Eine solide Silbertaschenuhr mit einer Werksvariante des recht hochwertigen FHF 19'''H6.5 (ca. 1900). Wer ist 'TC & Cie'?

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andi2

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Die Uhr, die ich heute vorstellen will, ist eine meiner Trageuhren, eine nicht allzu auffällige, aber qualitativ recht hochwertige Silbertaschenuhr. Heute sieht sie so aus:

FHF 19''' Bild 1.png


FHF 19''' Bild 3.png


Sie hat einen Durchmesser von 49,5 mm, eine Höhe von 62 mm (incl. Krone) und ist 14,6 mm dick.

FHF 19''' Bild 4.png


Mit den Louis-Seize-Zeigern und den arabischen Zahlen auf dem weissen Emaillezifferblatt kann man sie etwa auf 1900 bis 1910 datieren.

FHF 19''' Bild 5.png


Ich habe sie im unrestaurierten Zustand gekauft, einfach weil sie mir gefiel und der Erhaltungszustand vielversprechend war. Das Gehäuse wurde von mir wieder aufpoliert, Zeiger und Zifferblatt gereinigt. Das recht dicke Glas, das vermutlich noch original ist, hat zwar ein paar Kratzer, ist aber noch gut genug.

FHF 19''' Bild 6.png


Die Rückseite zeigt einen ornamentalen floralen Kranz und in der Mitte einen leeren Wappenschild. Der Rand ist guillochiert und schon ziemlich berieben.

FHF 19''' Bild 7.png


FHF 19''' Bild 8.png


Alle drei Deckel der Uhr sind Klappdeckel. Die Innenseite des hinteren Deckels ist ziemlich verkratzt. Hier wurde einmal eine Reinigung mit ungeeigneten Mitteln versucht. Ich habe das nur neu geputzt und leicht mit einem Putzholz geglättet. Mehr wollte ich da nicht tun, da immer die Gefahr besteht, das Scharnier abzureissen. Da mir das Aussehen der Deckelinnenseite nicht so wichtig ist, lohnt es sich auch nicht.

FHF 19''' Bild 9.png


Es gibt dort aber einige informative Punzierungen, neben den üblichen Silberstempeln Auerhahn (Schweiz), Halbmond und Krone (Deutsches Reich) und einer Gehaltsangabe der Silberlegierung von 0.800 steht da - schlecht lesbar - auch der Hersteller, nämlich TC & Cie, sowie ein Buchstabe, fast unleserlich, wahrscheinlich ein 'B'.

Der innere Staubdeckel ist nicht aus Silber, sondern aus vergoldetem Messing oder Kupfer. Er trägt die Inschrift 'Ancre' / 'Spiral Breguet' / '15 Rubis', die bereits über das enthaltene Werk informiert, aber leider keine weiteren Hinweise auf den Hersteller der Uhr gibt.

FHF 19''' Bild 10.png


Auf der Innenseite des Staubdeckels steht 'Metal' und eine mutmassliche Seriennummer '97598', ausserdem wieder der Hersteller 'TC & Cie' und der Buchstabe 'B'.

FHF 19''' Bild 11.png


Wie auf dem Staubdeckel versprochen, findet man innen ein hübsches vergoldetes Brückenwerk mit Steinankerhemmung, 15 Steinen und einer angeschnittenen, bimetallischen Schraubenunruh mit Breguetspirale.

FHF 19''' Bild 12.png


FHF 19''' Bild 13.png


FHF 19''' Bild 15.png


Das Werk erhielt eine fachmännische Revision durch unseren User und Uhrmachermeister @FritzP. Das wird ein Leichtes sein, dachte ich. Aber es wurde dann doch eine richtige Restaurierung, denn an einer der inneren Windungen der Spirale zeigte sich starke Verrostung (siehe letztes Bild (B: Unruh im unrestaurierten Zustand), dieser Bereich war unter dem Unruhkloben verborgen, dadurch erst im zerlegten Zustand sichtbar und mir gar nicht aufgefallen. Hätte ich das vorher gesehen, hätte ich die Uhr wohl gar nicht erst zur Revision gegeben, da ich den Schaden für zu gross eingeschätzt hätte.
Zum Glück konnte @FritzP die katastrophal aussehende Spirale entrosten und die Unruh lieferte danach gute Gangwerte.

Das Werk trägt keine Punzen, ausser einer dreistelligen Zahl auf der Zifferblattseite. Die erste Zahl ist schwer zu lesen und steht ein wenig abgerückt von den zwei folgenden. Da steht wohl entweder 3? 98, oder 6? 98. Könnte das ein Produktionsdatum sein und auf das Jahr 1898 verweisen?
Das Aussehen der Zifferblattseite ermöglichte mir trotzdem eine Bestimmung des Werks im Ranfft-Uhrwerkarchiv.

