J.G.Graves, The 'Express' English Lever

Diskutiere J.G.Graves, The 'Express' English Lever im Taschenuhren Forum im Bereich Vintage-Uhren; Nachdem ich bisher in diesem Unterforum hauptsächlich gelesen und gestaunt habe, ist es an der Zeit, eine meiner Taschenuhren vorzustellen. Ich...
Coriolan

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Nachdem ich bisher in diesem Unterforum hauptsächlich gelesen und gestaunt habe, ist es an der Zeit, eine meiner Taschenuhren vorzustellen. Ich habe sie vor einiger Zeit auf einem Flohmarkt entdeckt und mich spontan verliebt.

Es handelt sich hier unter Garantie nicht um ein Juwel der britischen Uhrmacherkunst, aber die Geschichte ist dennoch interessant. Wer Lust hat, weiter zu lesen und viele Bilder zu ertragen, den nehme ich gerne mit auf die Reise. Also, los geht's.

John George Graves wurde 1866 in Horncastle, Lincolnshire geboren. Nach seiner Lehrzeit bei W.Wichman in Sheffield begann er 1886 (mit 10 Pfund Kapital ausgestattet) Uhren zu reparieren. Er wechselte mehrmals in immer größere Geschäftslokale und etablierte sich etwa um 1895 in der Arundel Street 63, Sheffiled. Nun war sein Geschäft groß genug, um neben Uhren auch Schmuck, Silber und Bestecke verkaufen zu können.

1897 begann das, was man heute als Graves' beste Geschäftsidee bezeichnen kann. Er ließ von der Lancashire Watch Co. äußerst preiswerte Taschenuhren unter der Bezeichnung "The 'Express' English Lever" herstellen und verkaufte sie zu 10 Monatsraten á 5 Shilling. Umso erstaunlicher, dass die Qualität der Uhren trotz des niedrigen Preises auf hohem Niveau war.

Und so sahen die 'Express' English Levers aus:





Das sauber gezeichnete Zifferblatt ist bis auf einen Haarriss und leichte Rostverfärbungen um den Sekundenzeiger in erstaunlich guter Verfassung, lediglich die Zeiger musste ich reinigen und neu setzen. Die Uhrzeit wird mittels Schlüssel an der Zeigernabe eingestellt.

Das Gehäuse aus Sterling Silber ist mit 51mm Durchmesser und 19mm Dicke angenehm proportioniert. Die Deckel sitzen ausgezeichnet, die Scharniere sind robust ausgeführt.



Der Rückdeckel öffnet nach sanfter Betätigung des Drückers und gibt eine interessante Gravur preis:



Offenbar ein Geschenk stolzer Eltern an ihren Sohn. Das ist lebendige Geschichte.

Aber zurück zur Uhr selbst: wie man unschwer erkennen kann, findet sich hier die Durchführung für den Aufzugsschlüssel. Damit sich die Briten (wo ja bekanntlich alles andersrum läuft) nicht an einen Rechtsaufzug gewöhnen mussten, wurde ein sogenannter "reversing pinion" verbaut, sodass gegen den Uhrzeigersinn aufgezogen werden kann.

Das Innere des Rückdeckels ist sauber punziert, womit auch die zeitliche Zuordnung leicht fällt:



Die Punze links ist der "Sterling"-Löwe, die untere steht für Chester, die Punze "TPH" wiederum für T.P.Hewitt, den späteren Geschäftsführer der Lancashire Watch Company, welche die Uhren für Graves fertigte. Das "P" weist auf das Herstellungsjahr 1898 hin.

Das Werk lässt sich, wie bei britischen Uhren üblich, nach öffnen des Sichtdeckels und lösen eines Hebels ausklappen.



Hier offenbart sich schlussendlich, warum die Uhren so preiswert produziert werden konnten - das Werk ist vergleichsweise schlicht und schmucklos und verfügt über lediglich zwei Lagersteine für die Unruh. Diese ist allerdings als aufgeschnittener bimetallischer Reif mit Stellschrauben durchaus qualitätvoll ausgeführt:







Die Regulierung gelingt mit etwas Geschick recht leicht, aktuell läuft sie mit wenigen Sekunden Vorgang pro Tag erstaunlich genau.

Aber zurück zu Graves selbst. Ein Geheimnis seines Geschäftserfolges wahr wohl auch, dass er als einer der ersten Uhren, Schmuck etc. per "mail order" an seine Kunden verschickte.

Das lief so gut, dass schon 1897 über 2,3 Millionen Bestellungen versandt wurden! Die Britische Post, der das zu viel wurde, stellte daraufhin die Abholung der Pakete von seinen Geschäften ein.

Graves reagierte umgehend damit, indem er seine Angestellten mit den Paketen zu den Sheffielder Postämtern schickte und diese fast zum Zusammenbruch brachte. 1901 gab die Post schliesslich nach und holte die Pakete wieder in seinen Geschäftslokalen ab.

Das Versandgeschäft florierte, und 1903 beschäftigte er 3000 Mitarbeiter und bot in seinem Katalog neben Schmuck, Mobiliar, Maschinen etc. bereits 141 verschiedenen Uhren an. In der Blütezeit des Versandhandels verkaufte Graves über 70% der Produktionsmenge der Lancashire Watch Co.

