Ikonen des amerikanischen Uhrenbaus – E.Howard&Co/Boston

Diskutiere Ikonen des amerikanischen Uhrenbaus – E.Howard&Co/Boston im Taschenuhren Forum im Bereich Vintage-Uhren; Guten Tag, allerseits! Es wird wieder einmal ein bisschen länger – hoffentlich ödet Euch das nicht an. (Und wie üblich – die Mitglieder die auch...
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moskau

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Guten Tag, allerseits!

Es wird wieder einmal ein bisschen länger – hoffentlich ödet Euch das nicht an.
(Und wie üblich – die Mitglieder die auch im Pocket Watch Forum aktiv sind, kennen diese Uhren und Fakten möglicherweise bereits).

Da hier doch immer wieder amerikanische Taschenuhren besprochen werden, allerdings meist Uhren, die zumindest weitläufig dem Rail-Road Genre zuzuordnen sind, ist es vielleicht für manche horizonterweiternd, mal ein wenig über den doch recht stereotypen Eisenbahntellerrand hinaus zu schauen.

Der amerikanische Uhrenbau hat zweifellos die Landschaft der Zeitmesser langfristig verändert. Zum einen über die damals revolutionäre (und von den europäischen Zeitgenossen anfänglich sehr misstrauisch beobachteten) Maschinenfertigung, und zum anderen über Innovationen einzelner, die bis heute das Erscheinungsbild von Uhren aller möglicher Bauart prägen - nicht nur der allseits so begehrte Schwanenhals von George P. Reed – Patent Nr, 61867 vom 5.Feb 1867).

Am Anfang aller Ansätze, den Uhrenbau mit Hilfe maschineller Fertigung zu rationalisieren, taucht immer wieder ein Name an prominenter Stelle auf:

00_Portrait.jpg

Edward Howard – ein unerhört innovativer Protagonist der beginnenden US-Uhrenindustrie, dessen qualitative Ansprüche so manches seiner kommerziellen Unterfangen einige Male ernsthaft bedrohten. Unter anderem ist als Credo seiner Fertigung ein nicht wenig beeindruckender Satz überliefert:
"[...]Ich würde lieber ein Uhrwerk zerstören, als dass es in mangelhafter Weise verkauft würde.Jede einzelne Uhr die meinen Namen trägt, muss es wert sein, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten überreicht werden zu können."
'Die Taschenuhren der E.Howard&Co Boston'. Christian von Büchau. Norderstedt 2009. S 29.

Die E.Howard&Co hat als erster Serienuhren in sechs Lagen, Temperatur und Isochronismus justiert, die ersten 'quick beat trains' serienmässig produziert, hat als erste amerikanische Fabrik seine Uhren mit Kronenaufzug (ab 1868) ausgestattet, ihr techn. Leiter - der schon oben erwähnte Reed - hat nicht nur den schon besprochenen Schwanenhals entwickelt, der natürlich bei den Uhren von Howard erstmals eingesetzt wird (hier eine Sammlung der Patente von Reed) – auch das erste 'damasceening' also der Zierschliff der Platinen wird Howard zugeschrieben.

Ich hab mal zwei Beispiele dieser wunderbaren Uhren rausgekramt.

Zuerst mal etwas wirklich seltenes –
Mod 1862-N Ser III (Mod3/22 QG111 nach v.Büchau) mit Cole Esc. Nr. 24015(1870):

00_III_Sig.jpg

Eines der populärsten Modelle waren sicher das von 1860-71 produzierten SerIII, das außerordentlich variantenreich auftritt.
Darunter mit die rarsten Exemplare waren wohl die 44(!) produzierten SerIII (lt. Werksbüchern) mit James Ferguson Coles 'Resilient Escapement' (insgesamt – also inklusive der III-er mit Cole-Hemmung - geht Büchau in seiner Publikation von verbliebenen 90 Stück aus).
(die noch rareren bekannten Exemplare mit Robin- oder Savagehemmung dürften, so überhaupt je sowas am Horizont auftaucht, noch massivere Löcher auch in recht volle Sammlerbudgets reißen...)

Nicht zuletzt deshalb ist die folgende Uhr wohl auch eines der wichtigeren Teile meiner kleinen, bisher lediglich 5 Stück umfassenden E. Howard Ansammlung:

Das Ziffernblatt ist vom Typ I nach v.Büchau – und wie alle Howard Blätter ein handgemachtes Unikat.
Die Zeiger mit den geschliffenen Spitzen sind natürlich die originalen – die berühmten 'Umbrellas' werden erst ab 1874 zum de facto Standard für Howards Uhren.

