GFJ Taschenuhr mit Rätsel

Diskutiere GFJ Taschenuhr mit Rätsel im Taschenuhren Forum im Bereich Uhrentypen; Moin moin, manchmal ist es echt komisch. Erst monatelange Flaute im Zielfernrohr, sodass man schon fast die Hoffnung aufgibt, und dann tauchen...
Unruhgeist

Unruhgeist

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Moin moin,

manchmal ist es echt komisch. Erst monatelange Flaute im Zielfernrohr, sodass man schon fast die Hoffnung aufgibt, und dann tauchen sie plötzlich rudelweise auf. Fast schon herdenartig. So viele, dass man sich entscheiden muss, welche edlen Stücke erlegt werden sollen, weil die Munition, respektive Kohle, für alle sowieso nicht ausreicht. Die letztvorgestellte habe ich dann ja auch weiterempfohlen und nur an meiner Kameralinse vorbeiziehen lassen. Aber diese hier habe ich dann selbst ins Visier genommen.

1615576579102.png


Gekauft habe ich sie, weil mich der historische Background interessiert. Erst dachte ich an eine Fälschung, wie sie ja auch schon damals produziert wurden. Man denke nur an Abraham Louis Breguet: mit dessen Namen sollen ja schon zu seinen Lebzeiten mehr Uhren gefälscht worden sein als der Mann jemals selbst gebaut hat.

Bei dieser Uhr stand "Georges Favre Jacot / J.F. Boutte Geneve" in der Überschrift der Verkaufsanzeige. Eigentlich ein Widerspruch in sich: Locle und Geneve. Zwar hat Jacot seine Uhren auch an diverse Wiederverkäufer vertrieben, das war aber schwerpunktmäßig erst ab der Zeit als die Uhrwerke schon "Zenith" hießen. Also ab Ende der 1890'er.
Die Uhr in der Anzeige war aber schon wegen ihres Gehäuses deutlich früher einzustufen: in die 1880'er Jahre.
Erwartungsgemäß stand J.F. Boutte Geneve auf dem Zifferblatt. Alle Innenseiten der Deckel sind mit Georges Favre Jacot gepunzt. Das Werk ein Standard Lepine V der damaligen Zeit, wie sie Jacot auch verwendet hat. (Also keine Zuckerhutschrauben für das Zifferblatt, sondern seitliche Verschraubungen wie sie für Jacot / Zenith typisch sind)
Bis dahin also alles Standard: Eine Jacot mit ausgetauschtem (falschem) Zifferblatt.

Und dann kam der Staubdeckel! Und da stand auch J.F. Boutte Geneve drauf!
Sapperlott! Wie kann dat denn!? Da waren die Jagdgeister natürlich geweckt!
Also die Bilder nochmal sehr genau angesehen, insbesondere die Scharniere der Deckel. Aber ich habe keine Spuren gefunden, die für einen Austausch hätten sprechen können. Außerdem war ja auf der Rückseite des Staubdeckels die GFJ Punze eingetanzt. Alle Seriennummern waren auch identisch. Plötzlich sah die Uhr verdammt echt aus. Nur, dass ich die Kombination Jacot / Boutte noch nie gesehen hatte, bis auf die Abbildung im Rössler die aber falsch ist, weil dort Zuckerhutschrauben verwendet wurden und GFJ so ein Gehäuse wie im Buch abgebildet nie gebaut hat.
Die letzte Seriennummer, die auf dem Werk, konnte ich nicht überprüfen weil die ja immer unter dem Zifferblatt eingestanzt wurden.

Was sollte ich tun? Ich "musste" die Uhr kaufen.

Heute kam sie an, eine Stunde später war das Zifferblatt runter. Was soll ich sagen - das Zifferblatt wurde für diese Uhr gebaut. Die Füße sitzen genau da wo sie hingehören, nichts ist verbogen oder abgeschliffen. Und zu allem Überfluss ist die Seriennummer des Werkes identisch mit denen in den Deckeln.

1615578679254.png


Mit anderen Worten: Die ganze Uhr ist echt!

Natürlich habe ich zwischenzeitlich schon etwas im Netz recherchiert. Zwei Uhren in gleicher Bauart mit identischen Schriftzügen habe ich auf irgendwelchen russischen Verkaufsplattformen gefunden.
Alles identisch, bis auf den Silbergehalt. Die russischen sind aus 875'er wie damals für diesen Markt gefordert, meine ist aus 800'er. Die war dann wohl für den hiesigen Markt bestimmt. Deutschland, Schweiz oder Österreich, vielleicht auch Balkan.