Das Rohwerk ist ein FHF 19'''H6.5.

bidfun-db Archiv: Uhrwerke: FHF 19'''H6.5

Wie man bei Ranfft schon sieht, gab es verschiedene Varianten des Werks, im Forum Horlogerie Suisse wird noch eine weitere gezeigt:
Forum Horloger, forum sur les montres • calibre 19’’’ 3/4 ?

Das Werk in meiner Uhr gleicht sehr dem dort gezeigten Werk, abgesehen davon, dass jenes vernickelt ist und die Lagersteine in verschraubten Chatons sitzen. Auch die bei Ranfft gezeigte Variante 'Varus' des Herstellers Dürrstein ist ähnlich. In allen drei Fällen ist der Aufbau der Brücken und Kloben identisch, alle haben die gleiche halbkreisförmige, symmetrische Ankerbrücke mit 2 Schrauben. Das 'Varus'-Werk hat aber ein anderes Gesperr.

FHF 19''' Werk.png


Besonders charakteristisch ist bei dem Werk der Bereich des Aufzugs- und Umschaltmechanismus auf der Zifferblattseite. Dort gibt es eine sektorförmige symmetrische Ausfräsung zur Aufnahme des Kupplungshebels (Kh), der die Kupplung (Ku) bewegt und der Kupplungshebelfeder (Khf) mittels je einer Schraube. Ein kleiner Kloben (Kl) deckt die Spitze von Kupplungshebel und Kupplungshebelfeder ab und gibt ihnen Führung. In der Ruhestellung presst der Kupplungshebel die Kupplung nach oben, wo sie in Eingriff mit dem Aufzugrad (Ar) kommt (Aufzugstellung). Zum Stellen wird mit dem Fingernagel der kleine Drücker neben der Krone eingedrückt, wodurch der Kupplungshebel nach unten zum Zeigerstellrad (Zsr) gedrückt wird (Stellposition).
Der Clou bei diesem Werk ist, dass durch die symmetrische Anordnung der Umschaltmechanismus aus Kupplungshebel und Hebelfeder auch spiegelbildlich angeordnet werden kann. So kann der Drücker für das Zeigerstellen nach Belieben auf beiden Seiten der Krone angebracht werden (siehe die Beispiele bei Ranfft und im Forum Horlogerie Suisse).

FHF 19''' Werk.2.Details.png

A) Umschaltmechanismus auf der Zifferblattseite in der Aufziehposition
B) Unruh, noch unrestauriert (Spirale mit Rost), gebläute Breguetspirale mit aufgebogener Endkurve
C) Grundplatine von innen

Ich danke ganz besonders @FritzP für seine hervorragende uhrmacherische Arbeit und für die Aufnahmen vom zerlegten Uhrwerk.

Es bleiben noch Fragen. Vielleicht weiss jemand von euch da weiter:
  • Wer ist der mutmassliche Hersteller 'TC & Cie', der im äusseren und inneren Deckel eingestempelt ist?
  • War er nur der Gehäusehersteller oder der Hersteller der ganzen Uhr (auf Basis eines FHF-Rohwerks)?
  • Kann man etwas zur Bedeutung des eingestempelten 'B' auf dem Rückendeckel und Staubdeckel sagen?
  • Was bedeutet die Zahl 3(?)98 bzw 6(?)98 auf der Zifferblattseite des Werks?
Gruss Andi
 
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husky

husky

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Sehr gute Darstellung des Werdegangs der Uhr bis zum aktuellen Zustand.
Freuen wir uns mit Dir, dass es noch Uhrmacher dieses Kalibers gibt.
Sonst wären diese Stücke möglicherweise verloren.
Glückwunsch zur Uhr!
Mit freundlichen Sammlergrüssen
Michael
 
Ruebennase

Ruebennase

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DA kann ich mich nur an schließen :-). Eine tolle Dokumentation wie die Uhr durch Deine Zuwendung und die unschätzbare Kur bei FritzP wieder zu dem wurde was sie ist. Ein treuer wunderschöner Begleiter der die Zeit an zeigt und auf das Feinste aus alten Zeiten durch seine Existenz berichtet :-).

Danke für den tollen Thread der einem auch die Uhr emotional näher gebracht hat

Rübe
 
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Thema:

Eine solide Silbertaschenuhr mit einer Werksvariante des recht hochwertigen FHF 19'''H6.5 (ca. 1900). Wer ist 'TC & Cie'?

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