01_III_Dial.jpg

02_III_Cuvette.jpg

Das Werk hat den typischen langen Rückerzeiger der Mod III Werke und die patentierte Federhaussicherung nach Reed – die bei Howard üblichen 15 Lagersteine, eine zweiteilige Kompensationsunruh und ist von so außergewöhnlich hochwertiger Verarbeitung, dass das Werk (unrevidiert) getragen noch immer lediglich wenige Sekunden Fehlgang pro Tag hat.

03_III_Move.jpg

Die eigentliche Sensation ist die Hemmung, die nach dem Ausbau des Unruhklobens deutlich sichtbar wird:

05_III_Kloblos.jpg

Es handelt sich um die oben erwähnte 'federnde' Colehemmung, die durch ihre spezielle Bauart ein Ausschwingen des Ankers 'elastisch ' kompensiert. Für Eingeweihte deutlich erkennbar an den 'verkehrten' Gangradspitzen und der Ankergabel.

06_III_Esc.jpg

Eine erschöpfende Beschreibung der Funktionsweise findet sich in 'Its about time' von P. Chamberlain (Seite 89 ff u.a.).

Übrigens waren die einzigen Howardmodelle, die in der Schweiz , sagen wir mal nachgeahmt wurden, tatsächlich die Ser III.

Hier ist ein solcher (recht seltener) und eigentlich ziemlich hochwertiger Schweizer Nachbau von Ulysse A. Bourquin/Bienne ca. 1880 , der sich der recht einzigartigen Formensprache der SerIII sehr weitgehend annähert:

11_BourqDial.jpg

12_BourqMove.jpg


Und nun das zweite Beispiel - ein klassisches Howardwerk aus späterer Zeit mit Kronenaufzug:

Mod.1883 Ser.VII N adj. (n.P.Small) oder Modell 7/08 QG223 n. v. Büchau)

Howard Modelle existieren in drei Qualitätsstufen:

Nicht markiert
(justiert in 5(!) Lagen und Isochronismus – später 'Hound Grade')
Heat&Cold (justiert in 5 Lagen, Isochronismus und Temperatur - später 'Horse Grade')
Adjusted (justiert in 6 Lagen, Isochronismus und Temperatur - später 'Deer Grade')

Dieses Ser VII Adj.(Mod7) ist ein Kronenaufzugswerk (Savonnette), und hat das typische spätere Howard-Gesicht mit den klassischen Umbrella Zeigern.

N_02_Dial.jpg

N_01_Cover.jpg

Das Werk ist aus massivem Nickel (nicht, wie meist, lediglich vernickelt) und nur die 'Adjusted' Gravur am Balanceklobenfuß verrät die sorgfältige Auswahl und Verarbeitung der verwendeten Komponenten. Ein Umstand, der es zusammen mit seiner Ausstattung beinahe doppelt so teuer machte, wie das Basis Werk.

N_03_Move.jpg

N_04_MoveDet.jpg

Beide Werke stecken in zeitlich und geometrisch passenden Sekundärgehäusen – was schon aufgrund der Tatsache auch verschmerzbar ist, dass die E.Howard&Co niemals Gehäuse hergestellt hat.
Ganz im Gegensatz zur Keystone Watch Company, die 1903 die Namensrechte kaufte.
Die 'Keystone Howards' sind zum Teil großartige Werke, allerdings eine völlig andere Angelegenheit, wie das legendäre Material von E.Howard&Co ...

Vielen Dank für Eure Geduld, wenn ihr es freundlicherweise bis hier durchgestanden habt!
Gruß, Harald

p.s.:
Die im Artikel häufiger erwähnte Publikation von Christian v. Büchau ist de facto ein 'must have' für ernsthafte Amerika-Sammler.
Es beschränkt sich keineswegs auf die üblichen Applaus-Sentenzen und der Übersetzung längst bekannter Fakten..
Büchau hat hier ein extrem stringentes System entwickelt, die vielfältigen Werksvariationen in einem einfachen Schlüssel zusammenzufassen. Und das betrifft auch sämtliche Ziffernblattvariationen.
Bei der Bestimmung der Kaliber und der Zusammengehörigkeit der Komponenten ein beinahe unverzichtbares Werkzeug, das den bisherigen Klassifizierungssystemen (z.B. dem von Percy Small) weit überlegen ist.
 