Jetzt erstmal der Staubdeckel:

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Und das Uhrwerk:
1615582552331.png


Wie schon gesagt, das Uhrwerk ist normaler Standard der damaligen Zeit. 15 Steine, Ankerhemmung und revisionsbedürftig. Eben alles wie immer. Nichts aufregendes.

Aber der Staubdeckel und die Inschrift....

Da wird es Einiges nachzuforschen geben.
Das Gehäuse ist jedenfalls in Le Locle produziert worden. Die Kennung des Kontrollamtes Le Locle findet sich im Silberstempel. Ich schätze die Uhr auf Anfang / Mitte der 1880'er Jahre. Demnach hätte GFJ also schon damals ganze Uhren im Auftrag Dritter produziert, wenn denn alles zueinander passt. Das gilt es eben noch zu erforschen. Die Frage ist also nicht mehr, ob die Uhr echt ist, denn das ist sie, sondern, ob es diesen J.F. Boutte tatsächlich gab in Genf oder ob der Schlawiner GFJ sich mit fremden Federn geschmückt hat.

Bisher habe ich folgende Puzzleteile gefunden:

- J.F. Boutte --> Eingetragen auf Jean Francois Bautte & Cie. (Quelle: mikrolisk)

Eigenartig, dass der Firmeninhaber in seinem Namen das a gegen ein o getauscht haben soll.

- Die Firma soll 1906 von Girard Perregaux übernommen worden sein (auch Quelle mikrolisk)

Eigenartig auch, dass ich bei der Schnellrecherche im schweizerischen Handelsregister keine Firma Boutte finden konnte im Zeitraum 1883 - 1890. Eine Firma J.F. Bautte wird dort erstmalig 1905 erwähnt.

Andere Quellen bestätigen mikrolisk zum Teil:
- Jean Francois Bautte gab es wirklich und er war einer der Top-Uhrmacher und Gründer einer der umfangreichsten Manufakturen ihrer Zeit. Aber der Mann lebte von 1772 - 1837. (Etwas zu früh für mein Anliegen)
Danach wurde die Firma von seinem Sohn Jaques Bautte und seinem Schwiegersohn Jean-Samuel Rossel unter der Firmierung "Jean-François Bautte & Cie" weitergeführt. Aber eben Bautte - NICHT Boutte!

- Einige der Uhren von Jean Francois Bautte sollen um Patek Philippe Museum und im Girard Perregaux Museum ausgestellt sein.
Da passt doch etwas nicht zusammen! Wenn der J.F. Bautte Uhren in einer Liga gebaut hat, die heute im Patek Museum ausgestellt sind, dann passt doch diese Uhr überhaupt gar nicht ins Bild!

Mir schwant da was - damals gab es doch auch den Namen "Robert Roskell". Ein Uhrmacher aus Liverpool. 30 oder 40 Jahre nach seinem Tod tauchten plötzlich auch Uhren mit Standardwerken wie diesem hier mit dessen Namen auf. Das war auch in den 1880'ern. Und da hatte GFJ definitv seine Finger im Spiel. Rübe hat Uhrwerke dieser Art. Mal mit GFJ Schriftzug und identisch mit Robert Roskell / Liverpool.
Rübe muss sich hier sowieso mal einschalten in die Thematik.

In mir keimt so langsam der Verdacht auf, dass es diesen J.F. Boutte so nie gab, sondern dass das ein verkaufsfördernder Fake-Name in Anlehnung an den echten Bautte war. Created by GFJ.
Jedenfalls passt diese Theorie besser zu der Uhr als die Uhr ins Patek Museum.

Wie auch immer, als eingefleischter GFJ / Zenith Sammler bin ich froh, die Uhr gekauft zu haben. Irgendein Geheimnis werde ich dem Ding noch entlocken.

So. Das war mal keine Vorstellung mit ausgearbeiteten Details und Ergebnissen, sondern eine Art Brainstorming zu Beginn der Nachforschungen.
Wer will, kann sich ja gerne beteiligen. Vielleicht bin ich ja auch völlig auf dem Holzweg.

Grüße,
Unruhgeist
 
ANTARES1958

ANTARES1958

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Sehr spannend! Die Ruebe wird sich bestimmt melden...
 
