Einstiegsdroge: 1.MUF Sportiwnie [Poljot 2634(A)]

Diskutiere Einstiegsdroge: 1.MUF Sportiwnie [Poljot 2634(A)] im Uhrenvorstellungen Forum im Bereich Uhren-Forum; Seid gegrüßt! Mit dieser Uhrenvorstellung möchte ich auch mich als Neuling hier vorstellen. Bis vor einem halben Jahr hatte ich mit Uhren nicht...

Sobek

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Seid gegrüßt!

Mit dieser Uhrenvorstellung möchte ich auch mich als Neuling hier vorstellen. Bis vor einem halben Jahr hatte ich mit Uhren nicht viel am Hut: Die letzte "gute" Armbanduhr (mechanisch von Zentra) bekam ich als ich 18 wurde; sie war meine einzige Armbanduhr und "verstarb" nach 20 Jahren, weil der Uhrmacher keine Ersatzteile mehr dafür bekam. Danach hatte ich mehrere Quartzuhren, die alle nur wenig länger als ihre Batterien hielten (selbst die vom Uhrmacher) ... Zuletzt nutzte ich für ca. ein Jahr das Handy als Uhrenersatz, was aber letzlich nicht praktikabel war.

Ende November wurde der Leidensdruck so groß, dass ich mich auf die Suche nach einer neuen Armbanduhr (= Gebrauchsgegenstand) machte. Sie sollte wieder mechanisch sein, und ich hatte feste Kriterien, die sie erfüllen musste. Da ich Wert auf gründlich ausgesuchte und sich dann langfristig bewährende Produkte lege (die Quartzuhren waren Werbegeschenke oder Schnellschuss-Notlösungen), sind Informationen zu den ins Auge gefassten Modellen nie verkehrt. So stieß ich auf dieses Forum, klickte etwas herum und kam zu dem Schluss, dass mir für wenig Geld vermutlich mit einer Wostok oder für etwas mehr Geld mit einer Seiko (z. B. 5er) am besten gedient wäre. (Fraglich war, ob alte oder neue Wostok.)

Zwei Dinge beeinflussten dann mein rationales Kaufvorhaben: Zum einen um Weihnachten der Besuch meines Bruders, der einen Poljot-Armbandwecker trug, den der vor Jahren von seiner litauischen Frau geschenkt bekam. Aber die Wecker sind eine andere Geschichte. Zum anderen stieß ich bei meiner eBay-Suche nach einer Wostok auf ein kleines Ührchen, das absolut nicht meine Kriterien erfüllte (nicht wasserdicht, nicht gut ablesbar, schlechtes "Nachtdesign", kein Datum, fragliche Robustheit, die Einsen ohne Querstriche, ...), und in das ich mich trotzdem auf den ersten Blick verliebte! Auf der Suche nach Informationen zu diesem Modell stieß ich hier in diesem Forum auf den Russische-Vintage-Uhren-Thread. Er lieferte mir zwar vorerst keine Hinweise zu dieser Uhr, bot aber jede Menge Bilder und Lesestoff zu sowjetischen/russischen Uhren. Da war es geschehen: Aus jemandem, der eigentlich nur eine(!) neue Armbanduhr für den harten Alltag kaufen wollte, wurde jemand, der aus Liebhaberei eine dafür ungeeignete Zweituhr in Erwägung zog und anfing, sich für russische Uhren zu interessieren. Als ob ich nicht schon genug Interessen hätte, für die ich eigentlich gar keine Zeit habe ... Meine vernuftgesteuerte Immunabwehr lief auf Hochtouren, aber ich wurde vom Uhrenvirus infiziert. Meine Vorliebe für "alten Kram" spielte auch eine gewisse Rolle.

Hier nun also meine "Einstiegsdroge", auf die ich Mitte Dezember (aufgrund der Falschdeklaration des Verkäufers als "Marke Vostok") stieß: eine herzallerliebste Sportiwnie aus der 1. Moskauer Uhrenfabrik.

Hier zwei Verkaufsbilder:

sportivnie_1-vorne.JPGsportivnie_5-werk.JPG

Gehäusedurchmesser (ohne Krone): 32 mm, Stegbreite: 16 mm.

