Herren-TU "A. Richard / Locle": Eine Schweizerin für den US-Markt

Diskutiere Herren-TU "A. Richard / Locle": Eine Schweizerin für den US-Markt im Taschenuhren Forum im Bereich Uhrentypen; Moin! Möchte ich euch hier auch gerne mal zeigen. Bei mir gerade auf dem Tisch: Eine Schweizerin für den amerikanischen Markt, das Werk stammt...
monozelle

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Moin! Möchte ich euch hier auch gerne mal zeigen.

Bei mir gerade auf dem Tisch: Eine Schweizerin für den amerikanischen Markt, das Werk stammt von Droz & Perret. Sie läuft zwar nicht, ist aber ganz gut in Schuss für ihr Alter. Das Zifferblatt hat ein paar Haarrisse und das dicke Glas ein paar tiefe Kratzer, aber ein hübsches Gesicht kann so schnell nichts entstellen.
Sie ist recht groß und präsentiert sich mit 55 mm Gehäusedurchmesser und 128 g auf der Waage. Auffallend der Drücker für die Zeigerstellung, der nicht dem "Daumennagel"-Modell entspricht, das man sonst von Schweizer Uhren kennt. Die Silberpunze, so wurde ich aufgeklärt, lässt darauf schließen, dass sie vor 1865 gebaut wurde. Der Name "Ami Richard" hat offenbar keinen Bezug zu einer realen Person und ist eine Importmarke der amerikanischen Firma Henry Ginnel & Co. Bisher festgestellte Schäden sind zwei gerissene Lochsteine im unteren Kleinboden- und Sekundenradlager und ein verrutschter Hebelstein, der auf halber Höhe im Plateau der Unruhwelle hängt und nicht mehr vom Anker erfasst werden konnte. Dazu jede Menge schön klebrige Ölreste.

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Böse Falle. Die Uhr war voll aufgezogen. Die Sperrklinke ist nur mit einem Stift in die Platine gesetzt und wurde von der gravierten Abdeckplatte in Position gehalten. Ich hatte gleich ein mulmiges Gefühl, als ich die Abdeckung abgeschraubt habe - aber wie sollte man sonst an das Gesperr ran? Die Gefahr besteht, dass die Klinke hochrutscht, das Sperrrad freigibt und sich der ganze Laden mit einem Schlag über die Räder entspannt.
Ich vermute, dass die Sperrklinke mal einen Hebel hatte, mit dem man sie zurückziehen und dann das Federhaus über die Krone entspannen konnte, denn es gibt in der Abdeckplatte eine Aussparung an der Stelle. Dieser Hebel ist aber anscheinend abgebrochen. Die Sperrklinkenfeder sitzt hier seitlich am Werk (läuft über den Zahnkranz des Federhauses), von zwei Schrauben gehalten.
Also gleich mal Krone wieder rein und das Werk entspannt - es war noch ordentlich Power drauf! Man fragt sich, seit wie vielen Jahren... so, wie die Räder in ihren Lagern festklebten...

A-Richard-IMG_0557.jpg


Der Drücker bewegt einen massiven Kupplungshebel. Der Eingriff ins Stellrad ist ziemlich abgenudelt.

A-Richard-IMG_0541.jpg


Auf der Rückseite des Kupplungshebels sitzt eine Zunge, die in das Stelltrieb eingreift. Sie sieht aufgenietet aus, jedenfalls scheint sie nicht aus einem Guss mit dem Hebel zu sein...

A-Richard-IMG_0570.jpg


Jetzt ist sie demontiert und wartet auf ihre Reinigung. 🙂 Mal sehen - vielleicht bekomme ich sie sogar zum Laufen?
 
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Unruhgeist

Unruhgeist

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Spannende Aufgabe, die du dir da stellst.
Aber wo ist dieser Schlitz für den abgebrochenen Hebel der Sperrklinke? Auf der Abdeckung sehe ich da nichts. Meinst du den länglichen Schlitz an der Kante, in der Höhe bei "Loc" von dem Schriftzug Locle? Der Schlitz sitzt doch direkt an der inneren Gehäusekante. Wie soll denn da noch ein Hebelchen gesessen haben? Und in der Mitte der Außenkante der Sperrklinke drückt die Feder gegen. Ich sehe da gar keinen Platz mehr für ein Hebelchen - geschweige denn eine Bruchkante, wo dieses mal gesessen haben könnte :hmm:
 
monozelle

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Hi @Unruhgeist ! Hier auf diesem Bild kann man die Aussparung besser erkennen. Genau wie du sagst, unter dem Wort "Locle":

2969139

Ich vermutete, das Hebelchen könnte mal an der Sperrklinke gesessen haben, aber du hast recht - es ist eigentlich keine Bruchstelle zu sehen. So genau hatte ich mir die Sperrklinke noch gar nicht angesehen. Ich muss mich da korrigieren, das muss anders funktioniert haben. Aber die Ausspaarung in der Abdeckplatte im Bild oben ist deutlich zu erkennen, irgendeine Funktion muss die ja gehabt haben.