Ruebennase

Ruebennase

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Hi Unruhgeist wir hatten ja schon vor der Ankunft der Uhr diskutiert. Ich habe leider die nächsten zwei Wochen auf meine gesammelten Uhrenbilder diese Art keinen Zugriff aber ohne Frage ist die Finessierung typisch GFJ. Das fängt mit der eher sehr seltenen seitlichen Zifferblattverschraubung an und geht über genau diese verwendeten Zierschliffe in entsprechender Anordnung bis zur Brückenhöhe weiter. Ich würde gerne noch ZB Seiten vergleichen. Der Kupferring für den Unruhedeckstein fällt mir auf. Später war der glaube ich aus Stahl oder vernickelt. Ich bin mir leider nicht sicher. Eventuell bekommt man da noch eine Zeitlinie rein. Nach meiner sehr ungenauen Naeherungsliste würde ich das Werk auf 1880/81 datieren. Mit den Silbermünzen zusammen würde ich Näherungsweise von 1882/85 aus gehen. Die Frage wer hat sie vertrieben ist sehr spannend. Die klassisch strukturierten Lepine V, die ich kenne, sind bis auf ein paar wenige frühe Exemplare mit f!acheren zugekauften Werken, ausschließlich für den russischen Markt gewesen. Die 'Roskell' Simulanten allerdings nicht. Das spricht für die Theorie der freien Namenswahl. Sicher bin ich mir nicht. Vielleicht weiss jemand mehr der sich mit GP und 'fakes' beschäftigt hat.

Grüße Rübe
 
J

JESV

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Hallo!
Danke Unruhgeist für den gut recherchierten Beitrag. Ich kann hier mit zwei weiteren Artefakten evtl. beitragen. Beide Uhren weisen m. M. nach werkseitig die typischen GFJ Merkmale auf.
Blondel
2007-03-04 22.02.18.jpg
2007-03-04 22.03.22.jpg
2007-03-04 22.03.51.jpg
F. Winter
2007-03-04 22.04.20.jpg
2007-03-04 22.04.51.jpg
2007-03-04 22.05.39.jpg
Die Uhren sind nicht revidiert, Vorstellung nur zur Untermauerung dieses interessanten Themas.
Glück Auf!
Joachim
 
Unruhgeist

Unruhgeist

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Das ist ja ein Hammer! Ja, das sieht schon sehr ähnlich aus. Die Schliffe auf Brücken und Kloben passen, die seitlich verschraubten Zifferblätter und der Perlschliff unter der Unruh der unteren Uhr.
Hat die Blondel auch einen Perlschliff unter der Unruh? Kann man schlecht erkennen. Hast du auch Bilder der Deckelinnenseiten? Da würden mich die Seriennummern und die Silberstempel interessieren. (Wobei ich fast schon hoffe, dass die untere keinen Silberstempel hat. Die sieht nämlich noch älter aus. Könnte demnach vor 1881 sein?)
Bei der Blondel meine ich eine fünfstellige Seriennummer mit einer 22 am Anfang zu erkennen?

Ups, ich habe ja selber kein Bild von der Deckelinnenseite eingestellt. Hole ich hiermit mal nach:
1615635555398.png
1615635680825.png

Du schreibst "nicht revidiert". Revidierst du selbst? Besteht dann (gelegentlich) Hoffnung auf Bilder von der ZB-Seite des Werkes?

Wenn der Schriftzug auf der unteren Uhr "F.Winter" heißt, welche Sprache ist das? Scheint ja dann russisch zu sein!? Russisch / kiryllisch kann ich nicht.
Aber die Silberlegierung ist 875?