Ich sah in dem oben verlinkten Vintage-Thread (ihn komplett zu lesen, dauerte mehrere Wochen) mehrere wirklich schöne Uhren (leider werden nicht alle Bilder bei mir angezeigt); aber die ganze Zeit über gefiel mir diese Sportiwnie am besten -- ohne dass ich dieses Modell in dem Thread fand. Nach zwei Wochen stillen Beobachtens und Threadlesens (ich hatte inzwischen die Hälfte der damals 150 Seiten geschafft) begann ich Anfang Januar eine harte Preisverhandlung mit dem Verkäufer und erstand die Uhr. :)

An dem Tag, als das Ührchen bei mir eintraf, freute ich mich wie ein Kind darüber. Ich muss gestehen, dass mir meine Farbfehlsichtigkeit einen Streich gespielt hatte: Ich ging davon aus, dass die Ziffern rot wären; erst als ich die Uhr in den Händen hielt, bekam ich Zweifel. Von meiner Frau erfuhr ich dann, dass sie braun seien ... Auch die Zeiger hatte ich (warum auch immer ...) auf dem Verkaufsbild als rot interpretiert, mit erneuerungsbedürftiger Leuchtmasse. Dass sie goldfarben sind, sah ich an der Originaluhr dann sofort selbst. (Außerdem fiel mir da erst auf, dass die beiden Zeiger offenbar nicht zueinander passen.)

Wenige Stunden später erreichte ich dann abends in dem Vintage-Thread dessen damalige letzte Seite; und auf dieser: fuchsgiros Sportiwnie! Hah -- doch noch endlich so eine Uhr im Forum gefunden!

Als ich beide so verglich, stellte ich fest, dass fuchsgiros Uhr einen Sekundenzeiger hat und meine nicht. In der von fuchsgiro verlinkten Werksbeschreibung wird sogar der Sekundenstopp als wichtiges Merkmal genannt! Eines der wenigen sowjetischen Werke mit Sekundenstop. Jetzt wollte ich natürlich schon gerne einen Sekundenzeiger haben ... Weiterhin bestätigte mir fuchsgiros Bild meinen Verdacht, dass der Stundenzeiger anders auszusehen hat. (Leuchtmasse war bei meinem Ersatzzeiger wohl gar nicht vorgesehen.) Außerdem fehlt auf meinem Zifferblatt der Hinweis "Kirova"; und auf das Herkunftsland wird unterhalb statt oberhalb der 6 verwiesen. Insgesamt ist meine Uhr deutlich abgenutzter als fuchgiros, aber sie wurde vom Verkäufer mit neuem Glas (Acrylglas) und neuem Armband ausgestattet.

So gerne ich das kleine Ührchen habe (ich mag gar nicht so dick auftragen), so ungern trug ich es mit diesem Armband. Es schnitt mir unangenehm ein und sah an meinem dünnen Arm zu sehr nach Damenuhr aus. Und kleine Löchlein sind sowieso nicht mein Ding. Ich spendierte ihr daher ein neues breites Unterlegband mit markanter Naht. Das nahm ihr jedoch den eleganten Charakter und war noch nicht der Weisheit letzter Schluss:

sportivnie_br-armband.jpg

Nun hatte ich also auch technische Daten zur Uhr:
Werk: 1. MUF (später Poljot) 2634(A), 17 Steine, Stoßsicherung, urspr. Zentralsekunde mit Sekundenstop.
Gehäuse: Edelstahl(?), Boden: Edelstahl geschraubt, Glas: Acrylglas, Krone: Messing verchromt.

Die sowjetischen Uhren hatten ja (das las ich mit der Zeit) anfangs Namen als Kaliberbezeichnung. Und das Kaliber "Sportiwnie" war aufgrund seiner Stoßsicherung und des Sekundenstops eben eines mit sportlichem Charakter. (Komischerweise hatte das militärisch genutzte Kaliber "Sturmanskie" ursprünglich beides nicht, weswegen ... -- aber halt; ich möchte nicht vorgreifen.)
Über das originale Armband habe ich nichts in Erfahrung bringen können.


sportivnie-back.jpg

Die Beschriftung des Bodendeckels interessierte mich. Kyrillisches Alphabet kann ich seit einer Reise durch die SU zwar entziffern, kann jedoch trotz russischem Vornamen leider kein russisch. Mit den Angaben auf dem Deckel der Wostok Amphibias (dafür hatte ich irgendwo ein Übersetzungsbild gefunden) deckte sich die Beschriftung der Sportiwnie nicht. Ich fragte also ein bisschen herum:

