Fundstück: Taschenuhr Thiel Regular C1, unkaputtbar

Diskutiere Fundstück: Taschenuhr Thiel Regular C1, unkaputtbar im Taschenuhren Forum im Bereich Vintage-Uhren; Moin! Da geht mein Vater so spazieren - und findet eine Taschenuhr auf dem Fußweg. Sie tickte nicht, war aber äußerlich intakt. Er fragte mich...
Rollo

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Moin!

Da geht mein Vater so spazieren - und findet eine Taschenuhr auf dem Fußweg. Sie tickte nicht, war aber äußerlich intakt. Er fragte mich also "Willst du sie?" - "Klar!". Hier ist das gute Stück:

thiel_vorn.jpg

Das ist also eine einfache Uhr, aber immerhin mit gebläuten Zeigern. Das Blatt besteht aus dünnem Blech, auf das anscheinend Papier oder dünner Karton geklebt wurde - kann das sein? Es fühlt sich nicht an wie Farbe. Es ist noch sehr sauber, auch die Bedruckung, und das alte Thiel-Logo ist deutlich zu sehen.

Von hinten sieht man, daß die Uhr schon lange "gedient" hat:

thiel_hinten.jpg

Außerdem erkennt man den Abdruck der Minutenwelle in der Mitte, weil mal jemand den Zeiger wohl etwas herzhaft draufgesteckt hat.

An der Seite ist eine heftige Delle zu sehen:

thiel_delle.jpg

Da muß es also mal ganz schön geknallt haben! Als ich das Werk in Augenschein nahm, sah ich auch die Folge davon: die Unruh war komplett aus beiden Lagern gesprungen und lag schief dazwischen.

Es handelt sich offenbar um ein Werk vom Typ Thiel Regular C1, wie es hier im watch-wiki.de zu sehen ist (3. Bilderreihe). Hier ein Blick von schief nach schräg:

thiel_werk_2.jpg

...und hier von hinten. Die Uhr läuft, daher ist der gezahnte Unruh-Reif nicht zu erkennen:

thiel_werk_1.jpg

Das Werk hat eine riesige 3/4-Platine und Körnerlager für die Unruh. Ich hatte sowas noch nie in der Hand, und es machte zunächst einen fast primitiven Eindruck auf mich. Obwohl, immerhin wurden gebläute Schrauben verbaut, sogar mit ordentlicher Fase um den Kopf. Statt "primitiv" sollte ich wohl eher "solide" sagen!

Vor allem das Körnerlager machte "Eindruck": dabei hat die Unruh-Welle 2 Spitzen (die "Körner"), die in "Senkungen" mit größerem Winkel in der unteren Werkplatte bzw. dem Unruhkloben laufen. Damit das funktioniert, ist zudem das untere Lager eigentlich eine konisch ausgebohrte Schraube mit einer Federscheibe als Bremse, mit der der Abstand eingestellt werden kann. Das sieht erstmal ein bißchen aus wie aus dem Metallbaukasten, erweist sich aber als sehr robust - und service-unfreundlich...

Ich habe also erstmal alles zerlegt und mit Ultraschall gereinigt (wonach eine Menge Krümel in der Brühe schwammen) und machte mich dann an den Zusammenbau. Ganz mutig ohne Foto und Skizze diesmal - obwohl ich befürchten mußte, daß ich die 4 Wellen niiie gleichzeitig in die Platine bekommen würde. Aber dann dauerte das keine 2 Minuten, man kommt ja sehr schön von der Seite dazwischen. Auch der Anker war schnell ohne großes Gefummel drin. Der Aufbau ist klug durchdacht.

Aber dann kam die Unruh. Blöderweise hatte ich die untere Lagerschraube rausgedreht und wußte nun nicht, wie weit sie drin sein mußte für den richtigen Abstand. Ich hätte nie gedacht, daß ich allein für die Unruh über eine Stunde brauchen würde! Eins von beiden Lagern war immer draußen, und wenn nicht, dann war der Stift für den Anker (an der Unruh, wie heißt der gleich nochmal?) daneben... Ich habe fast die Schwämmchen gekriegt!

Aber dann paßte plötzlich alles - kurz aufgezogen, und ticktack klang es! Dann noch sorgfältig geölt, den Rest zusammengebaut, Deckel zu - und Ruhe. Hä? Irgendwo war im Gehäuse zu wenig Luft (ich dachte die Delle der Minutenwelle) oder der Zeiger eckte ans Glas an. Was weiß ich, nach ein paar letzten Versuchen klappte dann alles.

Heute früh tickte es mir fröhlich aus der Küche entgegen: 1 Minute Abweichung in 12 Stunden, nicht übel. Der Rücker steht in der Mitte, also kann ich noch ein bißchen spielen :-).

Ich hätte nie gedacht, daß dieser "primitive Wecker" mit seinen 60 oder gar 70 Jahren eine Sturz mit scheinbar schlimmer Verletzung überleben könnte und dann noch so prima geht. Vielleicht liegt es ja gerade an der einfachen Konstruktion - ein teurer Motor wäre sicher Schrott gewesen.