...wird ja doch noch richtig spannend :-D

Grüße,
Unruhgeist
 
P

pet.sch

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Um einige noch mehr zu verwirren, schreibe ich jetzt mal dazu, dass es Boutte, Blondel und einige andere Namen auf Uhren anscheinend verschiedener Hersteller gibt, wobei diese Namen dann auf verschiedene Qualitäten hinweisen.
Besonders auch bei George Favre-Jacot. Da die meisten von Euch auch regelmässig im pocketwatchforum sind, werdet ihr das wissen, bzw. Euch erinnern, dass es dazu einige Beiträge mit Wissen und noch mehr Vermutungen gibt. Ruebe kennt die auf jeden Fall.
Die Frage bleibt natürlich, was es bedeutet, wenn eine Uhr auf einmal anstatt nur der Bezeichnung Boutte oder Qte Boutte einen Vornamen und Ort dazu trägt.
Aber der gute George war ja einer der eifrigsten und umtriebigsten Uhrenfabrikanten und -händler überhaupt und hatte in allerlei Handeleien und Geschichtchen seine Finger im Spiel. Deshalb wundert es mich überhaupt nicht, dass man noch nicht allen seinen Geheimnissen auf die Spur gekommen ist ;-). Aber man ist ja, besonders mit Ruebe und jetzt auch mit dem Unruhgeist kräftig dabei ! Und Joachim (JESV) ist anscheinend jetzt auch neugierig geworden. So wie ich ihn kenne, nimmt er ja auch gerne Dinge unter die Lupe :)

Gruß
Peter
 
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Unruhgeist

Unruhgeist

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Hmmm.....scheint etwas bröckelig zu sein, meine Theorie mit der Anlehnung an den Namen Bautte.
Die Bildersuche wirft einfach zu viele Uhren mit Boutte aus. Und da sind auch Uhren mit Lepine IV dabei und auch in verschiedenen Qualitätsstufen der Werke sowie ein größerer, zeitlicher Rahmen. Bei den Werken ist von Zylinderhemmung bis zu Rohwerken von FHF alles dabei. Sogar Parachute Stoßsicherungen habe ich gefunden.
Außerdem unterschiedlichst gestaltete Staubdeckel. Aber alle beziehen sich auf J.F. Boutte, Geneve. (Nicht zu verwewchseln mit Qte. Boutte, was sich auf Qualitätsstufen für Gehäuse bezieht)

Ganz so einfach wird es also doch nicht mit der Enträtselung des Namenszuges.
Die Möglichkeit einer Insolvenz einer Firma J.F. Boutte vor der Gründung des schweizerischen Handelsregisters scheidet auch aus, denn dann dürfte es keine J.F. Boutte signierten Uhren geben, deren Werke eindeutig weit nach 1883 entstanden sind.

Jetzt wird es echt kniffelig. Da muss ich wohl in andere mögliche Quellen abtauchen :???:

Grüße,
Unruhgeist
 
J

JESV

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Nun gut, ich fange mal mit der Blondel an.
2007-03-05 02.16.10.jpg
Mit Dm 56mm recht handlich.
2007-03-05 02.15.39.jpg
Mit einer Dicke von 18mm eher nicht. Mit 875er Silber für den russischen Markt bestimmt, sehr solide gestaltet.
2007-03-05 01.29.36.jpg
Das Lepine Ankerwerk ist eher unspektakulär, zwei mal wird bei Lochsteinen geschummelt. Die Finnasage ist insgesamt mäßig.
2007-03-05 01.35.57.jpg
Bei dieser Gelegenheit sei ein Nacktfoto gestattet.
2007-03-05 02.05.58.jpg
Nicht nackig, aber auch nicht eingeschalt, aber das Herz schlägt doll.
2007-03-05 01.11.07.jpg
Schwer ins Bild zu kriegen, aber man ahnt das wuchtige Gehäuse. Nr. 29034 mit Werk Nr. identisch, zusätzlich Nr. 85775 gepunzt. Die 84 ist ein Indiz für die russische Silberfeingehaltsangabe.
Die andere Uhr, der Winter, muß noch etwas warten. Vorab Nr. 538237.
Meine Gedanken zu Bezeichnungen wie Blondel, Winter und Co. Reine Fantasienamen ohne Bezug, aber wohlklingend und einprägsam, auch für das Ausland und damit verkaufsfördernd. Nur so meine Gedanken.
Bleibt gesund und schönes Wochenende.
Glück Auf!
Joachim
 