Zuerst versuchte ich mein Glück bei einer zwölfjährigen Ukrainerin (seit 5 Jahren in D). "Olga, kannst Du russisch?" - "Na klar!" - "Ich habe hier eine alte russische Uhr und möchte wissen, was auf der Rückseite steht." - "Au ja, zeigen Sie 'mal!" Sie konnte mit dem Wort "Balans" nichts anfangen (das einzige was ich mir bislang selbst erschließen konnte: Balance = Unruh). Ansonsten las sie dort nach kurzem interessiertem Blick noch den Hinweis "Professionelle Handarbeit" -- sehr kompliziertes Wort, wie sie versicherte. Man sah ihr an, wie die Uhr in ihrer Achtung stieg. Interessant, danke Olga!

Zwecks Bestätigung fragte ich eine russischstämmige Abiturientin (die sich wenige Wochen vorher damit gebrüstet hatte, mir russisch beibringen zu können). "Balans" las sie zögernd. Ok, weiß ich: Unruhe. Und weiter? Sie starrte minutenlang auf die Rückseite der Uhr; erst blendete sie die Wintersonne, dann war -- das müsse ich zugeben -- die Schrift sehr klein. Schließlich meinte sie, hinter "Balans" stünden komplizierte und ihr unbekannte Fachbegriffe. Nun ja, dennoch danke.

Zuletzt fragte ich meine litauische Schwägerin, die ebenfalls lange den Deckel studierte, ebenfalls mit "Balans" nichts anfangen konnte und dann meinte, diese Balans sei automatisch gefedert wie die Stoßdämpfer eines Autos. Großes Fragezeichen in ihrem Gesicht. Ah, ok, also Stoßsicherung -- das ergab für mich Sinn. Und dann sei da noch in einem langen komplizierten Wort (schon wieder ...) der Hinweis auf Staubdichtheit, was sie verwunderte: Das sei doch selbstverständlich und müsse nicht extra erwähnt werden; die Uhr müsse wohl sehr alt sein. (Auch das erschien mir plausibel, war mir doch als junger Erwachsener 'mal eine alte geerbte Taschenuhr aufgrund von Hosentaschenstaub revisionsbedürftig geworden.) Danke, liebe Schwägerin; ja, die Uhr ist tatsächlich alt. Das Uhrwerk wurde bis 1962 gebaut und steckte auch in Juri Gagarins Weltraumuhr (wegen der in Gagarins Sturmanskie fehlenden Stoßsicherung, hatte ich irgendwo gelesen). Wieder sah ich, wie meine kleine Uhr in jemandes Achtung stieg. :-)

Auch ich bin immer noch begeistert: Sie läuft und läuft und tickt sehr schön! Nach dem ersten Aufziehen lief sie an, und ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich ihr nicht zuvor eine Revision angedeihen ließ. Das Werk läuft angesichts des Alters und der nicht stattgefundenen Revision ziemlich genau: Es ergab sich ein konstanter Nachgang von ungefähr vier bis fünf Minuten pro Woche (mangels Sekundenzeiger sind mir keine 24-h-Angaben möglich). Nach einem Regulierungsversuch meinerseits sind es nun ungefähr zweieinhalb Minuten pro Woche (still liegend).

Obwohl das Ührchen (bis auf die Stoßsicherung) so gar nicht meinen Anforderungen entspricht, hatte ich es ins Herz geschlossen und trug es (auch mangels anderer Armbanduhr im Januar) auch in meinem Alltag. Aber dann ging mir bei dieser mehr als 50 Jahre alten Uhr ziemlich schnell ausgerechnet das neue "Glas" (Acrylglas) kaputt. Eines Abend prangte ein Riss darin, und beim Kochen beschlug das Glas von innen. Mist!

Das zeigte mir, dass die Kleine leider wohl doch eher nur meine Sonntagsuhr bleiben sollte, und ich für den harten Alltag doch etwas robusteres brauche. Und: Ich war angefixt. Uhren machen Freude! (Zum endgültigen Liebhaber *mehrerer* "unnützer" Uhren machte mich dann ein bestimmter Wecker; aber das ist -- wie erwähnt -- eine andere Geschichte.)

