Eine Schwarzwald-Uhr (ca. 1880) wieder zum Ticken gebracht

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Der Stromer

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Schwarzwald-Uhr, ca. 1880

Jeder kennt das alte Rätsel: Hängt an der Wand und wenn es runter fällt…
Nun ja, diese Uhr ist mal von der Wand gefallen.

Die Frage war dann – fast wie immer – kannst Du mal…

Also gefallene Uhren hatte ich ja schon einige, aber eine echte Schwarzwalduhr? Das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen. Die Antwort war also JA!

Von Vorne sah die Uhr ja noch ganz gut aus. Aber dann die Schadenaufnahme: Nur 1 Kette vorhanden. Pendel ausgehangen. Gewichte vorhanden. Der Rahmen für das schöne Ziffernblatt in Ordnung, aber nicht mehr am Gehäuse zu befestigen – ein Haken samt Öse aus dem Holz gerissen und natürlich weg. Oben statt Öse einfach eine Holzschraube. Das war auch nicht gut.
3007-Ein-wenig-schief.JPG

Nach Demontage der Zeiger konnte ich dann das Ziffernblatt abnehmen und der nächste Schock folgte: Vom Zeigerwerk war kein Rad und Trieb mehr im Eingriff, dafür zeigte aber die Zeigerwelle gen Himmel. Folgen des Sturzes!
3007-Das-Werk.JPG

Dann habe ich mir erst einmal das Holzwerk (Schottenwerk) genauer angesehen. Das schien auch irgendwie verschoben zu sein, obwohl alle Wellen zwischen den Holzplatinen gerade saßen. Seltsam, es war an den Leimstellen des Käfigs auch nichts zu sehen, dass etwas gebrochen oder lose wäre. Seltsam!
3169-Nun-ja.JPG
3172-Teil-zerlegt.JPG

Dann die ganze Geschichte weiter untersucht und im Kopf den Plan zur Demontage festgelegt. Eigentlich ist das ein recht einfaches Werk: Gangzeit ca. 30 Stunden mit Reserve bei 1,8 m Kettenlänge.
Das Gangwerk bestand aus 3 Rädern: Boden- und gleichzeitig Kettenrad das auch mit dem Trieb das Zeigerwerk in Gang setzte, Zwischenrad und Hemmrad. Und natürlich den Blechanker, auch Schwarzwaldhemmung genannt.

Das Schlagwerk war schon etwas komplexer: Ein Schlossscheibenwerk mit vollem Stundenschlag und ½ Stundenschlag einfach auf eine Tonfeder. Die Hebnägel waren hier bereits auf dem Bodenrad (Kettenrad) angebracht, über einen Trieb auf der Rückseite wurde auch die Schlossscheibe angetrieben, dann folgten das Herzrad, das Anlaufrad und der Windfang.

Jedes Werkteil wurde durch eine Leiste mit Messingröhrchen als Lager gehalten. Diese Leisten waren mit einem Stahlstift gesichert. Nach entfernen der Stifte konnte ich die Räder einzeln entnehmen. Die sahen alle sehr schlimm aus, die Uhr hatte sicher seit 80 Jahren keinen Uhrmacher mehr gesehen. Eine Inschrift auf der Rückseite nannte ein Reparaturdatum 7 / 1936. Wenn das wirklich die letzte Ölung der Uhr war.

Nach der Reinigung im US-Bad (natürlich nur die Metallteile, Holz nur mit einer Bürste und trocken) die wenig Erfolg hatte, die erste Untersuchung. Was sofort auffiel, war das enorme Spiel der Kettensterne auf den Lagerwellen. Da konnte man fast einen Schraubendreher zwischen stecken, so hat das geklappert. Und die Sperrklinke rutsche auch hinter das Sperrrad. Das war auch der Grund, dass die Ketten immer von ihrem Stern fielen.
3256-Die-Antriebsraeder.JPG

Das war also die erste Arbeit, überlegen, wie man (ich) dieses Spiel beseitigen konnte. Verschiedene Gedanken gedacht und wieder verworfen. Messinghülse einsetzen? Ja, in Ordnung, nur die müsste ich anfertigen lassen. Also weiter gedacht und dann die Idee: Bronze-Lagerbuchsen. Die gab es fast genau in den benötigten Abmessungen 4x6x6mm. Bei diesen Abmessungen musste nur noch der Außendurchmesser etwas auf 5,5mm abgedreht werden. Leider hatte sich der Lieferant aber im Innendurchmesser vertan: 3mm statt der 4mm. Nun ja, nach dem beseitigen der „Feilenzähne“ auf den Wellen der Bodenräder hatten die sowieso nur noch 3,9mm Durchmesser, so kam mir das alles sehr zu Pass. Nach Einschlagen der Buchsen dann den Innendurchmesser vorsichtig aufgerieben bis die Wellen wieder richtig passten und das Spiel weg war. Jetzt fielen die Ketten auch nicht mehr von den Sternen.