J

JESV

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Nun da der Winter gerade wieder mit Böen und Flocken so groß wie Bäckermützen bei uns im Vogtland Einzug hält, konnte ich mich auch mal der F. Winter Uhr widmen. Lange genug schlummerte sie im Dunkeln.
2007-03-05 22.37.16.jpg
Das Uhrwerk hat einen dekorativen Perlschliff und es sind tatsächlich 10 Lochsteine vorhanden. Die Verarbeitung ist insgesamt qualitativ hochwertiger gegenüber o. g. Blondel.
2007-03-05 22.37.55.jpg
Die Unruhe ist hier bimetallisch, aber nur angeschnitten. Flachspirale. Keine Federstellung.
2007-03-05 22.54.47.jpg
Das Gehäuse ist auch hier sehr wertig ausgeführt und mit Dm 56mm und Dicke 17mm recht imposant.
2007-03-05 22.54.04.jpg
Ein passenderer Minutenzeiger und der neu aufgebaute Pendant und Bügel machen einen schlanken Fuß, denke ich. Letztere Arbeit 1 1/2 h übrigens.
Serien Nr. 538237 Werk und Gehäuse identisch, im Gehäuse Nr. 173 zusätzlich und Stehender Bär? sowie Silberfeingehalt 0.875 und 84. Sowie Punzen F 2.
Nochmals Danke an den TS, jetzt wurden nach langer Zeit meine zwei Schätzchen endlich mal herausgeputzt, und damit wieder ab ins Bettchen. ( Damit erledigt sich leider eine Wertanfrage von selbst. )
Kann hier bitte jamand den Herstellungszeitraum der Uhren näher eingrenzen? Andere Beispiele wären auch interessant.
Glück Auf!
Joachim








Kann hier jemand den Herszellungszeitraum näher eingrenzen?
 
M

Matthias MUC

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Man verzeihe mir die Halb-Offtopic-Frage abgesichts der Platinenfotos mit den vielen sichtbaren Paßstiftbohrungen für die Kloben (eigentlich total anfänger-servicefreundlich, immer nur ein Rad einfädeln....)
Wie ist die Präzision bei solchen "Manufakturkalibern" sichergestellt worden? Zuerst Kloben + Paßstifte verschrauben, dann die erste Vorbohrung für die Lager am montierten Kloben durch in die Platine? Oder hatten die entsprechende Vorrichtungen, daß die Kloben etc. so präzise gefertigt waren, daß die beliebig austauschbar zwischen Werken waren?
 
Unruhgeist

Unruhgeist

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Wei oh wei, mit "(gelegentlich) Hoffnung auf Bilder von der ZB-Seite" meinte ich nicht, dass die sofort auseinandergerissen werden. Aber um so besser, dann können wir zumindest die Blondel schon mal ausschließen. (Bezüglich einer GFJ Produktion)
Dagegen spricht:
  • keine Perlschliffe unter Unruh und auf der Grundplatine / ZB-Seite.
  • Zudem ist mir die zifferblattseitig umlaufend eingefräste Nut bei GFJ noch nie untergekommen.
  • Auf die echten Funktionssteine bei Ankerwerken hat er meines Wissens nie verzichtet. Er hat zwar gerne übertrieben mit der Steineanzahl, aber die mindestens notwendigen 15 Steine für eine Mittelklasseuhr waren immer drin in seinen Ankerwerken.


Bei dem Winter ist das schon schwieriger zu beurteilen. Da passt nämlich alles, was ich mit den frühen GFJ Werken in Verbindung bringe. Schliffe auf Platinen, Kloben, Brücken alle korrekt, seitliche ZB-Verschraubung ist auch da.
Stören tut mich da nur die vergleichsweise hohe sechsstellige Seriennummer mit 5 beginnend. So weit war der Knabe in den 1880'ern noch nicht.
Trotzdem will ich es nicht völlig ausschließen, dass dieses Werk aus der GFJ Schmiede stammen könnte, bzw. von ihm zugekauft wurde.


Vielleicht bringen uns die Silberstempel weiter. Der stehende Bär ist die Kennung für 875'er Silber.
Kannst du bitte mal nachschauen, ob bei dem Bär unter der linken Vordertatze ein kleines L zu finden ist? Sieht man nur mit der Augenlupe. Mit bloßem Auge oder Leselupe keine Chance.
Dann wüssten wir wenigstens, ob die Gehäuse aus Locle kommen.
Leider habe ich gerade nur ein 800'er Silbergehäuse zur Hand.

1615735574239.png


Mit "Boutte", "Blondel" & Co. bin ich noch nicht weitergekommen.
Blondel stufe ich jedenfalls nicht als reinen Fantasienamen ein. Bei watch-wiki werden 15 Personen und eine Firma aufgelistet. Außerdem soll laut WUS die Bezeichnung "Blondel" zur Qualitätseinstufung von Taschenuhrgehäusen verwendet worden sein. So wie auch "Qte. Boutte".
Aber das hat ja nichts mit dem ominösen J.F. Boutte Geneve zu tun.
Ich bleibe da jedenfalls dran an dem Thema. Wird sich wohl länger hinziehen. Haben wohl auch schon andere dran rumspekuliert wie pet.sch schrieb.

