Einlaufzeit die 100ste: Nachgang nach Ölen normal?

Diskutiere Einlaufzeit die 100ste: Nachgang nach Ölen normal? im Uhrenwerkstatt Forum im Bereich Uhren-Forum; Hallo, ich weiß, es gibt schon etliche Threads dazu und das Thema wurde schon hundertfach mit verschiedensten Antworten behandelt: es geht um die...
tobby_d

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Hallo,
ich weiß, es gibt schon etliche Threads dazu und das Thema wurde schon hundertfach mit verschiedensten Antworten behandelt: es geht um die Einlaufzeit bei Uhrwerken. Dennoch konnten meine Fragen nicht wirklich beantwortet werden.
Steinigt mich, falls doch; oder falls das Thema doch schon im Jendritzki behandelt wird. Dann schäme ich mich und recherchiere/lese erneut...


Ich habe zwei Unitas 6498 Taschenuhren zu Armbanduhren umgebaut, und habe bei beiden Werken ein Phänomen, dass die Uhren nach einigen Wochen deutlich langsamer geworden sind.
Die erste Uhr war mit Dr. Tillwich 1-3 geölt worden, die zweite mit den Möbius Ölen nach Datenblatt.

Spannend ist vor allem das Verhalten der zweiten Uhr, dass ich recht genau protokolliert habe (die erste hatte noch andere Probleme, aber das Verhalten war grob vergleichbar). Die Uhr war jeden Tag am Arm.
Ich habe 3 Phasen beobachtet:
  1. Tag 1-4 nach Revision: eher chaotisch zwischen -15 und +4 s/d, laut Zeitwaage zunächst +10s/d ZU
  2. Tag 5-14: sehr präzise mit +1s/d (kaum Abweichungen)
  3. Tag 15-25: etwas schwankend, zwischen -25 und -30s/d
Der Wechsel von "Phase 2" zu "Phase 3" war recht schlagartig von einem Tag auf den anderen.
Amplitude: direkt nach der Revision zunächst recht hoch, bei Vollaufzug 290°-310°, mittlerweile recht konstant bei ~270° - auch bei Halbaufzug. In den Seitenlagen natürlich etwas kleiner. Klingt für mich (als Laie...) eigentlich gesund.
Hinweis noch: beide Uhrwerke waren (ohne Anpassungen von mir) mit weit höherem Vorlauf voreingestellt: +60s/d bis +90s/d (Zifferblatt oben).


Meine simple Frage: ist das so normal?

Gibt es Einlaufzeiten nach dem Ölen? Oder läuft mir das Öl irgendwohin, wo es nicht soll? Könnte das evtl. sogar noch beides Werkseinlaufen sein? Zumindest die eine Taschenuhr wurde mir als sehr selten getragen verkauft (ich vermute: nie).
Was sagt Euer Bauchgefühl?


Mir geht es nicht um den Gang der Uhren an sich, auch könnte ich mit größeren Schwankungen leben (alte Uhrwerke, Nickel-Unruh usw.).
Ich will lediglich wissen, ob ich Fehler gemacht habe, und ob das beobachtete Verhalten erste Anzeichen für grundlegende Revisions-Fehler sind.
Insb. das Ölen der Unruhlager und der Hemmung waren schon etwas tricky.
Ich habe einfach Sorge, den Uhrwerken Schaden zuzufügen, wenn ich sie einfach so lasse. Andererseits will ich auch nicht unnötig alle 2 Wochen auf Verdacht neu reinigen und ölen - Zeiger, Zifferblatt usw. werden davon nicht besser...
 
Schraubendreher

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Hallo Tobby,

Uhren laufen nach der Revision schon ein bisschen ein, aber nicht so stark und nicht so sprunghaft. Da ist etwas nicht in Ordnung. Ich tippe mal, dass da irgendetwas klebt, was den Gang beeinflusst. Vielleicht klebt die Spirale ein bisschen im Schlüssel oder die Ankergabel klebt.
Womit hast Du die Werke gereinigt?

Bis dann:
der Schraubendreher
 
tobby_d

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Danke schon mal für die Einschätzung! Ich werde mich dann mal intensiver auf die Suche geben und nochmal alles auseinander nehmen - wird aber noch ein paar Tage dauern. Die Stoßsicherung werde ich erstmal intensiv am China Klon üben, beim letzten Mal war mir ja ein Steinchen weg gesprungen. Diesen Nervenkitzel will ich mir sparen, da will ich mich erst sicherer fühlen...

Ich tippe mal, dass da irgendetwas klebt, was den Gang beeinflusst. Vielleicht klebt die Spirale ein bisschen im Schlüssel oder die Ankergabel klebt.