Das Weitere wäre dann nur noch das Setzen der Räder und schon… Denkste! Hier muss man von Rückwärts durch die Brust ins Auge. Erst beide Bodenräder, dann die Hebel für das Schlagwerk, dann das Schlagwerk und wenn das richtig funktionierte, kam das eigentliche Uhrwerk dran.
3271-Der-Anfang.JPG
3274-Erst-die-Hebel.JPG


Das Schlagwerk ist ja eigentlich sehr einfach. Aber um die richtige Stellung der Räder zueinander zu bekommen mussten jedes Mal die Triebe außer Eingriff gebracht werden. Eine elendige Fummelei. Dazu kam dann noch, dass ja auch die Hebnägel genau sitzen mussten. Ich glaube, dass Ganze habe ich wohl um die 10-mal gemacht.

Aber das war nicht zur Strafe. Nein, nein, nur zur Übung. Umso größer war dann die Freude, als alle zur Zufriedenheit zusammenspielten. RODICO hat dabei sehr geholfen.
3300-Es-wird.JPG

In der Zwischenzeit wurden die bestellten Ketten auch geliefert. Schön Messinggelb. Das konnte ich aber so lassen, da das Pendel und die Gewichte der Uhr auch schön aus Messing waren. Nur gereinigt, Poliert und Konserviert.

Am Ende dann noch ein wenig den Auslösehebel justiert, damit die Auslösung auch um Voll oder ½ passierte und nicht vorher oder nachher.
3173-Ziffernblattseite.JPG

Die Zeigerwelle hatte ich schon gerichtet und auch gereinigt, das Zeigerwerk war dann ein Klacks.

Der erste Test auf dem Galgen. 2 Minuten, die Uhr steht und hört sich auch an, wie ein Ackergaul mit Husten. Was war das dann?

Nun ja, Fehler sind dazu da, dass sie gemacht werden. Ich hatte das Pendel (das geht bei dieser Uhr von der Pendelaufhängung ganz oben im Gehäuse ohne Unterbrechung bis zur Pendellinse) falsch in der Ankerverlängerung eingehangen. Einfach daneben!

Den Stein höre ich noch heute Plumpsen, als ich den Fehler lokalisiert hatte. Dann nochmal die Finger verbogen, um das Pendel RICHTIG ein zu hängen, aber dann…

Lässt sich doch sehen, die alte Dame, oder? Das war etwas mehr als das übliche Waschen, Legen, Föhnen!
3310-Fertig.jpg
 
JimJupiter

JimJupiter

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Sehr schön, danke für den Bericht. Ich hab zwar mit "Großuhren" nichts am Hut, mich freut es aber jedes mal aufs Neue, wenn Uhren jeglicher Art gerettet werden :D Schön geschrieben noch dazu!
 
MAP254

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Wie immer, lieber Rolf-Dieter, eine außerordentlich gelungene Uhrenrettung.
Danke für die Möglichkeit dir über die Schulter zu sehen.
Liebe Grüße
Manfred
 
derTeichfloh

derTeichfloh

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Danke für´s zeigen auch hier.

:lol:"Ackergaul mit Husten"?? hab ich auch noch nicht gehört. Aber du hast sie ja geheilt.

Gruß,
derTeichfloh
 
Der Stromer

Der Stromer

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@ All: Danke für das Lob. Es macht auch Spaß, das zu dokumentieren.
 
pearl.harbour

pearl.harbour

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Servus Rolf-Dieter,

deine Revisionsberichte haben einen Orden verdient! Wieviel Liebe und Akribie du in alte Großuhren steckst ist unglaublich! Ich freu mich jedesmal auf´s neue, wenn ich einen Bericht von dir entdecke.

Viele Grüße

Markus
 
BBouvier

BBouvier

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Danke ganz herzlich, Der Stromer!!
(ansonsten völlig stumm vor bewundernder Ergriffenheit)
Beste Grüße!
BB

Nachtrag:
Vor 40 Jahren hatte ich mir für ein zugekauftes SELVA-Gewicht-Ketten-Pendelwerk
ein Holzgehäuse gebaut ... mit ganz gleichem Blatt wie bei Deiner Uhr
und einem von mir mit Blumen bemalten, dunkelgrünem Blechschild.
Vor vier Wochen stand sie dann endgültig.
Glücklicherweise gab es das Werk bei SELVA noch immer!
Seitdem habe ich einen netten Zeitvertreib und drehe die
Mutter, die die Pendellänge begrenzt, zehntelmillimeterweise
vor- und rückwärts.
Mein Ziel:
Abweichung unter oder bei einer Sekunde/24 Stunden ... :D
 
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