Ab 1910 ging die Rezession auch an Graves nicht spurlos vorbei, doch er und sein Bruder konnten das Unternehmen über Wasser halten. Graves starb 1945, sein Bruder Alfred führte das Geschäft bis 1955 weiter. Danach veräußerte er das Unternehmen an Wigfalls of Sheffield, die danach von Great Universal Stores (einem grossen Versandhandel) aufgekauft wurden.

Für alle, die bis hierher durchgehalten haben, noch zwei Bilder der 'Express' English Lever:





Ich hoffe, es war etwas interessantes für Euch dabei. Vielen Dank für's reinschauen.
 
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falko

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Sehr interessante Uhr und Geschichte, Danke fürs Zeigen. War dieser Graves bei Geschäftsaufgabe tatsächlich 89 Jahre alt oder handelt es sich um einen Nachkommen?
 
jsimonis

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Super interessante Geschichte.
"Das lief so gut, dass schon 1897 über 2,3 Millionen Bestellungen versandt wurden! Die Britische Post, der das zu viel wurde, stellte daraufhin die Abholung der Pakete von seinen Geschäften ein."
Ein Vorgänger von Amazon sozusagen. Zu der Zeit- unglaublich. Aber die Uhr schaue ich mir lieber erst gar nicht genauer an; wenn mich auch noch das Taschenuhrenfieber packt, kann ich gleich Bankrott anmelden ;-)

Freundliche Grüße
Jürgen
 
Coriolan

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Danke für den Hinweis, Gerd. So alt wurde er denn doch nicht, siehe oben die Korrektur.
 
M

moskau

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Hallo!

Eine schöne und zuverlässige Engländerin die von einem wahrhaft umtriebigen Mann verkauft wurde (er war ja u.a. auch 'Lord Mayor' von Sheffield).

Übrigens:
Damit sich die Briten (wo ja bekanntlich alles andersrum läuft) nicht an einen Rechtsaufzug gewöhnen mussten, wurde ein sogenannter "reversing pinion" verbaut, sodass gegen den Uhrzeigersinn aufgezogen werden kann.
Dieser recht verbreiteten Erklärung schliesse ich mich nur ungern an.

Ein viel besserer Grund ist möglicherweise, dass die gleiche Frames - mit nur geringfügigen Modifikationen - sowohl für 'fusees' (also Kette/Schnecke) als auch für einen Aufzug mit 'going barrel' verwendet werden konnten (eine sehr vergleichbare Konstruktion u.a. verwendete aus ebendiesem Grund auch der wohl wichtigste Konkurrent der L.W.Co. - Ehrhardt).
Sie ist übriges mit allen 7 wichtigen Steinen ausgestattet:
Je zwei Loch- und Decksteine für die Unruh, die zwei Ankerpaletten und den Impulsstein.
(Zwei Lagersteine wären selbst für eine einfache Engländerin etwas wenig)

Wie auch immer - grossartige Uhr!

Gruß,
Harald
(p.s.: Kann es sein, und der Rückerzeiger ist an der (üblicherweise nach unten gebogene) Spitze etwas abgebrochen ?
 
Coriolan

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Hallo Harald,

Danke fuer den Hinweis bezueglich der Steinanzahl. Sehen kann man ja nur einen, also unterlag ich dem Trugschluss, nur die Unruh waere steingelagert. Eigentlich logisch, dass die von Dir genannten Steine dazugehoeren. Na, umso besser.

Dass der reversing pinion einen anderen Grund hatte, als die Gewohnheiten der Briten zu unterstuetzen, habe ich mir auch schon gedacht, schliesslich kamen ja auch schweizer Uhren auf die Insel, und die wurden Im Uhrzeigersinn aufgezogen. Die Erklaerung mit der "Wiederverwendung" bestehender Frames macht auf jeden Fall mehr Sinn.

Der Rueckerzeiger duerfte tatsaechlich in der Vergangenheit abgebrochen sein, Fotos identischer Exemplare im Netz belegen dies. Stoert aber nicht besonders, man muss beim regulieren halt ein bisschen mehr Vorsicht walten lassen.

Danke fuer Deine Erlaeuterungen!

Gruesse, Michael
 
richy69

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Schöne Uhr und eine interessante Geschichte. Mir hat es Spaß gemacht, sie zu lesen :super:.
 
Coriolan

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Aber die Uhr schaue ich mir lieber erst gar nicht genauer an; wenn mich auch noch das Taschenuhrenfieber packt, kann ich gleich Bankrott anmelden ;-)

Freundliche Grüße
Jürgen
Ich kann Dich beruhigen, Juergen, das Budget fuer eine solche TU ist ueberschaubar. Zweimal nicht bei einem der hier im MP so beliebten japanischen Diver zuschlagen, schon erledigt. TU fangen ab Chronographen an, teuer zu werden, und selbst da kostet so manch fade neuzeitliche Armbanduhr wesentlich mehr.

@all: Euch allen danke fuer Euer Interesse! Das spornt zu weiteren Vorstellungen an (wenn der Faktor Zeit nicht waere...)

Gruesse, Michael
 
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