Wenn die Spirale klebt, hätte ich eigentlich eher Vorlauf erwartet, oder nicht?

Da würde ich schon eher das Ankerrad vermuten, dass sich das Fett da irgendwie umverteilt hat...

Womit hast Du die Werke gereinigt?

Destilliertes Wasser mit einem Tropfen Spüli im Ultraschallreiniger, anschließend mit Isopropanol gespült.

Das Federhaus: gar nicht.

Unruh: auch nicht. Da habe ich lediglich die Lagersteine in Isopropanol gereinigt, anschließend geölt und wieder eingesetzt.
 
Schraubendreher

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Hallo Tobby,

wenn etwas im Bereich der Hemmung nur ein bisschen verklebt ist, kann das zu allen möglichen lustigen Effekten führen. Man kann sich da stundenlang auf die Suche machen und theoretische Überlegungen anstellen. Aber im Endeffekt hilft doch nur eines: die in Frage kommenden Bereiche nochmals zerlegen und richtig reinigen. Die Unruh muss auf jeden Fall gereinigt werden. Am besten in hochsauberen Benzin. Das einfache Reinigungsbenzin ist nicht clean genug und hinterlässt einen leichten Ölfilm. Wundbenzin aus der Apotheke hat sich bewährt, ansonsten etwas aus dem Chemikalienhandel (Hexan). Isopropanol greift den Schellack des Ankers und des Spiralklötzchens an, das würde ich nicht benutzen. In Benzin kannst Du die Unruhe auch über Nacht liegen lassen, das macht gar nichts.
Probiere das noch mal aus, dann sehen wir weiter.

Bis dann:
der Schraubendreher
 
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tobby_d

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Hallo Schraubendreher,

jaa, vielen Dank, das sind große Hilfen! Wegen des Schellack-Problems hatte ich die Unruh erstmal außen vorgelassen (ebenso natürlich auch den Anker...).
Ich werde mir Wundbenzin besorgen.

Isopropanol hatte ich genommen, weil ich es für etwas ungefährlicher gehalten hatte. Aber gute Lüftung und Vorsicht ist ja bei beiden ein Muss.
Die Unruh über Nacht in Wundbenzin neben dem Nachttisch wäre vermutlich keine gute Idee ;)
 
Yeast

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Ich wäre da nicht nur beim Rauchen vorsichtig ... ;-)

Wundbenzin ist nicht unbedingt gesund wenn man den länger einatmet. Von den ganzen anderen Uhrenreinigungsmitteln a la Suprol mal ganz abgesehen. Das Zeug ist echt übel...
 
Milschu

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Zum Nachspülen nach dem Benzinbad habe ich bisher immer 2-Propanol ( Isopropylalkohol ) genommen und noch nie schlechte Erfahrung damit gemacht.
 
Yeast

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Aber da wird die Nase immer so schön frei... besser als bei Nasenspray... :-D:prost:

Ich hab bisher immer Suprol pro und Surpol rinser zum Nachspühlen benutzt. Wenn jemand aber einen Tipp hat für unkomplizierteres Reinigen mit weniger gefährlichen Chemikalien bin ich sehr dankbar.

@Milschu : nimmst Du 99%iges Isopropanol zum Spühlen? Und vorher Feuerzeugbenzin/Wundbenzin?
 
Milschu

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Benzin zum vorreinigen, dann USB Bad ( dest. Wasser ) und zuletzt Alkohol. Beides in der Apotheke für ca. 4 € .

20200929_162533.jpg
 
tobby_d

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Es gibt ein Update, wenn auch kein zufrieden stellendes :P

Habe die Unruh in Wundbenzin gelegt, hin und herbewegt, ich denke mal knapp 10 Minuten.

Anschließend Trocknen lassen, die Stoßsicherungssteine wieder eingesetzt, und jetzt spinnt die Spirale.

Ca. ein bis zwei mal pro Minute gibt's ein seltsames Nebengeräusch, auf der Zeitwaage gibt's einen Sprung, es sieht ähnlich aus wie in folgendem Thread:

Berg- und Talfahrt auf der Zeitwaage - Ursache?

Habe ein Slow Motion Video aufgenommen:


Die Unruh schwingt dann ca 4-5x so "zitternd" hin und her, danach läuft sie wieder für grob eine Minute normal.

Ich kann kein streifen oder hängen bleiben erkennen, eigentlich kann ich mir nur kleben erklären.
Passt das eurer Meinung mit dem Video zusammen?
Habt ihr Ideen, warum?
Und warum klebt sie nur so sporadisch?
Der Tropfen Möbius 9010 auf dem Deckstein war sehr klein, eher an der Grenze zu "zu wenig". Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich da Öl bis zur Spirale ziehen kann.