2969144
 
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Matthias MUC

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Durch die Aussparung solltest Du die Sperrklinkenfeder leicht lupfen können, dann an der Krone Aufzug anspannen und Uhr hochkant (die 9 Uhr nach unten) halten, dann sollte die Sperrklinke unter Schwerkraft ausklinken, solang Du die Feder hältst, und dann die Feder kontrolliert an der Krone abradeln lassen.
 
monozelle

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An die Sperrklinkenfeder kommt man nicht ran, solange alles eingeschalt ist. Aber wenn man das Werk ausbaut, könnte es so gehen, wie du sagst.
 
monozelle

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So eine un(auf)gezogene schmutzige Uhr! Ab in die Wanne!

2971759

Na dann kann's ja losgehen... 😬😉

2971751
 
monozelle

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Ui, sehr schön mit dem Glasboden. 😃 Bißchen außerhalb meines finanziellen Radars... trotzdem danke, Willy!
 
monozelle

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Heute war Zusammenbau. Da einige Reparaturen an dieser Schönheit meine bescheidenen Fähigkeiten übersteigen, war der Plan, sie zusammenzusetzen und zum Uhrmacher zu bringen.

Zuerst der Unruhkloben und die Reglage, mit einem Ersatz-Deckstein aus meinem Sortiment...

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... und fertig. Hier harrt die Unruh schweigend samt Kloben und geschlossenem Spiralschlüssel ihrer Rückkehr ins Werk...

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Jetzt geht's los mit dem Bestücken der Platine. Ein bißchen tricky war das Minutenrad, weil es mit der Federhausbrücke fest verbunden ist. Hier sieht man den charakteristischen Doppelkloben für Kleinboden- und Sekundenrad...

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Und weiter bis zum Anker. Läuft alles ziemlich sahnig, wo vorher gar nichts ging.

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Hehehe... ja sehr schön, sowas liebe ich. Alles zusammengebaut - und die Werkhalteschraube vergessen. Und ein bißchen doof aus der Wäsche hab ich auch geguckt - die unterschneidet die Federhausbrücke nämlich und lässt sich bei zusammengesetztem Werk so nicht reindrehen. Zum Glück hat das Minutenrad etwas Spiel, und so funktionierte der Trick, die Federhausbrücke zu lockern und etwas zu "lupfen", damit die Schraube an ihren Platz gelangen konnte.

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Und damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Ich hatte etwa 5 oder 6 Klicks Spannung auf dem Federhaus, weil ich den Sitz des Gesperrs checken wollte. Als ich die Unruhzapfen nach einigem Gekitzel und Geschaukel endlich in ihren Lagern sitzen hatte, tickte die freche Göre auf einmal munter los! Mit lockerem Hebelstein und ohne Öl in den Lagern lieferte die Dame auf einmal etwa 100° Amplitude und seit etwa 1 Stunde die genaue Uhrzeit.

2992459

Ich weiß auch nicht, was da los ist... natürlich darf sie in dem Zustand nicht lange laufen. Ich lasse sie jetzt mal fertig ticken und bringe sie dann zum Uhrmacher. Die Zeigerstellung greift nicht richtig und da sind ja auch noch die angeknacksten Lagersteine. Aber Aufzug und Zeigerstellung funktionieren bei dieser Uhr zur Not auch über die werksseitigen Vierkantschrauben. Trotzdem wäre es schön, wenn man diese rüstige Dame vielleicht mal wieder ein bißchen ausführen könnte. Diese Uhr will leben! 😃

2992467
 
Unruhgeist

Unruhgeist

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So, jetzt habe ich etwas mehr Zeit zum Schreiben als vorhin.
Ist doch richtig schick geworden nach der Reinigung. Macht immer wieder Spaß, wenn so eine Uhr einfach lostickt wenn die Unruh eingebaut wird. Wenn man dann bedenkt, dass solche Kleinode >100 Jahre alt sind und sie immer noch ihren Dienst verrichten wie am ersten Tag, erwischt man sich gelegentlich bei der Frage, was sich denn nun so gravierend verändert hat zu den heutigen Uhren. Und ich wüsste kein Gerät, das mit so einem Alter heute noch praxistauglich verwendet werden könnte. Viel Spaß und viel Tragezeit mit dem guten Stück, wenn die Lagersteine ausgetauscht wurden.

Grüße,
Unruhgeist
 
monozelle

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Vielen Dank, @Unruhgeist ! Hier nochmal ein paar Beauty-Shots von der frisch gebadeten Uhr.

2996425

Ich habe bei Watch-Wiki heute folgenden Eintrag entdeckt:

Droz & Perret
Die Wurzeln der Berna Watch Factory SA reichen bis in das Jahr 1864 zurück. In diesem Jahr wurde in St. Imier die Firma Droz & Perret von Alcide Droz und Henry Perret gegründet.