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Badener

Badener

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Hallo Harald,

wirklich toll, wie du uns hier geschichtliche Hintergründe zum amerikanischen Uhrenbau erläuterst. Klar und verständlich, garniert mit tollen Bildern. Vielen Dank dafür und weiter so :klatsch:. Ich finde es sehr spannend und würde mich über eine Fortsetzung freuen.

Gruß
Badener
 
Worber

Worber

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Hallo Harald
Ich kann mich Badener nur anschliessen.
Vielen Dank für die Mühe die du hier gibst uns solche herrliche Uhren näher zu bringen.

Gruss
Worber
 
MAP254

MAP254

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Danke Harald,
ich hätte noch viel länger ausgehalten ;-)
War spannend und informativ, nochmals ein herzliches Dankeschön für die interessante Lektüre, auch wenn ich mich mit TU eher weniger beschäftige (aber ich lerne nie aus....)
Liebe Grüße
Manfred
 
FredericusRex

FredericusRex

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Wirklich sehr interessant und die ein oder andere hübsche Aussicht ist geboten. :-)
Vielen Dank für die tolle Erläuterung, es soll ja Leute geben, die das da oben einfach auf ein paar Blätter Papier strecken und einiges Geld dafür verlangen. :-P
 
Peter Becker

Peter Becker

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Ja, ich kann mich meinen Vorschreibern nur anschliessen. Ich bin ja auch erst seit kurzem mit dem Taschenuhrvirus infiziert und daher habe
ich den Bericht mit grossem Interesse gelesen.
Vor allem mit dem Hintergrund,dass ich inzwischen auch einige Taschenuhren aus USA besitze, bei mir sind es bisher aber nur die
Marken Elgin und Walkham. Ich bin eigentlich durch Zufall darauf gestossen,nachdem mir die wunderschön überarbeiteten Werke aufgefallen waren.

Viele Grüsse und Danke für den interessanten Bericht

Peter
 
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Forget_ Time

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Ach gebe es von dieser Art von Vorstellungen doch nur mehr hier im UF!
 
Rata

Rata

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Hallo, Harald,

auch von mir ein Danke schön für die fundierten Infos und die tollen Fotos.:klatsch: Die Werke sind, abseits aller technischen Besonderheiten, auch optisch eine Augenweide, und deine Sammlung kann das Prädikat "klein, aber fein" mit Recht tragen.

Viele Grüße, Otto
 
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moskau

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Vielen Dank an alle für die netten Worte!

und deine Sammlung kann das Prädikat "klein, aber fein" mit Recht tragen
Ich fürchte fast, klein ist sie insgesamt schon länger nicht mehr.
Aber insbesondere die Mod 3 mit Cole-Hemmmung gehört sicher zu den Highlights meiner Uhren.
Wenn sowas mal am Markt auftaucht, beginnt normalerweise ein mittleres Gemetzel um das Teil. Ich hatte das unverschämte Glück, dass diese Hemmung bei montiertem Kloben nur auffällt, wenn man weiss, was man sucht. Dem Verkäufer war das entgangen.
Es gehört eindeutig zu den netten Momenten des Sammlerdaseins, wenn man die Uhr dann in den Händen hält, und aus einem flüchtigem Verdacht ob der winzigen Details auf nicht allzu deutlichen Bildern Gewissheit wird.

Harald
 
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TUL1892

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Ja, das Buch ist klasse. Habs auch hier liegen, aber noch nicht geschafft zu lesen, nur überflogen. Eine Howard hätte ich auch gerne in meiner Sammlung.
Gruß
 
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Ein toller Bericht mit eigenen Bildern gepaart. Es ist interessant, wie sehr sich doch der Uhrenbau geographisch bewegt. Heute kraeht kein Hahn mehr nach amerikanischen Uhrwerken, geschweige denn englischen.
Deine Uhren sind eine Augenweide, und sicher geeignet, zu besonderen Anlaessen auch mal in die Westentasche zu duerfen ;-)
Danke fuer den interessanten Beitrag,
Gruss
Steffen
 
T. Freelancer

T. Freelancer

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Hallo,

Sensationeller Bericht und Abriss der amerikanischen Taschenuhrengeschichte.
ich habe viel dadurch neu gelernt.

Du illustrierst deine wunderbaren Stücke auch hervorragend. :super:

Insgesamt ein absolutes Highlight.


Guss
T. Freelancer
 
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