Wieso eine Unruh aus beiden Lagern springen kann, ist mir ein Rätsel. Und daß hinterher alles geht, als wäre nichts gewesen, ebenso. Jedenfalls freue ich mich - nicht zuletzt, weil es erst meine dritte Uberholung einer Uhr ist :-D.

Weiß jemand von Euch genauer, wann solche Uhren gebaut wurden? Etwa 1935 bis 1950, denke ich.

Danke für's Lesen, ist ja doch ein Roman geworden 8-).
 
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raco65

raco65

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Das wollt ihr nicht wirklich wissen
Hallo Ralph,

tolle TU und auch super wie Du die Revi hinbekommen hast.:super:

Deine Fragen kann ich leider nicht beantworten aber ich hätte eine Frage an Dich.

Eine Uhr auf einem Fußweg ist schon etwas aussergewöhliches. Da sie offenbar niemand dort abgelegt sondern verloren und die TU schon einige Jährchen auf dem Buckel hat, hast Du dir da nicht die Frage gestellt wer die Uhr,vielleicht unbezahlbares Erinnerungsstück, jetzt vermisst.:confused::oops:

Ich könnte mich an dieser (schönen) Uhr jetzt nicht erfreuen. Ich weis man soll nicht päpstlicher sein als der Papst, aber ich hätte sie zum Fundbüro gebracht, ein Jahr gewartet und dann vielleicht, wenn sie niemand abgeholt hätte, wahre Freude entwickelt.:-D
 
lennox

lennox

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Warte mal bis Holger drinn ist er ist der Thiel Spezi .Habe das gleiche Teil und eine die ist etwas kleiner da steht unterm Thiellogo NORMA
Beide laufen erstaunlich genau.
Viel Spass mit Deiner
lennox
 
H

holger 57

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Hallo,
bis zur Mitte des 19. Jh. waren Uhren eigentlich Luxusgüter. Mit der industriellen Revolution stieg der Bedarf an einfachen Uhren immens. In den USA wurde die Doller-Watch gebaut und in Deutschland fertigte Thiel die erste industielle Taschenuhr Deutschlands. Dort hatte man den Ruf der Zeit verstanden - einfache und zuverlässige sowie sehr robuste, aber vor Allem preiswerte Uhren. 1897 fertigte Thiel 4.000 Uhren am Tag.
Und was geschah in Glashütte ?? - ... nichts. Dort wurden die Luxusuhren nach wie vor nach der Lokofeilow-Methode hergestellt. Als man nach mehr als 25 Jahren aufwachte waren einige alte Firmen pleite und Lange kaufte Uhrwerke aus der Schweiz.
Hier findest Du fast alle Uhrwerke von Thiel.
Die Regular ist ein Weiterentwicklung der Surprise. Beide Werke wurden über einen Zeitraum von fast 90 Jahren hergestellt. Dabei anderten sich natürlich das äußere Aussehen wie auch eine Reihe von Details am Uhrwerk. Die se Veränderungen an den Uhrwerken sind hier und hier dargestellt.
 
Rollo

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...Ich weis man soll nicht päpstlicher sein als der Papst, aber ich hätte sie zum Fundbüro gebracht, ein Jahr gewartet und dann vielleicht, wenn sie niemand abgeholt hätte, wahre Freude entwickelt.:-D
Die Idee ist berechtigt, und ich kann Dich beruhigen: Väterchen hat einen Zettel an den Baum neben der Fundstelle gepinnt. Ich finde, ein brauchbarer Kompromiss. Vielleicht freut sich nun jemand, daß ich seine Uhr wieder in Gang gesetzt habe :-).

Übrigens habe ich mich mal dazu schlau gemacht, was das Fundbüro (hier in Leipzig) angeht: die Aufbewahrung läuft über 6 Monate, danach darf die Fundsache vom Finder gekauft werden (wenn er das vorher kundtut) und der vermeintliche Besitzer muß den Besitz glaubhaft nachweisen. Das nur mal am Rande und ohne Auswertung.

--- Nachträglich hinzugefügt ---

@Holger: die Literaturstellen habe ich schon gelesen, trotzdem danke!

Weißt Du, was so eine Uhr etwa gekostet haben mag (vielleicht noch bezogen auf den Lohn eines Arbeiters), sagen wir, 1940? Bei 4000 Stück am Tag schon vor der Jahrhundertwende kann man ja durchaus von Massenware sprechen, zumindest für damalige Verhältnisse. Wie das in den ersten Kriegsjahren des WK2 aussah, ist natürlich eine andere Sache.
 
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holger 57

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@ Ralph,
Regular 1936 je nach Ausführung 5 bis 6 RM.

@Lennox,
der Stammbaum Deiner Norma reicht fast soweit zurück wie der der Regular. Der direkte Vorläufer der Norma war die Vineta, welche ab 1912 hergestellt wurde.

Gruß Holger
 
Rollo

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Regular 1936 je nach Ausführung 5 bis 6 RM.
Ich habe einen interessanten Text über Löhne und Preise im Jahr 1936 gefunden (hier). Danach mußte ein Arbeiter so um die 10 Stunden für so eine Uhr arbeiten. Ein paar Kinderschuhe kosteten genauso viel.
 
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