Wenn die Firma Droz & Perret 1864 gegründet und die im Deckel sichtbare Neuenburger Silberpunze aber 1865 abgeschafft wurde, müssten wir das Enstehungsjahr dieser Uhr irgendwo in diesen beiden Jahren einkreisen können... 😳😃
 
Unruhgeist

Unruhgeist

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Wenn die Firma Droz & Perret 1864 gegründet und die im Deckel sichtbare Neuenburger Silberpunze aber 1865 abgeschafft wurde, müssten wir das Enstehungsjahr dieser Uhr irgendwo in diesen beiden Jahren einkreisen können... 😳😃

Es ist verlockend, auf Grund der Punze so zu datieren, aber so ganz glaube ich nicht daran. Erstens hätten dann ausgehend von der Seriennummer mindestens 118.071 Uhren innerhalb des ersten Jahres gebaut werden müssen (das wären ca. 378 Stück pro Tag bei einer 6-Tage Woche, wozu es industrieller Maschinen bedurft hätte, die es damals in der Schweiz noch nicht gab) und Zweitens ist auf dem Staubdeckel das Wort "Patent" vermerkt. Das schweizerische Patentamt existiert aber erst seit 1888.
Es ist und bleibt eine Krux, das Alter von Taschenuhren zu bestimmen. Vieles aus der damaligen Zeit ist oftmals widersprüchlich. Seien es Punzen, Patente, Technik, Gravuren etc. Technisch war z.B. derAnker auf einer Linie mit Unruh und Ankerrad um Mitte 1860 noch nicht so populär. Ich würde die Uhr daher tatsächlich in die 1880'er datieren. Lasse mich aber auch gerne vom Gegenteil überzeugen.

Grüße,
Unruhgeist
 
monozelle

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Ich gebe dir recht - sofern die Nummerierung bei 000000 bzw. 000001 begann und danach einfach nur hochgezählt wurde. Es gibt aber keine verbindlichen Regeln für Seriennummern. Es könnte auch sein, dass z.b. die ersten zwei oder drei Ziffern für ein bestimmtes Kaliber oder eine Baureihe standen und die restlichen Ziffern eine fortlaufende Nummerierung waren. Ist aber reine Spekulation meinerseits, das gebe ich zu.

Das mit dem Patentamt Schweiz war mir neu. Nun ja, ich möchte diese Uhr jetzt nicht mit Klauen und Zähnen als 155 Jahre alt verteidigen, aber wie passt dann diese Punze ins Bild?

2996576

Kontrollstempel – Watch-Wiki

Und was die Hersteller so alles auf den Staubdeckel gravierten, um eine Uhr besser verkaufen zu können... dort steht zum Beispiel auch "Compensated Balance". Die Unruh ist zwar bimetallisch, aber nur angesägt. So richtig "compensated" ist das eigentlich nicht.
 
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Unruhgeist

Unruhgeist

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Das stimmt wohl mit den Seriennummern. Wenn z.B. bei 100.000 angefangen wurde zu zählen, ist das schon realistischer. (An einer "Seriennummernlogik" knabbere ich zur Zeit an anderer Stelle auch rum. Kriege da so richtig auch keine Sinnhaftigkeit rein)
Wären aber immer noch knapp 58 Uhren pro Tag. Auch noch eine sehr hohe Stückzahl für damalige Verhältnisse. Zu der Silberpunze kann ich nicht viel sagen, da bin ich zugegebenermaßen nicht im Thema. Aber wenn Droz & Perret 1864 in St. Imier gegründet wurde, passt doch der Schriftzug Locle nicht? :hmm:
Außerdem würde ich auch die Saturnringe am Bügel in die 80'er Jahre datieren.
Aber wie gesagt, ist nur meine Meinung. So tief stecke ich im Thema nicht drin.

Grüße,
Unruhgeist
 
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Aber wenn Droz & Perret 1864 in St. Imier gegründet wurde, passt doch der Schriftzug Locle nicht? :hmm:

Auch ein guter Einwand. Droz & Perret habe ich auch mit Firmensitz in St. Imier recherchiert. Aber Le Locle ist (laut Google Maps) nur 24 km von St. Imier entfernt. Das sollte dieser Tage auch für ein Pferdegespann eine überbrückbare Distanz gewesen sein. Meine Thesen dazu - auch hier wilde Spekulation - :

1. Droz & Perret könnten in Le Locle ein Werk oder Zulieferer gehabt haben. Le Locle gilt als die Wiege der Schweizer Uhrmacherkunst. Alle möglichen Werkstätten gab es dort. Oder aber...

2. Es könnte sein, dass der klangvolle Name "Le Locle" bzw. "Locle" als reines Verkaufsargument auf den Innendeckel graviert wurde, um die amerikanische Kundschaft zu überzeugen, hier eine echte Schweizer Uhr in der Hand zu halten, denn diese Uhr ist meiner Recherche nach für den amerikanischen Markt gefertigt worden. Der Name "Ami Richard" bzw. "A. Richard" ist ein Import-Label des New Yorker Uhrenhändlers Henry Ginnel.
Ginnel & Perret Locle
 
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