Ach ja, der Entstehungszeitraum des Winters: Frühestens ab 1881. Ab da wurde der Bär als Silberpunze verwendet. Da die Uhr anscheinend für den russischen Markt bestimmt war, schätze ich bis maximal in die 1890'er als Herstellungszeitpunkt. Die Russen waren wohl etwas zögerlicher mit diesem "neumodischen Krims-Krams" wie dem Kronenaufzug. Ähnlich wie die Türken. Eine Uhr ohne Schlüssel war keine Uhr. Deshalb wurden eigens für den türkischen Markt bis weit nach 1900 Taschenuhren mit Schlüsselaufzug und Stand der Technik 1880'er produziert.

Grüße,
Unruhgeist
 
J

JESV

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Matthias, da ist ohne Nacharbeit nichts austauschbar. Mir fällt ein, daß wir im Pocket Watch Forum "Englische TU Rohwerke" auch schon diese Problematik angeschnitten hatten.
Unruhgeist, gibt es da auch einen Namen?
Egal, wieder was gelernt. Was hält der Teddy unter der Pfote? Bei der Winter könnte ich ein L hineininterpretieren, aber nur weil dort ein L sein könnte. Bei der Blondel eher nicht.
Mir ist es wurscht, GFJ oder nicht, ich bin ja auch der Böse mit der Zenith extra 23 Steine, aber ich sehe auch bei der Blondel viele Gemeinsamkeiten, zumindest gleiches Rohwerk.
Es bleibt spannend!
Glück Auf!
Joachim
 
Unruhgeist

Unruhgeist

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ich bin ja auch der Böse mit der Zenith extra 23 Steine
Ach - DU bist das ? :-D
Ja, ja, gibt auch einen Namen. Kommt nachher per PN.

Die Ähnlichkeiten des Rohwerks habe ich ja auch nie bestritten. Es gibt ja sowieso einige Sammler (mich eingeschlossen) die bezweifeln, dass GFJ in den frühen Tagen mit eigenen Werken gestartet ist. Der hat ja auch viel später noch einiges an Werken dazugekauft. Und Lepine V Werke sehen sich nun mal alle sehr ähnlich, aber die seitliche ZB-Verschraubung ist eher selten zu sehen.

Grüße,
Unruhgeist
 
M

Matthias MUC

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Matthias, da ist ohne Nacharbeit nichts austauschbar. Mir fällt ein, daß wir im Pocket Watch Forum "Englische TU Rohwerke" auch schon diese Problematik angeschnitten hatten.
Klar, ich will nur angesichts der Bilder (jeder Kloben mit zwei Paßstiften) verstehen, wie mit "Manufaktur"-Präzision ohne CNC & Co der jeweilige Kloben so exakt auf die Platine paßt, daß das Rad immer richtig sitzt. Also zuerst Kloben aufschrauben, dann von unten Bohrungen für Paßstifte (Sacklöcher im Kloben) und dann entweder nichts mehr bewegen oder besser gleich verstiften und dann von welcher Seite auch immer Platine + Kloben zusammen fürs Lager bohren?
 
Ruebennase

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Erst Platinen und Räderwerk Unruhe, zusammen setzen ggf. Steine einsetzen. Wenn es flutscht reassemblieren ggf. Zierschliffe, vergolden oder vernickeln. Es ist durchaus nicht ungewöhnlich das so ein Set nicht nur zusammengehalten wird, sondern die eingepassten Brücken die Endnummer der Werknummer verpasst bekommen. Wann genau die Hemmung angepasst wird, habe ich noch nicht heraus gefunden. Ich vermutete nach der Vergoldung und dem wieder zusammen gesetzten Werk.

Grüße Rübe
 
M

Matthias MUC

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Ja, aber mit welcher Arbeitsfolge wird der frisch angefertigte Kloben mit der Platine verheiratet, bzw. welche Bohrungen werden wann mit Platine und Kloben zusammen gemacht, daß zum Schluß alles genau fluchtet? Ist die Reihenfolge Gewinde bohren > aufschrauben > Paßstiftbohrungen > verstiften > Lagerbohrung plausibel?
 
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Bautte_1909.jpeg

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