Vor einigen Wochen spendierte ich meiner Sportiwnie endlich ein stilechtes Armband, und das ist nun der augenblickliche Zustand:

sportivnie_armband-neu1.jpgsportivnie_armband-neu2.jpg

Ich finde, dass ihr dieses Armband sehr steht. Es ist "original russisch" (in der Ukraine bestellt) und somit authentisch, außerdem zeitgenössisch schmal und elegant; die Unterlage mit Niete zur Vorderseite macht es jedoch "stark". (Es ist nur leider der Schließenteil etwas kurz, wodurch die Schließe für mein Empfinden zu nah an der Elle sitzt.)

sportivnie-arm1.jpgsportivnie-arm2.jpg

Ich trage die Uhr (besonders mit dem neuen Armband) immer wieder gerne; meist am Wochenende zuhause oder auf Besuch. Sie ist etwas besonderes für mich, was angesichts des heruntergekommenen Äußeren vielleicht erstaunen mag. Eine "Restauration" liegt leider außerhalb meiner Möglichkeiten; es einen Profi machen zu lassen, ist mir zu teuer. Aber bei Gelegenheit möchte ich doch die Zeiger vervollständigen und vereinheitlichen (lassen); außerdem sollten die Zeiger und das Zifferblatt frische Leuchtmasse bekommen. Ein neues Glas sollte das kleinere Problem sein. (Das "alte", vom Verkäufer neu eingesetzte Glas spiegelt übrigens sehr, was mich ziemlich stört.) Bis dass es dazu kommt, kann ich aber auch mit dem jetzigen Zustand leben, der einfach zur (mir unbekannten) Geschichte dieser Uhr gehört. Ich hatte auch überlegt, sie so zu belassen; aber es gehört eben auch zur Geschichte dieser Uhr, dass sie repariert und instandgesetzt wird. Dann ist es kein Frevel, wenn ich das auch mache.

sportivnie_front-arm.jpg

Soweit also die Geschichte meiner kleinen Sportiwnie und der Beginn eines neuen Hobbys. Nach mehreren Monaten gelang es mir endlich, mich hier anzumelden, und nach ein paar weiteren Tagen habe ich nun endlich auch Bilder anfertigen können.

Es grüßt und
dankt für weitere interessante Hinweise zur Uhr

Sobek
 

Schlumpf

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Willkommen im Forum!

Das ist ja eine sehr ausführliche und schöne Geschichte wie dich der Uhrenvirus infiziert hat. Leider ist das Interesse an russischen Uhren hier im Forum sehr gering, um so mehr freut es mich so eine Vostellung zu lesen.
Ich würde fast empfehlen nach einer anderen Sportivnie mit passenden Zeigern zu suchen und eventuell doch eine Revision in Betrach zu ziehen. Bei Handaufzugsuhren hält es sich eigentlich in Grenzen.


Hier mal noch ein schönes Vergleichsbild zu deiner Sportivnie:

sportivnie3.jpg
 
Zuletzt bearbeitet:

Sobek

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Danke für die Begrüßung!

Ich würde fast empfehlen nach einer anderen Sportivnie mit passenden Zeigern zu suchen und eventuell doch eine Revision in Betrach zu ziehen. Bei Handaufzugsuhren hält es sich eigentlich in Grenzen.

Ja, ich habe tatsächlich schon so eine Uhr hier herumliegen; ist von der Ausführung her (Zifferblattbeschriftung und Gehäuse) dem Modell von fuchsgiros Uhr entsprechend. Auch Dein beigefügtes Bild (sehr schön übrigens, danke) ist diese andere Ausführung (Zifferblattunterschiede wie beschrieben; Ring um das Glas angeschrägt).

Ich habe mich nur (trotz ramponiertem Zifferblatt) noch nicht durchringen können, sie zu "schlachten". Und ich brauche jemanden, der das macht; denn für Uhrglas- und Zeigerwechsel habe ich kein Werkzeug. Aber sie wird wohl dran glauben müssen und als Ersatzteilträger enden ...

Gruß,
Sobek
 

Schlumpf

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Na dann ist wohl die Suche nach einem guten Uhrmacher angesagt!
Ich bin mir sicher nach einer Revision und dem Umbau hast du doppelt soviel Spaß an der Uhr!
 
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