufenen Verlangsamung. Eine recht zeitaufwändige Einstellung, die zur damaligen Zeit nur ein Uhrmacher durchführen konnte. Aber nach richtiger und genauer Einstellung war das Gangergebnis wohl hervorragend. In den 1920 er Jahren kamen dann die sog. legierten Stähle auf den Markt der Uhrenindustrie. Diese Stähle waren unempfindlich gegen Temperaturschwankungen, sie rosteten nicht und waren auch fast anti-magnetisch. INVAR, NIVAROX und u.A. auch HOROLOVAR sind uns ja noch bekannt und wird auch heute noch gerne verwendet. Doch zurück zu den 1920 er. Die Pendelfedern der Jahresuhren waren entweder aus Stahl (der rostete und war sehr empfindlich bei Temperatur Änderungen) oder es wurde Federbronze verwendet. Da war der Temperaturkoeffizient noch schlechter und bei der leisesten unprofessionellen Berührung ist das Material gebrochen. Daher wurden diese Federn beim nächsten Uhrmacherbesuch durch die neuen aus den legierten Stählen ersetzt. Da dann natürlich die Kompensationspendel eher kontraproduktiv arbeiteten, wurden die gleich gegen die schönen neuen Kugeldrehpendel oder feste Scheibenpendel ausgetauscht. Zum Glück für die Uhr und den Besitzer war das hier nicht der Fall .
5325-Vom-Lack-befreit.JPG

Wie geschrieben, der Zustand der Lack Uhr war …. Ehm na ja. Also alles zerlegt und mit etwas Kraft die Lackverbindungen abzubekommen. Wobei sich das bei der Krone erübrigte, da diese mit einer größeren Menge Sekundenkleber auf der vorderen Platine befestigt war und natürlich schon im Karton neben der Uhr lag. Ein „Zipfel“ musste neu befestigt werden: Loch gebohrt, Gewinde 1 mm geschnitten, Im „Zipfel“ auch ein Loch gebohrt und den Gewindeteil einer M 1 Schraube dort vorsichtig eingeschlagen. Die Krone war eigentlich auch mit 2 M 1 Schrauben befestigt. Beide abgebrochen und der Rest steckte natürlich noch im Material. Durch den Sekundenkleber war an ein Ausbohren nicht zu denken. Also Tampon Stahl eingeschlagen und die Krone da drauf mit nicht zu sanften Hammerschlägen aufgetrieben. Passt und sieht gut aus.
5193-Krone-und-Pendelfeder.JPG

Den Sockel, die Säulen und den Stuhl habe ich so gelassen, wie er war. Der Rest kam dann ins US-Bad bei ca. 65 °C. Der Lack war danach fast überall ab oder als weiße Kruste doch mit Polierpaste und einer elektrischen Zahnbürste zu entfernen. Dann folgte meine „Lieblingsbeschäftigung“, das händische Polieren der Messingteile, der Wellen und Zapfen. Nach dieser Arbeit dann die Konservierung mit Mikro-Kristall-Wachs und die nochmalige Reinigung der Lager. Selbstverständlich wurde auch die Gangfeder aus dem Haus geholt, gereinigt (selbst hier war Lack im Federhaus! Habe ich noch nie gehabt ☹), überprüft und wiedereingesetzt. Die Montage war dann eher Routine.
5256-Komplett-lackiert.JPG


Da die Uhr also so gut „Konserviert“ war, ist auch die Pendelfeder (Federbronze) und die Aufhängung noch die Originale. Recht selten. Der Aufhänge Punkt oben sind drei Teile: Ein Sattel am Werk, ein Ring mit 2 Stiften und einer Feststellschraube und dem Mittelteil aus zwei Hälften zum Klemmen der Pendelfeder. Dieser Mittelteil ist oben rechteckig und unten rund und passt in den Ring.
5331-es-war-einmal-Pendelfe.JPG