Werde die Unruh am Wochenende nochmal ins Wundbenzin legen. Wegen der Stoßsicherungssteine ist das halt nichts für mich für "mal eben so nebenbei" :P
 
falko

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Nach meinen Erfahrungen sieht eine kurzfristig klebende Spirale anders aus. Hier habe ich den Eindruck, der Antrieb schwächelt zeitweise. Hattest Du den Anker ausgebaut und den leichten und gleichmässigen Ablauf des Räderwerks geprüft? Man kann das Schwingen der Unruh auch gut bei ausgebautem Anker beurteilen.
 
tobby_d

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Nach meinen Erfahrungen sieht eine kurzfristig klebende Spirale anders aus. Hier habe ich den Eindruck, der Antrieb schwächelt zeitweise. Hattest Du den Anker ausgebaut und den leichten und gleichmässigen Ablauf des Räderwerks geprüft? Man kann das Schwingen der Unruh auch gut bei ausgebautem Anker beurteilen.

Das Werk war vorher mit Dr Twillich geölt, das sich aber (entweder wegen des Öls, und/oder schlechter Schmierung meinerseits...) schön im Werk verteilt hatte, was sich auch beim Drehen des Räderwerks zeigte.

Also: Vollreinigung, diesmal Schmierung mit Möbius nach ETA Schmierplan. Räderwerk lief (vor und nach der Schmierung) gleichmäßig, leicht, und mit Öl schön lautlos.

Ich werde das Schwingen der Unruh ohne Anker mal testen. Der Effekt beginnt aber, wenn ich das Video richtig interpretiere, immer wenn die Unruh am Anschlag ist, das wird sich beim manuellen drehen eher schlecht zeigen lassen.

Der Effekt war auch bei Vollaufzug zu beobachten.


Könnte auch eine klebende Ankergabel sein. Und hast Du die Hemmung geschmiert? Wie, wo und womit?
Anker eingesetzt, Aufzug etwas aufgezogen. Einen Minitropfen Möbius 9415 auf das Palettenende, Anker 5x bewegt. Das ganze dann 4x.

Kann man einen klebenden Anker erkennen, wenn die Unruh raus ist und ich den Anker mit nem sauberen Zahnstocher hin und her bewege? Oder wäre das "Kleben" zu gering um es hierbei mitzubekommen?


Schon mal einen großen Zwischendank hier ins Forum! Es ist einfach Gold wert, sich zwischendurch immer mal wieder auszutauschen und nicht nur allein zuhause rumzuwerkeln.
Ich hoffe, dass ich mit etwas mehr Erfahrung auch selbst mehr aktiv beitragen kann...
 
hermannH

hermannH

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Hallo

Das "Einlaufen" bei Armbanduhrwerken ist ein Mythos.
Eine fachgerechte Restaurierung und richtiges ölen/fetten vorausgesetzt, ändert sich der Gang nur mehr auf der Hand des Trägers und muss gegebenenfalls darauf einreguliert werden.

So ein "Phänomen" kommt dann zustande, wenn das Werk nicht richtig sauber ist, falsche Reinigungsmittel verwendet, Abnutzungen nicht beseitigt, zu viel oder falsch geölt oder gefettet worden ist.

Gruß hermann
 
tobby_d

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So ein "Phänomen" kommt dann zustande, wenn das Werk nicht richtig sauber ist, falsche Reinigungsmittel verwendet, Abnutzungen nicht beseitigt, zu viel oder falsch geölt oder gefettet worden ist.
Ja, Danke nochmal für die Einschätzung, das deckt sich definitiv mit meinen Beobachtungen im Räderwerk, deshalb auch nochmal die komplette Reinigung...

Mittlerweile hakt's ja an der vermutlich klebenden Spirale.

Ich habe mir das Video nochmal genau angesehen (Vollbild am PC und 720p lassen es eigentlich ganz gut erkennen).
Die Spirale "springt" bei 0:07 kurz bevor der Anker in 0:08 umspringt, so wie ich das sehe aber definitiv vor der "halben Amplitude", wenn die Unruh also auch den Anker bewegen sollte. Ich sehe im Video auch keine Verzögerung in der Unruh, was ich für einen klebenden Anker halten würde.

Momentan "rate" ich doch wieder auf klebende Spirale durch mir (noch) nicht erklärliche Verunreinigungen auf der Spirale.

Aber schon gruselig, wenn man die Spirale so wackeln sieht. Nichts für schwache Nerven...
 
Thema:

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