Die Pendelfeder musste ich mit Phi x Daumen bestimmen, denn mein Terwilliger sagte zu dieser Uhr nichts. Aber meine „Auserwählte“ war fast richtig, nur noch ein Wenig schwächen und schon stimmten die 8 Beats in der Minute. Einstellen des Abfalles war recht einfach durch den drehbaren oberen Teil der Aufhängung. Nach erfolgter Justage noch die kleine Feststellschraube angezogen und das war es. Der Gang ist sehr gut, in 7 Tagen noch nicht einmal 1 Minute Vorgang.
Zur Erklärung:
Eigentlich hatte ich Bedenken, dass das Kompensationspendel den Gang der Uhr negativ beeinflussen könnte. Aber wenn Uhren mit Kompensationspendel in der heutigen Zeit der konstant geheizten Räume aufgestellt werden, gibt es keine Probleme. So auch bei dieser Uhr.
5333-Fertig.JPG

Sieht doch prima aus, ODER?
 

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Hallo Rolf Dieter

Schöne Uhr :klatsch:und eine richtig gute und Professionelle Arbeit:super:
 
Der Stromer

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Danke, Christoph:-).

Der Fingerabdruck auf der Platine stammt nicht von mir. Also hat es auch keinen Sinn, nach mir zu suchen:D. Aber der Verursacher muss Salzsäure an den Fingern gehabt haben. Nichtmal mit Polieren war der weg zu bekommen und die Rillen hat man (ich) richtig fühlen können. Habe ich auch noch nicht gehabt, so etwas:shock:.
 
Quickly

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Servus Rolf-Dieter,
da hast du ja wieder mal einer seltenen Jahresuhr Leben eingehaucht, sehr gut gemacht und sieht wieder „prima“ aus.

Mich würde noch interessieren, was passiert wenn die Uhr ausreguliert ist und sie dann in einen anderen Raum gestellt wird. Die Temperatur sollte mindestens um 10 Grad anders sein. Gibt es hier dann eine Gangabweichung oder gleicht das Kompensationspendel diesen Temperaturunterschied weitgehenst aus?

Viele Grüße
Willi
 
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Eine schöne Uhr :super:
Für solche "Quinten" alla Kompensationspendel bin ich ja immer zu haben. Ist eben in der heutigen Zeit doch wieder außergewöhnlich. Schön, dass du sie wieder instand setzen konntest. Top:super:

Habe auch letzte Woche endlich eine mit Scheibenpendel bekommen, aus der Jahresuhrenfabrik 1909 :klatsch:
 
Der Stromer

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Servus Rolf-Dieter,
da hast du ja wieder mal einer seltenen Jahresuhr Leben eingehaucht, sehr gut gemacht und sieht wieder „prima“ aus.

Mich würde noch interessieren, was passiert wenn die Uhr ausreguliert ist und sie dann in einen anderen Raum gestellt wird. Die Temperatur sollte mindestens um 10 Grad anders sein. Gibt es hier dann eine Gangabweichung oder gleicht das Kompensationspendel diesen Temperaturunterschied weitgehenst aus?

Viele Grüße
Willi
Hallo, Willi.

Also, ein Kompensationspendel in Verbindung mit einer z.B. HOROLOVAR-Pendelfeder lässt bei Temperaturänderungen (die Feder reagiert ja kaum darauf) den Gang der Uhr entsprechend ungenau werden. Der Grund: Die Pendelfeder aus legiertem Stahl hat ja nur einen ganz geringen Temperaturkoeffizienten, dass heißt, der Feder sind diese Änderungen ziemlich egal. Nicht so aber dem Kompensationspendel. Dass will kompensieren, denn es weiß ja nicht, dass die Feder kein Problem mit der Temperaturschwankung hat. Wirkung also kontraproduktiv. Daher muss die Uhr an einem Ort mit konstanter Temperatur stehen.

@All: Danke:super:
 
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